Künstliche Intelligenz wird in Zukunft so etwas wie Strom oder Wasser sein, alle werden einen Anschluss haben und mit einem Zähler den Verbrauch messen, so zumindest behauptete es Sam Altman, der Chef von OpenAI Anfang des Jahres. Seiner Ansicht nach gilt also für Künstliche Intelligenz bald das, was der Humorist Loriot einst über seinen Mops sagte: Ein Leben ohne ist möglich, aber sinnlos.
Wer dagegen argumentiert, outet sich als Ewiggestriger, als Fortschrittsfeind und Technik-Depp. Technischer Fortschritt sei unausweichlich, so die Silicon-Valley-Erzählung. Also guckt nicht so bedröppelt! Ärmel hochkrempeln! Move fast, break things!
So sehen das vor allem die Tech-Chefs selbst. Eric Schmidt, der ehemalige CEO von Google, stand neulich vor einer Gruppe Universitätsabsolvent:innen. Als Festaktredner beschwor er: Die jetzige KI-Transformation sei schneller, größer und folgenreicher als vorherige Fortschritte in der Technik: „Es wird jeden Menschen und jede Beziehung betreffen, die du hast“. Gloria Caulfield, Managerin einer Immobilienfirma, nannte den Aufstieg von Künstlicher Intelligenz bei ihrer Abschlussrede an der University of Central Florida die „nächste industrielle Revolution“. Und Scott Borchetta, US-amerikanischer Musikproduzent und Chef der Plattenfirma Big Machine Records, sagte zu Studierenden, dass das, was sie in ihrem ersten Unijahr gelernt hätten, vielleicht schon obsolet sei.
In allen drei Fällen buhten die Studierenden die Redner aus und stehen damit exemplarisch für ein generelles Unwohlsein, das viele Menschen in Bezug auf KI verspüren. Wer sich damit unwohl fühlt, ist kein Technik-Depp und auch nicht von gestern. Kritik ist sogar sehr wichtig, denn was uns die CEOs von Konzernen und KI-Firmen erzählen, sind keine seriösen Prognosen.
Wir werden verarscht von KI-Märchenerzählungen⬆ nach oben
Die Wahrheit ist simpler: Wir werden verarscht. Komplett verarscht. Die Vorstellung, dass KI von jetzt auf gleich die Weltherrschaft übernimmt, ist ein Marketing-Märchen. Oder, noch deutlicher: Es ist Propaganda. Die unreflektierte Integration Künstlicher Intelligenz in sämtliche Lebensbereiche ist weder notwendig noch sinnvoll.
Versteh mich nicht falsch: Ich bin kein Feind von KI, sie leistet schon heute Erstaunliches. Während du diese Zeilen hier liest, analysiert irgendwo eine Künstliche Intelligenz Röntgenbilder und erkennt selbst kleinste anatomische Strukturen oder krankhafte Veränderungen im Gewebe. KI rettet Leben. Schon jetzt, schon heute, vielerorts.
Zum differenzierten Denken gehört allerdings, dass zwei Dinge wahr sein können: KI kann in einigen Gebieten Resultate erzielen, die wichtig sind, erstaunlich und geradezu fantastisch. Gleichzeitig ist wahr, dass ChatGPT und Co längst nicht überall kompetent sind oder überhaupt auch nur ansatzweise akkurat. Solltest du beispielsweise ChatGPT als Laie zur medizinischen Diagnostik nutzen, kann es durchaus sein, dass dir die KI komplett ausgedachte Krankheiten unterjubelt. Ein Large-Language-Model wird sogar, ohne mit der digitalen Wimper zu zucken, einem Amokläufer bei der Vorbereitung helfen, wie es im April vergangenen Jahres in Florida geschah.
Und dann ist da noch der mögliche professionelle Kompetenzverlust, das sogenannte Deskilling. In einem Artikel zur KI-Misere an Unis schreibt Ronald Purser, Professor für Management an der San Francisco State University, dass Künstliche Intelligenz einen fundamentalen Angriff auf unsere Hochschulen darstellt, indem sie uns das Denken zu oft abnimmt und geradezu abtrainiert. KI zerstört die Universität und das Lernen an sich, so seine These. Er fasst es so zusammen: „Studierende nutzen KI, um Hausarbeiten zu schreiben, Professoren nutzen KI, um sie zu benoten, Abschlüsse verlieren an Bedeutung, und Tech-Unternehmen verdienen ein Vermögen.“
Die KI-CEOs behaupten viel, wenn ein Börsengang oder eine Finanzierungsrunde bevorsteht⬆ nach oben
Marktführer wie OpenAI und Anthropic sind auch Investmenthypes. Bei beiden steht ein Börsengang bevor. Und natürlich lieben KI-Riesen die Erzählung einer unvermeidlichen KI-Revolution. Dabei fällt vor allem eines auf: dass auf krasse Behauptungen über die Zukunft von KI meist kurz danach eine Finanzierungsrunde folgt.
Dario Amodei, CEO von Anthropic, behauptete im Mai 2025, KI würde innerhalb von einem bis fünf Jahren die Hälfte aller Einstiegsjobs im Bürobereich eliminieren, die Arbeitslosigkeit könnte bei zehn bis 20 Prozent liegen. Knapp drei Monate später sammelte Anthropic bei einer Finanzierungsrunde 13 Milliarden US-Dollar. Dieses Jahr wieder das gleiche Schema: Im Januar 2026 prophezeite Amodei, dass Jobs im Softwarebereich innerhalb von sechs bis zwölf Monaten vollständig automatisierbar seien, im Februar 2026 sammelte Anthropic 30 Milliarden US-Dollar. Die Geschichte ließe sich genauso anhand von Sam Altman von OpenAI erzählen. Das Muster ist immer gleich: Ein CEO prophezeit die Übernahme der KI, den Menschen als Auslaufmodell, und bevor sich herausstellen kann, ob die Behauptungen wirklich so eintreffen werden, haben die Unternehmen schon ziemlich viel Geld eingesammelt.
Doch bloß, weil einige Milliardäre sich zur „Broligarchie“ zusammengeschlossen haben und die digitale Weltherrschaft anstreben, heißt das nicht, dass wir ihre Propaganda glauben oder ihre Produkte nutzen müssen.
Warum sollen wir an eine hypothetische allgemeine Künstliche Intelligenz glauben, während die jetzt vorhandenen Künstlichen Intelligenzen fröhlich vor sich hin halluzinieren? Warum sollten wir an die unvermeidliche KI-Revolution in allen Lebensbereichen glauben? Warum sollten wir das wollen? Dahinter stehen knallharte Profitinteressen. Die Wahrheit: KI ist keine Naturgewalt. Die Integration Künstlicher Intelligenz in unsere Lebenswelt ist kein unvermeidlicher Prozess. Sie ist eine aktive Entscheidung. Eine Option, die wir verweigern können.
Der KI-Hype fühlt sich an wie eine „Simpsons“-Folge⬆ nach oben
In einer klassischen „Simpsons“-Folge unterjochen die Aliens Kang und Kodos die Welt („Treehouse of Horror VII“). Die Menschen, auch Familie Simpson, müssen Sklavenarbeit verrichten, um einen interplanetarischen Laser zu bauen. Doch das Schicksal war keineswegs unvermeidlich! Zuvor durften sie ganz demokratisch wählen! Und zwar zwischen Kang und Kodos. Natürlich erst nachdem Kang und Kodos insgeheim die eigentlichen US-Präsidentschaftskandidaten durch sich selbst ausgetauscht hatten.
Die mittlerweile 30 Jahre alte Folge ist eine Satire auf das Zweiparteiensystem der USA. Die Botschaft: Du hast eine Wahl, aber gleichzeitig hast du keine Wahl. Du kannst dich entscheiden, wie du willst, aber am Ende wirst du geknechtet. Am Ende regiert Kang. Homer Simpson, auch in der Apokalypse liebenswert naiv, sagt zu seiner Frau Marge, nachdem sie einen üblen Peitschenhieb kassiert: „Gib nicht mir die Schuld, ich habe Kodos gewählt!“
Ziemlich genau so fühlt sich der momentane KI-Hype an. KI wird uns als unvermeidliche Naturgewalt erzählt von Leuten, die entweder schon steinreich sind oder direkt von KI profitieren. Du hast vielleicht die Wahl zwischen ChatGPT und Claude, zwischen Gemini und Grok, aber am Ende wird dich schon irgendein Datenkabel peitschen! Am Ende wird sich ALLES grundlegend ändern! Dein Beruf, deine Freizeit, deine Freunde, „jede Beziehung, die du hast“! All Hail President Kang!
Durchschaut den KI-Bullshit!⬆ nach oben
Als Gesellschaft und als Bürger ist es unsere Aufgabe, den Hype zu durchschauen. Wir müssen die KI-Spreu vom Weizen trennen – als Endkonsumenten, als Institutionen, als Menschen. Idealerweise auch ohne ChatGPT dazu zu befragen!
Wer skeptisch im Umgang mit Künstlicher Intelligenz ist, ist kein Fortschrittsfeind, sondern ganz einfach ein mündiger Bürger, der sich von profitorientierten Tech-Firmen und ihren CEOs nicht veräppeln lässt. Die Zukunft liegt nicht in der widerstandslosen, unmündigen Integration der KI in sämtliche Lebensbereiche. Wer Kang sagt, muss nicht automatisch Kodos sagen. Wir haben die Wahl!
Nicht jede Milchkanne, nicht jeder Kühlschrank braucht Internet. Wer E-Mails oder Einkaufslisten noch ohne KI-Hilfe schreibt, ist nicht „abgehängt“, sondern aktiv selbstbestimmt. Wer bewusst auf KI-Musik verzichtet, unterstützt echte Künstler:innen. Wer seine Fähigkeiten und Fertigkeiten ohne algorithmische Beihilfe ausübt, ist nicht „zurückgelassen“, sondern autonom. KI wird längst nicht jeden Beruf revolutionieren und definitiv nicht kompetente Fachkräfte ersetzen.
Und vor allem: Die KI-Problematik geht über individuelles Nutzungsverhalten hinaus. Künstliche Intelligenz muss, wie Strom oder Wasser, politisch so geregelt werden, dass aus ihr möglichst viel kollektiver Nutzen entsteht und möglichst wenig kollektiver Schaden. Es geht ums Gemeinwohl.
Die Leitplanken für dieses Gemeinwohl, die allgemeinen Spielregeln, dürfen wir nicht irgendwelchen Broligarchen und ihren Profitinteressen überlassen. Ohne staatliche Eingriffe, ohne institutionelle EU-Supervision werden wir Bürgerinnen und Bürger von der unsichtbaren Hand des Marktes nämlich nicht bedient und versorgt, sondern geradewegs geohrfeigt. Klimapolitische Aspekte der KI-Nutzung zum Beispiel sind keine Nebensachen, die man den Altmans und den Musks überlassen darf, sondern elementare Fragen der existenziellen Daseinsvorsorge. Die Klimakrise ist keine KI-Halluzination, sondern Realität. Vorm Profit kommt der Planet.
Und ja: Das Internet ist, kulturgeschichtlich und evolutionär gesehen, für uns alle Neuland. Genauso wie Künstliche Intelligenz. Es liegt an uns, wie wir damit umgehen, sowohl individuell als auch politisch. Wir müssen uns nicht knechten lassen. Vorauseilender Gehorsam ist stets eine schlechte Idee. Und falls alles doch ganz anders kommt: Gebt nicht mir die Schuld. Ich habe Kodos gewählt.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert