Das amerikanische Schöpfungs-Paradox

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Es war 1925, da war der englische Forscher Charles Darwin längst ein gefeierter Held der Naturwissenschaft, berühmt für seine „Evolutionstheorie“, begraben neben Königen in der Londoner Westminster Abbey. In diesem Jahr trat das Parlament des amerikanischen Bundesstaates Tennessee zusammen, um seinen Lehrern zu verbieten, etwas anderes als die biblische Schöpfungsgeschichte des Menschen zu unterrichten. Und sie setzten dieses Gesetz auch durch!

Darwins Beispiel ist nur eines von vielen. Nehmen Sie Galilei: Wer vorher noch daran zweifelte, dass die Erde um die Sonne kreist, dem legte 1633 Galileo Galilei den endgültigen Beweis vor. Aber die Katholische Kirche erkannte diesen Beweis nicht an. Sie zwang den „Gotteslästerer“ Galilei, seine Lehren zu widerrufen und verbot seine Bücher. Das Italien dieser Zeit war weit entfernt vom Italien Leonardo da Vincis, das zur Wiege der Renaissance und des Kapitalismus wurde. Es belohnte nicht mehr die Neugierigen und Entdecker, sondern nur noch die Starrsinnigen und Glaubensfesten. Die wissenschaftliche Methode wurde woanders verfeinert: In England nahm die Royal Society die Lehren Galileis begeistert auf. Es folgten: die Newtonsche Mechanik, die Dampfmaschine von James Watt, die Erfindung der modernen Welt im Rauch der Fabrikschlote. Großbritannien wurde Weltmacht und London ihre reichste Stadt.
Nicht die Inquisition allein begründete den Abstieg Italiens und der anderen großen Seefahrernationen Spanien und Portugal, aber sie war ein wichtiger Grund. Denn sie behinderte den wissenschaftlichen Geist, den diese Länder gebraucht hätten, um sich an der Spitze zu halten. Erfindungen, die den Ertrag auf den Feldern und die Produktion in den Manufakturen steigerten, die neue Märkte öffneten und Handelsfahrten verkürzten, diese Erfindungen machten die Niederländer, Franzosen und Engländer.

Während der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald seinen „Großen Gatsby“ schrieb, die Fords in Detroit an einem Nachfolger für ihr berühmtes erstes Auto-Modell tüftelten und die Wall Street zum mächtigen Zentrum des neuen kapitalistischen Zeitalters aufstieg, zitierten die Autoritäten Tennessees den Lehrer John Scopes vor Gericht, um ihn mit einer Geldstrafe von 100 Dollar zu belegen, weil er lehrte, was bewiesen war: dass niemand die Menschen geschaffen hat. Sondern sie sich aus anderen Tieren entwickelt haben.

Der Aufstieg der USA war dennoch unaufhaltsam, erst gewannen sie den Krieg gegen Nazi-Deutschland, dann lösten sie Großbritannien als die wichtigste Wirtschaftsmacht des Planeten ab. Bis heute sind sie es – und bis heute gedeiht der Glaube an einen großen Schöpfergott im Land.

Dabei dürfte es das eigentlich nicht geben. Wenn man auf einer Achse einträgt, wie reich ein Land ist, und auf einer anderen, wie viele seiner Bürger die Evolutionstheorie ablehnen, fügen sich die Daten zu einem klaren Bild: Wirtschaftsschwäche und Kreationismus treten oft gemeinsam auf. Der finanziellen Armut scheint eine wissenschaftliche gegenüber zu stehen. Nur nicht in den USA.

Schauen Sie:

Die Grafik stammt vom US-amerikanischen Comiczeichner Tony Piro und zeigt die Korrelation zwischen Glauben an die Evolution und nationalem Wohlstand. Die USA, rechts unten, weit ausholend auf der Wohlstandsachse, kauernd dort, wo der Zeichner eingetragen hat, wer an die Evolution glaubt. Die Grafik ist unorthodox , aber ihre Daten sind es nicht. Diese haben den Ritterschlag der Wissenschaftswelt erhalten: 2006 wurden sie in Science veröffentlicht. Der Sozialwissenschaftler Jon Miller und zwei Kollegen arbeiten auf zwei knappen Seiten unterschiedliche Kreationismus-Level von 34 Ländern heraus. In den USA lehnt jeder Dritte die Evolutionstheorie ab, zählt man die Unentschlossenen hinzu, zweifelt eine deutliche Mehrheit der US-Amerikaner an Darwins Lehren. In Deutschland sind das immerhin auch 25 Prozent der Menschen.

Die Linienführung des Comiczeichners wird etwa hier kontrovers diskutiert.

Reden wir erst über die anderen Länder: Was könnte Kreationismus-Level und Wirtschaftskraft verbinden? Wir brauchen darauf eine gute und plausible Antwort, um nicht etwas zu vermengen, was nicht zusammengehört, und am Ende erklären zu müssen: Es war der Zufall.

Die Antwort liegt schon im ersten Absatz dieser Geschichte und im zweiten. Wer erfindungsreich ist, bearbeitet die Welt wie ein Bildhauer den Marmorklotz. Er schafft sich Chancen, wo vorher nichts war. Plötzlich kann ein Mensch in ein Flugzeug steigen und beständig und zügig Geschäfte auf der anderen Seite des Atlantiks machen, plötzlich kann einer die winzigen Schrauben drehen, die es für die noch kleineren Platinen braucht, mit denen unsere Welt rechnet, plötzlich gibt es Batterien, auf denen wir die ganze Energie speichern können, die die Sonne jeden Tag auf die Erde schickt. Plötzlich wird es Licht.

Je mehr Glaube desto weniger Patente

Die drei Ökonomen und Sozialforscher Roland Benabou, Davide Ticchi und Andrea Vindigni haben 2013 eindeutig festgestellt, dass Religiosität den Erfindungsreichtum einer Gesellschaft verringert: Wenn die Menschen besonders häufig in die Kirche gehen beziehungsweise an Gott glauben, werden weniger Patente pro Kopf angemeldet. Das erwies sich als gültig in verschiedenen Ländern der Welt und in den Bundesstaaten der USA.

Hier geht es zu der Studie „Forbidden Fruits: The Political Economy of Science, Religion, and Growth“.

Aber wie viel einem einfällt und wie viel einer tüftelt, hängt nicht nur von seinem Glauben ab. Deswegen haben die drei mit Hilfe eines statistischen Tests überprüft, ob nicht andere Dinge, wie Bevölkerungszahl, Bildung, Wohlstand, die Patentezahl erhöhen. Und das tun sie auch, aber der Effekt der Religiösität bleibt trotzdem erhalten. Gott wohnt in keiner Werkstatt.

Die drei Forscher wollen wissen, warum er da nicht wohnt. Sie vermuten, erstens, dass neue Erfindungen die Produktivität erhöhen, der Mensch also mit den gleichen Mitteln mehr produzieren kann. Zweitens nehmen sie an, dass die Regierung eines Landes großen Einfluss hat. Ob sie Grundlagenforschung unterstützt und neue Techniken erlaubt. Drittens – und das ist die originellste These der drei – hat auch das Verhalten der Kirchen Einfluss. Sie können sich dem Fortschritt verweigern, wie die strengen Katholiken der Inquisition, oder ihn annehmen, wie Papst Pius XII., der 1950 endlich feststellte, dass Evolution und Katholizismus kein Gegensatz sind – so die Wahrheiten der Kirche entsprechend anpasste oder anders: die Wahrheiten der Kirche „reparierte“, wie es in ihrer Arbeit heißt.

Hier geht es zum offiziellen deutschen Text der Enzyklika „Humani generis“ von Papst Pius XII.

Westeuropa, Theokratie und USA

Die Forscher testen ihre Thesen. Dazu programmieren sie einen virtuellen Sandkasten, in dem sich sogenannte Agenten, Computerprogramme, bewegen. Die Agenten sollen kleine Menschen sein. Sie folgen bestimmten, ihnen charakteristischen Regeln, je nachdem, ob sie religiös sind oder atheistisch, der Regierung angehören oder Geistliche sind. Die Agenten werden geboren und sterben; es gibt mehrere Generationen und mehrere Durchläufe, bis sich die Ereignisse anfangen zu ähneln, und es so scheint, als hätten sich diese kleinen Computerprogramme in ihrer Rolle eingefunden. Gleichgewichte entstehen, das Chaos des Anfangs ist kaum noch zu sehen.

Drei Modelle kommen immer wieder:

  • „Westeuropa“, wo die Religiosität abnimmt, die Wissenschaft fortschreitet, die Kirche untätig und die Steuern und Staatsausgaben im nicht-religiösen Sektor hoch sind.
  • Theokratie“ (Herrschaft durch Geistliche), wo die Religiosität hoch ist, der wissenschaftliche Fortschritt erstickt, die Kirche mächtig ist und der Staat Religion stark fördert.
  • „USA“, wo die Religiosität hoch ist, die Wissenschaft fortschreitet, die Kirchen meistens versuchen, mit der Technik Schritt zu halten und der Staat die Wissenschaft fördert.

Die drei Forscher füttern das Modell mit ihren Thesen über Religion und Erfindungsgabe. Es spuckt immer wieder Gesellschaften aus, die jenen ähneln, die wir auch in der echten Welt vorfinden. An ihren Thesen scheint etwas dran zu sein; Religion kann die Innovationskraft einer Gemeinde ersticken. Aber sie können nicht das amerikanische Kreationismus-Paradox auflösen. Es gibt den dritten Weg zwischen gottlosen Europäern und Theokraten anderswo.

Was am Ende dieses Weges liegt, könnte Miller zeigen, der Autor der Kreationismus-Untersuchung. Er fragt sich, warum so viele US-Amerikaner an einen Schöpfergott glauben. Er ist überzeugt davon, dass die Fundamentalisten verantwortlich seien, die Bibeltreuen, die jedes Wort der vermeintlich göttlichen Schrift glauben wollen und darin nicht, wie ihre gemäßigteren Cousins, nur sprechende Bilder sehen. Die Fundamentalisten sind eine wichtige Wählergruppe, sie haben ihre Vertreter in der republikanischen Partei gefunden. In den 1990er Jahren warben Republikaner in sieben Bundesstaaten explizit mit ihrer Ablehnung der Evolutionstheorie um Stimmen.

Miller zeigt, dass es wichtig ist zu wissen, wer die Evolution ablehnt. Die Zahlen sind klar: Kreationisten in den USA sind überdurchschnittlich häufig evangelikal-protestantisch, eher weiblich, republikanisch und eher ohne höheren Bildungsabschluss. Außerdem gehen sie häufiger in die Kirche, leben eher im Südosten der USA, wo die meisten Schulen zu finden sind, die die biblische Schöpfungslehre unterrichten und es für arme Menschen besonders schwer ist, sich hochzuarbeiten. Evangelikale haben tendenziell weniger Geld zur Verfügung als die Angehörigen anderer Religionen.

Kann es vielleicht sein, dass die USA gar nicht so besonders sind? Dass der Zusammenhang zwischen Kreationismus und Wohlstand auch dort existiert, nur verdeckt wird von der Vielfalt des Landes, der Menschen, Kirchen und Gemeinden des Landes? Denn was trennt einen atheistischen und gut gebildeten Ostküsten-Bewohner von einem schwarzen Evangelikalen aus Mississippi? Was den kalifornischen Katholiken, der bei Facebook arbeitet, von einer alleinstehenden Frau aus dem ländlichen Tennessee?

Einiges. Aber vor allem der Umstand, dass sie wahrscheinlich niemals ein Bier miteinander trinken gehen werden. Ihre Leben könnten zu verschieden, ihre Welten zu stark getrennt sein. Der statistisch durchschnittliche Amerikaner ist wohlhabend und hat ein eher hohes Kreationismus-Level, weil er in der Wirklichkeit kaum anzutreffen sein könnte. Beide Eigenschaften könnten nur selten in einem Menschen zu finden sein. Manche Schichten glauben eher an die Evolution, andere eher an einen Schöpfergott. Die Ausschläge in den USA, die Extreme könnten dort viel weiter auseinander liegen als etwa in Europa, wo es nicht so viele Fundamentalisten gibt.

Das ist eine mögliche These, die aber noch kein Forscher mit genau dieser Stoßrichtung verfolgt hat. In einem ersten Schritt müsste er herausfinden, wie stark einzelne Teile der amerikanischen Gesellschaft voneinander getrennt sind. Im zweiten statistisch untersuchen, ob sich das auf die Kreationismus-Wohlstands-Verbindung auswirkt. Es würde gelten: Je stärker eine Gesellschaft geteilt ist, desto schwächer wird der Zusammenhang zwischen Kreationismus und Wohlstand.

Religiosität ist nicht gleichbedeutend mit Kreationismus

Es gibt Hinweise, dass das stimmen könnte, die über einzelne Statistiken hinausgehen. Zwei Menschen können sich in ihrer Religion, Hautfarbe, Geschlecht und vielen anderen Dingen unterscheiden – und im Einkommen. Der Brite Tomas Rees hat 2009 herausgefunden, dass die Höhe des Einkommens sehr gut erklären kann, wie religiös jemand ist. Er erklärt es sich damit, dass arme Menschen eher unsich­ere Leben führen und deswegen zu Gott schauen. Aber das allein kann auch nicht ausschlaggebend sein.

Denn Religiosität ist nicht gleichbedeutend mit Kreationismus. Und die Daten sind nicht so eindeutig, wie es wünschenswert wäre. Rees schreibt: „Weil die USA kein Ausreißer sind, wenn nur die Ungleichheit betrachtet wird, könnte es sein, dass ein anderer Faktor […] sich in den USA anders verhält als in anderen Ländern.“

Mit anderen Worten: Das amerikanische Kreationismus-Paradox ist noch nicht gelöst. Es braucht einen kritischen, genau arbeitenden Geist, um das zu schaffen. So einen wie Darwin vielleicht.


Aufmacher-Foto: Kevin Dooley, Flickr (CC BY 2.0)

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