Goldene Versprechen

Goldene Versprechen

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Die Lastwagen kamen, als sie schliefen. In der Nacht vom 31. Juli 2007 wurden die Bewohner Mtakujas jäh aus dem Schlaf gerissen, als an ihre Türen geklopft und sie aufgefordert wurden, umgehend ihre Häuser zu verlassen. Ihre Felder, ihr Vieh, ihr Land. Dann muss alles ganz schnell gegangen sein. Sie durften ein paar Sachen packen. Dann wurden sie auf Fahrzeuge geladen und weggebracht. Ihr Dorf haben sie nie wiedergesehen.

Die Luft in Geita ist trocken und erdig. Der Staub der roten Erde Tansanias hat sich in alle Ecken des Städtchen gesetzt. Es gibt eine geteerte Straße und einen geschäftigen Marktplatz, der gleichzeitig der Busbahnhof ist.Wohin man auch sieht Radfahrer und Fahrräder, meist mit Mitfahrer auf dem Gepäckträger. Sie fahren kreuz und quer, schlängeln sich an den Fußgängern vorbei, an den Autos und an den schweren Lastwagen, die auf der Hauptstraße auf und ab fahren. Sie passen nicht ins Bild.

Geita in Tansania

Image caption: Geita in Tansania

Copyright: mapz.com

Geita wäre eine von vielen unscheinbaren Ortschaften im Norden Tansanias, nichts als einer von vielen Punkten auf der Karte, wäre da nicht das Gold. Wenige Kilometer vom Ortsende entfernt liegt eine der größten Goldminen Afrikas, die Geita Gold Mine, kurz: GGM. Seit 2004 gehört sie zu 100 Prozent dem südafrikanischen Unternehmen Anglo Gold Ashanti, das sich in jenem Jahr aus den Firmen Anglo Gold und Ashanti formiert hatte.

Tansania ist in den vergangenen Jahren zum viertgrößten Goldproduzenten Afrikas aufgestiegen, hinter Südafrika, Ghana und Mali, wenn es Mali nicht schon überholt hat. Das ostafrikanische Land ist im Rohstoffrausch. Wie in zahlreichen anderen Ländern des Kontinents kommen ausländische Investoren ins Land. Gold, Kupfer, Uran, Diamanten – alles noch zu haben.

Zephania Maduhu sagt als Sprecher des tansanischen Ministeriums für Energie und Bodenschätze, das Land erhoffe sich, dass mit den Investoren mehr Geschäftsmöglichkeiten und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ins Land kommen, dass die lokale Bevölkerung ausgebildet wird und technisches Know-how bekommt, dass die Firmen einen Beitrag zur sozialen Entwicklung in der jeweiligen Region leisten.

Das ist die Vision. Die Realität sieht oft anders aus. Ähnlich wie in Mosambik ist es auch in Tansania bereits zu Konflikten gekommen, wenn ausländische Firmen ins Land kommen und Flächen erwerben.

Bevor man Geita in Richtung Goldmine verlässt, passiert man ein Stückchen Land, das keinen Namen trägt. Von der Straße ist es nicht zu sehen, es liegt versteckt hinter Bananenstauden und dichtem Gebüsch. Folgt man dem Rauschen des Baches, findet man ganz einfach zu dem Platz, an dem die Bewohner Mtakujas in jener Nacht vor sieben Jahren abgeladen wurden.

In der Mitte steht die Ruine eines ehemaligen Gemeindezentrums, dahinter rund 20 Campingzelte, zerfleddert und mit Plastik und Laken ausgestopft, eingehüllt in den roten Staub der Erde. Es sieht aus wie die Kulisse eines post-apokalyptischen Thrillers.
Unter einem Papayabaum in der Mitte des Feldes sitzt eine Gruppe Menschen auf Eimern und Baumstämmen. Erst als wir ganz nah sind, registrieren sie uns.

Die ehemaligen Bewohner Mtakujas

Image caption: Die ehemaligen Bewohner Mtakujas

Copyright: Victoria Schneider

Seit sieben Jahren lebten sie nun hier, sagt Anastasia Emanuel, eine Frau von etwa 50 Jahren. Trotz des heißen Wetters trägt sie eine dicke Kapuzenjacke. Sie sieht müde aus, lethargisch, ihr Blick ist starr zu Boden gerichtet. “Wir hatten gerade Zeit, unsere Sachen zu packen”, sagt sie über jene Nacht 2007, “als nächstes fanden wir uns hier wieder, ohne alles”. Die Frauen und zwei Männer, die neben Emanuel sitzen, nicken. Zwei Wochen habe GGM ihnen Essen und Trinken gegeben, danach, behaupten sie, haben sie nie wieder von den südafrikanischen Gästen gehört.

“Neun Monate lebten wir hier auf dem Feld, wir schliefen in der Ruine”, sagt Hamis Chalis, ein freundlicher Mann mit Schlapphut. Dann sei die African Inland Church gekommen, die ihnen Campingzelte schenkte, in denen sie noch immer leben.

Hamis Chalis in seinem Zelt

Image caption: Hamis Chalis in seinem Zelt

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Hamis Chalis' Zelt von außen

Image caption: Hamis Chalis' Zelt von außen

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Anastasia Emanuel führt uns zu ihrem Zelt am Rande der Siedlung. Wir gehen an den Toilettenhäuschen vorbei, vier davon stehen dort. Es stinkt bestialisch. Die Plastikcontainer sind über die Jahre einen halben Meter in die Erde gesunken. Die Böden der vier Kabinen haben sich aufgelöst.

Die Plastiktoilettenhäuschen wurden seit sieben Jahren nicht erneuert.

Image caption: Die Plastiktoilettenhäuschen wurden seit sieben Jahren nicht erneuert.

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Emanuels Zelt steht unter Bananenstauden am Rand der Siedlung. Es ist etwa sechs Quadratmeter groß; ein Flickenteppich aus roten und grünen Plastiktüten, Stofffetzen und Stöcken hält ihr Haus. Wie Alice im Wunderland man muss sich beim Eintreten ducken, aufrecht stehen kann man nicht. Ein Mensch ist zu groß für das Zelt, das in den vielen Regenzeiten in sich zusammengefallen ist. Der Boden ist längst weggespült, die Töpfe und Dosen stapeln sich in einer Ecke, Kleidung und Kram ist in Plastiktüten gestopft.

“Während der Regenzeit müssen wir nachts oft aufstehen und das Zelt halten”, sagt Emanuel. Sonst würde es unter der Last des Wassers zusammenbrechen. Über die Jahre hat die Struktur der Unterkunft nachgegeben, Stöcke und Äste halten das Zelt in Form.

Anastasia Emanuel vor ihrem Zelt am Rande der Siedlung

Image caption: Anastasia Emanuel vor ihrem Zelt am Rande der Siedlung

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Sie wohnt hier mit ihrer Tochter und ihrer kranken Mutter, die vor dem Zelt in der Sonne sitzt. Juleta, ihre neunjährige Tochter, hockt vor dem Zelt und rührt mit einem Stock die kochenden Bohnen über dem Feuer um. Bohnen und Reis, sagen die Menschen, sei alles, was sie hier essen. “Manchmal essen wir einmal am Tag, je nachdem wie oft ich Arbeit finde”, sagt Emanuel. Sie setzt sich auf ihr Bett, eine alte Matratze, die quergelegt genau ins Zelt passt.

Es ist neun Uhr morgens, doch Juleta ist nicht in der Schule. “Ich gehe jeden Tag im Ort herum und suche Gelegenheitsjobs”, berichtet Emanuel. Sie macht lange Pausen zwischen den Sätzen, starrt abwesend zum Boden, den Kopf in die Hände gestützt. “Juleta muss sich um ihre Großmutter kümmern, sie ist sehr krank und schwach.”

Anastasia Emanuel auf dem Bett im Inneren des Zeltes

Image caption: Anastasia Emanuel auf dem Bett im Inneren des Zeltes

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Keiner der ehemaligen Bewohner Mtakujas ist zur Schule gegangen. Das Dorf war abgelegen von der Außenwelt und versorgte sich selbst durch den Anbau von Getreide, Gemüse und Obst sowie durch Viehzucht.

Wambura Matiko hat uns hierher gebracht. Er wohnt in Geita und ist ein Freiwilliger des Legal Human Rights Centers in Daressalam. In seiner Freizeit widmet er sich den, wie er sagt, “verzweifelten Menschen in den Zelten”. Er übersetzt von Suaheli ins Englische.

Seit Jahren versucht Matiko, eine Lösung für die 80 Menschen zu finden, die hier noch wohnen. “Die Regierung hat diesen Ort niemals besucht”, sagt er. Und das, obwohl die Firma Anglo Gold Ashanti behauptet, zwischen 1998 und 2000 eine große Summe Geld an Tansania gezahlt zu haben. Damals wurden die Verträge geschlossen, in denen laut Anglo Gold Ashanti auch festgehalten wurde, was passiert, wenn die Mine ausgeweitet wird - und gegebenenfalls Dörfer verschwinden müssen.

“Wir haben viel Geld an die Regierung gezahlt, aber es ist nie bei den Leuten angekommen”, sagte die bis Anfang des Jahres für die Afrika-Operationen von Anglo Gold zuständige Sprecherin Jessica van Onselen in einem Gespräch in Johannesburg. “Das hat für viel Frustration gesorgt. Die Leute in den Zelten haben die Regierung sogar verklagt. Doch ohne Ergebnis.”

Regierungsvertreter Zephania Maduhu erklärte zum Thema Zwangsumsiedlung: “Die Menschen wurden in Einklang mit Teil 95 (1b)(v) des Mining Act, 2010, umgesiedelt.” Auf monatelange wiederholte Rückfragen, welches Gesetz vor 2010 galt - die Umsiedlung geschah schon 2007 - und was mit den Kompensationszahlungen passiert ist, kam keine Antwort mehr.

Maduhu verwies auf die Verantwortung der Stadt, doch weder Geita noch die Polizei dort beantworteten diesbezügliche Anfragen per Telefon und E-Mail.

“Das große Problem ist, dass nicht klar ist, wer in Tansania verantwortlich ist, wenn es zu Umweltverschmutzungen oder Menschenrechtsverletzungen durch Rohstoffabbau kommt”, sagt Silas Olang. Er arbeitet für das Natural Resource Governance Institute (NRGI, vorher: Revenue Watch), ein Institut, das die Geldströme zwischen Regierungen und Investoren beobachtet. Für Olang ist die größte Herausforderung die mangelnde Transparenz. “Die Einnahmen aus der Mineralindustrie fließen in den Bericht des Finanzministeriums, doch der führt nicht auf, wohin diese Einnahmen gehen.”

Es gebe eine spezielle Beziehung zwischen Regierungen und Rohstoffunternehmen, sagt er, besonders in Subsahara-Afrika. “Wenn die Regierungen nicht hart durchgreifen und Gesetze verabschieden, die Menschen und Umwelt explizit schützen, können dir Firmen ganz einfach sagen: Aber wir haben doch das Gesetz befolgt.”

“Wir haben alle Prozeduren der Regierung befolgt”, sagt auch die frühere Anglo-Gold-Sprecherin van Onselen. “Wir wussten, dass es da ein Problem gibt mit diesen Menschen in den Zelten, dass die in nicht besonders guten Verhältnissen leben, aber es liegt nicht in unserer Verantwortung.”

Trotzdem habe Anglo Gold Ashanti im vergangenen Jahr begonnen, Häuser für “die Menschen in den Zelten” zu bauen. Laut Chris Nthite, einem der Sprecher des Unternehmens, sind diese Häuser inzwischen fertiggestellt. “Wir sind in den letzten Zügen und warten nur auf die Wasserversorgung, den Strom-Transformator, für den die Regierung zuständig ist. Und wir wollen einen Wirtschaftsplan anfertigen, den wir den Menschen vorlegen wollen, damit sie etwas zu tun haben.”

Wambura Matiko in Geita sagt, er wisse nichts von Häusern, die für die Menschen gebaut würden. Per Brief meldet er sich mit einem Update: Die Menschen in den Zelten hätten eine weitere, schwere Regenzeit hinter sich. Einer der Bewohner ist verstorben. Die Zelte seien nach wie vor in einem “desolaten Zustand”.

Diesen Brief schickte uns Wambura Matiko per E-Mail am 15. März 2014.

Image caption: Diesen Brief schickte uns Wambura Matiko per E-Mail am 15. März 2014.

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Fortsetzung folgt.

Weitere Bilder aus der Fotobox unserer Autorin finden Mitglieder in den Anmerkungen.

Dieser Text ist im Rahmen einer Recherche-Reise im vergangenen Jahr entstanden, die teilweise von Krautreporter-Crowdfunding-Unterstützern, Facing Finance und der Friedrich Ebert Stiftung finanziert wurde.