Sie laufen Tausende Kilometer zu Fuß und bringen damit ihre Regierung in Bedrängnis: Seit einem Jahr gehen Menschen in Serbien auf die Straße, um gegen das autoritäre System des Präsidenten Aleksandar Vučić und seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS) zu protestieren.
„Das Ausmaß dieser Bewegung ist beispiellos in der jüngeren Geschichte Serbiens“, sagt Ivaylo Dinev, Politikwissenschaftler am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien, Berlin, sowie Experte für soziale Bewegungen. „Die Studierenden könnten Vučićs größte Konkurrenz werden“, sagt er.
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Auslöser war der Einsturz eines frisch renovierten Bahnhofsvordaches im nordserbischen Novi Sad im November 2024, bei dem 16 Menschen starben. Grund dafür war mutmaßlich Korruption beim Bau gewesen. An der bisher größten Demonstration Mitte März 2025 in Belgrad beteiligten sich 300.000 Menschen.
Studierende aus allen Ecken des Landes kamen zu Fuß, mit dem Fahrrad oder im Marathonlauf, um an den Demonstrationen teilzunehmen. Einige zogen durch die Dörfer auf dem Weg zum Protest, um noch mehr Menschen mitzureißen. 80 Studierende fuhren mit dem Fahrrad 1.300 Kilometer von Serbien nach Frankreich, um auf ihre Bewegung aufmerksam zu machen.
Die Studierendenbewegung schafft es nicht nur, seit mehr als einem Jahr zu protestieren, sie bildet auch Allianzen und Netzwerke über das ganze Land hinweg. Mit ihrer Strategie haben sie eine echte Chance auf Veränderung. Daraus lassen sich drei Punkte ableiten, wie eine Protestbewegung erfolgreich sein kann.
Die Protestbewegung macht mehr als nur Protest – sie geht in die Politik⬆ nach oben
Die Opposition im Parlament ist schwach und zersplittert in viele kleine Parteien, die nur wenig Einfluss haben. „Sie ist wirkungslos gegen die Regierung“, sagt Dinev. Deswegen verfolgen die Studierenden eine simple, aber bisher effektive Strategie: Sie kapseln sich von der Politik ab.
„Die Bevölkerung glaubt den jungen Menschen, weil sie noch nichts mit der Politik zu tun hatten“, sagt Dinev. Sie organisieren Generalstreiks mit Arbeiter:innen und erhalten Unterstützung von Landwirt:innen, Intellektuellen, Anwält:innen und Lehrkräften.
Eine Umfrage der serbischen NGO CRRT Ende Dezember 2024 zeigt: 61 Prozent der Bürger:innen befürworten die Proteste, 58 Prozent glauben, dass die Studierenden sich aufrichtig wünschen, dass die Verantwortlichen der Tragödie von Novi Sad zur Rechenschaft gezogen werden. Deutlich weniger, nämlich 33 Prozent, betrachten die Proteste als Teil einer Verschwörung „interner und externer Feinde“, um Serbien zu destabilisieren.
Für die Parlamentswahlen Ende kommenden Jahres hat die Studierendenbewegung eine eigene Liste mit Kandidat:innen. Auf dieser Liste stehen die Professor:innen der Studierenden und andere Intellektuelle, die keine Verbindung zu Parteien haben. „Im Grunde ist es eine technokratische Liste“, sagt Dinev. „Das ist normal in einem Land, in dem die Verbindung zur Politik negativ belastet ist.“ Denn die serbische Zivilbevölkerung ist skeptisch gegenüber der Politik: „Sie ist nicht nur gegenüber der Regierung Vučićs misstrauisch, sondern auch gegenüber der Opposition“, sagt er.
Sie laufen tausende Kilometer und sprechen mit den Bürger:innen⬆ nach oben
Was verbindet also die Menschen in der Protestbewegung? „Es ist eine Graswurzelbewegung“, sagt Dinev. Im Mai 2025 liefen 21 Studierende zu Fuß fast 2.000 Kilometer von Novi Sad nach Brüssel, andere besetzten ein ganzes Jahr lang ihre Universitäten, um zu protestieren. Sie demonstrieren nicht nur auf den Straßen von Belgrad und Novi Sad, auch in kleinen Städten und Dörfern versammeln sie sich. Die Studierenden ziehen durch die Dörfer und sprechen in Bürgerversammlungen über lokale Probleme und organisieren Proteste und Petitionen dafür.
„Das ist einer der wichtigsten Aspekte, an die Orte zu gehen und mit den Menschen dort zu sprechen“, sagt Dinev. Es helfe, die Gesichter der Bewegung zu sehen. So erreichen sie nämlich auch Menschen, die den Protesten misstrauisch gegenüberstehen, weil sie regimetreue Medien konsumieren oder Vučić-Wähler sind. „Wenn sie das als politische Partei fortsetzen, können sie Erfolg haben“, sagt der Politikwissenschaftler.
In einem autoritären Regime ist es schwer, Veränderungen zu erreichen. Nach Ansicht Dinevs braucht es immer noch mehr Proteste, mehr Demonstrationen, mehr Menschen und vor allem mehr Zeit. „In sozialen Bewegungen ist das Zeitfenster für die Mobilisierung zu Protesten sehr klein“, meint er. Das heißt: Regimegegner:innen müssen die kurze Phase nutzen, in der sie andere für ihre Bewegung begeistern können. Ansonsten verpufft die Energie und alles bleibt, wie es vorher war.
Vučić nutzt das aus. Denn während in anderen Ländern Regierungen schon längst zurückgetreten wären, nutzt er die Zeit, um an der Macht zu bleiben, sich auf die nächsten Wahlen vorzubereiten und abzuwarten, bis die Demonstrationen und die Zustimmung der Protestierenden nachlassen. In den letzten Monaten wurden die Proteste tatsächlich kleiner und die Beteiligung ging zurück.
„In dieser Phase kann die Studierendenbewegung ihr Momentum trotzdem weiterhin nutzen“, sagt Dinev. Solange die Gesellschaft sie als die wahre Opposition sieht und als Möglichkeit betrachtet, das Land zu verändern.
Was sich daraus ableiten lässt⬆ nach oben
Das Erfolgsrezept der serbischen Protestbewegung besteht also aus diesen Punkten:
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Gespräche: Sie posten nicht nur auf Social Media und warten auf Unterstützung. Sie treten mit den Menschen von Angesicht zu Angesicht in Kontakt, nehmen die Sorgen, Ängste und Probleme wahr, die man nicht nur aus den großen Städten kennt, sondern auch in den Dörfern. Sie bilden klassenübergreifende Allianzen und gründen Gemeinschaften.
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Ausdauer: Seit mehr als einem Jahr dauern die Proteste an. Die Demonstrationen werden zwar kleiner, aber sie halten an und zeigen dauerhafte Präsenz seit November 2024. Diese Ausdauer hält die Emotionen hoch, die ein Protest braucht. Sie verlängern das Momentum, das den Studierenden für echte Veränderung immer noch bleibt.
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Initiative: Die Protestierenden misstrauen nicht nur dem Vučić-Regime, sie glauben auch nicht daran, dass die Opposition Veränderung schafft. Weil viele der Politik misstrauen, werden sie selbst aktiv. Sie sind basisdemokratisch aufgestellt und organisieren Plenen, Vollversammlungen an den Universitäten und Bürgerversammlungen in den Dörfern. Mit ihrer Studierendenliste wollen sie zur Wahl Ende 2027 mit eigenen Kandidat:innen antreten.
„Ich denke, das ist eine Strategie, die viele Menschen im westlichen Kontext vergessen haben“, sagt Dinev. „Es ist eigentlich der Geist der 68er-Bewegung.“
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer; Audioversion: Iris Hochberger