Der Roman „When There Are Wolves Again“ von E.J. Swift spielt in einer nahen Zukunft, in der Tiere nicht mehr genug Lebensraum finden. Dabei geht es auch um Tschernobyl und dessen Nachwirkungen.
Das Buch, das dem Genre der Ökofiktion zugerechnet wird, beschreibt auf eindringliche Weise die Möglichkeiten, wie sich Tiere zerstörte Naturräume zurückerobern können. Genau diese Geschichte findet gerade in der echten Welt statt: Um ehemalige Atomkraftwerke herum gedeiht die Natur.
Besonders deutlich zeigt sich das am ehemaligen Atomkraftwerk in Tschernobyl. 40 Jahre nach der nuklearen Katastrophe entwickelt sich die Tierwelt dort prächtig. Denn weil das Gebiet nach wie vor radioaktiv verseucht ist, gibt es hier keine Menschen.
1986 wurde rund um Tschernobyl eine 2.600 Quadratkilometer große Sperrzone eingerichtet. Damals setzte der bisher schlimmste zivile Atomunfall eine radioaktive Wolke frei, die sich über weite Teile Europas ausbreitete. Rund 115.000 Menschen mussten evakuiert werden. Infolge der Strahlenbelastung starben 31 Kraftwerksmitarbeiter:innen und Feuerwehrleute unmittelbar nach der Explosion.
Die Katastrophe von Tschernobyl ist nun 40 Jahre her. Die 1986 errichtete Sperrzone von Tschernobyl hat sich seitdem zu einem Refugium für Wildtiere entwickelt. Sie wurde ungeplant zu einem riesigen Labor für Renaturierung. Es ist dort verboten zu wohnen, man darf das Gebiet nicht wirtschaftlich nutzen, keine Rohstoffe abbauen und es nicht unerlaubt betreten. Dafür beherbergt die Sperrzone mittlerweile wachsende Populationen großer Säugetiere.
Die Bestände von Wölfen, Füchsen, eurasischen Luchsen, Elchen und Wildschweinen haben deutlich zugenommen. Tierarten wie der Braunbär und das europäische Bison sind zurückgekehrt. Was hier geschieht, ist eine Renaturierung in ihrer radikalsten Form: Weil der Mensch nicht eingreifen kann, entstehen in der Sperrzone ökologische Prozesse, die so nicht vorhersehbar waren.
Es wird nicht gejagt, es gibt keine Landwirtschaft und keine Bebauung. Studien deuten darauf hin, dass dieser positive Einfluss auf die Natur größer ist als die negativen Folgen der Strahlung.
Im belarussischen Teil der Sperrzone gibt es genauso viele oder sogar mehr große Säugetiere als in unbelasteten Naturschutzgebieten. Unbestritten ist allerdings, dass die anfängliche Strahlung Flora und Fauna massiv geschädigt hat, besonders im sogenannten Roten Wald, einem etwa zehn Quadratkilometer großen Gebiet in der Nähe des Atomkraftwerks.
Der „Rote Wald“ heißt so, weil die Kiefern dort infolge der hohen Strahlenaufnahme abstarben und sich rotbraun verfärbten. Langzeitstudien zeigen jedoch: Durch die Abwesenheit des Menschen ist die biologische Vielfalt dort gewachsen.
Rückkehr seltener Arten⬆ nach oben
Eine Reihe bedrohter Arten ist in die Sperrzone zurückgekehrt. Dazu gehören die Przewalski-Pferde, die 1998 im Rahmen eines Naturschutzexperiments wiederangesiedelt wurden. Sie fühlen sich dort ganz offensichtlich sehr wohl; ihre Population ist im ukrainischen Teil der Zone auf mehr als 150 Tiere angewachsen.
Auch der eurasische Luchs und der europäische Bison, die aus der Region verschwunden waren, haben sich erneut angesiedelt und stabile Populationen aufgebaut. Ebenso sind zahlreiche Vogelarten zurückgekehrt, darunter Schwarzstörche, Weißstörche und Seeadler.
Besonders bemerkenswert ist die Ausbreitung des weltweit bedrohten Schelladlers, einer Art, die zur Jagd auf Feuchtgebiete angewiesen ist und äußerst sensibel auf menschliche Störungen reagiert. Zum Zeitpunkt des Reaktorunglücks war er aus der Region verschwunden.
2019 wurden im Untersuchungsgebiet vier Brutpaare registriert; im belarussischen Teil der Sperrzone konnten mindestens 13 Brutpaare nachgewiesen werden. Heute ist diese Region der einzige Ort weltweit, an dem die Population dieser seltenen Art wächst.
Frösche wechseln die Farbe⬆ nach oben
Die Wissenschaft liefert sogar einige Hinweise darauf, dass sich manche Arten offenbar an die radioaktive Umgebung anpassen können. So sind Laubfrösche in der Sperrzone dunkler gefärbt, ein höherer Melaningehalt scheint sie vor Strahlenschäden zu schützen.
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Möglicherweise entwickeln auch Wölfe eine gewisse Widerstandsfähigkeit. Forschungen an eurasischen Wölfen deuten darauf hin, dass sie sich an die chronische Strahlenbelastung anpassen können, sodass sich ihr Krebsrisiko reduziert.
Nicht nur Tiere können sich auf diese Weise anpassen. 1991 wurde erstmals mithilfe ferngesteuerter Roboter im Inneren von Reaktor 4 des ehemaligen Kraftwerks ein schwarzer Pilz entdeckt. Offenbar nutzt er Melanin, ein Pigment, das auch vor ultravioletter Strahlung schützt, um Gammastrahlung in Energie umzuwandeln und dadurch schneller zu wachsen als gewöhnlich.
Darüber hinaus können einige Pflanzen in der Sperrzone als Reaktion auf die hohe Strahlenbelastung ihre DNA reparieren. Diese Anpassungen zeigen, dass die Vegetation sich weiterentwickelt, um zu überleben. Manche Pflanzen weisen sogar eine verbesserte Fähigkeit auf, mit Schwermetallen und Radioaktivität umzugehen.
Die Sperrzone ist heute eines der größten Naturschutzgebiete Europas und ein wichtiger Ort für die ökologische Forschung. Denn hier zeigt sich, was passiert, wenn sich Ökosysteme ungestört entwickeln können.
Die Region wurde zwar durch die Strahlung geprägt, ebenso aber durch die Abwesenheit von Menschen und durch die Zeit. Folglich gilt dort nicht, was in anderen Ökosystemen üblich ist. Das bedeutet, dass es in Tschernobyl heute eine bemerkenswert vielfältige Tierwelt gibt. Zum Beispiel wurden nach der Katastrophe Hunderte Hunde ausgesetzt. Sie verwilderten und entwickelten sich genetisch weiter, sodass sie sich inzwischen deutlich von anderen Hundepopulationen in der Ukraine unterscheiden.
Trotz all der Belege für die positive Wirkung der Renaturierung sind nicht alle Folgen der Katastrophe günstig für Flora und Fauna. Der evolutionäre Druck ist hoch: Einige Arten zeigen geringeren Fortpflanzungserfolg und erhöhte Mutationsraten, was bei Tieren zu gesundheitlichen Problemen führen kann.
Tschernobyl ist nicht die einzige nukleare Sperrzone, die sich die Tiere zurückerobern. Auch rund um andere zerstörte Reaktoren, etwa in Fukushima, sind Säugetiere wie Bären, Waschbären und Wildschweine in großer Zahl zurückgekehrt. Sperrzonen verwandeln sich so unerwartet in Rückzugsräume für Wildtiere. Auch an einigen noch betriebenen Kernkraftwerken wurde die lokale Artenvielfalt gezielt gefördert, durch die Schaffung von Lebensräumen und den Schutz großflächiger, ungestörter Areale.
Die Situation ist natürlich komplex. Es sollte keiner Nuklearkatastrophe bedürfen, damit die Menschen aufhören, andere Arten an den Rand ihrer Existenz zu drängen, ganz zu schweigen von der andauernden weltweiten Umweltzerstörung. Man kann aus solchen Katastrophen aber etwas lernen, auch noch 40 Jahre danach.
Weil es dort keine Menschen gibt, haben sich rund um Tschernobyl wieder in großem Umfang Wildtiere ausgebreitet, auch wenn diese Ausbreitung weder vorhersagbar war noch gleichmäßig erfolgte.
Es zeigt, dass sich Ökosysteme erholen und sogar gedeihen können, wenn man sie lässt.
Dieser Artikel ist zuerst am 20. April 2026 auf Englisch bei The Conversation erschienen. Wir haben ihn mit Einverständnis des Autors übersetzt. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen.
Übersetzung: Nina Roßmann, Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey
