Am 12. Juni 2026 um 17.21 Uhr soll in der Howard Street in San Francisco die Souveränität der EU ihr Ende gefunden haben.
Dort hat der KI-Konzern Anthropic seinen Firmensitz. Die Firma vertreibt große Sprachmodelle, die dem Platzhirsch ChatGPT in den vergangenen Monaten immer mehr Marktanteile abjagen konnten. Vergangenen Freitag landete eine Mitteilung der US-Regierung bei dem Konzern. Darin: ein Verbot. Fortan war es Anthropic nicht mehr gestattet, seine zwei besten Modelle Ausländern zur Verfügung zu stellen, egal, ob diese in den USA lebten oder für die Firma arbeiteten.
Die US-Regierung berief sich in ihrem Schreiben auf die nationale Sicherheit. Anthropic schaltete beide Modelle daraufhin in der Nacht auf Samstag komplett ab, auch für die US-Nutzer:innen, und löste weltweit eine Flut von Reaktionen aus.
Besonders die Europäer:innen schlugen Alarm. Nur wenige Tage zuvor hatten die KI-Expert:innen des Kontinents unter sich ein Schreckensszenario namens „Europe 2031“ weitergereicht wie eine anonyme Bombendrohung. Darin beschränken die USA ab 2028, wie viel die Europäer:innen die besten KI-Modelle der Welt nutzen können. In der Folge könne sich die EU nur noch entscheiden, ob sie Vasallin der USA oder Chinas wird.
Am Samstag, nach der Exportbeschränkung des US-Handelsministers, war das Horrorszenario plötzlich Realität.
Wir könnten den Exportbann gegen die KI-Modelle und das KI-Schreckensszenario als die üblichen Übertreibungen einer KI-Szene abtun. Schließlich erwarten manche CEOs und KI-Forscher:innen seit Jahren vergeblich die Ankunft einer „Superintelligenz“, die alle Menschen arbeitslos werden lässt.
Aber das Verbot und das Szenariopapier erlauben uns, das Marketing-Brimborium der KI-Konzerne beiseitezuschieben und die Technologie differenziert zu betrachten, weil wir statt mit blumigen Szenarien mit sehr konkreten Vorfällen und Annahmen arbeiten können.
So gesehen spricht nicht viel dafür, dass sich die EU den USA oder China unterwerfen muss. Weil auch nicht so viel dafür spricht, dass sich das KI-Rennen immer weiter beschleunigt und es in wenigen Jahren einen klaren Sieger gibt.
Die besten KI-Modelle hacken inzwischen allein, und genau das macht sie zur Waffe⬆ nach oben
Bevor ich in die Analyse gehe, muss ich den Boden bereiten. Denn zu viele glauben, dass KI vor allem bedeutet, mit fehlergesättigten Texten oder Bildern die Mitmenschen zu nerven oder abzuziehen. Das ist der Stand von ChatGPT 2022.
Inzwischen haben sich die Modelle zu Marionetten entwickelt, die nach einer kleinen Bewegung des Fingers so lange programmieren, browsen und lesen, bis sie die Ziele des Puppenmeisters erreichen. Fähige Programmierer:innen können so die Arbeit von Wochen noch vor dem Mittagessen erledigen.
Ein großer Bruder von Fable, dem gerade sanktionierten KI-Modell, hat in wenigen Wochen 271 Bugs oder Sicherheitslücken im Code des in Deutschland beliebten quelloffenen Browsers Firefox gefunden, siebenmal mehr als die Firefox-Entwickler zuvor ohne KI fanden. Wir können diesen Zahlen trauen, weil die Macher von Firefox kein Interesse daran haben, die Fähigkeiten von Anthropic zu übertreiben, aber jedes Interesse, ihren Ruf als besonders sicheren Browser zu verteidigen. GPT 5.4, ein KI-Modell von OpenAI, hat wiederum im April ein berühmtes Matheproblem gelöst.
Diese neuen Fähigkeiten kann jede:r mit einfachen Programmen nutzen: du, ich und der nordkoreanische Hacker, der Devisen für das Atomprogramm seines Heimatlandes beschaffen muss.
Was, wenn es so einem Hacker gelänge, eine Schwachstelle im internationalen Abrechnungssystem der Banken zu finden? Diese verwalten zusammen 500 Billionen US-Dollar. Oder was, wenn jemand die Regierungen dieser Welt erpresst, indem er alle ihre Computer in digitale Geiselhaft nimmt? Was ist mit sensiblen Krankenakten? In einer Welt, die nur noch mit digitalen Systemen funktioniert, ist ein Werkzeug, das vollautonom all diese Systeme unterwandern kann, eine mächtige Waffe.
Deswegen halten die KI-Firmen ihre besten Modelle zunächst zurück, testen sie intern ausgiebig und geben ihnen harte Sicherheitsplanken mit. Anfang Juni gab US-Präsident Donald Trump seiner Regierung per Erlass das Recht, neue Modelle 30 Tage lang zu prüfen, wenn die KI-Firmen zustimmen. Und nun der Exportbann.
Egal, ob Trump ihn bald wieder kassiert oder nicht. Die EU, Indien, Südkorea, Japan, Kanada, Brasilien haben nun gesehen, dass sie nicht damit rechnen können, die besten KI-Modelle der Welt immer nutzen zu dürfen. Sie sind Zuschauer:innen und wären im schlimmsten Fall Opfer der großen KI-Transformation.
Europas Rückstand bei den Rechenzentren ist kleiner als gedacht, und der US-Ausbau stockt⬆ nach oben
Aber, und da sind wir wieder beim Horrorszenario „Europe 2031“, die Angst vor diesem Kontrollverlust fußt auf Annahmen, die bei näherem Hinsehen zerfallen: dass mit dem besten KI-Modell eine knappe Wunderwaffe existiert, die ein Land allein kontrolliert und der Rest der Welt nur erleidet.
Gehen wir die Annahmen Schritt für Schritt durch.
Die KI-Firmen bauen die aktuelle Generation nach einem Prinzip: „Viel hilft viel.“ Sie werden umso besser, je mehr Rechenleistung („compute“) die Firmen für ihr Training und später für ihren Betrieb nutzen können. Daraus folgt: Wer viele Rechenzentren hat, gewinnt das Rennen. Und wer sie schnell baut, ist uneinholbar vorn. Genau aus dieser Logik zieht „Europe 2031“ seine Dramatik.
Der Unterschied zwischen Europa und den USA ist groß, aber nicht gigantisch. Die USA haben aktuell rund 40 Gigawatt betriebsbereite Rechenzentrumskapazität, Europa inklusive Großbritannien rund 21 Gigawatt, also nur rund die Hälfte. Und der Ausbau geht weiter: Rund 400 Milliarden US-Dollar steckten die vier Größten, Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta, 2025 in den Ausbau.
Aber die nackten Zahlen verdecken andere wichtige Entwicklungen. Denn der Ausbau in den USA stockt. Europa hat mehr Zeit als gedacht. Große Schlagzeilen machte etwa das Projekt Stargate, das die Softwarefirmen Oracle und OpenAI im Winter 2025 ankündigten. Gemeinsam wollten sie 10 Gigawatt an Rechenleistung aufbauen. Das verkündeten sie damals im Oval Office. Ein Jahr später fror OpenAI die Partnerschaft ein, weil das Projekt nicht schnell genug ans Netz gehen wird. Der Financial Times zufolge hat Oracle gerade mal an einem von acht Gebäuden mit den Arbeiten begonnen. Gestützt auf Satellitendaten zeigte die Zeitung, dass landesweit 40 Prozent der geplanten Projekte im Verzug sind. Die Analysten von Sightline Climate glauben, dass die Hälfte aller angekündigten Rechenzentrumsprojekte gar nicht zustande kommen.
Es fehlt an Handwerkern, Genehmigungen, Strom, Kapital und vielleicht auch an Nachfrage.
Die KI-Nachfrage ist nicht unendlich, sogar große Konzerne kürzen ihre Budgets⬆ nach oben
Denn während OpenAIs Chef Sam Altman durch die Welt reist und Hunderte Milliarden US-Dollar für den Rechenzentrumsausbau einsammeln will, verschenken seine Produktmanager:innen regelmäßig genau das, was angeblich so knapp ist: Rechenzeit.
Wer ihr wichtigstes Programmierwerkzeug nutzt, das Programm Codex, stößt nach gewisser Nutzung an eine Obergrenze. Doch die Firma setzt diese Grenze immer wieder zurück und lässt die Kunden kostenlos weitermachen. Einem Bericht des Wall Street Journals zufolge will OpenAI zudem demnächst im großen Stil die Preise für seine Produkte senken. Macht das jemand, der die Nachfrage nach seinen Produkten kaum bedienen kann?
Die Kund:innen haben monatelang Milliarden Dollar an die großen KI-Firmen überwiesen, hinterfragen aber genau jetzt diese Ausgaben. Fahrdienstleister Uber hatte bereits im April sein ganzes KI-Budget für das Jahr aufgebraucht und führt nun Limits ein, Microsoft und Facebook haben ihren Programmierer:innen den Zugang zu Claude zusammengestrichen.
Egal, ob große oder kleine Firma: Alle prüfen gerade, ob sich die hohen Ausgaben für KI wirklich rechnen. Die Antwort wird differenziert ausfallen: KI einsetzen, ja, aber mit hoher Präzision und Augenmaß. Das aber heißt, die großen Wachstumsfantasien erfüllen sich nicht, und das KI-Rennen läuft viel langsamer ab, als die meisten Expert:innen vorhersagen.
Der Exportbann ist ein Eigentor: Die ganze Welt finanziert den US-KI-Ausbau mit⬆ nach oben
Inzwischen geht selbst den reichsten Firmen der Welt langsam das Geld aus. Drei Beispiele aus den vergangenen Monaten zeigen es: Google, eine Gelddruckmaschine, musste sich 80 Milliarden US-Dollar am Kapitalmarkt besorgen, um den KI-Ausbau zu bezahlen. Meta schob 30 Milliarden US-Dollar mit einem Bilanztrick aus den eigenen Büchern. Und Nvidia, dessen Chips die KI antreiben, verkauft diese Chips immer seltener gegen Bargeld, sondern tauscht sie gegen Firmenanteile. Kurz, das Cash wird knapp.
Das ist wichtig, weil inzwischen die ganze Welt den US-KI-Ausbau mitfinanziert. Die Billionen US-Dollar, die bisher versprochen wurden, kann selbst der mächtige US-Finanzmarkt nicht allein organisieren. Ein Exportbann für die besten Modelle ist also ein Eigentor, weil er verhindert, dass US-Firmen weiterhin so viel Geld in die Forschung stecken können. Zudem sind die Nutzungsdaten im KI-Training wertvoll; ihr Volumen schrumpft nach so einem Bann zwangsläufig.
Zuletzt: Nur weil heute ein KI-Modell Sicherheitslücken besser findet als alle anderen, heißt das nicht, dass es das am Ende des Jahres noch kann. Die KI-Architekturen entwickeln sich weiter. Beispielsweise hat ein begrenzter Test gezeigt, dass eine Kombination günstiger Modelle Anthropics bestes Modell schlagen kann.
Das KI-Rennen ist langsamer, als es scheint, die Modelle sind nicht so nützlich wie zunächst gedacht, das Geld wird knapp und die Konkurrenz größer. All das führt dazu, dass die EU kein Vasallenstaat der USA wird. Sie ist, zugegeben, nicht gleichauf, aber auch nicht völlig unterlegen.
Das zeigt auch ein Blick in die Geschichte. Denn es gab schon einmal eine Rechenmaschine, die so leistungsfähig war, dass ihre amerikanischen Erfinder sie nicht in den Rest der Welt verkaufen durften. 1999 untersagte die US-Regierung Apple den Export seines Power Mac G4, der mehr als eine Milliarde Rechenoperationen pro Sekunde schaffte. Das schaffen inzwischen selbst die billigsten Handys.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey