Mit 1.200 Ratten auf der Suche nach der Wahrheit

Mit 1.200 Ratten auf der Suche nach der Wahrheit

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Dossier Grüne Gentechnik: Über kaum ein Thema wird in Deutschland so sehr gestritten wie über die Grüne Gentechnik. Denn Pflanzen, denen per genchirurgischem Eingriff ins Erbgut neue Eigenschaften gegeben wurden, stehen in keinem guten Ruf. Sie könnten gesundheitsschädlich sein, der Umwelt schaden und wirtschaftliche Abhängigkeit erzeugen, sagen die Kritiker. Die Befürworter sehen keine stichhaltigen Hinweise auf diese Risiken, jedenfalls nicht in dieser Allgemeinheit. Eine Auflösung der Kontroverse zeichnet sich nicht ab. Ganz im Gegenteil scheinen sich die Fronten immer weiter zu verhärten. Dabei dürfen in Deutschland derzeit nicht einmal gentechnisch veränderte Pflanzen für kommerzielle Zwecke angebaut werden. Krautreporter berichtet in loser Folge von den Entwicklungen in diesem Bereich und erklärt die Hintergründe. Dies ist der dritte Beitrag des Dossiers.


Man kann sich dieses Treffen wahrscheinlich so entspannt vorstellen wie einen Agentenaustausch während des Kalten Krieges: Versammelt hatten sich Gentechnikgegner und Befürworter. Wissenschaftler und Lobbyisten, Mitarbeiter der Industrie und von Nichtregierungsorganisationen, Behördenvertreter und Tierschützer. Es ging um die Frage, wie man herausfinden kann, ob gentechnisch veränderte Pflanzen eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellen.

Die Europäische Kommission hat Geld gegeben, um das in einem vier Jahre währenden Experiment herauszufinden. Anders als frühere Untersuchungen dieser Art, soll dieses Experiment vollkommen transparent ablaufen: Jeder kann sich an dem Design der Studie beteiligen, die Daten werden später frei zugänglich in einer Datenbank im Internet abgelegt. Krautreporter begleitet dieses Projekt seit vergangenem Herbst.

Kurz vor Weihnachten luden die Organisatoren des G-TwYST-Projekts zum ersten sogenannten Stakeholder-Treffen ein. Mit Stakeholder ist in diesem Fall so ziemlich jeder und jede gemeint, der oder die sich an der Planung dieser Studie beteiligen möchte – mit Ausnahmen, dazu gleich mehr. Am 16. und 17. Dezember 2014 trafen sich schließlich 63 Menschen aus 14 verschiedenen Ländern zu dem Workshop in Wien, um den Entwurf des von der Europäischen Kommission beauftragten Forscherkonsortiums zu diskutieren.

Grob gesagt geht es darum, in verschiedenen Testreihen zu untersuchen, ob von den genetisch veränderten Maissorten NK603 und MON810 eine Gefahr für die Gesundheit des Menschen ausgeht. Dazu sollen Ratten einerseits 90 Tage mit verschiedenen Mengen dieser Maissorten gefüttert werden. Eine andere Gruppe von Tieren wird ein Jahr lang diese Kost bekommen, dabei sollen sich langfristige toxische Effekte zeigen, so es denn welche gibt. Eine weitere Testreihe wird zwei Jahre lang laufen, dabei geht es um etwaige krebserregende Wirkungen der genetisch veränderten Beikost. Normalerweise werden transgene Pflanzen nur über drei Monate hinweg getestet.

Die Versuche sind so angelegt, dass knapp 1.200 Ratten mit gentechnisch verändertem Mais der Sorte NK603 in verschiedenen Dosierungen beziehungsweise mit Mais, der kein zusätzliches Gen eingepflanzt bekommen hat, gefüttert werden. NK603 soll alleine und zusammen mit dem Pflanzenschutzmittel Roundup über 90 Tage, ein Jahr und zwei Jahre hinweg getestet werden.

Nur eine Gruppe durfte nicht zu dem Treffen kommen: Journalisten. Man befürchtete, dass die übrigen Teilnehmer dann nicht mehr so frei diskutieren würden, wenn Vertreter der Medien auch bei der Veranstaltung auftauchen. Wie das mit dem Anspruch zusammenpasst, das Projekt vollkommen transparent abzuwickeln, müssen die Organisatoren noch erklären. Auch wenn man versteht, dass sie da in einer Zwickmühle stecken: Transparenz fühlt sich anders an.

Um dennoch einen Eindruck zu bekommen, wie das Treffen abgelaufen ist, hat Krautreporter kurz nach dem Treffen mit einigen der Teilnehmer gesprochen oder Informationen per E-Mail ausgetauscht.

Die Tabelle zeigt die am Projekt beteiligten Institutionen, die letzte Spalte zeigt an, an welchem Teil des Projekts die Gruppe jeweils arbeiten wird.

Image caption: Die Tabelle zeigt die am Projekt beteiligten Institutionen, die letzte Spalte zeigt an, an welchem Teil des Projekts die Gruppe jeweils arbeiten wird.

Copyright: Ausschnitt aus G-TwYST-Dokument


Kristina Wagner vom Deutschen Tierschutzbund berichtet von einer „sehr angeheizten Stimmung“. Was sie nicht unbedingt als negativ erachtet: „Es gab rege Diskussionen, aber die Diskussionen waren hier eindeutig erwünscht.“ Und so sehr Wagner begrüßt, dass verschiedene Gruppen eingeladen wurden, um das Design der Studie zu diskutieren, so sehr bedauert sie, erst so spät einbezogen worden zu sein, zu einem Zeitpunkt, zu dem der Versuch bereits in groben Zügen geplant war. Sie und ihre Kollegen stellen den Nutzen dieser Untersuchung generell infrage. „Das ganze Projekt ist politisch motiviert und nicht wissenschaftlich. Aus Tierschutzsicht geht das gar nicht.“

Damit spielt Wagner darauf an, dass dieses Projekt nur durch politischen Druck zustande kam und nicht, weil es neue, wissenschaftliche Indizien zu überprüfen gilt. Die EU-Kommission hatte die Studie ausdrücklich in Auftrag gegeben, um der umstrittenen „Séralini-Studie“ (hier der Hintergrund dazu bei Krautreporter) etwas wissenschaftlich Valides entgegen zu setzen. Der französische Molekularbiologe Gilles-Eric Séralini und seine Kollegen wollten darin demonstriert haben, dass gentechnisch veränderter Mais Krebs bei Ratten auslöst. Schnell wurde jedoch erkannt, dass die Behauptung wissenschaftlich nicht haltbar war.

Dennoch brachte diese ältere Studie, die von den meisten Wissenschaftlern als wertlos erachtet wird, die EU-Kommission dazu, über Langzeitfütterungsstudien nachzudenken, obwohl es keinerlei neue Anhaltspunkte gab, dass gentechnisch veränderte Pflanzen eine Bedrohung für den Menschen darstellen könnten. „Wir finden es fraglich, dass diese Untersuchungen gemacht werden, obwohl der Nutzen noch überhaupt nicht klar ist“, sagt Wagner. Doch man könne dies nicht alles den G-TwYST-Forschern anlasten, denn die handelten nach Vorgabe der Kommission.

Die Kommentare der Tierschützer seien deshalb sehr grundsätzlich ausgefallen und wenig spezifisch: „Ich bin mir sicher, dass sich zumindest die Forscher intensiv mit unseren Einwänden auseinandersetzt haben. Aber wir hoffen, durch unsere Kommentare auf die politischen Entscheider Einfluss zu nehmen.“

Es habe auch Kritikpunkte zum zeitlichen Ablauf der Untersuchung gegeben, erzählt Wagner. „Aber es wurde auch klar, dass sich die Forscher in einem zeitlich und finanziell sehr eng gestecktem Rahmen bewegen. Man spürt die Hin- und Hergerissenheit der Beteiligten. Ihnen ist offensichtlich bewusst, dass diese Studie auch nicht perfekt ist. Sie bemühen sich aber trotzdem, in dem Rahmen das Bestmögliche daraus zu machen. Ich weiß nicht, was ich als Vorstand einer solchen Studie machen würde, wo schon die Rahmenbedingungen zu schwierig sind.“


Der Molekularbiologe Robin Mesnage war ebenfalls bei dem Treffen im Dezember. Er forscht derzeit an der King’s College London School of Medicine und ist einer der Ko-Autoren der Séralini-Studie. Auch er hält es für einen wichtigen Schritt, dass vor allem die Messdaten der Studie für jedermann frei zugänglich gemacht werden. Das aktuelle Prozedere bei Zulassungen – ein Unternehmen macht eine Studie und übergibt den Bericht an die Zulassungsbehörden, ohne dass Dritte Einsicht bekommen – hält er für extrem problematisch und anfällig für Interessenkonflikte. Die geringe Beteiligung unabhängiger Forscher betrachtet er als ein Problem. Die hätten einfach nicht das Geld für solch eine Reise, anders als etwa Vertreter der Industrie. Die EU-Kommission hätte seiner Meinung nach ein Reisebudget für unabhängige Forscher freigeben sollen.

Die Wahl des Fachjournals Archives of Toxicology, in dem die Ergebnisse des G-TwYST-Projekts später einmal veröffentlicht werden sollen, sieht er mit gemischten Gefühlen. Einerseits sei es recht angesehen, allerdings unterhält der Chefredakteur nach Auffassung von Mesnage Beziehungen zur Industrie. Dieses Problem lasse sich aber kaum umgehen, weil alle Top-Journale der Toxikologie davon betroffen seien. Durch Auswahl der Gutachter könnten die Redakteure Einfluss auf den wissenschaftlichen Begutachtungsprozess nehmen. Deshalb habe er während des Treffens vorgeschlagen, in diesem Fall von der gängigen Praxis abzuweichen und die Namen der Gutachter zu veröffentlichen.

Das Versuchsdesign kritisiert er an einigen Stellen, wie auch im Protokoll der Sitzung nachzulesen ist. Besonders stört ihn, dass es keine Versuchsgruppe gibt, die nur das Pflanzenschutzmittel ins Futter gemischt bekommt, gegen das die untersuchte Maissorte resistent gemacht wurde. Denn der Mais, der für die Studie verwendet wird, wurde nur mit Mengen behandelt, die nach „guter landwirtschaftlicher Praxis“ auf die Felder gesprüht werden. Also streng nach Gebrauchsanweisung. Bauern könnten jedoch ein Vielfaches dieser Mengen ausbringen, dies müsse durch entsprechende Pestizidmengen im Rattenfutter mit erfasst werden, so Mesnage.

Zudem betonen er und Séralini, dass es wichtig sei, das Futter der Ratten auf alle möglichen Kontaminationen hin zu untersuchen. In einem Fachartikel haben die beiden mit Kollegen kürzlich auf die Bedeutung einer solchen Untersuchung hingewiesen. Auch dieses Paper wird heftig kritisiert, im Wesentlichen, weil in einigen Tabellen Werte miteinander verglichen werden, die in keinem Bezug zueinander stehen. G-TwYST-Projektleiter Pablo Steinberg bestätigt, dass es wichtig sei, das Testfutter auf Verunreinigungen wie Schwermetalle oder andere Pflanzenschutzmittel hin zu untersuchen. Ansonsten könnten Effekte durch die genetisch veränderten Pflanzen oder das Testherbizid Roundup übersehen werden.


Von der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission im italienischen Ispra war die Wissenschaftlerin Valentina Rastelli (hier ihr Profil) nach Wien gesandt worden. Sie hält diese Art der Projektentwicklung für den richtigen Weg, um Verbesserungsvorschläge einzusammeln. In früheren Projektphasen hält sie die Beteiligung vieler Interessengruppen allerdings für weniger hilfreich. Insbesondere würden die Stakeholdertreffen helfen, Kritikpunkte zu korrigieren, bevor die Studie überhaupt startet. „Ich glaube, in diesem Sinne war das Treffen sehr produktiv.“ Obwohl klar gewesen sei, dass dort sehr unterschiedliche Ansichten aufeinander prallen würden, sei die Veranstaltung ohne „unschöne Ereignisse“ abgelaufen. „Das ist nicht selbstverständlich, wenn es um gentechnisch veränderte Organismen geht.“


„Ich war ein Außenseiter auf diesem Treffen, insbesondere wegen der Diskussion um die Interessenskonflikte, die ich immer wieder anstoße“, sagt Christoph Then von Testbiotech, einem Verein, der sich dem Ziel verschrieben hat, „industrie-unabhängige Forschung und die gesellschaftliche Debatte über die Auswirkungen der Biotechnologie zu fördern“. Then, der früher für Greenpeace gearbeitet hat, erklärt regelmäßig, dass Beteiligte des G-TwYST, aber auch des Schwesterprojekts GRACE, in dem die Maissorte MON810 über einen kürzeren Zeitraum getestet wird, Verbindungen zur Industrie hätten und deshalb nicht unvoreingenommen seien.

Als das Schwesterprojekt im vergangenen November die ersten Ergebnisse publiziert hatte (die beteiligten Forscher berichteten damals, dass sie auch bei Tieren, die die Höchstdosierung von 33 Prozent MON810 in ihrem Futter hatten, keine schädlichen Effekte finden konnten), veröffentlichte Testbiotech sogleich eine Pressemitteilung, in der Then und seine Kollegen den Verdacht äußern, dass bei dem Projekt manipuliert worden sei. Stichhaltige Belege für bewusste Manipulationen kann allerdings auch die 13-seitige Testbiotech-Bewertung der GRACE-Studie nicht liefern.

Beim G-TwYST-Treffen vor Weihnachten seien die Organisatoren immerhin um eine konstruktive Stimmung „bemüht“ gewesen, sagt Then. „Man hat nicht das Gefühl, dass man nicht wahrgenommen wird.“ Insgesamt herrschte auf dem Treffen „eine sehr sachliche Atmosphäre. Es wurde versucht, die Emotionen herauszunehmen.“

Als unangemessen bezeichnet Then die Tatsache, dass G-TwYST-Leiter Steinberg gleichzeitig einer der Herausgeber des Fachjournals ist, in dem die Studienergebnisse später veröffentlicht werden sollen. „Wir erkennen das Journal nicht als neutrale Plattform an und werden uns deshalb auch nicht in die Diskussion einbringen. Wir wollen die Wahl des Journals nicht auch noch dadurch bestätigen, dass wir uns beteiligen.“

Then lobt, dass bei der neuen Studie nun physiologische Parameter der Versuchstiere erhoben werden, die bei der Vorgängerstudie GRACE noch vernachlässigt worden waren. Er könne allerdings nicht auf jedes wissenschaftliche Detail der Studie eingehen. Er hätte es sinnvoller gefunden, wenn Nichtregierungsorganisationen bereits früher einbezogen worden wären. Bei der Auswahl des Forscherkonsortiums etwa, hätte man seiner Meinung nach NGOs beteiligen können. „Für die ist es effektiver, sich bei der Weichenstellung zu beteiligen, nicht bei der Diskussion wissenschaftlicher Details.“


Hanka Teichmann vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn fand das Treffen „erstaunlich konstruktiv“. Über zurückliegende GRACE-Workshops hatte sie gehört, dass es da sehr emotional zugegangen sein muss. „Dieses Mal haben die Moderatoren eine sehr gute Atmosphäre geschaffen.“ Seit über zehn Jahren arbeitet sie im Gentechnikbereich, vorher befasste sich Teichmann mit Pestiziden. Was sie an dem Projekt erstaunt: „Bei Pestiziden und Arzneimitteln werden ganz selbstverständlich Langzeitstudien gemacht. Niemand käme in diesen Fällen auf die Idee, Langzeitstudien wären Quatsch. Ich war überrascht, dass es diese Haltung nicht auch bei den genetisch veränderten Pflanzen gibt.“

Unglücklich ist Teichmann über die Dosierung der Spritzmittel, mit denen die genetisch veränderten Pflanzen während des Wachstums behandelt wurden. Den Vertragsbauern waren dabei keine Vorgaben gemacht worden, sie setzten die Mittel nach ihrem Ermessen ein. Teichmann glaubt, und das geht auch aus der Ergänzung des Bundesamts für Naturschutz im Anhang des Workshop-Protokolls hervor, dass es vernünftiger gewesen wäre, bewusst höhere Mengen einzusetzen, um den schlimmsten Fall im Labor nachzustellen und nicht den Idealfall. Immerhin sei es gut, dass dieser Punkt jetzt in die Diskussion aufgenommen wurde. Er könne noch immer später beim Verfassen der Richtlinien überdacht werden.

Teichmann bezweifelt allerdings, dass man nach diesem Experiment sagen kann, ob Langzeitstudien wirklich hilfreich sind. „Ich habe die Sorge dass man Folgerungen zieht, die noch gar nicht gerechtfertigt sind. Die verwendeten OECD-Testrichtlinien wurden für die Prüfung von Chemikalien entwickelt. Notwendige Anpassungen an die Testung von gentechnisch veränderten Pflanzen, wie beispielsweise die Festlegung des maximal möglichen Anteils der jeweiligen transgenen Pflanze im Futter, müssen erst noch validiert werden."

Eine Sache allerdings habe sie bei dem Treffen irritiert: Mitglieder des G-TwYST-Konsortiums, die in den Pausen Zweifel darüber äußerten, ob Langzeitstudien etwas bringen. „Das widerspricht dem Anspruch, den das Projekt nach außen zeigt, unvoreingenommen zu sein“, sagt Teichmann. „Nicht alle, aber immerhin einige, haben zwar Ergebnisoffenheit auf dem Podium gezeigt, aber nicht in den Pausengesprächen.“


Krautreporter hat auch verschiedene Vertreter der Industrie nach ihren Eindrücken befragen wollen, doch von den angefragten Teilnehmern wollte sich niemand dazu äußern. Zwei Interessenverbände der Industrie haben jedoch 16 Seiten Detailkritik an der aktuellen Studienplanung eingeschickt, die in dem Protokoll der Sitzung dokumentiert sind. Generell zweifeln die Vertreter der Industrie an der Sinnhaftigkeit solcher Versuche, da doch die Sicherheit dieser Pflanzen bereits für die Marktzulassung hinreichend überprüft worden seien.

Das Protokoll ist erst seit wenigen Tagen auf der Webseite des G-TwYST-Projekts zu finden. Dort kann man sich auch die finalen Pläne für die Studien anschauen, einschließlich aller Änderungen, die seit dem Stakeholdertreffen gemacht wurden.

Die wesentlichen Veränderungen:

  • Zum 90-Tage-Test mit 11 und 33 Prozent gentechnisch verändertem Mais im Futter kommt ein weiterer 90-Tage-Test mit 50 Prozent NK603-Mais-Anteil in den Futterpellets der Versuchstiere. Über die Dosierung war sehr viel diskutiert worden. Und auch wenn sich alle darin einig sind, dass diese höchste Konzentration eine für die Ratten gefährlich einseitige Kost darstellen (nicht wegen der genetischen Veränderung, sondern weil Mais zum Beispiel sehr viele Proteine enthält, die die Niere belasten können), so herrschte doch weitestgehend Zustimmung, dass diese Menge zumindest einmal getestet werden sollte.
  • Ursprünglich sollte auch ein Zweijahrestest der Maissorte MON810 Teil des G-TwYST-Projekts sein. Dieser Teil wurde nun gestrichen, weil die Kapazitäten nur für eine Dosierung gereicht hätten und ein solcher Test kaum Aussagekraft hat.
  • Die Dosierungen für den einjährigen Toxizitätstest sowie den zweijährigen Karzinogenitätstest wurden ebenfalls auf 11 und 33 Prozent NK603 im Futter der Versuchstiere festgelegt.
  • Die Tiere im 90-Tage-Test werden zusätzlich auf immunotoxische und endokrine Effekte hin untersucht, es wird also nachgeschaut, ob das Immun- oder das Hormonsystem der Ratten durcheinander gerät.

Ansonsten illustriert das Dokument, mit welcher Detailfülle sich die Wissenschaftler auseinandersetzen müssen – noch dazu, wenn ihnen die Öffentlichkeit bei ihrer Arbeit über die Schulter schaut. Es geht nicht nur um die Zusammensetzung des Futters und darum, ab welcher Anzahl von Tieren genügend Daten für eine aussagekräftige Statistik zusammen kommen. Es geht auch um die Zahl der Eingewöhnungstage für die Versuchstiere in ihrer neuen Umgebung und die Anordnung der Käfige im Versuchszentrum. Natürlich muss geklärt werden, wie physiologische Parameter der Tiere zu bewerten sind, also ab welcher Abweichung vom Durchschnitt ein Effekt vorliegt und was nur individuelle Reaktionen einzelner Versuchstiere sind.

Die Fotos zeigen, wie die Versuchstiere während des Versuchs gehalten werden.

Image caption: Die Fotos zeigen, wie die Versuchstiere während des Versuchs gehalten werden.

Copyright: Ausschnitt aus einem G-TwYST-Dokument

Aber es stehen auch Details drin wie die Herkunft der Sägespäne, die in den Käfigen sein werden, dass die Käfige sterilisiert sein werden und wie oft sie wie genau gereinigt werden. Ebenso ist dort festgehalten, dass die Trinkflaschen zweimal pro Woche gewechselt und in einer Spülmaschine gereinigt werden, die allein für diese Studie genutzt wird und nicht noch für Sachen aus anderen Versuchen – nur um mal ein paar Beispiele zu nennen.


Ende des Monats, spätestens Anfang August starten endlich die Fütterungsversuche in einem spezialisierten Labor in Slowenien. Die über 1.000 Versuchstiere sind bereits bestellt, das Futter ist produziert. Nach einigen Tagen Eingewöhnung der Tiere mit normalem Futter bekommen sie das mit Mais angereicherte Pelletfutter.

Im November ist das nächste Treffen. Krautreporter wird berichten, wie es weitergeht.


Dossier Grüne Gentechnik:
Teil 1: Spurensuche im Grünen
Teil 2: Der Fall Séralini
Teil 3: Es geht los (dieser Beitrag)

Das Aufmacherbild zeigt eine Wistar-Ratte, wie sie in dem G-TwYST-Projekt verwendet wird. Bild: Janet Stephens (Public Domain).


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