Die Erdkugel vom Weltall aus gesehen, davor die Silhouette einer Frau mit erhobener Faust

Chelsea Gonzalez/Kieferpix/Getty Images

Gute Nachrichten

So bewahren wir bei Krautreporter unsere Zuversicht

Klimareporter Rico sucht nach Dingen, die er beeinflussen kann, Zeitgeist-Reporterin Theresa praktiziert eine Meditationstechnik und Außenpolitikreporterin Isolde hilft ein Perspektivwechsel.

Krautreporter-Leser Matthias wollte wissen: „Geschätzte Krauts. Wie bewahrt ihr euch eure Zuversicht?“

Er stellt diese Frage bei unserer Community-Woche „All You Can Ask“. In dieser Woche haben wir alle Fragen beantwortet, die uns unsere Leser:innen gestellt haben.

Also haben wir in der Redaktion überlegt.


Ich suche Resonanz⬆ nach oben

Rico Grimm, Klimareporter

Manchmal dauert es, bis ich Resonanz finde, aber wenn ich sie finde, wird vieles andere egal. Eine Sache, die mir gehört, die ich beeinflussen kann; kann groß sein oder klein. Ein Beet oder ein Artikel oder ein Ausflug mit den Kindern. Und wenn alles nicht hilft, fange ich an, Geschichtsbücher zu lesen. Verändert die Perspektive, und zeigt, dass es schon immer weiter ging.

Ich erzähle mir eine Geschichte über mein eigenes Gehirn⬆ nach oben

Silke Jäger, Gesundheitsreporterin

Darin ist es die große Geschichtenmaschine, die alles, was es von der Welt wahrnimmt und was es daraus schließt, immer – wirklich immer – zu einer Geschichte strickt. Diese Geschichten haben natürlich einen roten Faden. Nur: Der lässt sich nicht immer finden, manchmal muss er erst erfunden werden. Dazu ändert mein Gehirn auch schon mal die Absichten der Charaktere, die in der Geschichte vorkommen. Oder es lässt etwas weg, was nicht ins Bild passt, und dichtet etwas hinzu. So arbeitet die große Geschichtenmaschine in meinem Kopf die ganze Zeit an ihrem eigenen Weltbild. 

Diese Geschichte über mein Gehirn hilft mir vor allem bei angstmachenden Krisen zu merken, dass mein Weltbild keine realitätsgetreue Abbildung der Realität ist. Und das schafft eine wohltuende emotionale Distanz zwischen mir und meinem Weltbild. Der Effekt? Ich glaube meiner fleißigen Geschichtenmaschine nicht automatisch alles. So fällt es mir auch leichter, anders in die Zukunft zu blicken: Ich sehe sie als einen Raum, in dem ganz viel Überraschendes möglich ist. Auch das Gute.

Mein Sicherheitsnetz gibt mir Zuversicht⬆ nach oben

Astrid Probst, Gesellschaftsreporterin

Letzens habe ich etwas gemacht, was mir Angst macht: Ich habe vor Leuten gesprochen. Auf einer Bühne. Normalerweise würde ich das nicht tun. Ich bin da immer viel zu nervös, habe Sorge, was falsches zu sagen, was dummes zu machen. Am Ende lief alles gut und Leute sagten sogar, dass ich witzig war!

Aber das Wichtigere, und das wurde mir erst am Tag danach bewusst, selbst Scheitern wäre nicht schlimm gewesen, weil ich so viele tolle, liebe, kluge Menschen habe, die mich aufgefangen hätten. Im Zuschauerraum stand eine Freundin, die mich extra begleitet hatte. Stunden davor hatte ich noch mit zwei Freundinnen telefoniert und natürlich mit meinem Partner. Am Tag danach riefen die zwei Freundinnen sofort an und wollten alles wissen. Meinem Freund erzählte ich auch alles bis ins kleinste Detail.

Mehr zum Thema

Was ich sagen will: Mein Sicherheitsnetz gibt mir Zuversicht. Zu wissen, da sind so viele unglaublich tolle Menschen, die für mich da sind. Die mich auffangen, die mit mir weinen, lachen, über die Welt schimpfen, mich aufbauen, mir ehrlich sagen, wenn ich mich daneben benehme. Und für die ich das gleiche tue. Ich werde kitschig, aber mit solchen Menschen fühle ich mich unverwundbar wie Achilleus (ohne die ungeschützte Sehne).

Wer glaubt, dass alles immer schlimmer wird, irrt sich⬆ nach oben

Isolde Ruhdorfer, Außenpolitikreporterin

Die Weltuntergangsstimmung, die bei vielen vorherrscht, geht mir ziemlich auf die Nerven. Ich habe noch den Großteil meines Lebens vor mir und will nicht resignieren, auch wenn natürlich viele Dinge Grund zur Sorge geben. Übrigens glaube ich, dass diejenigen, die der Meinung sind, dass die Welt immer schlechter wird, in Bezug auf zwei Dinge falsch liegen:

  • Erstens, dass früher alles besser war.
  • Zweitens, dass alles automatisch immer besser wird.

Es gab schon in den vergangenen Jahrzehnten Wirtschaftskrisen oder Kriege mit vielen Todesopfern. Während des Kalten Krieges hatten viele Menschen buchstäblich Angst vor dem Ende der Welt. Außerdem haben wir in unserer Kultur ein lineares Zeitverständnis. Wer dagegen zyklisch denkt, sieht, dass auf jeden Rückschritt ein Fortschritt folgen kann. In diesem Text habe ich ausführlich beschrieben, warum Weltuntergangsstimmung zu nichts führt.

Mir hilft eine Meditationstechnik⬆ nach oben

Theresa Bäuerlein, Zeitgeistreporterin

Ich lasse meinen Gefühlen Raum und versuche gleichzeitig, sie nicht allzu ernst zu nehmen. Dabei hilft mir, was ich einmal in einem Seminar beim Meditieren mit der Vipassana-Technik gelernt habe: 

Wir erleben jedes Gefühl als eine Empfindung im Körper, zum Beispiel als Enge in der Brust oder als Hitze im Bauch. Das zu beobachten, ist sehr interessant. Denn erstens fühlen sich viele Gefühle, die wir als negativ erleben, ähnlich an wie positive, Angst und Aufregung etwa. Wenn man ihnen die Bedeutung wegnimmt, was bleibt dann noch? 

Zweitens, Empfindungen ändern sich ständig. Man muss gar nicht immer etwas mit ihnen anstellen. Wenn man sie in Ruhe lässt, ändern sie sich von selbst. Was das mit Zuversicht zu tun hat? Gefühle lähmen mich viel weniger als früher. Ich lerne, handlungsfähig zu bleiben, auch wenn mir die Nachrichten gerade Sorgen machen.

Es sind die schönen Momente im Alltag⬆ nach oben

Lea Schönborn, Bildungsreporterin

Es ist die Mischung aus kleinen und großen Dingen: Blumen, die meine Mitbewohnerin mir ins Zimmer gestellt hat, als ich aus dem Urlaub zurückgekommen bin. Die Kinder vom Kinder- und Jugendparlament in Neukölln, die Obdachlosigkeit noch nicht als gegeben nehmen, sondern als etwas, das unfair ist und das nicht so bleiben sollte. Der Typ im Pizzaladen, der uns am Wochenende Oliven und Espresso aufs Haus gebracht und beim Weggehen gefragt hat: „Na, was geht bei euch heute noch so?“ Sein Interesse wirkte so authentisch, dass ich dachte: Wie schön, wenn Menschen einfach nett sind. Das Leben ist zu kurz und die Nachrichtenlage zu belastend, um cool oder scheiße zu sein. Herzliche Grüße gehen raus an den Mann (❤️), der mir gestern früh auf dem Weg zur Arbeit aus seinem Auto den Mittelfinger gezeigt hat.

Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann⬆ nach oben

Martin Gommel, Gesundheitsreporter

Ich habe in meinem Kopf eine Liste, die ich jeden Tag aktualisiere: Dinge, die ich kontrollieren kann und Dinge, bei denen das nicht der Fall ist. In Krisenmomenten mache ich mir klar, dass es verschwendete Kraft ist, sich über Dinge aufzuregen, die ich nicht ändern kann. Stattdessen konzentriere ich mich darauf, mein Leben besser zu machen, so gut es geht. Ein Beispiel? Ich habe seit einem halben Jahr chronische Migräne. Diese Krankheit kann ich nicht kontrollieren, die Ursachen sind multifaktoriell. Aber wie ich damit umgehe, liegt in meiner Hand. Ob ich meine Ernährung schleifen lasse, oder nicht, zum Beispiel. Ob ich meine Medikamente regelmäßig nehme und mein Schmerztagebuch führe, auch. Ob ich nur im Bett liege oder versuche, im Rahmen der Möglichkeiten aktiv zu werden, ebenfalls. So wird meine Krise zum Übungsfeld, auf dem ich neue Skills lerne.

Mir wurde bewusst, dass unsere sorgenvolle Genervtheit noch viel mehr kaputt macht⬆ nach oben

Sören Frey, Social-Media-Redakteur

Ich bin seit zwei Jahren Vorstand unserer kleinen Eltern-Initiativ-Kita. Die Vorstandswahl damals lief so entsetzlich ab wie jede Klassensprecherwahl in Deutschlands 6. Klassen. Man guckt betreten zu Boden, vermeidet so lange Blickkontakte oder Gesichtsregungen, bis es vorüber ist. „Ich würds ja machen, aber die Arbeit, die Kinder und wir müssen ja so schon ständig die Kita putzen und früher abholen.“ Das ist der Standardkanon. Mein Vorgänger entgegnete damals: „Ja, aber es ist ja für alle immer anstrengend.“ Nicht, dass ich nicht vorher gewusst hätte, dass wir alle im Kinderladen Kinder und Jobs haben und genervt sind. Mir wurde einfach ohne Umwege bewusst, dass diese sorgenvolle Genervtheit in uns dazu führt, dass wir die Hände einfach kampflos in den Schoß legen und wir es auch gar nicht mehr wahrnehmen, wenn wir dann wirklich im Kleinen etwas ganz real ändern können. Das macht am Ende noch viel mehr kaputt.


Dieser Text ist Teil unserer Communitywoche „All You Can Ask“. In dieser Woche antworten wir auf wirklich alle Fragen, die unsere Leser:innen uns stellen. Hast du eine Frage? Stell sie uns direkt hier:


Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert

So bewahren wir bei Krautreporter unsere Zuversicht

0:00 0:00

Einfach unterwegs hören mit der KR-Audio-App