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Hi!
Schön, dass du dabei bist – bei der Premierenausgabe unseres neuen Newsletters Krux. Ab sofort beantworten wir jeden Donnerstag eine Frage aus Politik, Wirtschaft und Klima, die dich (und uns) umtreibt.
Das Motto: Wo es kompliziert wird, fangen wir an. Klingt ein wenig größenwahnsinnig, ist aber genau der Eindruck, den wir in den letzten Jahren von euch, unseren Leserinnen und Lesern, gewonnen haben: Ihr seid bereit, tiefer zu bohren – und wir sind es auch.
Du findest in jeder regulären Ausgabe zwei Umfragen: eine, um Fragen einzureichen, und eine, um über eine von uns vorsortierte Auswahl abzustimmen. Die Gewinnerfrage beantworten wir in einer der nächsten Ausgaben.
Da das hier Numero Uno ist, gab es noch keine Abstimmung – dafür aber schon 133 Fragen, die sich angesammelt haben. Ich habe sie alle gelesen und mir eine ausgesucht, die angesichts von Milliardärs-Techbros und Jugendprotesten in Frankreich oder Italien gerade hochrelevant ist:
Annette fragt:
„Wieso ist es so schwer, die Schere zwischen Arm und Reich wieder etwas zu schließen? Es war ja nicht immer so in Deutschland.“
Wichtige Frage! Nur würde ich direkt die Prämisse hinterfragen: Es war schon immer so in Deutschland. Geringe Ungleichheit ist die Ausnahme, nicht die Regel:
Die Antwort auf die Frage
Das war das vielleicht radikalste Gesetz der Bundesrepublik⬆ nach oben
Der Bundestag beschließt eine Abgabe von 50 Prozent auf alle Vermögen. Und der SPD ist das noch zu lasch.
Genau das ist passiert: 1952, im kapitalistischen Westdeutschland. Der sogenannte Lastenausgleich ging mit 209 zu 144 Stimmen durch. Die Sozialdemokraten stimmten dagegen, denn das Gesetz schone die Vermögenden zu sehr, fanden sie.
In Deutschland hatte sich nach dem Weltkrieg Explosives zusammengebraut: Millionen Ausgebombte und Vertriebene standen vor dem Nichts, Sparer hatten in der Währungsreform einen großen Teil ihres Geldes verloren – doch wer Häuser, Ländereien und Betriebe besaß, hielt seinen Reichtum noch immer weitgehend zusammen. Viele Fabrikanten hatten in den Jahren des totalen Krieges sogar Reibach gemacht.
Jetzt mussten die Vermögenden zahlen, damit sich die Kriegslasten gerechter verteilten. Sie taten es in Vierteljahresraten, fast 30 Jahre lang – bis 1979.
„Mit dem Lastenausgleich wurde Deutschland zu einem der gleichsten Länder, noch bevor das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit einsetzte“, schreiben die drei Ökonomen Thilo Albers, Charlotte Bartels und Moritz Schularick in einer Untersuchung für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
Der Lastenausgleich war damit eines der wichtigsten Gesetze der deutschen Geschichte. Er schuf eine Welt und eine Kultur, die wir in Deutschland lange für normal hielten. Gleiche Chancen, gleiche Zugänge – Wohlstand für alle! Das sind Grundlagen dieser Republik. Oder waren es.
Denn sie wackeln. Seit Jahren sammelt sich immer mehr Vermögen bei den Menschen an der Spitze. Besaß das reichste Prozent im Jahr 1950 knapp 22 Prozent des gesamten Vermögens, sind es heute 28 Prozent.
Die Vermögen holen damit nach, was die Einkommen längst hinter sich haben.
Bei ihnen schloss sich die Schere zwischen Topverdienern und Niedriglöhnern in den Vorkriegs- und Kriegsjahren. In den 1950er Jahren dann verdienten die Top-10-Prozent schon wieder sehr gut, zeitweise lag ihr Anteil höher als in der Weimarer Republik. Die Einkommensungleichheit stieg und stieg, bis sie in den 2000er Jahren zum Stehen kam. Dort verharrt sie bis heute auf hohem Niveau. „Mitte der 2000er Jahre übertraf der Anteil der obersten zehn Prozent das Niveau vor dem Ersten Weltkrieg“, schreibt die Ökonomin Charlotte Bartels in einer Langzeitstudie zu den deutschen Spitzeneinkommen.
Diese Zahlen werfen eine unangenehme Frage auf: Was ist, wenn das, was wir für normal halten, die Ausnahme war? Was ist, wenn große ökonomische Ungleichheit für menschliche Gesellschaften schon immer normal war und die soziale Marktwirtschaft bislang höchstens zur Fußnote taugt – ein wunderliches Ding der Wirtschaftsgeschichte, über das sich spätere Generationen beugen werden wie über ein seltenes Fossil?
Deutschland ist kein Einzelfall. Der französische Ökonom Thomas Piketty zeigte, dass die Ungleichheit in allen großen westlichen Ländern nach dem Krieg schrumpfte, nur um dann wieder zu steigen. In Deutschland war der Bruch aber härter: Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise, die Nazis enteigneten die Juden, die Sowjets die Großgrundbesitzer im Osten und natürlich hatte der Krieg direkte Folgen.
„Nicht gewaltfreie demokratische Rationalität hat im 20. Jahrhundert tabula rasa mit der Vergangenheit gemacht, sondern die Kriege waren es“, schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty in „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Der österreichische Historiker Walter Scheidel springt ihm in „The Great Leveler“ bei: „Gesellschaften, die von großen gewaltsamen Erschütterungen verschont blieben, erlebten kaum je eine starke Verringerung der Ungleichheit.“
Wer heute Ungleichheit senken will, muss das im Hinterkopf behalten. Das verändert den Blick auf die Mittel. Wer einen historischen Trend ohne Gewalt aushebeln will, braucht entsprechend mächtige Werkzeuge. Der Lastenausgleich war so ein Werkzeug. Allerdings – und da spreche ich einfach für dich und mich – will niemand die Zustände zurück, die den Lastenausgleich im Jahr 1952 durchsetzbar machten.
Es muss einen anderen Weg geben: punktueller vielleicht, aber in der Logik des Lastenausgleichs.
Ein Beispiel: Seit März 2025 darf der Bund für die Bundeswehr praktisch unbegrenzt Schulden machen. Wir rüsten auf, um alle Menschen in Deutschland zu schützen. Aber manche von ihnen haben bei einem Angriff mehr zu verlieren als andere.
Wäre es da nicht fair, wenn genau diese Menschen, die mehr zu verlieren haben, eine Sonderabgabe zahlten? Zumal Kriege, das zeigen Daten aus den USA und Russland, vor allem die Kinder der Ärmeren das Leben kosten.
Man würde ihnen im Ernstfall erzählen, sie zögen in den Krieg, um ihre Heimat und das Leben ihrer Liebsten zu schützen – was nicht falsch wäre. Sie würden aber eben noch etwas anderes schützen: die Villen am Tegernsee.
Das politische Vorfeld: Pop x Politik
Die Sandwürmer von Dune⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Bald kommt der dritte Teil der vor allem optisch großartigen Dune-Verfilmung von Denis Villeneuve in die Kinos, und ich möchte euch als Einstimmung diesen originellen Videoessay mitgeben. 30 Minuten, und du wirst deinen Blick schärfen für, na klar, die Welt von Dune, aber vor allem für Fragen der Herrschaft. Wie wir Menschen unser Zusammenleben organisieren, ist viel mehr Folge der Umwelt, als wir wahrhaben wollen. Wer Weizen anbauen muss, organisiert sich anders als ein Nomadenvolk – und wer auf einem Sandplaneten lebt, anders als Erdenbewohner. Wer Yuval Harari mag, mag auch dieses Video!
Die Volksabstimmung
Worüber sollen wir nächste Woche schreiben?⬆ nach oben
Das Hauptthema jedes Newsletters widmen wir immer einer Frage von euch. Fünf stehen in unserer Umfrage zur Wahl. Gib jeder Frage einen bis fünf Sterne, dauert 30 Sekunden. Die Frage mit den meisten Sternen beantworten wir in einer der nächsten Ausgaben.
1. Bricht Innenminister Dobrindt an den Grenzen EU-Recht? Und warum passiert ihm nichts?
2. Was passiert, wenn Putin stirbt?
3. Was hat die Regierung eigentlich schon Gutes hinbekommen?
4. Soll man die „Spaltung der Gesellschaft“ überhaupt überwinden wollen?
5. Was ist eigentlich aus dem Demokratiefördergesetz geworden?
Du hast selbst eine Frage, die dich umtreibt? Dann stell sie uns hier. Vielleicht steht sie nächste Woche zur Wahl.
Die Nachricht, die du diese Woche ignorieren kannst
Deutschlandtag der Jungen Union⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
Am vergangenen Wochenende hat sich die „Junge Union“ (Alter des Vorsitzenden: 34) zu ihrem großen Deutschlandtag getroffen. Der Kanzler war auch da. Und alle jene Männer, die ihn beerben wollen. Sonst ist nichts passiert. Trotzdem war es zwei Tage lang Aufmacher der Nachrichten. 🤷
Redaktion: Isolde Ruhfdorfer