Krautreporter

Meine Lieblingsreportagen

von REPORTAGEN.FM ?
etwa 2 Min. Lesedauer

Als ich vor fast 25 Jahren diesen Artikel in die Hände bekam, wusste ich nicht, dass ich einmal Journalist werden würde. Ich war bloß ein Leser. Außerdem war ich Zivi an einer Schule für geistig behinderte Kinder. Die Arbeit dort faszinierte mich und rührte mich an, aber es fiel mir schwer, anderen zu erklären, was an diesen Menschen so besonders war. Dann erschien diese Reportage, „Die Welt des Konrad Eugen Himmelein“ (Geo 1990), deren Autor Peter-Matthias Gaede mit scheinbarer Leichtigkeit über Konrad, den Bäcker, Johannes, den Kistenbauer, und Hans aus der Wollwäsche schrieb. Alle sind sie Bewohner einer Behinderteneinrichtung und „so frei, ganz normal verrückt zu sein“. Hier las ich sie, die Worte, die mir fehlten.


Es heißt oft, der erste Satz einer Reportage sei besonders wichtig. Stimmt. Aber ich glaube, der zweite Satz ist noch wichtiger, auch der dritte und der vierte. Einen guten ersten Satz zu finden, ist nicht leicht, aber man kann es irgendwie hinkriegen. Richtig schwer dagegen ist es, den kürzesten Weg von diesem ersten Satz zum Thema des Textes zu finden, sprich, die Geschichte in Gang zu bringen. Roland Schulz schreibt in seiner Reportage „Die lange weiße Linie“ (Neon/Stern 2008/2009) über den internationalen Drogenhandel, und er schafft es, in wenigen Sätzen von null auf hundert zu beschleunigen. Danach kann er es sich dann leisten, das Tempo hin und wieder ein wenig zu drosseln.


„Ich vermisse Dich“ von Shalom Auslander (Zeit-Magazin 2010) ist im engeren Sinne keine Reportage. Im weiteren Sinne wahrscheinlich auch nicht. Aber vielleicht darf ich das Stück hier trotzdem anpreisen? Ich bin nämlich der Meinung, dass es der Reportage in Deutschland ganz gut geht. Jedenfalls stoße ich oft auf spannende, überraschende, kurz, großartige Reportagen. Weniger oft stoße ich auf spannende, überraschende, kurz, großartige Essays. Während sich viele Reporter erkennbar große Mühe geben, ihren Stoff mit Hilfe von Dramaturgie und Erzähltechniken zum Leser zu bringen, scheinen mir manche Essayisten da ein wenig nachlässig zu sein. Shalom Auslanders Text über religiöse Fanatiker ist ein Gegenbeispiel, aber vielleicht ist es kein Zufall, dass er ursprünglich auf Englisch erschienen ist.


Wolfgang Uchatius, 1970 in Regensburg geboren, war bei der Zeit erst Wirtschaftsredakteur, dann Reporter. Heute leitet er das Dossier der Zeit. Er wurde unter anderem mit dem Reporterpreis und dem Otto-Brenner-Preis ausgezeichnet. In diesem Jahr gewann er den Henri-Nannen-Preis mit seinem Essay „Soll ich wählen oder shoppen?“.

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Reportagen.fm

Illustration: Veronika Neubauer