Als sich Claudia Neumann auf den Weg zu dem Hof gemacht hatte, den ihr Großvater vor mehr als 80 Jahren zurücklassen musste, wusste sie nicht, was passieren würde. Es war im Juni, Neumann und ihre Verwandten waren nach Polen gefahren, um sich den Ort ihrer Herkunft anzuschauen. Sie hatte sich genau überlegt, wie sie es schaffen könnten, die Menschen möglichst wenig zu überrumpeln, an deren Haustür sie klopfen wollten. Aber es kam dann eh ganz anders.
Die Fahrt nach Polen ist knapp zwei Monate her, als mir Claudia Neumann ihre Wohnungstür öffnet. Sie will davon erzählen, weil sie das Gefühl hat, etwas erlebt zu haben, das dem widerspricht, was sie in den Nachrichten hört. Und weil sie gerade etwas aufarbeitet, das der Generation ihrer Großeltern widerfahren ist. Auf dem Tisch hat Neumann, schulterlange schwarze Haare, schwarze Bluse, mehrere Ordner bereitgelegt, darin versammeln sich mehr als 100 Jahre Familiengeschichte in Klarsichtfolien. An den Trennern am Rand steht handschriftlich: „Urkunden“, „Thüringen“ oder „Kochalle“.
Es ist eine Welt, in die sie erst seit einigen Jahren eintaucht, seit sie anfing, ihre Familiengeschichte zu recherchieren. „Von meinem Großvater hieß es immer, er stammt aus Polen“, sagt sie, als sie im Wohnzimmer am Esstisch sitzt, „aber ich habe mir nie Gedanken gemacht, was das für ihn und seine Familie bedeutete.“ Heute weiß sie: Der genaue Ort, aus dem ihr Großvater kommt, heißt Kochalle, auf Polnisch Chachalnia. Er ist knapp fünf Stunden Autofahrt von Berlin entfernt.
Aus Erzählungen und Dokumenten hat sie erfahren, dass Teile der Familie ihrer Großeltern 1944/45 von dort fliehen mussten. Ein anderer Teil wurde vertrieben. „Mir war früher nicht bewusst, dass wir aus einer Familie von Geflüchteten und Vertriebenen stammen“, sagt Neumann. Erst heute versteht sie das Ausmaß und hat das Gefühl, dass die Geschichte ihres Großvaters auch ihr Leben geprägt hat.
Das 20. Jahrhundert war das „Jahrhundert der Massenvertreibungen“⬆ nach oben
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs begann eine der größten Fluchtbewegungen Europas. Rund 14 Millionen Deutsche im östlichen und südöstlichen Europa waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Das 20. Jahrhundert wird als das „Jahrhundert der Massenvertreibung“ bezeichnet. In der gesamten späteren DDR waren fast ein Viertel der Bevölkerung Vertriebene.
Neumann wurde in der Prignitz geboren, im Norden Brandenburgs. Heute lebt sie in Berlin, im Wohnzimmer ihrer Wohnung stapeln sich Bücher in den Regalen, auf dem Balkon rankt der Efeu. Zwischen ihrem Geburtsort Prignitz und ihrem Wohnort Berlin liegen fast ein ganzes Leben und sehr viele Stationen. Neumann studierte erst in Leipzig Medizin, machte einen Facharzt in Physiologie, reiste kurz danach in den achtziger Jahren aus der DDR aus und lebte 25 Jahre in Hannover. Sie wurde Anästhesistin, machte noch eine tiefenpsychologische Psychotherapieausbildung und baute eine Tagesklinik für ambulantes Operieren auf.
Aber was sie auch tat, Neumann hatte nie das Gefühl, beruflich anzukommen. Sie versuchte es mit einer Ausbildung für PR und Öffentlichkeitsarbeit, mit einem Studium für Schreibberatung, einer Astrologie-Ausbildung, einem Fotografie- und einem Bildhauerkurs. Neben dem Esstisch hängen abstrakte Fotografien von Licht und Schatten und in den Ecken stehen glatt geschliffene, eiförmige Steinskulpturen. „Ich habe mich mein ganzes Leben lang getrieben gefühlt“, sagt Neumann.
„In dem Wort ‚Vertriebene‘ steckt das Wort ‚getrieben‘ ja schon drin“, sagt sie. Neumann glaubt, dass dieses Gefühl, das ihr Leben bestimmte, mit ihrer Familiengeschichte zusammenhängt.
Die Vertriebenen sprachen damals nicht gerne über ihre Geschichte⬆ nach oben
Schon Ende der neunziger Jahre interessierte sie sich für ihre Familiengeschichte. Sie fragte ihre Mutter, ihre Cousins und Cousinen fragten ebenfalls bei ihren Eltern nach. „Dann hat natürlich jeder andere Informationen erhalten, weil jeder andere Erinnerungen hat und manchmal haben sich die Erinnerungen auch widersprochen.“ Die Internetforen damals lieferten kaum Informationen.
Das Internet heute hat es ihr leichter gemacht, genauso wie die KI. Mit den Erzählungen, gesammelten Dokumenten und dem historischen Kontext schrieb sie eine „Familienchronik“. Es ist ein Schnellhefter mit mehreren Dutzend Seiten Text, auf denen sie notierte, was sie über ihre Vorfahren herausfinden konnte. Auf der ersten Seite ist das Hochzeitsfoto ihrer Großeltern: Der Großvater hat einen Zylinder in der Hand, die Großmutter trägt ein weißes Kleid und einen Schleier. Sie schauen ernst, wie es Paare auf Fotos damals oft taten.
Als sich Neumann in die Geschichte eingrub, merkte sie, dass die Vertriebenen im Nachkriegsdeutschland nicht besonders gerne über ihre Erfahrungen sprachen. „Ich denke, das hängt damit zusammen, dass sich die Menschen durch die Vertreibung und die Flucht nirgends zugehörig fühlten und nirgendwo so richtig ankamen“, sagt sie. „Sie wurden damals nicht mit offenen Armen empfangen und wollten deshalb nicht auffallen, einfach nur dazugehören.“
In der DDR war es wahrscheinlich noch weniger Thema als in der BRD. Die Sowjetunion war der Große Bruder der DDR und die Rote Armee galt als Befreierin. „Auch bei unserer Familie hat der Vormarsch der Roten Armee dazu geführt, dass viele geflüchtet sind“, sagt Neumann. „Und wie viel Grauen und Grausamkeit es dadurch gab, darüber wurde in der DDR geschwiegen.“
Sie sammelte Urkunden, Kopien von Urkunden und entzifferte eine Rede in Sütterlin⬆ nach oben
Die erste Welle der Flucht begann schon 1944, als die Rote Armee immer weiter in Richtung Westen vorrückte. Anschließend vertrieb Polen die Deutschen gezielt. Teils aus Rache, schließlich hatten sie ein brutales deutsches Besatzungsregime erleiden müssen. Teilweise wegen der „Westverschiebung Polens“, bei der Teile Ostpolens der Sowjetunion zugeschlagen wurden. Die dort lebende polnische Bevölkerung wurde in den Westen Polens umgesiedelt, von wo die Deutschen vertrieben wurden.
Neumann zeigt ein Foto des evangelischen Friedhofs von Kochalle/Chachalnia. Die Grabsteine sind von Pflanzen überwuchert. An diesem Ort wurden viele ihrer Vorfahren begraben, denn Neumanns Großvater gehörte zu einer alteingesessenen evangelischen Familie im Dorf. Es liegt im Kreis Krotoszyn, zwischen Posen und Breslau. Ihre Großmutter stammt ursprünglich aus Thüringen und wanderte Anfang des 20. Jahrhunderts in dieselbe Gegend in Polen aus. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel die Provinz Posen an Polen und die Menschen wurden über Nacht zu polnischen Staatsbürgern. 1939 überfiel Nazi-Deutschland Polen und annektierte das Gebiet als „Reichsgau Wartheland“. Und dann waren die Menschen in dieser Gegend plötzlich Deutsche.
Neumann las sich in diese Geschichte ein. Sie wollte verstehen, was ihre Vorfahren dazu brachte, das Gehöft zurückzulassen, auf dem sie seit Generationen gelebt hatten. Sie sammelte Urkunden und Kopien von Urkunden, ihre Cousins und Cousinen schickten ihr, was sie bei sich zuhause oder ihren Eltern fanden. Die älteste ist die originale Geburtsurkunde ihrer Großmutter aus dem Jahr 1903, ein vergilbtes Papier in einer Klarsichtfolie.
Eine von Neumanns Cousinen fand die Abschrift einer Rede, die der Bruder ihres Großvaters 1976 zur goldenen Hochzeit einer seiner Schwestern hielt. Neumann zieht die Kopie davon aus dem Ordner, knapp 15 eng beschriebene Seiten in Sütterlin. „Ich habe versucht, die Rede einzuscannen und von der KI transkribieren zu lassen, aber das hat überhaupt nicht geklappt“, sagt sie. Also musste sie es selbst versuchen. Sie konnte schon ein bisschen Sütterlin lesen und mit ein bisschen Übung wurde es immer einfacher.
So erfuhr sie zum Beispiel von dem „Leiden“ ihrer Urgroßmutter. Diese war gerade allein auf dem Hof, als Deutschland 1939 Polen überfiel. Ihr Mann musste polnische Staatsakten nach Warschau bringen. Neumann nimmt an, dass die Urgroßmutter von deutschen Soldaten bedroht worden ist, in der Rede ist von einem „deutschen Maschinengewehr“ die Rede, das auf dem Küchentisch in Stellung war. Neumann weiß nicht, was genau ihrer Urgroßmutter widerfuhr, nur, dass sie danach verstört und depressiv war. Sie wurde irgendwann tot im Brunnen aufgefunden. Es ist unklar, ob es ein Unfall war, Mord – oder Suizid.
Irgendwann fuhren sie mit einer Gruppe von 14 Verwandten hin, auch wenn sie keine genaue Adresse hatten⬆ nach oben
„Wir Menschen sind alle verwickelt in die große Weltpolitik, die bis in jede Familie und ihre Wohnung reicht“, heißt es in der Hochzeitsrede. Und jede Familie in Polen spürte den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Als Nazi-Deutschland die Region um Kochalle/Chachalnia, genannt „Warthegau“, annektierte, lebten dort etwa sieben Prozent Deutsche. Die Nazis wollten das Gebiet „eindeutschen“, deportierten und ermordeten die Jüdinnen und Juden und vertrieben rund 600.000 Polinnen und Polen aus dem Warthegau.
Die deutschen Familien mussten zusehen. Fliehen durften sie nicht. Das hatte Hitler verboten, damit die Kriegsmoral nicht untergraben wird. Erst als die Rote Armee kurz vor den Toren des Dorfes Kochalle/Chachalnia stand, fuhr eine der Schwestern von Neumanns Großvater mit dem Pferdewagen los, bei Eiseskälte. Der Winter 1944/45 war besonders streng. Der Vater von Neumanns Großvater weigerte sich, den Hof zu verlassen und wurde 1945 vertrieben. Er ging zu Fuß in die Prignitz, hunderte Kilometer. Kurz nach seiner Ankunft starb er an den Folgen dieser Anstrengung.
Es sind Geschichten wie diese, die Neumann interessieren. Die Frage, wo sie herkommt und was ihre Verwandten geprägt hat. Vor allem, weil sie das Gefühl hat, dass es ihr Leben und ihren Charakter beeinflusst hat. Die Epigenetik ist ein Teilbereich der Biologie, der erforscht, inwiefern äußere Umstände beeinflussen, welche Gene aktiviert werden. Der Effekt wurde zuerst bei Holocaust-Überlebenden nachgewiesen, deren Nachkommen epigenetische Veränderungen aufwiesen.
Neumann hat drei Geschwister und viele Cousins und Cousinen. Irgendwann nahmen sie sich vor, gemeinsam zu dem Ort zu fahren, aus dem ihre Großeltern stammten. Eine Adresse hatten sie nicht. Allerdings hatte eine Schwester ihres Großvaters den Hof ihrer Kindheit einmal besucht und deshalb wussten sie, dass er neben dem alten Schulgebäude liegt.
Insgesamt waren sie eine Gruppe von 15 Leuten. Die jüngste Person war Anfang 20, die älteste Mitte 70. Neumann buchte Zimmer in einem Tagungshotel in Krotoszyn, und an einem Freitag im Juni dieses Jahres reisten sie alle nach und nach mit dem Auto an.
Mehrere Bekannte rieten ihnen von der Reise ab. Neumann fuhr trotzdem⬆ nach oben
Neumann hatte sich vorher umgehört, ob jemand für sie übersetzen könnte. Mehrere polnische Bekannte rieten ihnen ab, nach Kochalle/Chachalnia zu fahren. Die Menschen auf dem Hof könnten Angst haben, dass Neumann und ihre Familie den Hof zurückhaben wollen. Einer sagte, dass die Leute dort nicht gut auf Deutsche zu sprechen seien. Neumann und ihre Verwandten fuhren trotzdem. „Weil es uns so wichtig war“, sagt sie. „Wir wollten ein Gefühl dafür bekommen, wo unsere Großeltern herkommen.“
Bis heute fordert Polen immer wieder Reparationszahlungen von Deutschland. Der Schmerz über die Verbrechen der Nazis sitzt tief. Die rechtspopulistische PiS-Partei nutzt diesen Schmerz aus und macht immer wieder Wahlkampf mit antideutschen Ressentiments.
Für Deutschland bedeutet das eine sehr grundsätzliche Frage: Wie geht eine angemessene Erinnerung an die Flucht und Vertreibung der Deutschen? Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg begonnen und vor allem in Ost- und Mitteleuropa grausame Verbrechen begangen. Gleichzeitig haben zum Ende des Zweiten Weltkriegs auch Deutsche gelitten. Das Gedenken daran, ohne die Verbrechen der Deutschen zu relativieren, ist nicht immer leicht.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf standen Neumann und ihre Verwandten im Juni dieses Jahres in Kochalle/Chachalnia und warteten vor dem alten Schulgebäude. Es war Samstag, ein Sommertag, bewölkter Himmel. Zu dem Hof führte ein etwa 50 Meter langer Schotterweg. Sie wussten nicht, wer dort wohnt oder ob überhaupt jemand zuhause ist. Weil sie keine konkrete Adresse hatten, konnten sie vorher nicht anrufen oder einen Brief schreiben. Ihre Übersetzerin, eine Frau aus der Gegend, ging zunächst alleine vor.
Neumann und ihre Verwandten erfuhren, dass auf dem Hof ein Ehepaar wohnt, das ungefähr in den Sechzigern ist. Die beiden erklärten sich bereit, die Gruppe in Empfang zu nehmen, und so gingen Neumann und ihre 14 Verwandten den Weg entlang auf den Hof zu, wo Neumanns Großvater geboren worden war. Sie standen eine halbe oder dreiviertel Stunde im Freien, unterhielten sich und machten Fotos. Neumann zeigt sie auf ihrem Handy, man sieht ein altes Gebäude, rundherum ist es sehr grün. Die Fotos sind ein bisschen durcheinander, sie und ihre Verwandten schickten sich hinterher viele Fotos, die sie alle auf ihrer kleinen Reise gemacht hatten.
Als sie sich verabschiedeten, nahm die Bewohnerin des Hofs Neumann in den Arm und drückte sie ganz fest. Und dann brach die polnische Frau in Tränen aus. „Es war so, als ob sie Angehörige verabschieden würde“, sagt Neumann, „als würde ein Last von ihr abfallen.“ Vielleicht hat sie das Wissen belastet, auf dem Hof von Vertriebenen zu leben, glaubt Neumann, und empfand das Treffen als Versöhnung. Schließlich muss das Ehepaar seit den achtziger Jahren, als schon einmal eine von Neumanns Verwandten zu Besuch war, von der Geschichte des Hofs gewusst haben.
„Ich war so froh, dass sie uns mit den vielen Leuten so herzlich aufgenommen haben, dass ich gar nicht so viele Fragen gestellt habe“, sagt sie. Sie weiß zwar, dass das Ehepaar seit den achtziger Jahren auf dem Hof wohnt, aber nicht, ob sie ihn geerbt oder gekauft hatten. Neumann will nochmal Kontakt zu ihnen aufnehmen, sie denkt auch darüber nach, nochmal hinzufahren.
„Das Ganze arbeitet in mir“, sagt Neumann. Sie glaubt, dass epigenetische Markierungen auf ihrer DNA liegen, verursacht durch die Erlebnisse ihrer Vorfahren, aber dass sich diese Anlagen der transgenerationalen Vererbung rückgängig machen lassen. „Ich denke, dass ich das aufgelöst kriege“, sagt sie. „Vielleicht nicht heute und nicht morgen, aber ich bin auf dem Weg.“
Auf jeden Fall will sie sich aber weiterhin mit ihren Cousins und Cousinen treffen. Nächstes Jahr wollen sie alle gemeinsam nach Thüringen fahren. Und dort die Geschichte ihrer Großmutter erforschen.
Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey.