Dieses Interview habe ich live mit der Krautreporter-Community geführt und anschließend verschriftlicht. Darum habe ich manche Teile für eine bessere Lesbarkeit gekürzt. Hier kannst du dir das Video ansehen.
Frau Diabaté, Sie beschreiben in Ihrem Buch dieses Paradox: Als werdende Mutter oder Mutter ist man nie alleine, man trägt ein Kind in sich oder ständig bei sich, ist von Menschen umgeben und doch einsam. Wie war das bei Ihnen?
Sabine Diabaté: Ich dachte, ich wäre total gut vorbereitet. Ich habe einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht, Ratgeber gelesen, mit anderen Müttern gesprochen. Doch dann traf mich der Übergang zum Muttersein mit einer Wucht, auf die ich nicht vorbereitet war. Sobald das Wochenbett vorbei und der erste Hype um das Kind abgeflaut ist, kehren alle in ihre Routinen zurück. Als Mutter muss man aber den Alltag völlig neu gestalten. In diesen ersten Monaten ist man in einem Ausnahmezustand. Ich bin außerdem recht spät Mutter geworden. Mit 38. Ich hatte das Gefühl, nicht den üblichen Lebenslauf zu führen. Auch das kann einsam machen.
Sabine Diabaté ist Soziologin und leitet seit 2012 die Forschungsgruppe „Familie“ am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden. Seit 20 Jahren forscht sie zu den Themen Partnerschaft und Familienleben. Sie ist Mutter von zwei leiblichen und zwei Stiefkindern und lebt mit ihrer Familie in Köln. | Annika Graeff
Was bedeutet hier überhaupt Einsamkeit? Einsamkeit ist ja nicht gleich Alleinsein.
Einsamkeit ist unfreiwillig. Das ist der Unterschied zum Alleinsein. Aber man kann auch in Gemeinschaft einsam sein. Wenn man nicht ausreichend Kontakte hat, bei denen man sich gesehen und verstanden fühlt. In der Forschung unterscheidet man zwischen emotionaler und sozialer Einsamkeit. Bei emotionaler Einsamkeit geht es um die Nahbeziehung: Hat man eine beste Freundin, eine Partnerschaft, enge Familienangehörige, mit denen man ganz persönliche Dinge besprechen kann? Soziale Einsamkeit entsteht, wenn ich nicht gut eingebunden bin, mir zum Beispiel der Kontakt zu anderen Müttern fehlt. Ich kann eine super Partnerschaft haben, aber ich brauche auch Gleichgesinnte, die in einer ähnlichen Lebenslage sind und die mich und meine Probleme verstehen.
Wenn wir auf die Zahlen blicken: Wie viele Mütter sind von Einsamkeit betroffen?
Jede dritte Mutter in Deutschland ist mindestens moderat einsam und zwar unabhängig davon, ob sie in einer Kernfamilie lebt oder in einer Stief- oder Patchwork-Familie. Bei Allein- oder Getrennterziehenden ist jede zweite Mutter betroffen. Dem gegenüber steht etwa jeder vierte Vater.
Die Community fragt: Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land?
Da gibt es keine großen Unterschiede. Das Klischee, dass Städte besonders anonym sind, stimmt nicht. In Städten hat man teilweise mehr Kontaktmöglichkeiten und begegnet automatisch mehr Menschen als auf dem Land.
Erkennen viele Mütter überhaupt, dass sie einsam sind?
Nicht unbedingt. Viele Mütter spüren zwar, dass ihnen etwas fehlt, ordnen dieses Gefühl aber nicht als Einsamkeit ein. Einsamkeit wird häufig mit dem Alleinsein verwechselt. Dabei können Mütter sozial stark eingebunden sein und sich trotzdem innerlich einsam fühlen. Hinzu kommt, dass Einsamkeit ein schambesetztes und tabuisiertes Gefühl ist. Gerade Mütter stehen unter dem gesellschaftlichen Druck, in ihrer Mutterrolle Erfüllung zu finden. Sich trotzdem einsam zu fühlen, passt nicht zum Idealbild der glücklichen Mutter. Deshalb gestehen sich manche ihre Einsamkeit nicht einmal selbst ein oder erleben sie eher als Erschöpfung, Gereiztheit oder innere Leere.
Können Sie diesen Mechanismus erklären: Warum reicht es für eine erwachsene Person nicht, von einem Kind umgeben zu sein?
Es klingt natürlich paradox, weil man ständig mit einem anderen Lebewesen ganz eng ist. So innig mit seinem Baby zu sein, ist sehr schön. Aber man reguliert permanent die Gefühle des Kindes. Babys und Kleinkinder haben noch keine komplett ausgebildete Impulskontrolle. Man muss ihnen helfen, ihre Gefühle zu regulieren, das ist anspruchsvoll und anstrengend. Da ist es natürlich schwierig, wenn man über viele Stunden keinen anderen Erwachsenen hat, mit dem man sich austauschen kann. Oder der einen runterbringt, wenn man davon total gestresst ist. Deswegen reicht es nicht, von einem Kind umgeben zu sein. Das ist auch überhaupt nicht so angelegt in der Menschheitsgeschichte, dass Mutterschaft oder Elternschaft ein Soloprojekt ist.
Einsamkeit von Müttern ist kein neues Phänomen. Sie beschreiben die Mütter aus den Fünfzigern, wo der Ehemann morgens das Haus verließ, arbeiten ging und die Frau zurückblieb, um sich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Über psychische Belastung wurde damals kaum gesprochen, stattdessen nahmen Frauen „Klosterfrau Melissengeist“ oder „Frauengold“ zu sich, also alkoholhaltige Beruhigungsmittel. Warum scheitert die Gesellschaft seit Jahrzehnten daran, die Situation von Müttern zu verbessern?
Große Teile der Gesellschaft profitieren massiv davon, dass Carearbeit geräuschlos und höchst professionell von Müttern erledigt wird, ohne dass viel eingefordert wird. Fürsorgearbeit ist in unserer Gesellschaft weiblich konnotiert. Es wird Frauen immer noch zugeschrieben, dass sie das besonders gut können. Da wird wahnsinnig viel geleistet, und die Frauen zahlen einen hohen Preis. Sie haben weniger Möglichkeiten im Job, ein höheres Risiko für Altersarmut. Dadurch, dass sie oft hauptverantwortlich sind, erleben viele Frauen einen Mangel an erfüllenden Beziehungen, oder sie haben zu wenig Zeit, um sich um sich selbst zu kümmern. Etwa um ihren Körper, sich Zeit für Sport zu nehmen. Und Frauen – das ist kulturell in unserem Mutterleitbild verankert – beschweren sich nicht. Man tut das aus Liebe. Es ist wahnsinnig schambehaftet, in unserer Leistungsgesellschaft zu sagen: Ich bin einsam, das wächst mir alles über den Kopf hinaus.
Ein Auszug aus „Mutterseelenallein“ von Sabine Diabaté:⬆ nach oben
Viele Mütter – ich leider auch – handeln zu oft im Überlebensmodus. Das trifft besonders auf Frauen zu, die versuchen, Familien- und Erwerbsarbeit miteinander zu vereinbaren, inmitten der sogenannten „Rushhour des Lebens“, in der zentrale Entwicklungen in Familien- und Berufsleben zusammenfallen und Kinder noch klein sind, bis zum Alter von etwa sechs Jahren. Der Familiensoziologie-Professor Martin Bujard definiert diese Phase als eine biografische Verdichtung von Anforderungen, die zeitlich kaum zu bewältigen ist.
Der Begriff Rushhour passt gut: Mein Stresspegel ist tagsüber deutlich erhöht, ich bin jederzeit bereit zum Sprint. Alle Instinkte sind aktiviert und das bereits früh am Morgen. Es ist kurz nach sechs, und mein Sohn beschließt, dass die Welt jetzt dringend seine Aufmerksamkeit braucht. Meine Augenlider sehen das anders. Während ich versuche, die Illusion aufrechtzuerhalten, dass ich noch schlafe, ruft er: „Mamaaaa!“ Ich gebe nach. Natürlich. Noch bevor ich den ersten Kaffee in der Hand habe, jongliere ich mit Brotdosen und suche Socken, die offenbar spurlos im Wäsche-Nirvana verschwunden sind. Gleichzeitig diskutiere ich mit einem Kleinkind, das partout seine Gummistiefel und ein Karnevalskostüm anziehen will – im Hochsommer. Währenddessen versucht mein Mann, dem Kleinen die Zähne zu putzen. Diese Morgenstunden sind wie ein schlecht geplanter Flashmob. Alle tanzen durcheinander, keiner kennt die Choreografie, und am Ende stehe ich da, schweißgebadet, und frage mich: War das eigentlich schon der schwerste Teil des Tages – oder gehts jetzt erst los? Im Webex-Meeting lächle ich, als hätte ich gerade eine entspannte Yoga-Session hinter mir. In Wahrheit habe ich bis dahin bereits mehr Konflikte gelöst als UN-Blauhelme in einer Woche.
Und trotzdem ist da etwas, worüber viel seltener gesprochen wird als über Energiemangel, Mental Load oder Vereinbarkeitsstress: die Einsamkeit. Sie schleicht sich leise in den Alltag, obwohl man kaum jemals allein ist. Im Gegenteil. Ständig braucht irgendwer etwas von einem. Ein Kind. Der Arbeitgeber. Die Familie. Die Kita. Die Schule. Das Smartphone. Die To-do-Liste. Doch während die Anforderungen wachsen, schrumpft oft der Raum für echte Begegnungen. Verabredungen mit Freundinnen werden zwischen Elternabenden und Arztterminen auf später verschoben. Spontane Treffen erscheinen plötzlich so unrealistisch wie ein Wochenende im Spa. Gespräche drehen sich um Organisation statt um Gefühle. Und irgendwann stellt man fest, dass man den ganzen Tag mit Menschen gesprochen hat, ohne sich wirklich gesehen zu fühlen. Diese Form der Einsamkeit ist schwer greifbar, weil sie nicht dem klassischen Bild des Alleinseins entspricht. Sie entsteht mitten im Gewimmel des Familienlebens. Zwischen Wäschebergen, Videokonferenzen und Gutenachtgeschichten. Sie offenbart sich in dem Wunsch, einmal selbst gefragt zu werden, wie es einem eigentlich geht – und zwar nicht aus Höflichkeit, sondern aus echtem Interesse. Vielleicht gehört genau das zur Rushhour des Lebens: dass wir ständig funktionieren, koordinieren und für andere da sind, während die Verbindung zu uns selbst und zu anderen Erwachsenen manchmal auf der Strecke bleibt. Und vielleicht ist die größte Ironie daran, dass wir in einer Lebensphase, die so voll ist wie keine andere, oft so einsam sind wie nie zuvor.
Nun könnte man ja meinen, dass sich die Situation von Müttern verbessert hat. Es gibt den Kita-Anspruch, Eltern-Cafés und Orte, an denen sich Mütter und sicher auch Väter begegnen können, das Internet, um Gleichgesinnte zu finden. Sie sagen aber, Mütter sind einsamer denn je.
In der Bevölkerungsforschung sehen wir, dass die Generationenabstände immer größer werden. Elternschaft wird nach hinten verschoben. Darum fallen Großeltern oft als Unterstützung weg. Außerdem ziehen wir häufiger weg von den Orten, an denen wir aufgewachsen sind. Dadurch brechen Netzwerke weg. Gleichzeitig haben wir eine starke Entgrenzung zwischen Erwerbs- und Familienleben durch ständige Erreichbarkeit. Digitalisierung spielt eine große Rolle. Wir haben Smartphones und Chatbots. Sogar bei Erziehungsfragen ist KI im Einsatz. Sicher, wir haben im Haushalt viel Unterstützung: Wir müssen nicht mehr per Hand abspülen, haben einen Saugroboter. Eigentlich sollte man meinen, dass wir darum mehr Raum für uns haben. Das ist aber nicht der Fall. Unter anderem weil die Anforderungen an Elternschaft steigen. Elternschaft ist nichts, was man aus dem Bauch heraus tut. Sie wird professionalisiert und ist sehr wissensbasiert. Es wird erwartet, dass man sich ganz viel aneignet, über Ernährung, Erziehung, gewaltfreie Kommunikation. Die Erziehungsmethoden der Vorgeneration werden hinterfragt, was gut und wichtig ist. Das alles kritisch zu reflektieren ist anspruchsvoll. Man kann nicht auf ein Rollenmodell zurückgreifen, sondern man muss seinen eigenen Weg finden. Das alles führt dazu, dass Mütter heute einsamer sind, weil sie einfach viel weniger Zeit haben.
Dabei verbringen Eltern heute mehr Zeit mit ihren Kindern als zuvor.
Man sieht in der Zeitverwendungsstudie des Statistischen Bundesamts, dass sich das Zeitinvestment in Kinder, sozusagen die Quality Time verdoppelt hat. Von etwa 100 auf 200 Minuten bei den Frauen. Die Millennial-Mütter verbringen doppelt so viel Zeit wie die Boomer-Mütter mit ihren Kindern. Gleichzeitig wissen wir, dass der Erwerbsanteil bei den Müttern heute um ein Vielfaches größer ist als der der Boomer-Generation. Da fragt man sich: Wie ist das möglich? Indem die Mütter von heute beim Schlaf und sozialen Kontakten sparen.
Sie schreiben, dass das Internet auch dazu beiträgt, Einsamkeit zu verstärken. Man könnte ja annehmen, dass es Menschen miteinander verbindet.
Wenn es als Kontaktanbahnung dient und man sich dann im echten Leben trifft, ist das ein großer Vorteil. Auch zu chatten kann Einsamkeit abmildern. Wenn man aber sehr lange, über mehrere Stunden am Tag einfach nur Inhalte ansieht, fördert das Einsamkeit. Weil man sich sozial vergleicht und der Vergleich oft ungünstig ausfällt.
Die Rolle der Mutter hat sich stark verändert. Aber auch die Vaterrolle wandelt sich. Sie sind präsenter, nehmen häufiger Elternzeit. Reden wir kurz über sie: Welchen Einfluss haben Väter?
Viele Väter stehen heute im Spannungsfeld zwischen traditionellen Erwartungen an ihre Rolle als Familienernährer und dem modernen Anspruch, sich aktiv in die Familienarbeit einzubringen. Aber die Arbeitswelt ist nicht auf Familienfreundlichkeit ausgerichtet. Trotzdem kann man die Väter nicht aus der Verantwortung nehmen. Viele Väter beteiligen sich an der Fürsorgearbeit nicht in dem Maße, wie sie es könnten. Wenn ein Mann nicht bereit ist, ganze Verantwortungsbereiche zu übernehmen, ist das ein Treiber für mütterliche Einsamkeit. Es geht nicht darum, nur der Assistent zu sein, der auf Zuruf unterstützt. Väter müssen von sich heraus Probleme erkennen und lösen.
Die Community fragt: Ein häufiger Vorschlag ist, dass sich Frauen gegenseitig unterstützen, Netzwerke aufbauen, die Kinderbetreuung teilen. Nehmen wir da nicht die Verantwortung von den Männern und Vätern weg?
Das wäre auch meine erste Reaktion. Aber da geht es vor allem um das, was tagsüber passiert. Durch die gestiegenen Lebenshaltungskosten und Mieten brauchen Familien eher anderthalb Einkommen. Für viele funktioniert es finanziell nicht, wenn beide Teilzeit arbeiten, da geht es nicht nur um mangelnden Willen. Trotzdem müssen wir als Gesellschaft Väter stärker in die Verantwortung nehmen. Ist der Beruf des Mannes homeofficefähig? Dann kann man Arbeit flexibler organisieren. Es ist aber leider auch eine Realität, dass noch ein erheblicher Anteil von Männern in unserer Gesellschaft traditioneller eingestellt ist.
Ein Auszug aus „Mutterseelenallein“ von Sabine Diabaté:⬆ nach oben
Mütterliche Einsamkeit ist ein Effekt unserer stark individualisierten Gesellschaft und Ausdruck ihrer carefeindlichen Strukturen. In westlich geprägten Gesellschaften wird Mutterschaft als private Aufgabe innerhalb der Kernfamilie organisiert. Verantwortung für Fürsorge, emotionale Arbeit und alltägliche Carearbeit konzentriert sich dabei noch immer überproportional stark auf die Mutter. Das scheinbare Freiheitsversprechen moderner Mutterschaft lautet oft: Du darfst alles selbst entscheiden. Die Kehrseite: Du musst es aber allein tragen.
Diese gesellschaftliche Schieflage wird besonders in aktuellen Debatten sichtbar: Während längere Erwerbsarbeitszeiten, höhere Produktivität, eine Rückkehr zur Büropräsenz, eine Reduktion der Krankschreibungen und maximale Verfügbarkeit auf dem Arbeitsmarkt gefordert werden, bleibt eine zentrale Frage erstaunlich oft unbeantwortet: Wer übernimmt die ganze Carearbeit? Wer betreut Kinder, lernt mit ihnen, pflegt Angehörige, begleitet Therapien, organisiert den Alltag, fängt Krisen auf oder gestaltet ein schönes Familienleben? Für viele Eltern, die bereits heute unter der Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit ächzen, wirken solche Forderungen beinahe absurd – als würden sie in einer Parallelrealität formuliert, in der Carearbeit schlicht nicht zu erbringen ist.
Diejenigen, die von diesen Debatten am stärksten betroffen sind, sind in ihnen oft am wenigsten präsent. Viele Mütter erleben diese Gespräche nicht als aktiv Mitdiskutierende, sondern (oft schon halb schlafend) als passive Zuschauerinnen vom heimischen Sofa aus in Talkshows und Nachrichtensendungen. Wenn ich dort vor allem männliche Stimmen vertreten sehe, frage ich mich oft: Wo sind die Mütter? Und wie viele von ihnen könnten überhaupt an solchen abendlichen Diskussionsrunden teilnehmen, wenn parallel Kinder ins Bett zu bringen und Brotdosen vorzubereiten sind oder wegen Betreuungsengpässen noch eine Spätschicht am Schreibtisch eingelegt wird? Vielleicht fehlen diese Stimmen nicht zufällig. Vielleicht fehlen sie, weil genau die Strukturen, über die gesprochen wird, ihre Teilnahme erschweren – etwa weil viele Fernsehsendungen Studiogäste gegenüber Zuschaltungen bevorzugen oder Einladungen oft kurzfristig erfolgen.
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Am Ende gilt: Familienpolitik, aber auch Bildungs-, Gesundheits-, Arbeitsmarkt- oder Wirtschaftspolitik – all diese Felder sind auch Einsamkeitspolitik. Wir leben in einer Gesellschaft, die ganz selbstverständlich auf Carearbeit basiert, ihre Last aber systematisch ignoriert und an Mütter delegiert. Die zentrale Frage lautet daher: Welche strukturellen Auswege brauchen wir, damit Mutterschaft – in all ihren Formen und Übergängen – sozial besser eingebettet und abgesichert wird? Ganz klar ist: Wir benötigen ein tragfähiges System. Und das werden wir nur schaffen können, wenn sich die öffentliche Haltung grundlegend ändert. Wenn mütterliche Einsamkeit anerkannt und bekämpft wird, nicht als individuelles, sondern als strukturelles Problem.
Kinder zu bekommen, gilt in der Gesellschaft als individuelle Entscheidung. Sie fordern, dass die Sorge um einsame Mütter eine kollektive Aufgabe sein soll. Wie schaffen wir diesen Wandel?
Einsamkeitspolitik betrifft viele Politikfelder. Systemisch betrachtet brauchen wir eine Politik, die Väter in die Pflicht nimmt. Der Ausbau der Ganztagsbetreuung ist wichtig. Auch Städteplanung könnte Hilfe leisten, denn Einsamkeit wird oft mitgebaut. Es wird nicht mitgedacht, dass Frauen mit ihren Kindern von A nach B kommen müssen, dass sie Orte brauchen, wo Kinder sicher spielen und die Mütter etwas anderes tun können. Wie geht man mit Hitze oder mit anderen Wetterwidrigkeiten um? Gibt es genügend Indoorspielplätze? Vieles ist mit Konsumzwang verbunden, was die Teilhabe von Müttern einschränkt.
Sabine Diabaté: Mutterseelenallein. Warum viele Mütter heute einsam sind und was sich dagegen tun lässt, 2026, Quadriga Verlag | Quadriga Verlag
Nun will man natürlich am liebsten den Staat in die Verantwortung nehmen, aber was können Mütter im Einzelnen tun? Worum können sie zum Beispiel ihr Umfeld bitten oder was können sie ihnen sagen?
Es ist wichtig, möglichst konkret zu sagen, was einem fehlt. Braucht man jemanden zum Reden? Geht es darum, dass mir jemand mein Kind abnimmt, damit ich mich um mich selbst kümmern kann? Aus Umfeldsicht sollte man nicht sagen: Melde dich, wenn du was brauchst. Meist folgt daraus nichts. Stattdessen lieber konkrete Hilfe anbieten: Wie wäre es, wenn ich immer samstags eine Stunde dein Kind nehme, damit du joggen kannst? Und mit den Müttern ins Gespräch kommen. Was brauchst du, um dich besser zu fühlen? Wie kann ich dich konkret unterstützen?
Die Community fragt: Wenn man mit anderen Müttern unterwegs ist, ruft ein Kind immer „Mama“. Die Konsequenz ist: Es ist schwer, in die Tiefe zu gehen bei Treffen mit anderen Eltern. Man verbringt zwar zusammen Zeit, empfindet aber trotzdem Einsamkeit.
Viele haben an solche Treffen zu hohe Ansprüche. Tiefgehende Gespräche sind da kaum möglich. Es geht eher darum, zusammen zu sein. Tiefe Gespräche finden abends statt. Zur Not am Telefon. Das ist wahrscheinlich erfüllender, auch wenn es vielleicht nicht dasselbe ist, wie wenn man sich besuchen lässt.
Welche Faktoren haben sich aus Ihrer Forschung als besonders wirksam erwiesen, um Einsamkeit von Müttern zu bekämpfen?
Verlässliche Kinderbetreuung! Unterstützung in jeglicher Form ist ein Puffer gegen Einsamkeit, Partnerschaft, Großeltern, gute und verlässliche Nachbarschaften. Und was wirklich hilft, und das ist tragisch, sind gute finanzielle Möglichkeiten. Wer kein Geld hat, hat weniger Möglichkeiten, sich Unterstützung einzukaufen und generell weniger Teilhabemöglichkeiten.
Die Community fragt: Was sind ganz konkrete Wege aus einer akuten Einsamkeit als Alleinerziehende eines Kleinkindes?
Als alleinerziehende Mutter erlebt man einen ständigen Zeitmangel. Da ist es enorm wichtig, sich einen Menschen zu suchen, der wirklich verlässlich jede Woche zu einer bestimmten Zeit das Kind komplett übernimmt. Damit man etwas für sich tun kann, das einem guttut, zum Beispiel in einem Chor zu singen. Musik und Bewegung haben einen großen Einfluss auf die mentale Gesundheit.
Die Community fragt: Wie kann man andere unterstützen, wenn man selbst nicht betroffen ist? Gibt es zum Beispiel eine Website?
Auf Facebook oder Nebenan.de organisieren sich Nachbarschaften. Generell kann man in der Nachbarschaft aufmerksamer hinschauen und ins Gespräch kommen. Wenn man selbst Mutter ist, trifft man in der Kita oder Schule sicher auf mindestens eine alleinerziehende Person oder jemanden, der unter der Woche immer allein sein muss. Da gibt es garantiert Möglichkeiten, Kinder zu übernehmen und diesen Müttern Freiraum zu verschaffen.
Die Community fragt: Wie entwickeln sich diese Daten, wenn die Kinder älter werden? Gibt es Hoffnung?
Schwierige Phasen gibt es bis zur Volljährigkeit. Und wenn die Kinder ausziehen, stellt sich für viele Frauen eine Identitätsfrage. Das Empty-Nest-Thema zeigt, wie stark Frauen sich verantwortlich fühlen. In der Forschung dazu sehen wir, dass Männer nicht so stark leiden wie Frauen. Man kann aber sagen: Wenn das jüngste Kind sechs ist, um die Phase der Einschulung herum, wird es leichter. Die Kinder werden selbstständiger.
Redaktion: Nina Roßmann, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger und Christian Melchert