Deutsche aus Syrien

Yallah, Deutschland!

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Ich wurde 1994 als Tochter syrisch-muslimischer Eltern in einer deutschen Kleinstadt geboren. Mein Vater kam 1975 nach Deutschland, und meine Mutter folgte ihm 1977. Widerstrebend hatte sie sich dazu bereit erklärt, vier Jahre mit ihm in Deutschland zu leben, damit er hier seine Facharztausbildung absolvieren und mit besseren beruflichen Aussichten nach Syrien zurückkehren könnte.

Die Geschichte, mit der ich aufgewachsen bin, lautet so: Einer Berufschance folgte die nächste, vier Jahre wurden zu sieben, meine älteren Geschwister wurden älter und sollten in die Schule kommen, und schließlich wurde der zunächst befristete Aufenthalt meiner Eltern in Deutschland zu ihrem Leben hier; ihre Arbeitserlaubnis wurde zu ihrer Staatsbürgerschaft, ihre Kinder nahmen Bindestrich-Identitäten an. Doch unabhängig von dem Schulterzucken, das diese Geschichte begleitete, gab es immer eine gewisse Anspannung, die meine Eltern nie ablegten.

Ich erinnere mich, dass in der zehnten Klasse ein syrischer Junge auf meine Schule kam. Es gab nicht viele Migranten in meiner Heimatstadt, so wenige, dass ich als Kind glaubte, Arabisch wäre die Geheimsprache meiner Familie. Mir war nicht klar, dass wir einfach eine der wenigen arabischen Familien in der Gegend waren, und bis heute kann es sich für mich merkwürdig intim anfühlen, Arabisch zu sprechen mit Menschen, die ich nicht kenne.

Aufgeregt erzählte ich meinen Eltern von dem Jungen. Es klirrte laut, als Babas Gabel auf seinen Teller fiel. „Was hast du ihm über uns erzählt?“, fragte er mich. Mamas Augen hatten sich vor Schreck geweitet. „Nichts“, antwortete ich verwundert. Was gab es schon zu erzählen? „Woher ist er?“ - „Ich weiß nicht.“ Mein Vater beschwor mich, nicht mit dem Jungen zu sprechen, solange ich nicht wusste, wer er war. Am nächsten Tag bemerkte ich, dass mein Mitschüler eine Kette mit einem Kreuz als Anhänger um den Hals trug. Meine Eltern seufzten erleichtert, als ich ihnen davon erzählte; syrische Christen waren weitgehend unpolitisch, und damit befürchteten meine Eltern keine Gefahr mehr durch den fremden syrischen Jungen.


Vor einigen Wochen hatten eine Freundin und ich die Gelegenheit, Erik Mohns vom Liaison Office Syria (LOS) zu interviewen. Das LOS ist ein Dachverband syrischer Diaspora-Organisationen und -gruppen, die sich in Deutschland nach dem Ausbruch des syrischen Konflikts im Jahr 2011 gründeten.

„Die Kontrolle der syrischen Regierung war engmaschig. Unter Syrern hat die sehr, sehr gut funktioniert, auch im Ausland”, erklärte uns Mohns. Als Vorbereitung für das Interview hatte ich die politischen Umstände zur Zeit der Auswanderung meiner Eltern recherchiert. Das Massaker von Hama 1982 verkörpert die Eskalation des Konflikts zwischen den syrischen Muslimbrüdern und dem Baath-Regime. Innerhalb eines Monats wurden schätzungsweise 20.000 Syrer durch das Regime getötet.

Repressionen gegen alle oppositionellen Stimmen, nicht nur die der Muslimbrüder, wurden verschärft, so wie auch die Überwachung durch den Staat. Da einige Oppositionelle ins Exil gegangen waren, wurden aus dem Ausland zurückkehrende Syrer nun mit großem Misstrauen empfangen: „Ich kenne Situationen, in denen Menschen, Syrer, eigentlich nicht viel gesagt haben über die syrische Regierung, nach Hause gereist sind und dann entweder kontrolliert oder inhaftiert wurden“, sagte Mohns.

Nach dem Interview fragte ich Baba nach Hama. „In dem Moment wusste ich, dass ich erst einmal nicht nach Syrien zurückgehen konnte“, sagte er mir. Obwohl sich meine Eltern nie dafür entschieden hatten, begriff mein Vater sofort, was ihre Immigration nach Deutschland nun bedeutete: Exil.


Einige Jahre vor dem Krieg hatte ich meinen Vater nach seiner Identität gefragt. „Ich bin Deutscher“, lautete seine Antwort. „Fehlt dir Syrien nicht?“ - „Sollen diese Verbrecher ihr Land doch behalten. Was soll ich denn vermissen? Orten nachzutrauern macht keinen Sinn.“ Mein Vater findet es geschmacklos, wie in den Medien die gewaltvollen Bilder blutüberströmter Menschen kursieren. Als Syriens Zerstörung begann, zeigte er mir stattdessen immer wieder die zerbombten Viertel, Bauten und Moscheen, die ihn an sein früheres Leben in Syrien erinnerten und die nun kaum mehr wiederzuerkennen sind. Ironischerweise trauert mein Vater nun um die Orte, von denen er behauptete, sie hätten ihm nie gefehlt.

Die Identität meiner Mutter unterschied sich stark von der meines Vaters. „So deutsch sind wir noch nicht, ya Iman“, tadelte sie mich, wenn ich mich als Jugendliche respektlos verhielt. Nicht etwa, dass sie dachte, deutsche Kinder wären unverschämter zu ihren Eltern als syrische; es blieb schlichtweg schmerzhaft für sie, wenn sie damit konfrontiert wurde, dass ihre Kinder eine Identität angenommen hatten, die sie nicht für sie ausgesucht hatte.

Das Leben meiner Mutter war alles andere als tragisch, aber auch alles andere als ihren Vorstellungen entsprechend; Vorstellungen, auf deren Erfüllung sie immer hoffte. Geschlagen, wenn auch nicht wütend nahm sie es hin, wenn ich sagte, dass ich mich deutsch fühlte. Sie wagte es einige Male, Syrien zu besuchen in den 40 Jahren, in denen mein Vater seine Heimat nie wiedersah. Sie ertrug es nicht, von ihrer Familie fernzubleiben und ließ deshalb die Verhöre und Bedrohungen über sich ergehen, die Angst, nicht mehr zu ihren Kindern zurückkehren zu können. Im Gegensatz zu meinem Vater war es erst mitten im Krieg, dass sie aufhörte, Unterhaltungen zu beginnen mit: „Wenn wir nach Syrien zurückkehren …“ Nun beendet sie sie mit: „Wir hatten ein gutes Leben hier, nicht?“

Mama sagt oft, sie wünschte, sie hätte mich ängstlicher erzogen. Ich wünschte, du wärst vorsichtiger, sagt sie. Ich habe viel Zeit gebraucht, um zu verstehen, dass etwas Belangloses wie in einem Hörsaal sitzen und eine Meinung kundtun für sie bereits bedeutet, ein Risiko einzugehen. Denn in Syrien genügte das, um von der Bildfläche zu verschwinden. Überwachung hat einen unumkehrbaren Einfluss auf Menschen, selbst im Exil.


Deutschland hat seine Grenzen für tausende asylsuchende Menschen aus Syrien geöffnet. Flüchtlinge sind alles, worüber Deutschland momentan sprechen kann, und der Rest der Welt spricht darüber, wie bewundernswert Deutschland dafür ist, die Flüchtlinge so willkommen zu heißen. Neulich erhielt ich eine Nachricht aus Edinburgh: „Ich liebe es, Deutschland in den Nachrichten zu sehen - Großbritannien sollte sich schämen!“ Ja, wir feiern Deutschland zu Recht für seine Haltung, denn dass Menschen leben können, ist besser, als dass Menschen sterben müssen.

Lassen wir für den Moment außer Acht, dass Deutschlands Grenzen wieder geschlossen sind, dass es jetzt eine ganzeuropäische Verteilung von Geflüchteten fordert, eine Forderung, die Italien seit Jahren stellt und Deutschland ignoriert hat, bis es zum eigenen Problem wurde; dass jetzt Verantwortung von anderen europäischen Mitgliedsstaaten verlangt wird, die Deutschland jahrelang nicht sehen, geschweige denn übernehmen wollte.

Sprechen wir darüber, worüber nicht gesprochen wird; darüber, wie es weitergeht. Sprechen wir darüber, dass das nicht das erste Mal ist, dass Deutschland Geflüchtete willkommen heißt - oder andere Ausländer. Das hatten wir alles schon: Menschen, die Willkommensschilder hochhalten, Freiwillige, die ihre Hilfe anbieten, Lieder, mit denen wir gegen Rassismus ansingen und Demonstrationen, bei denen wir gegen brennende Flüchtlingsheime protestieren. Aber was würden sie uns sagen, die Ausländer vergangener Generationen? Die Tamilen und Kosovo-Flüchtlinge, die türkischen Gastarbeiter - was ist mit ihnen passiert nach den Höhepunkten der deutschen Willkommenskultur?

Wir lesen Dutzende Artikel, sehen und hören Reportagen, die das große Integrationspotential syrischer Flüchtlinge beteuern. Überraschung: Dass dich jemand für qualifiziert hält, dich erfolgreich zu integrieren oder sogar, dass jemand beteuert, du hättest es geschafft, du wärst die wohlerzogene, gebildete, steuerzahlende, gute Art Immigrant, bewahrt dich nicht vor Rassismus.

In der Schule bat ich eine Lehrerin einmal um eine Unterschrift für eine Bewerbung um ein Austauschprogramm. „Aber dieses Programm ist nur für Migranten“, protestierte sie. „Und?“ - „Das unterschreibe ich nicht.“ Ich war verwirrt. „Warum nicht?“ - „Du bist doch gar keine richtige Migrantin. Deine Eltern sind Akademiker!“ Einige Monate später versuchte mir die gleiche Lehrerin zu erklären, ich hätte dunklere Haut als deutsche Deutsche. Eine Freundin von mir hielt demonstrativ ihre Hand neben mein Gesicht, um zu zeigen, dass meine Haut heller war als ihre und lachte sich über die Situation halb tot. Unsere Lehrerin konnte es trotzdem nicht sehen. Denn wie könnte ein Mensch aus dem „Orient“ helle Haut haben?

Es gibt noch viele Geschichten, die zu erzählen wären, wie als meine Schwester in der sechsten Klasse ihren Lehrer fragte, warum sie ein „ausreichend“ bekommen hatte und er sie fragte, wozu denn eine Ausländerin wie sie bessere Noten bräuchte; oder als ihr Oberarzt sie Jahre später in sein Büro bat, kurz vor ihrem Examen und sie fragte: „Wann verstehen Sie denn endlich, dass Sie hier nicht hingehören?“


Baba hat mir ständig eingetrichtert, ich müsste besser sein als die Alman, wenn ich etwas erreichen wollte. Es ist zugleich tragisch und glücklich, dass Eltern ihren Kindern beibringen, in einem Status quo zurechtzukommen, statt ihn herauszufordern. Also glaubte ich, es würde einen Unterschied machen, wenn ich mich nur genug anstrengen würde zu zeigen, was für eine gute Deutsche ich sein könnte, und eines Tages könnte ich sagen: „Ich bin Deutsche“, nicht aus Trotz, nicht um irgendjemanden zu korrigieren, sondern ungezwungen, einfach, um etwas über meine Person mitzuteilen.

Ich glaube nicht mehr, dass es einen Unterschied macht. Diejenigen, die mir meine deutsche Identität absprechen, tun das unabhängig davon, wer ich bin oder was ich tue, oder, um einen besorgten Bürger zu zitieren: Wenn deine Mutter ein Schwein ist und du in einem Kuhstall geboren wirst, bist du trotzdem ein Schwein. Dass ich also krampfhaft meine Schweineborsten frisiere, macht mich auch nicht deutscher.

Facebook quillt über mit Fotos und Videos von tanzenden, singenden Flüchtlingen, die Deutschland bejubeln, ihren Dank in die Welt schreien. Ich fürchte um den Tag, an dem sie andere Rollen in der Gesellschaft einnehmen wollen als die Rolle des Flüchtlings und vielleicht feststellen müssen, dass Deutschland mehr Grenzen hat als nur geographische. Wie frühere Immigranten könnten sie damit konfrontiert werden, dass die Grenzen deutscher Bürokratie ihnen nur schleppend Zugang zu Bildung und Arbeit erlauben. Sie könnten merken, dass wenn in deutscher Politik vom Kampf gegen Fremdenhass (Rassismus ist ein solch gruseliges Wort, nicht wahr?) die Rede ist, oft ausschließlich die peinlich lauten, bösen, kleinen, ungebildeten Ossis gemeint sind, die mit dem Rest der deutschen Gesellschaft so rein gar nichts zu tun haben.

Es wird versäumt, strukturelle Erscheinungsformen von Rassismus in Deutschlands Bildungssystem, Politik, Institutionen und Medien zu erkennen. Die Diskriminierung, die den größten Einfluss auf mein Leben und das meiner Familie hatte, war die, die sich in einer Hierarchie äußerte, die nie müde wurde mir zu sagen, was mein Platz in der Gesellschaft zu sein hatte, und nicht etwa die gelegentliche Pöbelei auf der Straße.

Mein Vater lebt ein ausgeglicheneres Leben als ich; er hat sich dazu entschieden, hinzunehmen, dass wir die Fremden in dieser Gesellschaft sind, und schüttelt es ab. Ich wünschte oft, ich hätte mehr von seinem Pragmatismus und weniger von dem Widerwillen meiner Mutter, etwas hinzunehmen, das nicht ihren Träumen entspricht.


Die Kanzlerin fordert, Deutschland solle aus der Geschichte der Gastarbeiter lernen. Ich habe Bedenken, ob die Lehren, von denen sie spricht, die sind, die die Gastarbeiter aus ihren Erfahrungen gezogen haben. Dennoch hoffe ich, dass zumindest einige von ihnen Ähnlichkeiten aufweisen. Ich würde gerne hoffen, dass wir an einen Punkt kommen, an dem wir verstehen, dass wir genug Artikel geschrieben haben darüber, ob und wie sehr Syrer integriert werden können oder nicht und auf die Idee kommen, dass wir mit den Syrern, den Türken, den Tamilen, den Kosovo-Albanern, den Afrodeutschen sprechen könnten, die hier seit Jahrzehnten leben, wenn wir doch nach Erfahrungswerten suchen, wenn wir denn verstehen wollen, wie das eigentlich ist mit der Migration und dem Asyl, dem Leben in der Minderheit und dem Leben mit Rassismus; dass Integration allein vielleicht doch nicht die Antwort auf alle Fragen ist; dass wir viel mehr Fragen stellen, die über die hinausgehen, die wir seit Jahren stellen; dass wir neue Antworten finden.

Also yallah, Deutschland! Das ist unsere Chance zu wachsen. Aber ‘tschuldigung, noch wage ich nicht ganz, das zu glauben.


Iman Al Nassre hat diese Geschichte auf Deutsch für Krautreporter aufgeschrieben. Auf Englisch war der Beitrag zuvor vom Euphrates Institute veröffentlicht worden.

Aufmacherbild: Ankunft eines Zuges mit „Gastarbeitern“ in den 60er Jahren, Quelle: Haus der bayerischen Geschichte.