Ich besuche die Trauerfeiern von fremden Menschen. Etwa alle sechs bis acht Wochen gehe ich in die Aussegnungshalle des Krematoriums und bete für Tote, denen ich im Leben nie begegnet bin. Das mache ich ehrenamtlich in München. Angefangen habe ich damit 2018 und seither war ich bei etwa 40 bis 50 Trauerfeiern.
Je länger ich das mache, desto mehr beschäftigt mich die Frage: Was bedeutet es, wenn ein Mensch stirbt und keiner da ist, der sich an ihn erinnert? Mich stört der Gedanke, dass es Menschen gibt, die aus der Gesellschaft hinaus sterben und verschwunden sind, bevor sie begraben wurden. In Würde zu leben, heißt für mich auch, in Würde zu sterben und dazu gehört, dass das Ableben eines Menschen nicht einfach unbeachtet bleibt. Darum gehe ich hin und übernehme die Aufgabe, wenn es sonst keiner tut.
Im Nationalsozialismus ist fabrikmäßig gemordet worden. Viele Menschen sind aus ihren Familien herausgerissen worden, aus dem Leben, in Konzentrationslager, an Hinrichtungsstätten, im Krieg, im Feld gestorben. Es gab nie Zeit, diese Menschen zu betrauern.
Ich will Menschen die letzte Ehre erweisen⬆ nach oben
Auch in der frühen Nachkriegszeit nicht. Vielleicht ist die Kultur des Trauerns daher in vielen Fällen eingeschränkt. In der modernen Gesellschaft fehlt uns oft der Bezug zum Tod. Er ist viel weniger in den Alltag integriert, als noch vor hundert Jahren. Durch den medizinischen Fortschritt hat die Sterblichkeit stark abgenommen. Der Tod bleibt im Leben lange Zeit abstrakt, besonders wenn man jung und gesund ist. Bis zu meinem Ehrenamt war das bei mir nicht anders. Aktuell ist Longevity ein Trend, bei dem man alles optimiert, um möglichst lange zu leben. Es kommt mir wie die Flucht vor dem Tod vor. Besonders Tech-Oligarchen wollen ihr Ableben immer weiter hinauszögern, mit medizinischen Experimenten oder ihr Gehirn einfrieren lassen, in der Hoffnung auf Wiederauferstehung.
Mein Ehrenamt hat mit einem Gespräch mit der Pastoralreferentin meiner Kirchengemeinde begonnen. Sie begleitete Beerdigungen von Amts wegen und erzählte mir davon. Also von den Trauerfeiern, bei denen keine Angehörigen ausfindig gemacht werden, niemand sich um das Begräbnis kümmert und die Stadt die Bestattung organisiert. In München gibt es jedes Jahr etwa 800 solcher Beisetzungen. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren gestiegen, wie in den anderen deutschen Großstädten auch. Ich fand den Vorschlag der Pastoralreferentin schön, dass einzelne Personen ehrenamtlich zu den einsamen Beerdigungen dazu kommen, um den Menschen die letzte Ehre zu erweisen.
Zwar weiß man nichts über die Person und dennoch überlegt man, wie sie war⬆ nach oben
Daraus hat sich die Initiative „Das letzte Geleit“ entwickelt. Derzeit sind etwa 27 Ehrenamtliche in München aktiv. Die meisten anderen kenne ich nicht wirklich. Es gibt keine regelmäßigen Treffen, bei denen wir uns sehen und uns untereinander austauschen. Wir gehen alleine auf die Trauerfeiern. Das läuft in der Regel so ab: Ich bekomme einen Anruf von dem Katholischen Bestattungsdienst mit Ort und Zeit der Aussegnung. Ich weiß nur, wie die Person heißt, wann sie geboren wurde. Manchmal wird mir der Geburtsort genannt und der Familienstand. Ob die Person etwa geschieden war oder verwitwet.
Mehr weiß ich von den Verstorbenen nicht. Dass man sich sofort ein Bild von einer Person macht, auch wenn man nur so wenig Anhaltspunkte hat, das finde ich schwierig und würde es lieber bleiben lassen. Gleichzeitig kann ich es nicht komplett abstellen.
Die wenigen Infos reichen, dass ich sofort Assoziationen habe. Etwa wegen des Namens, wie ich das bei lebendigen Menschen auch habe. Klingt der Name einheimisch? Oder fremdartig? Durch das Geburtsjahr weiß ich, zu welcher Generation die Person gehört und mit dem Familienstand ploppen automatisch gesellschaftliche Vorstellungen in meinem Kopf auf. Ist jemand geschieden, entsteht ein anderes Bild als von einer Person, die ihren Partner überlebt hat und verwitwet ist.
Auch über die Todesumstände oder warum niemand bei der Beerdigung ist, habe ich mir zu Beginn mehr Gedanken gemacht. Das mache ich mittlerweile kaum noch. Ich bekomme ja nur eine völlig willkürliche Auswahl an Fakten, wie den Familienstand. Was sagt das schon über einen Menschen aus?
Es muss nicht nur traurig sein, dass niemand sonst zur Beerdigung kommt⬆ nach oben
Die Pastoralreferentin und Initiatorin der Gruppe hat mir den Gedanken mitgegeben, dass die Person es vielleicht genauso gewollt hat. Ich habe immer gedacht, wie schade, dass sowas passiert. Dass ein Mensch so einsam ist, dass er ohne Begleitung bestattet wird. Aber daran hatte ich nicht gedacht: Vielleicht ist es eine mehr oder weniger bewusste Entscheidung gewesen, es so zu haben, dass am Ende keiner da ist, der einen lebendig gekannt hat.
Ich weiß nicht, ob die Wertvorstellungen der Personen mit meinen eigenen übereinstimmen, ob wir uns gut verstanden hätten. Vielleicht habe ich Mörder, Vergewaltiger und andere Verbrecher beerdigt und für sie gebetet. Vielleicht waren es Menschen, die vielen anderen geholfen haben.
Manchmal tauchen doch noch Angehörige bei der Aussegnung auf. Einmal kam eine Frau aus Kroatien, selbst schon sehr alt. Sie war die Schwester der Verstorbenen und kam gemeinsam mit ihrem Sohn. Sie haben zu spät von dem Tod und der Beerdigung erfahren und sind sofort aus Kroatien losgefahren. Die beiden kamen gerade noch rechtzeitig zu der Trauerfeier. Ein anderes Mal sind Leute aus der Nachbarschaft gekommen und waren schockiert darüber, dass sie nicht mitbekommen hatten, dass jemand gestorben war und sie nur zufällig von der Trauerfeier erfahren hatten.
Ich trage nicht immer nur schwarz bei Trauerfeiern⬆ nach oben
Es gibt Fälle, die mich sehr berühren und an die ich noch lange denke. Manchmal bekomme ich durch Trauergäste mit, dass es Konflikte innerhalb der Familie gibt, die dazu geführt haben, dass man den letzten Weg nicht mehr gemeinsam gegangen ist.
Ich verhalte mich bei den Bestattungen still. Wenn doch jemand kommt, stelle ich mich kurz vor und erkläre, warum ich da bin. Jedoch frage ich die Anwesenden nicht über die verstorbene Person aus, das würde ich als übergriffig empfinden. Ich habe lange überlegt, wie man sich auf einer Trauerfeier verhält und welche Konventionen ich in meiner Rolle als professionelle Besucherin der Bestattung erfüllen muss. Dazu gehört die Art des Auftretens ebenso wie die passende Kleidung. Trotzdem trage ich nicht immer nur schwarz, wenn ich eine Aussegnung begleite.
Ich weiß von anderen aus der Initiative, dass sie sich eher förmlich mit Sakko oder Anzug kleiden. Ich trage meine normalen Sachen: blaue Jeans, manchmal gemustertes Sweatshirt oder weißes T-Shirt, eben was ich an dem Tag anziehe. Meistens gehe ich nach dem Termin auf dem Friedhof wieder zurück in meinen Alltag.
Schon häufig habe ich darüber nachgedacht, was genau mich antreibt und musste dabei an das Buch „Ein treuer Freund“ von Jostein Gaarder denken. Darin geht die Hauptfigur zu fremden Trauerfeiern, um Gemeinschaft zu spüren und ihrer eigenen Einsamkeit zu entkommen. Ich hatte das Buch vor meinem Ehrenamt gelesen und mich gefragt, was ich mit der Romanfigur teile. Immer wieder komme ich zu dem Schluss, dass es nicht viel ist. Ich fühle mich nicht einsam, ich gebe mich auch nicht als Freundin der Toten aus, sondern sehe es als Aufgabe für das Gemeinwohl und ich wünsche mir, dass es mehr Menschen gibt, die sich damit beschäftigen.
Wir sind oft zu sehr abgelenkt, um uns Gedanken über die großen Fragen zu machen⬆ nach oben
Gerade in einer demokratischen Gesellschaft ist es wichtig, dass man die Toten mehr in den Kreis der Lebenden nimmt. Der Tod ist etwas zutiefst Demokratisches. Jeden ereilt er. Das vereint alle Menschen: die Geburt und der Tod. Diese Gemeinsamkeit sollte uns allen mehr bewusst sein. Und gerade in einer Gesellschaft wie der heutigen, so beobachte ich es in meinem Umfeld und an mir selbst, lebt man gar nicht mehr bewusst, sondern funktioniert viel mehr.
Dabei vergesse ich auch ab und zu die großen Fragen: Was ist das Leben eigentlich? Worum geht es dabei? Am häufigsten macht man sich Gedanken über das Leben im Angesicht des Todes. Wenn das Ableben präsent ist, sind wir mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert. Was ist eigentlich der Sinn des Lebens? Ist es wirklich die nächste Gehaltserhöhung oder doch der Kontakt, den wir zu anderen Menschen haben, mit gemeinsamen Erlebnissen, Begegnungen und Gesprächen? So ist es bei mir. Ich glaube, was für viele gilt, ist, dass wir uns zu wenig damit auseinandersetzen. Ich bin in der Mitte meines Lebens und es gibt so viel Ablenkung. Die Arbeit, die Kinder, die eigenen Eltern, die vielleicht irgendwann pflegebedürftig werden.
Meine Töchter sind Teenager. Eine ist 14, die andere wird 16. Bei ihnen merke ich, wie unterschiedlich der Umgang mit dem Tod ist. Während meine Jüngere extrem aufgeschlossen ist, ganz viel wissen will, Fragen stellt, interessiert sich meine Ältere nicht so sehr dafür.
Durch „Das Letzte Geleit“ habe ich mir Gedanken über meine eigene Beerdigung gemacht. Meine jüngere Tochter spricht gerne über meine Vorstellungen. Ich habe mit ihr berührende Gespräche geführt, die nicht schwermütig waren, sondern auch witzig. Meine Perspektive auf den Tod hat sich innerhalb der acht Jahre meines Ehrenamts verändert. Ich bin gespannt, wie ich in fünf oder in zehn Jahren darüber denken werde. Als ich vor einiger Zeit eine ältere Dame beim Sterben begleitet habe, war das für mich sehr bereichernd. Ich kannte sie aus der Kirchengemeinde und sie wurde zu einer Freundin meiner Familie. Sie war kinderlos und hatte Leukämie. Damals habe ich eine Erkenntnis gewonnen: In der Gegenwart sterbender Menschen kann man nichts mehr aufschieben. Entweder man lebt im Hier und Jetzt oder man hat die Chance vertan.
Beerdigungen müssen nicht nur traurig sein⬆ nach oben
Vor meinem Engagement bei den Trauerfeiern habe ich Beerdigungen häufig so erlebt, dass sie nur traurig waren. Mittlerweile weiß ich, dass sie anders ablaufen können. Als mein Großvater aus Niedersachsen starb, ließ ich ihn nach München überführen. Wir klebten Schmetterlingssticker auf die Urne und aßen nach dem Begräbnis zusammen Eis. Es war ein schöner Sommertag und der Abschied war erfüllend, auch wenn das ungewöhnlich klingt.
Ich kann mich an den Moment erinnern, an dem ich begriffen habe, dass ich sterblich bin. Genauso wie mein Umfeld es ist. Ich war ungefähr elf oder zwölf Jahre alt und gerade war mein anderer Großvater gestorben. Diese Erkenntnis hat mich schockiert. Ich kann mir vorstellen, warum das Thema Tod so schwierig ist. Es kann beängstigend sein.
Als Althistorikerin beschäftige ich mich mit der Antike. Darüber, wie die meisten Menschen bei den Griechen und Römern Trauerfeiern persönlich empfunden haben, wissen wir wenig. Wir haben nur Inschriften von Gräbern, Steine und die Pyramiden. Wer so beerdigt worden ist, der hatte wahrscheinlich viel Geld und Einfluss. Bei Bestattungen von Amts wegen geht es auch ums Geld. Bestattungen sind teuer. Sie kosten mehrere tausend Euro, wie ich selbst bei meinem Großvater aus Niedersachsen sehen konnte.
Warum entscheidet, wie viel Geld ein Mensch besessen hat, darüber, wie viel Raum wir seinem Tod geben? Ich finde es furchtbar, dass finanzielle Mittel über den Tod hinaus eine Art Definition für die Würde des Menschen schaffen. Es muss Geld da sein, um sich eine Trauerfeier leisten zu können. Nicht nur die Art, das heißt Erd- oder Feuerbestattung kosten unterschiedlich viel, auch der Grabplatz muss bezahlt werden. Das Geld bestimmt, ob der Ort bestehen bleibt. Was ist, wenn niemand da ist, der die Summe bezahlt? Verschwindet nicht nur das Grab, sondern auch ein Stück seiner Würde?
Es ist die Aufgabe der Lebenden, an die Toten zu erinnern. Dafür muss ich die Person nicht gekannt haben. Während der Trauerfeier mache ich mir bewusst, dass in der Urne ein Mensch ist. Einer, der wohl auch mal funktioniert, gelebt hat. Und irgendwie entsorgt wird, also gesellschaftlich, wenn nun niemand mehr seiner gedenkt. Ich finde es wichtig, dass man doch noch mal hinschaut und wahrnimmt: da war ein Mensch!
Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert.