Krautreporter

Warum Straßenfotografie in einer Krise steckt

von Michael Ernest Sweet
etwa 8 Min. Lesedauer

Straßenfotografie ist inzwischen so ein mehrdeutiger Überbegriff in der Welt der Fotografie, dass er eigentlich keinen Sinn mehr ergibt. Das brillante und altehrwürdige Werk großer Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, Walker Evans, Vivian Maier, Robert Frank, Josef Koudelka, Elliott Erwitt, Joel Meyerowitz und Mary Ellen Mark ist im selben Topf gelandet wie hunderttausende stumpfe, abgedroschene, verdeckt aufgenommene Bilder von wahllosen Fremden, die unverbesserliche Fotografen jeden Tag knipsen.

Doch ist es wirklich ein und dasselbe? Hat das körnige Foto à la Bruce Gilden von jemandes Großmutter auf Einkaufstour, das derzeit auf Facebook die Runde macht, eigentlich irgendeinen künstlerischen Wert? Nach meiner Ansicht muss vieles von dem, was wir kennen und heute Straßenfotografie nennen, auf den Prüfstand.

In der bildenden Kunst muss man zeichnen können, was Geschick und Training voraussetzt. Wer darauf verzichtet und schlecht zeichnet, wird wahrscheinlich das Zeichnen aufgeben. Ähnlich werden in der literarischen Welt die meisten, die nicht gut schreiben, mit dem Schreiben aufhören.

Wer nicht zeichnen kann, hört bald auf damit - das scheint bei der Straßenfotografie nicht zu gelten

Interessanterweise ist dies bei der Straßenfotografie nicht der Fall. Menschen mit praktisch keinem fotografischen Talent, ohne Ausbildung oder Vision produzieren und vertreiben weiter ihre „Street Photography“. Darüber schreibe ich in diesem Artikel, nicht über die Arbeit der oben genannten Personen oder anderen, die Arbeit von ähnlicher Qualität abliefern. Unbestritten ist einiges von dem, was als Straßenfotografie bezeichnet wird, wichtig, engagiert, gut gemacht und wird zu Recht als Kunst bezeichnet. Die Wahrheit ist aber auch, dass es sich dabei um einen sehr kleinen Teil von dem handelt, was produziert und heute Straßenfotografie genannt wird.

Existiert dieses Problem auch in anderen Genres der Fotografie? Gibt es eine Reihe unfähiger Modefotografen, die sich auf den Fahrbahnen der Datenautobahn trollen und mit ihren entsetzlichen Modefotos hausieren gehen? Wahrscheinlich, doch wegen des leichten Zugangs zur Straßenfotografie (weder Studio noch teure Ausrüstung und anscheinend auch keine wirkliche Zielgruppe sind nötig) gibt es eine Flut von Straßenfotografen im Vergleich zu den anderen Segmenten der Branche.

Das wirft die naheliegende Frage auf, warum es diese schlechte Straßenfotografie überhaupt gibt? Würde nicht der natürliche Selektionsprozess im großen, bösen Internet das Problem für uns erledigen?

Nun, nein. Ein Großteil dieser schlechten Fotografie, den wir Amateurstraßenfotografie nennen könnten, wird in einem Kreislauf aus Liebe-/Hass-Gefühlen verewigt. Und keines davon wird vom Inhalt der tatsächlichen Fotos ausgelöst. Folgendes scheint zu geschehen:

Leute gehen auf die Straße und fotografieren planlos Fremde (oft mit langen Objektiven, die jeglichen Hintergrund verwischen) und posten sie dann in ihre Social-Media-Kanäle wie Flickr, Facebook, 500px etc. Ihre Freunde „liken“ sie und andere - vielleicht diejenigen, die auf die Aufmerksamkeit, die sie bekommen, eifersüchtig sind - verreißen sie zumindest ein bisschen. Oft ergeben sich daraus regelrechte Kommentarkriege. Keine Rolle spielt dabei, ob das Bild in ästhetischer Hinsicht gut ist. Meistens ist es das nicht.

Es gibt keinen Fokus, keine Vision in zeitgenössischen Straßenbildern

Bitte verstehen Sie meine Worte hier nicht so, dass es nicht möglich ist, aus Schlichtheit eine Tugend zu machen. Es ist möglich. William Eggleston hat es getan, authentisch und berühmt. Aber es gibt eine Schlichtheit, eine Banalität in zeitgenössischen Straßenbildern, der jede Absicht des Banalen fehlt - das heißt, es gibt einfach keinen Fokus, keine Vision.

Es scheint so, als sei inzwischen jedes denkbare Straßenfoto gemacht. Also, wohin jetzt? Eine Richtung könnte sein, mit der Straßenfotografie zurück zu deren Wurzeln zu gehen, was Vision oder Ziel betrifft. Viele der frühen Straßenfotografen (heute als die Großen gefeiert) hatten die Vision und das Ziel, etwas Ästhetisches hervorzubringen, das oft mit einer gewissen Form der Dokumentation verbunden war – zum Beispiel sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Art. Sie wollten uns etwas zeigen.

Ich bin nicht überzeugt, dass viele der aktuellen Straßenfotografen solche hochtrabenden Ambitionen haben, oder überhaupt Ambitionen. Was soll uns eigentlich gezeigt werden? Vielleicht ist der Punkt in der Tat, nichts zu zeigen, vielleicht ist der Akt des Fotografierens, des Sammelns von Material, des Durchstreifens der Straßen der Hauptantriebspunkt für diese Gattung der Fotografie? Unbestritten wird Straßenfotografie fast so häufig ausgeübt wie andere Vergnügungen wie Sex und Tanzen. Vielen Dank, Susan Sontag. Aber wenn wir eine Freizeitbeschäftigung suchen, warum dann diese ganze ungastliche Konkurrenz?

Ich kenne einen Fotografen, der vor kurzem (öffentlich) einen sehr talentierten und kompetenten Straßenfotografen kritisiert hat, der einige wirklich nennenswerte Bilder produziert hat. Als ich mir das Portfolio dieses „Kritikers“ ansah, fand ich nur Fotos von „Stacheldraht“ und von Kindern - offensichtlich seine eigenen Kinder.

Ein anderes Mal stolperte ich über eine „bekannte“ Straßenfotografin, die tausende von „Likes“ bekommen hat, ungeachtet der Tatsache, dass fast jedes von ihr gemachte Bild aussieht, als sei es ein von einem Kind aufgenommenes iPhone-Foto – Menschenköpfe von der Seite, Spaziergänger auf dem Bürgersteig (manchmal von hinten) und anderer belangloser bis klischeehafter Unsinn. In der Tat könnten viele der Bilder einfach Einzelbilder von Überwachungskameras sein. Das wäre irgendwie faszinierender. Trotz allem ist sie eine „berühmte“ Straßenfotografin, die Leute als brillant bejubeln. Das Problem ist, sie ist nicht brillant.

Es gibt keine guten Kritiker, deswegen ist Kritik in der Szene oft persönlich

Dies führt uns vielleicht zu einem der größten Probleme in der Straßenfotografie - es gibt keine ernsthaften, informierten Kritiker, die auf Armeslänge von den Fotografen entfernt bleiben. Es gibt schlechte Ego-getriebene Fotografen, die andere schlechte Ego-getriebene Fotografen kritisieren - und selbst diese „Kritiker“ werden oft, wie gesagt, von Eifersucht und Neid angefeuert und sind keine gebildeten Ästhetiker.

Niemand prangert tatsächlich die schlechte Fotografie an; wir prangern nur die Fotografen an, mit denen wir so etwas wie ein persönliches Problem haben. Dieses Verhalten ist extrem giftig und stark nachteilig für die allgemeine Gesundheit der Straßenfotografie-Community. Deswegen der ganze Zirkus der Emotionen.

Das nächste Problem ist die Auswahl. Anscheinend sortiert niemand mehr seine Bilder. Ein Fotograf, eine ganze Menge schlauer als ich, sagte einmal, dass ein großartiger Fotograf während seiner Karriere etwa hundert gute Bilder macht, und vielleicht ein Dutzend wirklich hervorragende Bilder. Dieser Kommentar deckt sich nicht mit der aktuellen Szene in der Straßenfotografie – wo einige Leute 25 oder sogar 50 Bilder täglich posten! Als Ergebnis von all dem gehen einige der wirklich guten Fotografien (und Fotografen) in einem Meer von digitalem Rauschen verloren.

Die Straßenfotografie-Community braucht weniger Straßenfotografen und mehr Herausgeber, Verleger, Kuratoren sowie informierte und faire Kritiker, ganz zu schweigen von wirklich interessiertem Publikum. Das wird schwer umzusetzen sein in einer Zeit, wo jeder ein Künstler sein will – wo es jeden nach Ruhm gelüstet wie einen Athleten in einem Wettkampf - danke, Nina Simone. Aber das wird es brauchen, wenn wir Dinge umdrehen und diese Gattung der Fotografie vor einem Totalausfall bewahren wollen.

Weiteres problematisches Zeichen: Publikum und Kunstwelt ignorieren Straßenfotografie

Meine Einschätzung der Situation hat Sie nicht überzeugt? Es gibt ein paar aufschlussreiche Anzeichen dafür, dass Straßenfotografie eine gründliche Untersuchung brauchen könnte:

  • Es mangelt an ernsthafter Aufmerksamkeit von Galerien und Galeristen.
  • Es gibt einen Mangel an Drittanbietern, unabhängig voneinander veröffentlichte Monographien.
  • Eine wachsende Zahl von Fotografen lässt sich nur ungern mit dem "Street-Photography"-Label identifizieren.
  • Mangelndes Interesse der Allgemeinheit an der Straßenfotografie, das heißt von Menschen, die nicht in irgendeiner Weise selbst daran beteiligt sind.
    Vieles, was wir heute Straßenfotografie nennen, ist einfach nicht nachhaltig. Aber wie viele Bruce-Gilden-Kopien braucht die Welt wirklich? Millionen und Abermillionen von Bildern von Fremden in banalen Alltagssituationen, die soziale Medien überschwemmen und weitgehend von allen ignoriert werden, werden niemals als eigene Kunstgattung anerkannt werden. Es besteht ein großer Unterschied zwischen der immensen Aufmerksamkeit, den diese Arbeit von der inzestuösen Street-Photography-Community erhält - in der die meisten schlechte Arbeit „liken“, nur damit ihre eigene schlechte Arbeit im Gegenzug „geliked“ wird - und der Bestätigung der Außenwelt als eine Form der geschätzten Kunst.

Vielleicht ist das aussagekräftigste Zeichen von allen, dass so gut wie keine Straßenfotografen Bücher oder Drucke von anderen Straßenfotografen kaufen, und schon gar nicht die Allgemeinheit. Wann war das letzte Mal, dass Sie als Straßenfotograf ein Buch von einem Kollegen gekauft haben? Ich meine nicht, eine Kopie von „The Americans“, ich meine, ein Buch von einem aufstrebenden zeitgenössischen Fotografen? Ah, Sie können also den „Gefällt mir“-Button drücken, aber ein paar Dollar rauszurücken, um dieses Bild von jemandes Großmutter auf Einkaufstour zu erstehen, das geht zu weit, nicht wahr? Lassen Sie uns rekapitulieren - fast jeder produziert Straßenfotografie und nahezu niemand kauft sie. Habe ich das richtig verstanden?

Zusammenfassend gilt: Die überwiegende Mehrheit (aber bei weitem nicht alles) an Straßenfotografie, was die Runde auf Social Media, Flickr etc. macht, ist einfach schlechte Fotografie - es ist müdes, langweiliges, sich wiederholendes, visionsfreies digitales Rauschen. Nur weil Sie ihre letzten 5.000 Dollar für eine Leica Q ausgegeben haben, bedeutet das nicht, dass Sie Fotos von allgemeinem Interesse machen, die die Zeit überdauern – ungeachtet der Anzahl der „Likes“, die Sie von Freunden sammeln können, und vom Dorftrottel.

Viele Leser werden mich anfauchen und anspucken, weil ich diesen Artikel geschrieben habe. Das ist die Natur solcher Texte, scheint mir. Lassen Sie mich hinzufügen, dass ich nicht denke, dass ich oder meine eigene Arbeit nicht in der gleichen Klemme stecken würden. Unabhängig davon, wie Sie über das denken, was ich schreibe, merken Sie sich meine Worte: Eines Tages werden wir alle aufwachen und die Tatsache eingestehen müssen: Hinter „Straßenfotografie“ steckt nicht immer so viel wie alle denken.


Michael Ernest Sweet ist ein in New York ansässiger kanadischer Schriftsteller und Fotograf. Er ist der Autor von zwei Straßenfotografie- Monographien, „The Human Fragment“ und „Michael Sweet‘s Coney Island". Folgen Sie ihm auf Facebook, Twitter oder über seine Website.

Update: Diesen Text hat Sweet zuerst bei der Huffington Post USA veröffentlicht: Street Photography Has No Clothes. Wir haben ihn mit seiner Genehmigung übersetzt.

Aufmacher-Foto: Raúl González/Flickr/CC BY 2.0

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