Der Song „Gut Genug“ von Blumengarten wurde im Sommer zum Meme-Hit. Plötzlich sangen alle „Du bist gut genuuuuuug“ mit piepsiger Stimme. Das finde ich eine schöne Botschaft, aber: Wie wird man zufriedener mit sich und mit dem, was man erreicht hat?
Wie erlangt man Zufriedenheit in einer Zeit, in der es einen Summerbody gibt, also einen perfekt trainierten Körper für den Sommer? In der jede:r von uns eigentlich jeden Tag eisbaden müsste, den Schlaf tracken und am besten auch noch zehntausend Schritte am Tag laufen. Weil es nie reicht, einfach nur so zu schlafen oder sich zu bewegen. In der alle dem nächsten beruflichen Erfolg nachjagen, dem nächsten Meilenstein, der nächsten besseren Version von sich selbst. All das impliziert, dass es uns an etwas fehlt. Anders als es Blumengarten in seinem Song tut, kriegt man in der heutigen Gesellschaft selten gesagt, dass man gut genug ist. Und dass man genug erreicht hat und die Zufriedenheit nicht hinter dem nächsten Karriereschritt lauert. Also, wie fühlt man sich denn endlich gut genug?
Um das zu beantworten, habe ich mit einer Dozentin für Positive Psychologie und einer fast 80-jährigen Frau aus der KR-Community gesprochen. Und geschaut, was man in Sachen Zufriedenheit von Soziolog:innen lernen kann.
Eins vorab: Zufriedenheit ist keine rein individuelle Aufgabe, wie einem das in der Positiven Psychologie oft vermittelt wird. Kalendersprüche wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ stimmen nicht. Der Drang, sich immer verbessern zu wollen, liegt auch an der Wachstumsgesellschaft, in der wir leben. Wir begreifen uns selbst als ein „permanentes Projekt der Selbstoptimierung“, sagt der Sozialpsychologe Harald Welzer. Jede Lebensphase sei nur eine Vorstufe der nächsten, und auch das Selbst nur eine Vorstufe eines weiteren Selbst. Für Welzer sei man dadurch in der Gegenwart nur noch „auf Durchreise“.
Das Schlechte stärker wahrzunehmen hat evolutionsbiologische Gründe⬆ nach oben
In meiner Community-Umfrage habe ich gefragt, wann ihr das letzte Mal unzufrieden mit euch selbst wart, knapp 60 Menschen haben geantwortet. Ida aus der KR-Community war unzufrieden, als sie ein Bild von sich gesehen hat, auf dem sie sich zu dick fand. Jessi geht es ähnlich: „Ein Freund hat mir ein Bild geschickt, das er von mir mit seinem Kind gemacht hat, und statt mich an die schöne Situation zu erinnern, habe ich auf dem Bild nur meinen Bauch gesehen und mich zu dick gefühlt.“ Oder auch Sina: „Ich kann mein Ganzkörper-Spiegelbild meist überhaupt nicht sehen. Ich ignoriere es nach Kräften, weil ich es einfach so schrecklich finde. Unproportioniert, dicker Bauch, zu klein fürs Gewicht.“ Viele sind unzufrieden mit ihrem Körperbild. Knapp ein Drittel der Teilnehmer:innen wären gerne zufriedener mit ihrem Körper, fast ausschließlich Frauen.
Knapp 15 Prozent der Teilnehmer:innen meiner Umfrage sind unzufrieden mit ihrer (fehlenden) romantischen Beziehung – so auch Alina. Sie schreibt, dass sie sich zuletzt sehr allein gefühlt hat, als sie mit einem befreundeten Paar über die Familiengründung gesprochen hat. „Keine Beziehung bringt natürlich auch Vorteile“, sagt Alina – mehr Zeit für Freunde, generell flexibler und spontaner sein im Leben. Das Buch „Die singuläre Frau“ habe ihr auch sehr geholfen, schreibt Alina. Trotzdem fühle sie sich manchmal wie ein „einsamer, ungeliebter Single“.
Dorothee Salchow ist Dozentin für Positive Psychologie und rät: Statt davon auszugehen, dass es uns an etwas fehlt, lieber darauf zu schauen, was schon da ist. Und den Maßstab zu ändern, mit dem wir das bewerten, was wir erreicht haben.
Warum es uns wie Alina so schwerfällt, darauf zu schauen, was schon da ist, anstatt auf das, was fehlt, hat evolutionsbiologische Gründe, erklärt Salchow. Wir Menschen unterliegen einer Negativitätsverzerrung. Jahrtausende hat es unser Überleben gesichert, das Schlechte (und damit Gefährliche) schneller wahrzunehmen. Um aus diesem Muster auszubrechen, muss das Gehirn kognitiv restrukturiert werden, sagt Salchow. Dabei hilft es zum Beispiel, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen. Jeden Tag drei Dinge aufzuschreiben, die schön waren oder gut funktioniert haben. Nach einem Zeitraum von circa zwei Wochen kommt das Gehirn von alleine auf diese Dinge, sagt Salchow. Das kann helfen, gegen die Negativitätsverzerrung anzukommen.
Dass wir uns ständig mit anderen vergleichen, ist ebenfalls in uns verwurzelt. „Uns in eine Gruppe einzufügen und möglichst auch nicht negativ aus der Norm zu fallen, hat das Überleben gesichert“, sagt Salchow. Durch Vergleiche neigen wir zu der Annahme, dass uns unser Leben nicht gut genug vorkommt, erklärt Salchow. So geht es auch Simon aus der KR-Community: „Ich erwische mich immer wieder dabei, dass ich durch Vergleiche mit anderen meine eigene Situation als weniger wert einschätze und sich dadurch Unzufriedenheit einstellt.“ Ihm hilft es, darüber mit einer ihm vertrauten Person zu sprechen.
Nun wissen wir alle, dass einem Vergleichen nicht hilft. Trotzdem tun wir es. Gleichzeitig denken wir, wir wären glücklicher mit genau dieser Hose, glücklicher, wenn wir ein größeres Auto hätten, oder wirklich zufrieden, wenn wir endlich einen neuen Job bekommen.
Wenn einen das „Mehr“ nicht unbedingt zufriedener macht, bezeichnet das die Psychologie als hedonistische Tretmühle. Wir reden uns ein, dass wir glücklicher werden, wenn wir mehr Gutes erreichen. Doch: Unser Zufriedenheitslevel sinkt, nachdem wir etwas erreicht haben, erstaunlich schnell wieder zum Ausgangspunkt zurück.
Studien zeigen, dass besondere Erlebnisse wie eine Hochzeit oder ein Lottogewinn nicht besonders stark auf unsere Zufriedenheit einzahlen. Dagegen kann es helfen, schöne Momente länger festzuhalten, sagt Salchow. Das nennt man in der Positiven Psychologie „Savoring“. Konkret heißt das: Schöne Momente genießen und „einsacken lassen“, sagt Salchow. Das kann die Tasse Kaffee am Morgen sein oder beim Fahrradfahren die Natur bewusst wahrzunehmen. Luise aus der KR-Community hilft genau das, um zufriedener zu sein. Sie sagt: „In letzter Zeit vertiefe ich mich in den Genuss der einfachen und kleinen Dinge. Suche die Ruhe. Eine Mischung aus Bewegung, positiven Herausforderungen, Musik, Tanzen, Zeit mit meinen Söhnen, meinem Freund, Freunden verbringen. Verbundenheit stärken.“
Wir sind in fast allem nur der Durchschnitt⬆ nach oben
Wir können alle außergewöhnlich sein – das wird uns ständig und überall suggeriert. Der Autor Mark Manson schreibt dazu in seinem Buch „Die subtile Kunst des darauf Scheißens“, dass diese Annahme in sich widersprüchlich sei. Wenn jede:r außergewöhnlich wäre, wäre ja per Definition niemand mehr außergewöhnlich. „Es ist zum neuen Maßstab fürs Versagen geworden, ‚durchschnittlich‘ zu sein“, schreibt Manson. Dabei sei der Großteil der Menschen, beobachtet Manson, „ziemlich durchschnittlich“. Genauso wie das eigene Leben: „Der größte Teil deines Lebens wird langweilig und unbedeutend sein“, schreibt er weiter. Der Druck, ständig etwas Besonderes sein zu müssen, kann durch solche Gedanken also abfallen – einfach mal daran denken, dass wir nichts Besonderes sind!
Und noch ein Gedanke kann helfen: Dorothee Salchow erzählt vom würdigkeitsbasierten Selbstwert. So wie die Würde des Menschen unantastbar ist, ist es auch unser Selbstwert. Den kann man stärken, sagt Salchow, und zwar durch das Konzept des sogenannten Selbstmitgefühls. Das besteht aus drei Komponenten: Selbstfreundlichkeit (zu sich selbst so freundlich sein, wie man es zu einer guten Freundin ist), Achtsamkeit (sich nicht überrennen lassen von Kritik, sondern sie bewusst wahrnehmen. Aber eben auch denken: Ich bin noch viel mehr) und verbindende Menschlichkeit, also zu wissen, dass es anderen auch so geht wie mir.
Wichtig ist die Freiheit im Umgang mit meiner Unzufriedenheit⬆ nach oben
Das passt gut zu dem, was Janina aus der KR-Community sagt: „Ich glaube, eine gute Voraussetzung sind gute Gewohnheiten wie Selbstfürsorge. Wenn ich gut zu mir selbst bin, ist das die Basis für ein positives Selbstbild und ein positives Weltbild.“ Dazu ist es erst einmal wichtig, die Gefühle und Gedanken, die man hat, wahrzunehmen. Entscheidend sei der Umgang damit, sagt Angela. Sie hat sich auf meinen Aufruf gemeldet, in dem ich nach älteren Menschen gesucht habe, die zufrieden mit sich sind. Wer, wenn nicht sie, hat das alles schon durchgespielt? Die Karrierephasen, die Sehnsucht nach diesem oder jenem.
Am Telefon erzählt mir Angela, dass sie schon früh mit dem Thema Selbstoptimierung zu tun hatte. In den neunziger Jahren hat sie mitbekommen, wie diese kommerzialisiert wurde. Mark Manson dazu in seinem Buch: „Giving a fuck about more stuff is good for business.“ Auf Deutsch heißt so viel wie: „Sich ständig um alles zu scheren, ist gut fürs Geschäft.“ Zufriedene Menschen sind eben keine guten Kund:innen.
Angela selbst hat das damals alles abgeschreckt, sie habe schon immer weniger gemacht und dafür lange davon gezehrt. Sich zu optimieren bedeutet für Angela im positiven Sinne, nicht aufzuhören zu lernen. Mit sich unzufrieden zu sein und überkritisch, sei in jeder Zelle vom Körper, sagt Angela.
Wichtig ist laut Angela die Freiheit im Umgang mit dem Gefühl, sich nicht gut genug zu fühlen. Das kann bedeuten, größere Hosen zu tragen, die man, je nachdem, ob man zu- oder abnimmt, einfach immer mit oder ohne Gürtel tragen kann. Sie rät: „Finde raus, was da genau bei dir los ist. Will ich dünner sein, weil mein eigenes Gefühl dann besser ist, oder will ich dünner sein, weil alle anderen mich dann anders sehen?“ Zufrieden mit sich zu sein bedeutet für Angela auch, aufmerksam zu sein und vor allem Dinge kritisch zu hinterfragen. So lerne man im Laufe des Lebens, dass es alle Trends eh irgendwie doch schon mal gab. Außerdem sagt Angela: „Wichtig ist, sich immer besser mit sich auszukennen, damit du in fast jeder Situation weißt, wie du dir helfen kannst.“
Zufriedenheit ist nicht unbedingt etwas, was man erreicht. Sondern – so blöd es klingen mag – eine Einstellung. Dass es einem gelingt, das zu sehen, was man schon erreicht hat. Wenn etwas zu mehr Zufriedenheit führt, ist es, sich unabhängig von anderen Meinungen zu machen, sagt Salchow. Das zu erreichen, kann einen ein ganzes Leben beschäftigen.
Vielen Dank an alle, die sich an meiner Umfrage beteiligt haben: Alex, Gabriele, Maria, Mira, Yul, Anja, Verena, Elsa, Susanne, Martina, Charlotte, Sina, Anika, Beate, Sebastian, Sylvia, Stephanie, Simon, Thomas, Jessi, Jeanette, Arthur, Julia, Franzi, Jutta, Vera, Simone, Rita, Regina, Alina, Hans, Odie, Luise, An, Carola, Janina, Leo, Dalia, Marnie, Kerstin, Alexander, Ann, Janine, Regina, Franziska, Anne, Ida, Ali
Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Isolde Ruhdorfer, Bildredaktion: Sören Frey