„Jeder große Umbruch bringt alles ins Wanken“

„Jeder große Umbruch bringt alles ins Wanken“

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Wie und wann alles begann, ist schwer zu erzählen. Es ist ein bisschen so, als würde man eine Nadel im Heuhaufen finden und sagen: Seht her, dies also ist die berühmte Nadel im Heuhaufen! Und tags darauf findet jemand noch eine Nadel. Und dann noch eine.

Dieser Text ist Teil unseres Schwerpunktthemas

Image caption: Dieser Text ist Teil unseres Schwerpunktthemas "Menschen und Maschinen". Weitere Geschichten dazu findet Ihr unter diesem Beitrag.

Sämtliche Bestimmungen unserer Vorfahren, wann wir vom Tier zum Menschen wurden, hängen an den Funden, die wir über uns machen. Immer wieder taucht dabei ein neuer Knochen auf, der noch etwas älter ist oder ein bisschen mehr davon erzählt, wie wir waren. Ein Fund wie zuletzt LD 350-1.

LD 350-1, das ist zwar kein schöner Name für einen Unterkiefer, aber immerhin ein Unterkiefer mit Namen; er ist sehr berühmt, wurde dieses Jahr entdeckt. Weil sich die Unterschiede zwischen den Frühmenschen am ehesten an Kiefern und Zähnen feststellen lassen, ist dieser Unterkiefer ganz besonders.

Man fand ihn in der sogenannten Afar-Senke in Äthiopien – unter uraltem Staub und Sand begraben. Dort lag auch Lucy, der erste Fund eines aufrecht gehenden Vorfahren. Lucy gehört nicht zur Gattung Homo, sondern zur Vormenschen-Art Australopithecus. Sie ist damit wohl so etwas wie eine sehr entfernte Tante. Und die Wissenschaft streitet noch, ob eine wirkliche Verwandschaft zwischen dem Homo und dem Australopithecus besteht. Aber irgendwann zwischen Lucy, 3,2 Millionen Jahren alt, und LD 350-1, 2,8 Millionen Jahre alt, entstanden wir: Homo. Der Mensch.

Wir sind eine Gattung der Menschenaffen. Die Wissenschaft arbeitet mit DNA-Analysen von heutigem Erbgut daran herauszufinden, wann genau wir entstanden sind. Aber das ist durchaus umstritten, und eine scharfe Einteilung ist kaum möglich. Der Homo teilte sich auf, in den Homo erectus, den Neandertaler und viele weitere, die heute alle ausgestorben sind. Nur einer hat überlebt, und das sind wir: Homo sapiens. Der moderne Mensch.

Lucy hingegen war das, was wir noch als Tier bezeichnen würden. Sie unterscheidet sich von LD 350-1, weil ihre Backenzähne weniger Höcker haben als die Zähne der Gattung Homo. Sie ging schon aufrecht, war aber eben kein Mensch. Aber was ist eigentlich der Unterschied und ab wann haben wir eingeteilt in Menschen und Nicht-Menschen?

Viele Referenzen und Parallelen deuten darauf hin, dass der afrikanische Boden, von dem wir stammen, einst tatsächlich so etwas war wie das biblische Paradies. Wir zogen aus und kehrten so unschuldig nie mehr zurück. Der Mensch hat auf dieser Wanderung Spuren hinterlassen – er hat sich aufgemacht, sein üppiges Refugium zu verlassen und in die kargen Regionen der Erde zu ziehen, die ihm weniger Überfluss und unwirtliche Temperaturen boten.

Es könnte aber auch sein, dass dieses Paradies nicht eine Region meinte, sondern vielmehr einen Zeitabschnitt beschrieb. Das erste Kapitel der Menschheit, das quasi mit der Schlange sein Ende nahm: die Steinzeit.

Die Bibel erzählt, wie Adam und Eva, die in einem tierreichen und stattlich bewachsenen Paradies leben, auf Anraten einer Schlange zum Baum der Erkenntnis vortreten und einen Apfel pflücken – und daraufhin aus dem [Garten Eden](https://de.wikipedia.org/wiki/GartenEden)_ vertrieben werden. Zwar gehen einige Historiker davon aus, der Ort eines biblischen Paradieses liege eher im heutigen Iran, aber das ist erstmal nebensächlich, denn die Geschichte erzählt auch noch etwas anderes, das sehr viel über den Menschen aussagt: die Trennung vom Tier.

In der Altsteinzeit lebten die Menschen nicht sesshaft an einem Ort, sondern von dem, was sie umgab – bis alles aufgebraucht war und sie weiterziehen mussten. Man könnte denken: Was für eine entbehrungsreiche Zeit! Aber vermutlich ist eher das Gegenteil der Fall. Und vielleicht war gerade diese Zeit so etwas wie das „Paradies auf Erden“.


„Die Steinzeit kannte ja kaum Hierarchien“, sagt Matthias Wemhoff und deutet auf die Vitrinen, die links und rechts stehen, während wir uns im Marmorfußboden des Neuen Museums in Berlin spiegeln. „Die Menschen kannten keine Kriege und nur minimale, oft stammesinterne Konflikte. Essen war in Hülle und Fülle vorhanden, auch wenn man vielleicht ein anderes Bild davon hat. Aber aktuelle Studien zeigen, dass das Jagen und Sammeln wohl nicht so viel Zeit in Anspruch genommen hat, wie wir bisher vermuteten. Der Mensch war frei - und er verbrachte viel Zeit in der Gemeinschaft am Feuer und erzählte Geschichten.“

Wemhoff ist ein Geschichtenerzähler. Einer qua Amt. Er ist Archäologe, Historiker und Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte sowie dieser Ausstellung hier: Steinzeit. Bronzezeit. Eisenzeit. Er erzählt sehr leidenschaftlich von der alten Zeit. Würden Kinder ihm jetzt zuhören, sie würden an seinen Lippen hängen, sich melden und aufgeregt fragen: Herr Wemhoff, wie groß waren die pelzigen Elefanten?

Professor Matthias Wemhoff

Image caption: Professor Matthias Wemhoff

Copyright: Foto: A. Kleuker

Wir waren also sehr faul, Herr Professor?

Naja, faul ist nicht das richtige Wort. Die Menschen unternahmen das Nötigste, um sich zu versorgen, wir gehen aber davon aus, dass der Mensch in dieser Zeit sehr viel Zeit für die Muse hatte, die Freizeit. Die Arbeit dominerte unser Leben noch nicht, das entstand erst mit Viehzucht, Ackerbau und Sesshaftigkeit. Vielleicht war es damit das Gegenteil zu unserer heutigen Epoche, in der uns chronisch die Zeit fehlt.

Aber sagen wir, wir beide wollten zusammen ein Mammut jagen, für unseren Stamm, Herr Wemhoff, das war doch nicht in zwei Stunden erledigt?

Das Mammutjagen, wie wir es von den Höhlenmalereien kennen, bildet schon den Übergang in die Mittelsteinzeit. Die alte Zeit war vorbei – und die neue war geprägt von wechselnden Warm- und Kaltphasen. Den Eiszeiten. Diese Zeit war wesentlich entbehrungsreicher. Der Mensch war zudem in andere Klimazonen vorgedrungen und brauchte plötzlich Kleidung. Aber trotzdem: Wenn eine Jagd nach einem Mammut vielleicht viele Stunden oder gar Tage gedauert hat, war danach Fleisch im Überfluss da und eine weitere Jagd erstmal nicht nötig.

Der Mensch lebte – nach seinem Auszug vom afrikanischen Kontinent – jetzt in einer Umwelt, die für ihn ziemlich gefährlich war. Er benötigte Kleidung, er musste Fleisch haltbar machen und kochen, aber er lebte nach wie vor in Höhlen. Zum Beispiel in Südfrankreich. Aber der Mensch begann mit etwas, das Historiker und Archäologen das Bannen der Umwelt nennen – und was ihn schon bald auszeichnen würde.

Wir gingen also aufrecht. Aber das Tier tut dies auch - zumindest teilweise. Was machte den Unterschied aus?

Der Mensch ging aufrecht und bekam damit dauerhaft die Hände frei, sein Griff mit den Fingern war sehr präzise, durch den exponierten Daumen, und so konnte er etwas halten, das den Menschen bald charakterisieren würde: das Werkzeug.

Tiere benutzen doch auch Werkzeuge. Der Affe, der mit einem Stöckchen Termiten aus dem Bau holt?

Ja, aber die Art und Weise, wie wir Werkzeuge nutzen, unterscheidet uns vom Tier.Es gibt Schimpansen, die mit einem Stöckchen Honig aus einem Baum ziehen oder die Steine auf Früchte oder Nüsse fallenlassen, um deren Schale zu knacken. Das Tier beherrscht also grundsätzlich Werkzeuge. Aber das Tier nimmt, was in der Natur so vorkommt. Einen Stein, ein Holzstöckchen. Der Mensch begann irgendwann, Werkzeuge zu bearbeiten. Sie selbst herzustellen, praktisch aus dem Nichts.

Wann war dieser Zeitpunkt?

Das ist nicht so einfach zu beantworten. Es ist deshalb schwierig, weil diese Werkzeuge anfangs alle aus Holz waren. Und Holz verrottet. Archäologen finden dann nichts.


Professor Wemhoff zeigt auf Faustkeile und Nähnadeln in einer großen Vitrine. Es dauerte anfangs unendlich lange, bis diese Fortschritte in der ersten Technik erkennbar wurden.

Ein Faustkeil war anfangs nur ein Stein. Die Menschen kamen darauf, dass man zwei bestimmte Steine aufeinanderschlagen könnte, damit sie spitz würden und absplitterten. Bis diese Steine aber gefunden und ihre Formen perfektioniert waren, vergingen 100.000 Jahre. „Dafür“, sagt Matthias Wemhoff und lächelt wissend, „sind viele dieser Dinge nahezu perfekt. Die Nähnadel funktioniert noch genauso wie in der Jungsteinzeit. Der erste Speer hat sogar so gute Flugeigenschaften, dass Sie damit heute noch bei Sportwettbewerben antreten könnten.“

Bei uns im kleinen Heimatmuseum um die Ecke lag auch ein solcher Speer. Ein Wurfgeschoss, zerbrochen in mehrere Teile, in einer flachen Vitrine auf sein rotes Kissen gebettet. Als Kind erklärte man unserer Schulklasse: Seht her, Kinder. Damit haben die Steinzeitmenschen ein Mammut gejagt. Als uns aber klar wurde, was ein Mammut ist, waren wir schockiert. Man muss sich ja nur mal überlegen, wie es wäre, mit einem spitzen Stück Stock vor einem aufgebrachten Elefanten zu stehen, in der Absicht, ihn irgendwie damit zu töten. Das war auch für die Menschen damals nicht leicht. Und das hat auch einen Grund, die zweite Entwicklung nämlich.


Hat das mit dem Werkzeuge-Herstellen auch etwas damit zu tun, wie wir denken?

Ganz genau, da kommt jetzt nämlich ein Schritt im Denken hinzu – es wird quasi mehrstufig. Wer ein Werkzeug baut, der versteht, dass sich eine gewisse Vorleistung, ein Arbeitsaufwand, lohnen wird. Dass Synergieeffekte entstehen werden, die ihm später – wenn das Werkzeug mal fertig ist – die Arbeit erleichtern. Das ist eine mehrstufige und abstrahierende Denkleistung, die wir so nicht beim Tier finden. Das ist der eine wichtige Punkt, der uns vom Tier unterscheidet.

Und der zweite?

Der zweite wichtige Fortschritt war die Ausprägung von Kultur. Ich hatte ja vorhin erklärt, dass wir davon ausgehen, dass der Mensch viel Zeit hatte: Er begann sich Dingen zu zuwenden, die, anders als die Werkzeuge über die wir eben gesprochen haben, keinen direkten Nutzen für ihn hatten. Diese Dinge sahen einfach sehr schön aus: die Kunst. Ab einem Zeitpunkt finden wir bei den Ausgrabungen plötzlich Verziertes, kleine Figuren, Ketten. Gold war noch nicht so bekannt, erst waren diese Dinge aus Stein oder Holz.

Warum hat der Mensch das gemacht?

Das ist so nicht ganz klar, aber wir gehen zum Beispiel bei den Höhlenmalereien davon aus, dass dies eine Form der Reflexion seiner mitunter sehr gefährlichen Umwelt war.

Diese Jagdszenen dienen nicht dazu zu sagen: Hey Leute, hier gibt es Mammuts – und so jagt man die?

Nein. Höhlenmalerei wurde wohl nicht für die Wissensvermittlung genutzt. Der Mensch hat damit eine Form gefunden, abstrahiert über sich und seine Umwelt nachzudenken – schwere Jagden oder große Erfolgserlebnisse zu verarbeiten. Und das in schönen Farben. Er bannte seine Umwelt und ihre Gefahren. Vielleicht auch seine Sorgen diesbezüglich.


Dieses Bannen der Umwelt reichte anfangs nur für einen kleinen Radius. Die Welt war gefährlich. Andere Tiere die Konkurrenz. Langsam aber wurde der Radius des Menschen immer größer, seine Wege wurden länger, die Umwelt, die gebannt war, zog immer größere Kreise um ihn.

Neben der Kunst entwickelte sich langsam die Spiritualität, der Mensch begann mit etwas, das ihn ebenfalls vom Tier unterscheidet: den Bestattungsriten.

Klar, auch Tiere trauern. Elefanten zum Beispiel. Aber der Mensch gibt einem Mitmenschen Gaben ins Grab. Er verziert es. „Er gibt damit der Person einen Wert über den Tod hinaus“, nennt Wemhoff das. „Dies macht das Tier nicht. Es beschäftigt sich nicht mit dem: Was kommt nach dem Tod.“ Das wiederum hängt eng mit der Kunst und unserer reflektierten Art zu denken zusammen, dem Bewusstsein.


Herr Wemhoff, denken sie, wir haben dann heute zu wenig Zeit?

Tja. Schwere Frage. Ich würde sagen: Ja, das denke ich schon manchmal. Nehmen wir doch die Griechen, die so viel Zeit für die Muse aufgewendet haben: Das sieht man noch heute an ihren Kunst- und Kulturleistungen. Aber genau diese Zeit für die Selbstbeschäftigung mit sich ist im Laufe der Menschheitsgeschichte immer mehr verloren gegangen. Wir hatten und haben immer weniger Zeit. Ich möchte ihnen dazu gerne etwas zeigen.


Wemhoff hält an den hinteren Vitrinen an. Die Farben ihres Inhalts haben sich verändert. Die Gegenstände glänzen jetzt. Sie sind aus Bronze.

Nördlich des Iraks, an der Grenze zum Iran, vor allem aber in Syrien, im Libanon und auch auf dem Gebiet Israels, wird der Mensch noch ein ganzes Stück unabhängiger von seiner Umwelt; er wird sesshaft und baut erste Siedlungen. In der heutigen Türkei entwickeln die ersten Stämme eine Laktose-Toleranz - der Mensch vertrug damals noch keine tierische Milch - und gewinnen so eine weitere Nahrungsquelle und damit einen Evolutionsvorteil, sagen Historiker. Ackerbau und Viehzucht setzen sich damit durch, und große kulturelle Ballungsräume entstehen.

„Und das ändert jetzt alles“, sagt Wemhoff, ernster als zuvor. „Es beginnt die Jungsteinzeit. Jetzt entstehen Strukturen. Der Ackerbau und die Siedlungen führen zu etwas, das der Mensch bis dato gar nicht kannte: Besitz. Und Besitz wiederum erzeugt Konflikte und Verteilungskämpfe. Hierarchien bilden sich mit der Kupferzeit aus, sein Abbau führt zu Wohlstand in den Kupfer-Regionen, und das wiederum führt zur Ausprägung von Oberschichten. Ab dieser Zeit finden wir auch erste Waffen, die rein für den Kampf bestimmt waren.“

Wir blicken eine Weile auf die bronzefarbenen Kelche und Äxte in der Vitrine.

„Dann erschien ein neuer Rohstoff auf der Landkarte – und mit der Bronze kamen die Kriege.“ Wemhoff schaut nachdenklich. „Und der Mensch erfand eine Technik, die uns bis heute komplett prägt: die Massenproduktion. Er baute Formen und goss die Bronze hinein. Früher dauerte es lange, eine schöne Axt zu fertigen, daher war sie meist Zierde und Kultgegenstand für den Stammesführer. Plötzlich stellte er in derselben Zeit hunderte Äxte her, mit viel weniger Aufwand“, erklärt der Professor. „Ab dieser Zeit finden wir Schlachtfelder, große regionale Konflikte, Besetzung, Waffen und Massengräber, mit hunderten im Boden verstreuten Pfeilspitzen und Knochen.“

Der Krieg hält Einzug in die Welt.

„Zusätzlich dominierte jetzt die harte Arbeit auf dem Acker den Menschen“, sagt Wemhoff. „Zeit gab es jetzt nicht mehr. Wer zu langsam arbeitete, riskierte eine schlechte Ernte, Effektivität wurde wichtig, und überhaupt herrschte, weil der Mensch sich auf den Acker verließ, durch klimatisch bedingte Ernteausfälle oder Schädlinge plötzlich großer Hunger. Obwohl das wie ein Widerspruch klingt. Tiere, die nah an den Siedlungen gehalten wurden, brachten Krankheiten mit, die dem menschlichen Organismus immer mehr zusetzten. Er wohnte zudem immer dichter beieinander, und plötzlich gab es Probleme mit der Hygiene. Jeder große Umbruch bringt alles ins Wanken. Die Bronzezeit wie der Buchdruck, die Dampfmaschine wie das Internet“, sagt Wemhoff. „Und wir merken auch gerade wieder, wie mächtig diese Umbrüche alles ändern.“

Das Wort Eden ist sumerisch (edin). Es bedeutet Steppe. Die Länder, aus denen aktuell ein Teil der Flüchtlinge kommt, waren einst unsere kulturelle Wiege. Während der afrikanische Kontinent unser Brutkasten war, lernten wir in den östlichen Länder am Mittelmeer, die man Levante nennt, das Sprechen, Kultur und Bewusstsein. Die Levante umfasst Syrien, Libanon, Israel, Jordanien und die palästinensischen Autonomiegebiete. Die Klimaforschung geht davon aus, dass zum Ende der letzten Eiszeit die Steppen dieser Gebiete, die einst fruchtbar waren, austrockneten und den Menschen zur Vorratshaltung bewegten – was schließlich zu Ackerbau und Viehzucht führte.

Biologen des Max-Planck-Instituts für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln haben bei einem Vergleich versucht, das Erbgut von 68 modernen Getreidesorten auf die eine, die wilde Ursprungspflanze zurückzuverfolgen und sie fanden tatsächlich eine wilde Getreidesorte, die heute noch wächst wie damals: an den Hängen des erloschenen Vulkans Karacadağ im Südosten der Türkei. Die Wissenschaft geht davon aus, dass vermutlich dort die Domestizierung des ersten Getreides begann. In dieser Region finden sich auch Skelette steinzeitlicher Jäger, die vermutlich als erste Bauern gelten können. Sie zeigen, dass die frühen Farmer härter arbeiteten mussten, häufiger an Krankheiten litten und früher starben als ihre nicht-sesshaften Vorfahren.


Auf dem Weg zum Bahnhof flackern die Nachrichten hektisch über die U-Bahn-Bildschirme. Flüchtlinge, Bürgerkriege. Die Region, in der sich der größte Umbruch der Menschheitsgeschichte abgespielt hat, bricht schon wieder und kommt einfach nicht zur Ruhe. Das Paradies, so scheint es,es wehrt sich bis heute.


Copyright: Blumenbar Verlag

Ein Teil der Zitate und Recherche-Ergebnisse stammt aus meinem Buch „Wir sind Cyborgs“, das im Blumenbar Verlag erschienen ist. Für die Themenreihe habe ich viele Facetten neu entwickelt. Allerdings findet sich der Rundgang mit Matthias Wemhoff durch das Neue Museum Berlin dort in voller Länge. Der Historiker erzählt unter anderem, welchen Einfluss Werkzeuge von damals auf unsere heutige Zeit haben, wie er Smartphones bei seinen eigenen Kindern findet und wieso wir eigentlich strenggenommen immer noch in der Eisenzeit leben.


Aufmacherbild: Himmelsscheibe von Nebra (geschätzt 3.700 bis 4.100 Jahre alt). Foto: Dbachmann. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons. Die Illustration machte Veronika Neubauer.