Portrait von DiResta, daneben ein Chatverlauf, das US Capitol und das Logo des Subcommittee on the Weaponization of the Federal Government.

reneediresta.com/Stephen Walker/Unsplash/Subcommittee on the Weaponization of the Federal Government

Politik und Macht

Renée DiResta erforschte Verschwörungen – dann wurde sie selbst zu einer

Die MAGA-Bewegung erklärte sie zur CIA-Agentin, die Millionen Amerikaner:innen mundtot machte. Sie hat mir erzählt, wie schwer es ist, die Wahrheit zu beweisen.

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Renée DiResta sieht nicht aus wie eine CIA-Agentin. Sie trägt keine dunkle Sonnenbrille und schaut nicht ernst. Im Gegenteil: Sie lächelt häufig und herzlich. DiResta war zwar während ihres Bachelorstudiums Anfang der 2000er Jahre einige Sommer lang Praktikantin bei der CIA, hat dort aber hauptsächlich Daten aufgeräumt – Arbeit, wie sie Praktikant:innen überall machen. Eine feste Stelle beim Geheimdienst hatte DiResta nie.

Trotzdem glauben unzählige Anhänger:innen der MAGA-Bewegung, dass DiResta eine Zensorin sei. Sie nennen sie CIA-Renée: eine Strippenzieherin zwischen Geheimdiensten, Eliteuniversitäten und Tech-Konzernen, die Millionen Amerikaner:innen das Recht genommen haben soll, sich im Internet frei zu äußern.

DiResta erhielt deshalb Morddrohungen und wurde von der konservativen Rechtsorganisation America First Legal verklagt. Auch das Stanford Internet Observatory (SIO), das Forschungsprogramm, bei dem DiResta angestellt war, musste schließen. Stanfords Gerichtskosten lagen im siebenstelligen Bereich.

Belege für die Vorwürfe gegen DiResta gibt es nicht. Im Urteil vom 1. Juli 2026 heißt es: „Die Ermittlungen haben bestätigt, dass es keine tatsächlichen Anzeichen dafür gibt, dass […] ein bestimmter Beklagter […] eine Social-Media-Plattform dazu genötigt hat, die Beiträge oder Konten der Kläger zu zensieren.“ Das Gericht wies die Klage vollständig ab.

Trotzdem hält sich die Geschichte von CIA-Renée hartnäckig.

Wie kann so etwas passieren? Wieso setzt sich die erfundene Version stärker durch als die Wahrheit? Um das zu verstehen, habe ich DiResta im Juni im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin getroffen. Dort war sie zu einem Vortrag eingeladen: „Unsichtbare Herrscher, sichtbare Kosten: Propaganda, KI und der Kampf um eine gemeinsame Realität“. In ihrem Buch „Invisible Rulers“ untersucht DiResta diese unsichtbaren Herrscher: politische Influencer:innen, Meinungsmacher:innen, die im Internet Empörung verbreiten, und Plattformen, die sie dafür belohnen.

Als Erstes frage ich sie, wie sie überhaupt dazu kam, Desinformation zu erforschen. DiResta antwortet: „Aus Versehen.“

Wie alles anfing⬆ nach oben

DiResta ist Informatikerin, spezialisiert auf Data Science. Zur Zeit der Finanzkrise 2008 arbeitete sie an der Wall Street. 2011 zog sie aus New York nach San Francisco und bekam 2013 ihr erstes Kind. Als sie es für die Vorschule anmelden wollte, fiel ihr auf: In Kalifornien hatten es Eltern viel leichter, wenn sie ihre Kinder nicht impfen lassen wollten. In New York hätte DiResta, um ihr Kind nicht zu impfen, eine glaubwürdige religiöse Begründung beim Schulamt vorlegen müssen. Sonst wären bestimmte Impfungen dort Pflicht. In San Francisco dagegen konnten Eltern, die ihre Kinder nicht impfen wollten, „einfach einen Zettel unterschreiben, auf dem steht: Ich will nicht“, sagt DiResta.

„Aus Eigennutz“ fing sie an zu erforschen, was die Anti-Impf-Bewegung in Kalifornien so erfolgreich machte. Wegen ihres Hintergrunds als Datenwissenschaftlerin untersuchte DiResta den Erfolg zuerst quantitativ. Zusammen mit einem Kollegen zeichnete sie große Diagramme, um die Bewegung als Netzwerk aus Personen, Institutionen und Inhalten abzubilden. So wollte sie besser verstehen, wie sich die Geschichten der Impfgegner:innen über die Jahre entwickelt hatten und wie sie es geschafft hatten, relevant zu bleiben.

DiResta kam zu dem Schluss: „Das sind echte Überzeugte.“ Die Absicht der meisten impfskeptischen Menschen sei nicht, jemanden zu manipulieren. Eine kalifornische Mutter, die Angst vor Impfschäden hat, ist überzeugt, die Wahrheit zu sagen. Was sie verbreitet, sei Missinformation, nicht Desinformation. Sie hält ihre Behauptungen selbst für wahr. Wer hingegen Desinformation verbreitet, weiß, dass er lügt.

Durch ihre Forschungsarbeiten über impfskeptische Menschen galt DiResta bald als Expertin dafür, wie ideologische Bewegungen ihre Botschaften im Internet verbreiten. 2015 wurde sie in eine Arbeitsgruppe des US Digital Service eingeladen, die dem damaligen Präsidenten Barack Obama unterstellt war. Dort sollte DiResta helfen zu verstehen, wie es der Terrormiliz Islamischer Staat (ISIS) gelungen war, im Netz so viel Sichtbarkeit und so viele Follower:innen zu gewinnen.

2019 wurde DiResta Forschungsleiterin am Stanford Internet Observatory, einem gerade erst gegründeten Forschungsprogramm der Standford Universität. Dort untersuchte sie, wie ideologische Gruppen das Internet und soziale Medien für ihre Zwecke nutzen; nicht nur Impfskeptiker:innen und Terrormilizen, sondern auch demokratiefeindliche Bewegungen.

Im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2020 gründete das SIO eine überparteiliche Organisation. Die Election Integrity Partnership (EIP) sollte beobachten, wie verschiedene Gruppen im Netz versuchten, die Wahl zu beeinflussen. Das lief so ab: Forscher:innen am EIP und einige externe Partner durchsuchten Blogs, Internetforen und die sozialen Medien nach Inhalten, die eine freie Wahl gefährden könnten. Die EIP prüfte die Inhalte und reichte eine Empfehlung an die Plattformen weiter. Was danach geschah, entschied allein die Plattform. Löschen konnte die EIP nichts.

Mitarbeiter:innen des EIP suchten während der Präsidentschaftswahlen 2020 lediglich potenziell gefährliche oder irreführende Beiträge im Internet. Insgesamt meldete die EIP 4.800 davon an die jeweilige Plattform, darunter 2.980 Tweets. Auf mehr als die Hälfte dieser Meldungen reagierte Twitter nicht. Rund 300 Tweets nahm Twitter aufgrund von Falschbehauptungen aus dem Netz.

Wie aus Renée DiResta CIA-Renée wurde⬆ nach oben

Später hieß es, die EIP hätte nicht 300, sondern 22 Millionen Tweets löschen lassen. Stephen Miller, Gründer von America First Legal, nannte CIA-Renée eine führende Person im „wahrscheinlich größten Programm zur Massenüberwachung und Massenzensur in der Geschichte der USA.“

Die CIA-Renée-Geschichte beruht vor allem auf Aussagen von Mike Benz. Er ist konservativer Politikkommentator – hauptsächlich im Internet – und ehemaliger Angestellter des US-Außenministeriums. Außerdem betrieb Benz jahrelang einen Youtube-Account, in dem er vor einem „Völkermord an den Weißen“ warnte oder Hitler „einige gute Ideen“ zusprach.

2022 gründete Benz die Foundation for Freedom Online, um die freie Meinungsäußerung von Amerikaner:innen im Internet zu schützen. Benz schrieb, ein „komplexes Online-Zensur-Regime“ würde Amerikaner:innen massiv darin einschränken, dieses Grundrecht auszuüben.

Dabei inszenierte er sich als ehemaliger Regierungsinsider, der vorgab, die Geschichte über den Zensurapparat von innen zu kennen. Tatsächlich arbeitete er aber nur etwa zwei Monate im Außenministerium. Leiter der Cyberabteilung, wie er behauptet, war er nie. Bei seinen Recherchen stieß Benz auf DiRestas Praktika bei der CIA. Dabei hat DiResta nie versucht, sie zu verheimlichen. In Berlin erzählt sie mir, es hätte früher ein Youtube-Video aus dem Jahr 2019 gegeben, in dem sie und ein Kollege bei einer Universitätsveranstaltung witzelten, dass sie Ex-Spionin sei.

Für Benz war das jedoch kein Scherz, sondern ein Beweis für DiRestas Verbindungen zur CIA. Dass sie weder eine Sicherheitsüberprüfung hatte noch ein Gehalt von der CIA bezog, deuteten Benz und sein Publikum erst recht als Beweis dafür, dass der Staat etwas vor ihnen geheim hielt.

Als Propagandaforscherin kennt DiResta diese Dynamik: „Es ist mir immer aufgefallen, dass es nie um Fakten ging“, sagt sie. „Es war nicht so, dass diese Leute ihre Meinung ändern würden, nur weil man ihnen mehr Fakten gibt.“

Die Geschichte von CIA-Renée hält sich aber nicht nur, weil Menschen sie glauben wollen. Sie hält sich auch, weil andere daran verdienen.

Wer an CIA-Renée verdient⬆ nach oben

Zwei Journalisten wurden durch ihre Berichte über den vermeintlichen Zensurapparat besonders sichtbar: Matt Taibbi und Michael Shellenberger. Beide betreiben erfolgreiche Blogs mit Hunderttausenden Leser:innen. Laut einer Marktrecherche hatte allein Matt Taibbi 2024 auf Substack 404.000 Abonnent:innen. Genauso wie Benz haben Taibbi und Shellenberger ein finanzielles Interesse daran, dass die Geschichte um CIA-Renée weitergeht.

Auch rechte Medienhäuser greifen die Blog-Artikel von Taibbi und Shellenberger auf. Ihre mediale Reichweite wächst und sie wirken umso legitimer. Auf die Dokumente, auf denen die Vorwürfe gegen DiResta angeblich beruhen, geht dabei kaum noch jemand ein. Rechte Medien verabschieden sich damit von der sinnvollen Grundsatzdiskussion, inwiefern Regierung, Justiz und Konzerne entscheiden sollten, was Amerikaner:innen ins Internet posten dürfen. Statt sachlich zu diskutieren, entrüsten sie sich selbstgerecht über die vermeintliche Verschwörung.

2023 sagten sowohl Taibbi als auch Shellenberger mehrfach vor einem Unterausschuss des US-Repräsentantenhauses aus. Unter Eid bekräftigten sie, es gebe einen bundesweiten „zensurindustriellen Komplex“ und DiResta und ihre Forschungskolleg:innen seien Teil davon. Damit stehen die Anschuldigungen gegen DiResta in einem offiziellen Protokoll, was ihnen eine ganz neue Wirkmacht verleiht. Es ist naheliegend zu denken: Wenn jemand unter Eid aussagt und ihm bei einer Falschaussage eine Gefängnisstrafe droht, dann muss etwas dran sein.

DiResta bekam Hassnachrichten und Morddrohungen. Doch statt sich zurückzuziehen, ging sie an die Öffentlichkeit und konfrontierte ihre Widersacher online. Als Shellenberger Behauptungen darüber aufstellte, was DiResta ihm erzählt haben soll, veröffentlichte sie die Chatverläufe. In den Kommentaren darunter diskutierte sie sachlich mit ihren Gegner:innen.

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Trotzdem wiederholten Taibbi, Shellenberger und andere Gegner:innen die Vorwürfe gegen DiResta auf Blogs und in Fernsehinterviews weiter. Das Phänomen, das sie sich dabei zunutze machten, nennt man in der Forschung Wahrheitseffekt: Je öfter wir etwas hören, desto glaubwürdiger erscheint es uns.

Und der Druck wirkte. Als DiRestas Vertrag am SIO im Juni 2024 auslief, wurde er nicht verlängert. Fast gleichzeitig stellte das SIO seine Arbeit ein. Stanford übertrug manche Aufgaben des SIO zwar an einen anderen Lehrstuhl, verteidigte das Forschungsprogramm aber nicht öffentlich. Auf DiRestas Gegner:innen wirkte das wie ein Eingeständnis.

Die MAGA-Bewegung feierte die Schließung des SIO als „Sieg der Meinungsfreiheit“. Dabei liefen zu diesem Zeitpunkt alle relevanten Verfahren noch. Am Ende wurden sämtliche Klagen abgewiesen: gegen DiResta, gegen das SIO, gegen Twitter.

Und doch wird die Geschichte um CIA-Renée am Leben gehalten. Sogar vom US-Präsidenten.

Kurz nachdem Donald Trump im Januar 2025 erneut als Präsident vereidigt worden war, unterzeichnete er die „Durchführungsverordnung zur Wiederherstellung der Meinungsfreiheit und Beseitigung bundesstaatlicher Zensurmaßnahmen“. Indem Trump behauptete, dass er die Zensur aufhebe, tat er so, als ob die Regierung bis dahin ihre Bürger:innen zensiert hätte. Implizit unterstützt er damit die fabrizierten Vorwürfe gegen das EIP und DiResta.

Kann man sich dagegen überhaupt wehren?

Was jetzt hilft⬆ nach oben

Als wir in Berlin darüber sprechen, gibt sich DiResta kämpferisch. Sie warnt ihr Publikum davor, sich dem Chilling-Effekt hinzugeben: der Angst, dass einem dasselbe passiert wie ihr.

Natürlich könne nicht jede:r immer kämpfen, das verstehe sie. Aber solange Schweigen als Schuldeingeständnis gedeutet werde, bleibe einem nichts anderes übrig, als sich zu wehren.

Bei der Fragerunde nach DiRestas Vortrag bringt jemand die Serengeti-Strategie ins Gespräch, eine Idee des Klimaforschers und Autors Michael Mann. Für seine Bücher über die Gefahren des Klimawandels hat auch er politische Anfeindungen erfahren. Daraus hat er Folgendes gelernt:

Wenn Löwen Jagd auf ein Zebra machen, trennen sie es als Erstes von seiner Herde. Politische Verfolger:innen machen es nicht anders, bei Mann wie bei DiResta. Doch Zebras können sich gegen Löwen wehren, wenn sie als Herde zusammenhalten.


Redaktion: Hannah Mara Schmitt, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger

Renée DiResta erforschte Verschwörungen – dann wurde sie selbst zu einer

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