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Hallo!
Hier ist Rico. In den USA war „Bezahlbarkeit“ DAS Thema, das die Zwischenwahlen entschieden hat. Unsere Siegerfrage passt dazu.
KR-Mitglied Andreas will wissen:
„Warum ist es so schlimm, wenn ‚die Wirtschaft‘ auf demselben Niveau bleibt wie im Vorjahr?“
DIE ANTWORT AUF DIE FRAGE⬆ nach oben
Wir brauchen Wachstum, auch wenn wir es hassen⬆ nach oben
Eine Wirtschaft, die schrumpft, tötet. Beispiel Griechenland in den Krisenjahren ab 2010: Die Zahl der Suizide stieg binnen zwei Jahren um ein Drittel. Lehrer berichteten von Kindern, die hungrig in die Schule kamen und im Unterricht umkippten. Die Krankenhäuser verloren mehr als ein Viertel ihres Budgets, Hunderttausende den Zugang zur Gesundheitsversorgung.
Eine Wirtschaft, die so gut wie gar nicht wächst, kann aber auch ganz nett sein. Beispiel Japan in den Jahren 1991 bis 2020: Das Land wuchs im Schnitt um 0,7 Prozent pro Jahr, eine vergleichsweise lächerlich niedrige Rate. Der britische Abgeordnete Ian Davidson sagte 2002 im Parlament trotzdem, er sei oft dort gewesen und: „Meine Güte, wenn das eine Krise ist, hätte ich gern etwas davon in meinem Wahlkreis.“
Die zwei Beispiele zeigen: Eine nicht wachsende Wirtschaft kann sehr unterschiedliche Dinge bedeuten. Griechenland schrumpfte und die Menschen litten. Japan stagnierte einfach und das Leben ging weiter.
Warum kann nicht jedes Land wie Japan in diesen Jahrzehnten sein? Weil es ein Zerrbild ist.
Warum Japan kein Vorbild ist⬆ nach oben
In Wahrheit ist Japan gut gewachsen – wenn wir den Wohlstand pro Kopf der Erwerbsbevölkerung anschauen. Da es aber gleichzeitig zu wenig Kinder gab, blieb das Gesamtwachstum mau. Und Japan hat sich diese Zeiten teuer erkauft: mit Staatsschulden von mehr als 200 Prozent der Wirtschaftsleistung, die jetzt bei steigenden Zinsen zum Problem werden können.
Mit dem Wirtschaftswachstum in unserer Welt ist es wie mit der Klimaanlage im ICE. Erst wenn sie ausfällt, fällt auf, wie wichtig sie ist.
Wachstum ist das Rückgrat moderner Gesellschaften, nicht nur der Wirtschaft, sondern des ganzen Staatswesens.
Ein Beispiel ist die sogenannte Produktivitätsfalle. Sobald eine Firma es schafft, mit weniger Arbeit das gleiche Ergebnis zu erzielen, wird sie produktiver. Das bedeutet erst mal: weniger Arbeitsstunden. Wächst die gesamte Wirtschaft nicht mindestens so schnell wie die Produktivität, verliert jemand seinen Job. Klingt harmlos im Kleinen. Aber die Produktivität je Arbeitsstunde ist in den vergangenen 100 Jahren in Deutschland um mehr als 1.000 Prozent gestiegen, sie hat sich fast verzwölffacht. Wachstum ist nötig, um Massenarbeitslosigkeit zu verhindern.
Wenn der Kuchen nicht mehr wächst⬆ nach oben
Ein weiteres Beispiel: die Staatsschulden. Die Fachleute haben hier eine einfache Faustregel: Solange die Wirtschaft schneller wächst als die Zinslast, sind Schulden kein Problem. Die Regierung kann sie aus den steigenden Steuereinnahmen bedienen. Genau das sehen wir aktuell in Deutschland: Ohne Wachstum frisst die Zinslast den Spielraum für alles andere.
Würden wir davon ausgehen, dass Deutschlands Wirtschaft nicht mehr wächst, würde die Bundesregierung in ein paar Jahren eigentlich nur noch für drei Dinge Geld ausgeben: Panzer, Renten und Zinsen. Schon im Haushaltsentwurf für 2027 binden diese drei Posten rund die Hälfte der Ausgaben. Das würde keine Bevölkerung mehr mitmachen. Die Jungen würden in den Aufstand gehen, so wie sie es gerade in vielen europäischen Ländern tun.
Wachstum ist also in der Logik unseres Systems auch ein Friedensmittel. Bleibt der zu verteilende Kuchen gleich groß oder schrumpft gar (wegen der Zinszahlungen!), wird alle Politik zum Nullsummenspiel: Alte gegen Junge, hier Geborene gegen Eingewanderte, Bürgertum gegen Arme.
Ich könnte weitermachen. Löhne, Kultur, Offenheit von Gesellschaften, Innovationen. Egal, welchen Bereich wir anschauen: Mit Wachstum wird alles leichter. Löhne steigen, Menschen sind entspannter und offener für Neues, weil sie keine Angst haben. Unternehmer und Erfinder können ins Risiko gehen. Aber natürlich kennen wir alle seine schlimmen Folgen: die Umweltzerstörung, der Raubbau an Natur und menschlicher Seele, die Korruption und die Gier.
Meine Kollegin Rebecca Kelber nannte deswegen unsere Beziehung zum Wachstum „toxisch“: „Wir brauchen es, aber viele mögen nicht mehr, was es mit sich bringt.“ Und toxische Beziehungen haben alle eines gemein: Es ist oft besonders schwer, ihnen zu entfliehen.
Exklusiv für KR-Mitglieder
Wer bei den US-Wahlen schwarzgesehen hat, lag falsch. Und nicht nur dort.
Die Demokraten gewannen noch deutlicher als erwartet, kurz davor fielen die Langzeit-Autokraten in Ungarn und Serbien. Isolde zeigt, warum das kein Zufall ist und warum die Welt eher wie ein Jojo funktioniert als wie ein Lineal.
DAS POLITISCHE VORFELD: POP X POLITIK⬆ nach oben
Eine Nacht mit Putins Strippenzieher⬆ nach oben
Ich habe zwei kleine Kinder und komme kaum zum Lesen. Dieses Buch habe ich trotzdem in 24 Stunden durchgelesen, in jeder freien Minute.
In „Der Magier im Kreml“ erzählt der italienisch-schweizerische Politikwissenschaftler Giuliano da Empoli von Vadim Baranow, Putins Chefstrategen. Eine Nacht lang erklärt Baranow einem französischen Wissenschaftler, wie Macht in Russland funktioniert.
Es ist ein Roman, kein Sachbuch. Ob jedes Detail stimmt, sollen Historiker klären. Aber kein Buch hat mich so tief in die Denkwelt der anderen Seite mitgenommen: wie Putin und seine Leute die Welt sehen und mit welchen Methoden sie herrschen.
DIE VOLKSABSTIMMUNG⬆ nach oben
Worüber sollen wir nächste Woche schreiben?⬆ nach oben
Gib jeder Frage einen bis fünf Sterne, die mit den meisten Sternen beantworten wir.
1. Was dürfte ein AfD-Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt allein entscheiden?
2. Wie kann sich Russland den Krieg noch leisten?
3. Was ist aus Nicolás Maduro geworden?
4. Warum bekommen wir aus unseren Nachbarländern so wenig mit?
5. Ist KI überhaupt regulierbar?
Eigene Frage? Dann stell sie uns hier.
Letzte Woche haben 623 von euch abgestimmt. 🏆 Die Rückabwicklung autoritärer Systeme (4,00 Sterne) bekommt einen langen Text im Magazin, Platz 2 zum Wirtschaftswachstum (3,99) habe ich oben beantwortet.
Die Nachricht, die du diese Woche ignorieren kannst
Deutschland, die KI-Nation⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Gerade traf sich die Spitze der deutschen Digitalwirtschaft ganz oben (wie es sich für eine Spitze gehört) zum Digitalgipfel mit der Bundesregierung. Da riefen die Anführer aus, dass Deutschland bis 2030 „KI-Nation“ werden soll. Ein Budget gibt es dafür nicht, Gesetze auch nicht. Also völlig egal. Wir warten lieber weiter auf die „KI-Gigafactory“, eine Großrechenanlage, die 2025 versprochen wurde und 2027 eröffnet werden soll. Die Ausschreibung läuft noch …
Redaktion: Isolde Ruhdorfer