Supernova Pinot Prince und Bolchard Chanteclerc – nein, das sind keine Babynamen für Kinder von US-Promis, sondern Apfelsorten. Und nicht irgendwelche Apfelsorten, sondern die Apfelsorten der Zukunft. Zumindest die der Zukunft Brandenburgs. Mal glänzend, mal matt, mal knallrot, mal mit Grünstich. Einer schöner als der andere, hängt das Obst am Baum, wie aus dem Bilderbuch. Dazu strahlend blauer Himmel. Ganz stolz präsentiert Andreas Winkler, wissenschaftlicher Leiter der Obstbau-Versuchsstation Müncheberg, seine Sorten, die besonders gut funktionieren.
Seit vielen Jahren wird hier in Müncheberg Obst angebaut, das resistenter gegenüber Hitze und Trockenheit ist. Mit den Ergebnissen können Andreas Winkler und sein Team dann Landwirte beim Obstanbau beraten. „Die können sich gegen Hitzeschäden immer weniger wehren“, sagt Winkler.
Laut Andreas Winkler ist der Obstbau in Zukunft ohne Zusatzbewässerung deutschlandweit gefährdet. Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe müssen ihre Felder durch die immer häufiger werdenden Trockenperioden zusätzlich bewässern. Heute ist selbst die kühlste Anbausaison wärmer als die wärmste Anbausaison vor 50 Jahren.
Der Klimawandel zwingt Bauern zum Umdenken⬆ nach oben
Peter Schwalbach aus Rheinhessen setzt genau deswegen auf den Anbau von Walnüssen und Mandeln. Denn die kommen hier ohne künstliche Bewässerung aus. Schon 2018 hat Schwalbach die ersten Walnussbäume gepflanzt. Da, wo zuvor Sauerkirschen und Zwetschgen wuchsen. Jahrelang hat Schwalbachs Betrieb Obst für die Konservenherstellung produziert. Durch zunehmende Trockenheit wurde das aber immer unbrauchbarer für die Weiterverarbeitung. Schwalbach musste umdenken. Das verbleibende Obst, das er noch anbaut, war dieses Jahr besonders vom Klimawandel betroffen. Knapp die Hälfte seiner Zwetschgen konnte er nicht ernten. „Das würde mir Sorgenfalten bereiten, hätte ich die Hälfte meines Betriebs nicht jetzt schon auf Walnüsse und Mandeln umgestellt“, sagt Schwalbach.
Künftig will der Obstbauer seinen Betrieb ganz auf Walnüsse und Mandeln ausrichten. Doch das ist kostspielig: Einen Millionenbetrag hat er schon investieren müssen. Denn vor allem das Neupflanzen sowie die Maschinen für die Verarbeitung sind teuer. Dazu kommt das Risiko. In Deutschland weiß kaum jemand, wie man Walnüsse und Mandeln professionell anbaut. „Kalifornien hat damit schon in den 1980er Jahren begonnen“, sagt Schwalbach. Deutschland habe den Anbau vernachlässigt, obwohl die Walnuss hier heimisch ist.
Umfragen zufolge macht in Deutschland mittlerweile alle zwei Tage ein Obstbauer dicht. Mit der europäischen Konkurrenz halten die Betriebe immer seltener mit. Der Hauptgrund ist der Mindestlohn: In Deutschland liegt er bei 14,50 Euro, in Polen bei knapp sieben Euro. Italien hat gar keinen. Äpfel sind die wichtigste Frucht der deutschen Obsternte, trotzdem importierte Deutschland 2024 noch 495.000 Tonnen Tafeläpfel. „Wollen wir in Deutschland überhaupt noch deutsches Obst?“ heißt es in einem Brandbrief der deutschen Obstbauern aus dem Juli dieses Jahres. Schon länger fordern sie eine Ausnahme des Mindestlohns für Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft.
Mit den Obstfeldern verschwinden auch wichtige Ökosysteme. Streuobstwiesen zählen mit über 5.000 Tier- und Pflanzenarten zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa. Die Anbaugebiete prägen auch die regionalen Kulturlandschaften maßgeblich mit. Anja Renz, Geschäftsführerin von Obst am Bodensee, das insgesamt 9.000 Hektar Anbaufläche hat, hofft deshalb, dass der Apfel in Deutschland und vor allem am Bodensee erhalten bleibt. Aber die Nachfrage sinkt: „Der Apfel ist nicht mehr in“, sagt Renz.
Große Anbaugebiete wie das von Anja Renz werden irgendwann verschwinden, glaubt Schwalbach. Erste Betriebe bauten bereits Sojabohnen an – auch, um nicht mehr abhängig zu sein von Ländern wie Südamerika, sagt er. Soja aus Deutschland gehört zu den sogenannten Local Exotics: Pflanzen aus südlicheren Regionen, die durch das wärmere Klima mittlerweile auch hier gedeihen. Obstbauern wie Schwalbach können ihren Betrieb vergleichsweise leicht umstellen. Doch Obst und Gemüse wachsen nur auf 1,2 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland. Mehr als ein Drittel dagegen belegt das Getreide.
Bayer arbeitet an sogenanntem Hybridweizen⬆ nach oben
2024 erreichte die Anbaufläche für Getreide in Deutschland den niedrigsten Stand seit 2010. Grund dafür waren Extremwetter. Auch in diesem Jahr trifft es die Bauern: Seit Mitte Juni gingen laut Deutschem Raiffeisenverband rund drei Millionen Tonnen Getreide und Raps verloren. Der Getreideverbrauch in Deutschland sei zwar gedeckt, die Qualität des Weizens reiche aber immer häufiger nicht aus, um ihn für die Produktion von Brot zu nutzen. Backweizen braucht einen hohen Eiweißgehalt und den erreichen die Pflanzen bei Hitze und Dürre immer seltener. Der deutsche Bauernverband forderte zuletzt staatliche Hilfen. Die Existenz vieler Betriebe sei momentan gefährdet, weil die europäische Konkurrenz billiger produzieren könne.
Getreide ist die Grundlage für Mehl, Brot und Nudeln und außerdem als Viehfutter unverzichtbar. In der Gentechnik sehen Konzerne wie Bayer eine Lösung, um diese Grundlage auch langfristig zu sichern. Im Juni hat das EU-Parlament die Vorschriften für Gentechnik gelockert, das Gesetz gilt ab 2028. „Der Boden für eine innovative Landwirtschaft ist bereitet“, schreibt Bayer-Chef Bill Anderson dazu in einem Gastbeitrag in der Wirtschaftswoche Ende Juli. Jetzt sei noch die fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung das Problem, schreibt Anderson weiter. Während die sogenannte rote Gentechnik – also in medizinischer und pharmazeutischer Anwendung – mittlerweile akzeptiert wird, ist Gentechnik in der Landwirtschaft bis heute umstritten. Bauern sorgen sich vor allem um Patentfragen.
„Mit der möglichen Einführung von Patenten auf Saatgut ist eine klare rote Linie überschritten“, schrieb der deutsche Bauernverband Ende Juni. Kleine und mittelständische Landwirte könnten durch teure Patente kein Saatgut mehr kaufen. Bayer-Monsanto verfügt über ein Drittel des globalen Marktes für kommerzielles Saatgut. In Deutschland züchtet Bayer Mais, Raps und Hybridweizen. Gemeinsam mit RAGT, einem führenden Unternehmen im europäischen Weizensaatgutmarkt, plant Bayer Anfang der 2030er Jahre Hybridweizensaatgut unter anderem in Europa auf den Markt zu bringen. Bayer-Chef Anderson sieht in der Gentechnik eine Chance, die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft in Europa zu stärken.
Doch wettbewerbsfähig wofür? Neue Sorten mögen Hitze und Dürre besser aushalten. Was sie nicht ändern, ist, was die Menschen essen wollen. Peter Schwalbachs Obstkonserven sind heute nicht mehr so gefragt wie früher, auch darum setzt er jetzt auf Mandeln und Walnüsse. Was gut läuft, ändert sich, sagt der Obstbauer, schließlich will ja heute auch niemand mehr auf dem Pferd überall hinreiten. Oder anders gesagt: Heute wird sich eher entschieden für die Açaí-Bowl mit Kokosflocken statt Pudding serviert mit Zwetschgen aus der Dose. (Sorry, Oma!)
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert