Ritt auf dem Sandwurm

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Da war er endlich. Wir kletterten auf den Waggon hinauf, müde, aber aufgeregt. Und als wir mit wackeligen Füßen in den Haufen Eisenerz einsanken, das ihn bis an den Rand füllte, beglückwünschte ich meinen Freund Ammar und er mich. Sein Gesicht leuchtete im Licht meiner Kopflampe.

Es war fast Mitternacht. Nach wochenlanger akribischer Planung waren wir endlich auf den längsten Frachtzug der Welt geklettert. Die Züge auf dieser eingleisigen Strecke können bis zu 2,5 Kilometer lang sein. Eine seltsame Fahrt würde das werden, von mitten in der Sahara bis an die Atlantikküste mit ihren frischen, kühlen Winden.

Zwei Lokomotiven ziehen die Waggons - Mitfahrt auf dem Eisenerz ist kostenlos.

Foto: Michal Huniewicz

Der Zug war verspätet. Gefühlt hatten wir stundenlang in völliger Dunkelheit und Grabesstille dagestanden, nachdem ein scheinbar stummer Fahrer uns mitten im Nichts in Mauretanien abgesetzt hatte. Wir standen einfach da mit unseren Taschen, dachten an Skorpione und Schlangen und passten überhaupt nicht ins Bild. Im Auto hatte ich kurz, bevor es keinen Mobilfunk-Empfang mehr gab, noch einem Freund in England geschrieben: “Ein unbekannter Fahrer nimmt uns mit in die Wüste, ostwärts.” Es schien alles ziemlich verrückt.

Irgendwann erschien ein kleines Licht wie am Ende eines Tunnels. Es wurde allmählich immer größer. Es war erkennbar unser Zug, der auf uns zu rumpelte. Plötzlich brachten Autos weitere Menschen. Am Ende wird doch noch alles gut.

Warten auf den Zug

Foto: Michal Huniewicz

Mauretanien ist ein seltsamer Ort. Zwischen dem Maghreb und Subsahara-Afrika gelegen, war es einst ein recht lebendiges Land. Geschäftige Karawanen transportierten zwischen Marokko und Timbuktu Salz, Gold und Sklaven. Es war die Wiege der Berber-Dynastie der Almovariden, deren kurzlebiges Reich von Mauretanien bis ins islamische Spanien gereicht hat. Ihr Hauptquartier war die Stadt Marrakesch, die sie auch gegründet hatten. Später war Mauretanien eine vergessene und vernachlässigte französische Kolonie. Seit der Unabhängigkeit ist es eines der ärmsten Länder der Welt und die letzte Hochburg der Sklaverei, die erst 2007 verboten wurde. Je nach Schätzung sind noch zwischen vier und zwanzig Prozent der Bürger im mauretanischen Kastensystem in Sklavenhaltung gefangen.

In der Dokumentation „The slavery' s last stronghold“(auf Englisch) berichtet CNN über das Schicksal der Sklavin Moulkheir Mint Yarba. Ihr Baby wurde umgebracht, damit sie mehr arbeiten konnte. Moulkheir konnte schließlich der Sklaverei entrinnen.

Früher war Mauretanien als Teil der Rallye Paris-Dakar bekannt. Doch sowohl die Organisatoren der Rallye als auch die Touristen wandten sich ab, nachdem mehrere Terroranschläge das Land erschüttert hatten.

Heute besuchen mehr Menschen an einem einzigen Tag den Lake District Nationalpark in England, als Touristen in einem Jahr nach Mauretanien kommen. Hier und dort sieht man verrottende touristische Infrastruktur, vergessene Betonstümpfe und graue Bauskelette. Gleichzeitig sagen dir alle, das Land ist sicher, bitte komm wieder, kommst du zurück nach Mauretanien? Erzähl’s deinen Freunden.

Hinter diesen Dünen liegen Landminen und die West-Sahara - ein nicht als Staat anerkanntes Territorium, das von Marokko und Mauretanien unabhängig sein will.

Foto: Michal Huniewicz

Vom Einsatz der Sahauris für einen eigenen Staat Westsahara handelt der Artikel von Krautreporter Rico Grimm: Der stille Kampf am Rande der großen Wüste.

Das Land gibt sich wirklich Mühe. An mehr als fünfzig militärischen und polizeilichen Checkpoints wurden wir innerhalb von acht Tagen kontrolliert. Das war nicht immer angenehm, aber sie waren zu unserer Sicherheit da. Die Menschen waren freundlich. Die Kinder schrien aufgeregt: “Bonjour Monsieur!" Ein Mädchen sagte mir, sie sei in mich verliebt und verschwand zwischen ihren kichernden Freundinnen. In Städten boten uns Menschen an, uns zu fahren, wenn wir nach etwas suchten. Noch überzeugender: Es gab in den vergangenen Jahren keine Angriffe auf Touristen, was man von beliebten Urlaubszielen wie Ägypten, Tunesien oder der Türkei nicht sagen kann. Einmal mussten wir einen Polizisten bestechen, um unsere Pässe zurückzubekommen. Aber insgesamt gibt es keinen ersichtlichen Grund für den schlechten Ruf des Landes.

Und nichts davon zählt jetzt, als sich der Zug mit einem Ruck in Bewegung setzt. Wir fahren in Güterwagen, es gibt keine Schaffner und wir müssen keine Tickets zeigen. Wie wahnsinnig fangen wir an, mit unseren bloßen Händen Gruben in das lockere Eisenerz zu buddeln, so dass der Wind uns nicht runterfegt. “Zieh deinen Schal an!” Ein atemraubender Staubsturm kommt auf. Hustend und leise fluchend graben wir weiter und fallen dann erschöpft in die Mulde. Pechschwarze Dunkelheit. Der Himmel war noch nicht zuvor so großartig, und ich war noch nie so dreckig. Aber es ist erstaunlich bequem, erfrischend kühl, und der Zug wiegt mich sanft in den Schlaf.

Schlafplätze: Ins Eisenerz gegrabene Mulden, als Schutz vor dem Wind.

Foto: Michal Huniewicz

Als ich später aufwache, ist der Wind unbarmherzig geworden. Es ist schmerzhaft kalt. Ich stopfe meine schmutzige Unterwäsche in meinen Pullover und meine Kapuze, ziehe Socken an die Hände. Ammar wird später erzählen, auch er habe gefroren. Doch dann habe er nichts mehr gefühlt und dachte, er würde sterben.

Panik kommt bei mir auf, als ich ihn nicht mehr auf der anderen Seite des Waggons sehe. Aber er ist nur ein bisschen runtergerutscht. Teilweise von von Sand und Eisenerz bedeckt, unterscheidet er sich kaum von den Taschen neben uns.

Selbst als es am Morgen hell wird, kann ich die Spitze des Zugs nicht sehen, so lang ist er. Ein freundlicher Tritt, und ich sehe, dass Ammar die Kälte überlebt hat. Das freut mich, denn er ist mein Freund. Ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, die ich gehabt hätte, wenn er gestorben wäre. Der Wind bläst die Taschen umher, und es sieht aus, als wären sie lebendig. Bald sehen wir Menschen aus ihren Decken krabbeln. Sie starren uns an, gähnen und strecken sich. Wir sind genauso überrascht, sie zu sehen wie sie uns.

Kamele und ein Brunnen

Foto: Michal Huniewicz

Eisen hält Mauretanien in Gang. Das Land ist Afrikas zweitgrößter Eisenerzproduzent. Aber der Zug ist auch ein kostenloses Transportmittel für Menschen und deren Gepäck. Plötzlich tauchen Kartons mit Nudeln, Reis und Wasserflaschen sowie lebende Ziegen auf.

Angesichts der endlosen Wüste um uns herum, ist es kaum zu glauben, dass hier einmal ein Ozean war. Aber noch immer findet man Wal-Skelette in der Sahara. Sie trägt den Spitznamen “Das Grab des weißen Mannes” und macht mir Stunde um Stunde immer weniger Spaß. Wir haben keine Ahnung, wo wir sind, aber ich schätze, dass es noch ungefähr sechs Stunden bis zu unserem Zielort Nouadhibou sind. Die Küstenstadt ist berühmt für ihren großen Schiffsfriedhof, eine kleine Robbenkolonie, mehr nicht.

Die 700 Kilometer lange Bahnstrecke Nouadhibou – M'Haoudat

"Erzbahn Mauretanien“ von Vuxi; Wikimedia; CC BY-SA 3.0

Es ist ein gewaltiges Erfolgsgefühl, als wir fern am Horizont schließlich eine dünne blaue Linie erkennen, den Atlantischen Ozean. Es ist zwar nicht so großartig, wie mit dem sogenannten Lunatic Express in Mombasa anzukommen, aber es ist auch wunderschön. Als wir die Halbinsel Cap Blanc erreichen, bereiten sich die Leute langsam darauf vor, den Zug zu verlassen. Wir springen ab, gehen zum besten Hotel, das Nouadhibou zu bieten hat, duschen und hinterlassen braune Eisen-Flecke auf Handtüchern und Fußböden. Das Erz wird noch ein paar Kilometer weiterreisen, dann über den Ozean verschifft und verhüttet, bekommt Phosphor und Schwefel entzogen und wird schließlich zu Stahl.

Ohne Halstuch zum Schutz von Mund und Nase macht Eisenerzstaub das Atmen zur Qual.

Foto: Michal Huniewicz

Auf dem Weg zur Atlantikküste: Cap Blanc - eine Halbinsel nahe Nouadhibou, am Wendekreis des Krebses.

Foto: Michal Huniewicz

Ammar, der Freund des Autors, im Dämmerlicht.

Foto: Michal Huniewicz

Staubsturm.

Foto: Michal Huniewicz

Auf dem Heimweg von Cap Blanc macht sich der Führer des Autors auf den Heimweg.

Foto: Michal Huniewicz

Aufmacher-Foto: Michal Huniewicz


Dieser Artikel ist in Englisch in Roads & Kingdoms erschienen, einem unabhängigen Online-Magazin mit den Schwerpunkten Essen, Politik, Reise und Kultur.