Krautreporter

Eine Wahrheit für alle

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Erst hoffte sie, dass er wieder auftaucht. Dann hoffte sie, dass wenigstens jemand seine Überreste findet. 13 Jahre lang quälte Amra Begic die Frage, was mit ihrem Vater geschehen war. Jetzt steht sie am Fenster ihres Büros in der Gedenkstätte Potocari, wo sie seit zehn Jahren arbeitet. Sechs Kilometer entfernt liegt Srebrenica. Wenn die 37-Jährige aus dem Fenster blickt, sieht sie den Hang des Friedhofs. Tausende Menschen liegen dort begraben. Jedem gehört einer der Grabsteine, die wie weiße Pfeile aus der Erde ragen. Einer davon Resid Fazlic, ihrem Vater.

Begic stammt aus Srebrenica. Als 1992 der Bosnienkrieg begann, brachten ihre Eltern sie zu einer Tante nach Tuzla, im Norden des Landes. Und gingen selbst zurück. „Dass ich meinen Vater nicht wiedersehen würde, der Gedanke kam mir überhaupt nicht“, sagt Begic. Sie atmet schwer, während sie erzählt. Immer wieder macht sie Pausen, zieht die Stirn in Falten, Tränen.

(c) mapz.com – Map Data: OpenStreetMap ODbL

2008 rief die Internationale Kommission für Vermisste Personen (ICMP) bei Begic an. Der Vater war in einem Massengrab beim kleinen Ort Snagovo gefunden worden, zwischen Srebrenica und Tuzla. Neben ihm lagen die Knochen von Hunderten anderen. Begic und ihre Familie waren erleichtert. Ob er Angst hatte, ob er weinte, woran er dachte in seinen letzten Momenten im Sommer 1995, das wird Begic nie erfahren. „Aber wir wussten so wenigstens, was mit ihm geschehen war.“ Er starb durch einen Kopfschuss.

Für Amra Begic war die Gewissheit, dass ihr Vater tot ist, eine Erleichterung

Foto: Maria Caroline Wölfle

Die Fahrt von Srebrenica nach Tuzla dauert zwei Stunden. Es ist die Fahrt zu den Menschen, die Resid Fazlics Knochen einen Namen gaben und einen Grabstein auf dem Friedhof in Potocari. Rechts neben der engen Straße verläuft der Fluss Drina, der Bosnien von Serbien trennt. Links steile Hügel. Auf die wenigen Vorsprünge an den Hängen haben die Bauern Ziegelsteinhäuser mit unverputzten Fassaden gebaut. Weiter oben ist dichter Wald. Es riecht verbrannt, die meisten hier heizen mit Holzöfen.

Die gelben Ortsschilder sagen dem Reisenden gleich zweimal, wo er ist. In lateinischer Schrift, für die muslimischen Bosniaken. Und in kyrillischer, für die Serben. In diesem Teil Bosniens gibt es zwei Schriftarten, zwei Geschichtsschreibungen, zwei Wahrheiten.

Was manche nicht sehen wollen, ist überall sichtbar

Noch heute weigern sich viele Serben, unter ihnen der Präsident der serbischen Landeshälfte Bosniens, Milorad Dodik, das Massaker von Srebrenica einen Völkermord zu nennen. Dabei ist das, was sie nicht sehen wollen, hier überall sichtbar. Denn neben der zweispurigen kurvenreichen Straße nach Tuzla, in den umliegenden Wäldern und Maisfeldern, wurde vor 20 Jahren ein Pfad ausgetreten. Auf diesem Pfad heben die Mitarbeiter der ICMP seit 1996 immer wieder Massengräber aus, zuletzt im April 2013. Die Einheimischen nennen ihn „put smrti“, Todespfad.

  1. Juli 1995. Nach drei Jahren Belagerung durchbrechen die bosnisch-serbischen Truppen die Verteidigungslinien und nehmen die muslimische Enklave Srebrenica ein. Sie setzen die Frauen und Kinder in Busse, die sie in von Bosniaken kontrolliertes Gebiet bringen. Die Männer flüchten. Tausende von ihnen bilden eine Kolonne,

15 Kilometer lang. Die Wälder um Srebrenica herum sind vermint, jeder tritt in die Fußstapfen des Vordermanns. 3.500 von ihnen erreichen nach fünf Nächten Tuzla und bringen sich in Sicherheit. Andere werden auf dem Weg von Kugeln und Geschützen getötet, wieder andere gefangen genommen und bei Massenexekutionen hingerichtet. Insgesamt ermorden die serbischen Truppen in und um Srebrenica etwa 8.000 muslimische Männer und Jungen.

Skelette in einem Massengrab bei Cerska, in der Nähe von Srebrenica. Es wurde im Juli 1996 geöffnet.

Foto: Uli Reinhardt

Am Stadtrand von Tuzla steht eine unscheinbare Halle, aus weißem Wellblech, so groß wie ein Festzelt. Eine junge Frau mit kurzen schwarzen Haaren öffnet die Tür. Sie trägt mintgrüne OP-Kleidung, wie eine Ärztin auf der Intensivstation. Dragana Vucetic ist forensische Anthropologin bei der ICMP. Sie fügt die Skelette zusammen, die die Archäologen aus Massengräbern in ganz Ostbosnien heben, und identifiziert sie.

Sonnenstrahlen fallen durch die heruntergelassenen Jalousien in den Arbeitsraum. Die 35-Jährige beugt sich über Knochen, die auf einem Aluminiumtisch ausgebreitet sind. Eine Schädeldecke, durchbrochene Ober- und Unterschenkel, Ellen und Speichen, Beckentrümmer; in drei Reihen angeordnet, sorgfältig durch hellgrüne Bänder voneinander getrennt.

„Dieses Skelett ist schon sehr alt, es ist nicht aus Srebrenica“, sagt Vucetic. Kein Opfer des Bosnienkriegs. Vucetic schlägt ein Buch mit Fotos von Kleidungsstücken auf, die in den Massengräbern gefunden wurden: „Fotografie Nr. 0657 – Hemd – Trikot – kurzärmelig – blau-weiße und rote Farbe.“ Die Bilder helfen den Forensikern bei der Identifizierung der Skelette. Bei den meisten wird aber mithilfe von DNS-Tests festgestellt, wer die Opfer sind. 2002, im Jahr der Einführung der Tests, stieg die Zahl auf 516 – von 52 im Vorjahr. Von den rund 8.000 Männern und Jungen, die nach dem Srebrenica-Massaker vermisst wurden, haben Vucetic und ihre Kollegen knapp 6.500 identifiziert.

Als die Forensikerin das Arbeitszimmer verlässt und eine schwere Tür auf der anderen Seite des Flurs öffnet, durchdringt ein modriger Geruch die Luft. Kein Gestank, der zuerst in die Nase und dann in das Hirn schießt, sondern ein Geruch, der sich langsam im Rachen festsetzt, der die Stimmbänder reizt und einem das Gefühl von Heiserkeit gibt. In der Halle ist es dunkel und kalt. Sie hat nichts von Krimiserie. Es gibt keine eigene Liege für jeden toten Körper, keinen Leichensack mit Reißverschluss. Stattdessen lange Regalreihen, jeweils sieben Fächer übereinander, weiß lackierte Gestelle und einen etwas verloren wirkenden Gabelstapler.

Tausende Knochen liegen in der Lagerhalle des ICMP in Tuzla. Der Gestank der Skelette überlagert alles. Seit 2004 arbeitet die Forensikerin Dragana Vucetic hier.

Foto: Maria Caroline Wölfle

In jedem Fach, in weißen und blauen, gelben und roten Tüten: die Quelle des Geruchs. Menschliche Überreste. Auf die Tüten wurden mit der Hand Nummern geschrieben, jede Nummer ein Skelett. Manche mehr, manche weniger vollständig. Viele sind identifiziert und werden am 11. Juli, dem Jahrestag von Srebrenica, auf dem Gedenkfriedhof beigesetzt. Nummern, die darauf warten, wieder zu Menschen zu werden. Zu Menschen, um die Angehörige trauern können.

„Wir raten den Familien davon ab, zur Identifizierung herzukommen“, sagt Vucetic. „Die sind meist enttäuscht, wenn sie die Knochen sehen. Sie erwarten, die Person auf dem Tisch so zu sehen, wie sie vor 15 Jahren ausgesehen hat.“

Vucetic stammt aus der serbischen Stadt Sabac auf der anderen Seite der Drina. „Ich kam direkt nach dem Studium nach Tuzla. Ich wusste nicht viel darüber, was in Srebrenica passiert war.“ Seit 2004 arbeitet sie täglich mit Bosniaken zusammen. Wegen ihrer Herkunft habe sie nie Probleme gehabt – weder mit ihren Arbeitskollegen noch privat. Vucetic betont, dass die ICMP nur die Toten identifiziert. Es sei Sache der Behörden und Gerichte, nach den Tätern zu suchen. Die Arbeit der Forensiker habe keine politische Dimension.

Doch wie hält man diese Art von Arbeit frei von Politik? Die ICMP identifiziert in ganz Bosnien und Herzegowina Tote. Sie befreit Angehörige wie Amra Begic von der Ungewissheit, die sie quält. Knapp drei Viertel aller nach dem Krieg vermissten Personen wurden inzwischen gefunden und identifiziert; 8.000 Menschen werden noch immer vermisst. Doch was für die einen Gewissheit bedeutet, ist für die anderen etwas, das sie nur zu gerne vergessen würden. Zudem sind 55 Prozent aller Bosnier der Meinung, dass die ICMP zu einseitig nach Toten einer der ethnischen Gruppen suche. Das ergab eine Umfrage der Organisation im Jahr 2011.

20 Gehminuten von der Lagerhalle entfernt, in einem anderen Stadtteil Tuzlas, befindet sich die zentrale Koordinierungsstelle für Identifikation der ICMP. Hier, in einem alten Sportstadion, laufen alle Informationen über die Vermissten zusammen. Die Sonne scheint auf die Fenster, in Pakiza Colos Büro ist es stickig, trotz der Klimaanlage, die im Hintergrund rauscht. Die 43-Jährige ist die stellvertretende Chefin der Koordinierungsstelle. Seit 1996 sucht sie nach Vermissten aus dem Krieg, seit 2000
arbeitet sie hier. „Anfangs hatten wir nicht viel Erfolg“, sagt Colo. „Vor allem, weil die Vermissten von den Mördern wieder ausgegraben und in andere Gräber gebracht worden waren. Mehrfach.“

Knochen, Blut und DNS kennen keine Nationalität

Colo, groß, füllig und in Schwarz gekleidet, hat hier oft Besucher. Dieses Jahr, zum traurigen Jubiläum, werden noch viele kommen. Trennwände teilen einen einzelnen Raum in kleine und große Séparées. Colo führt zu einem, das durch Glasscheiben vom Flur getrennt ist. Darin sitzen zwei Frauen in weißen Kitteln, mit OP-Hauben, Handschuhen und Mundschutz. Sie scannen die Barcodes von Karteikarten mit je vier roten Flecken. Es sind die Blutproben von Angehörigen der Vermissten. Die Frauen versehen jede mit einer Nummer. „Niemand braucht zu wissen, zu wem sie gehören“, sagt Colo.

Die ICMP begann im Jahr 2000 damit, diese Proben zu sammeln. Heute sind mehr als 91.000 davon in der Datenbank. Je vier Tropfen Blut von Müttern, Söhnen, Töchtern, Großeltern. Knochen, Blut und DNS kennen keine Religion, keine Nationalität. Die ICMP gibt allen eine Antwort. Das ist wichtig für die Aussöhnung im Land. Es ist schwer, Morde zu leugnen, wenn Knochen auf dem Tisch liegen. Opfer und Täter lassen sich in Bosnien nicht nach Ethnie trennen, es gab sie auf allen Seiten. „Ein Vermisster ist ein Vermisster“, sagt Colo. „Wir fragen nicht, ob das ein Soldat war, ein Muslim, Kroate oder Serbe. Sie sind alle tot.“ Rund 18.000 Vermisste haben die Mitarbeiter in den letzten 15 Jahren in ganz Bosnien identifiziert. Auch die von Vucetic entnommenen Knochenstücke werden hier kodiert, um sie für die Analyse ins Labor nach Sarajevo zu schicken.

99,99999 Prozent. Im Büro von Zlatan Bajunovic und seinen Mitarbeitern leuchtet diese Zahl von einem großen Bildschirm, der an der Wand hängt. Sie erscheint immer dann, wenn die DNS aus den Knochen mit der aus einer der Blutproben übereinstimmt. Bajunovic wertet so aus, ob und welche der DNS-Profile von Vermissten und Angehörigen zusammenpassen. Wen er findet, weiß er nicht. Alles ist anonymisiert.

Auch Bajunovic arbeitet seit 2000 für die ICMP. „Hinter jeder Übereinstimmung steckt eine Geschichte“, sagt er. Viele dieser Geschichten hat er gehört, an manche erinnert er sich besonders gut. „Die Mutter eines Vermissten hat mir mal erzählt, dass sie selbst nach 15 oder 20 Jahren noch hofft.“ Jedes Mal, wenn das Telefon läutet oder die Türklingel, denkt sie: „Das ist er“. Obwohl sie weiß, dass es nicht sein kann. „Die Familien brauchen endlich Gewissheit. Ohne die können sie mit ihrem Leben nicht weitermachen.“

In der Lagerhalle am Stadtrand macht sich Dragana Vucetic bereit für den Feierabend. Als sie vor mehr als zehn Jahren bei der ICMP anfing, war sie froh, Arbeit gefunden zu haben. „Meine Kollegen und ich machen es nicht nur wegen des Gehalts“, sagt sie heute. „Wir denken auch an die Menschen, die nach ihren Angehörigen suchen.“ Sie glaubt, mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit im Land geleistet zu haben. Denen, die noch immer versuchen zu leugnen, was in Srebrenica passiert ist, begegnet sie gelassen: „Sie können es leugnen, aber wir haben Beweise.“

Der Friedhof in Potocari. Jedes Jahr am 11. Juli werden hier die neu identifizierten Opfer des Massakers in Srebrenica beigesetzt.

Foto: Alexander Sarovic

Amra Begic ist nach dem Krieg zurückgekehrt nach Srebrenica, wo heute Bosniaken und Serben zusammenleben. Sie sitzt in ihrem Büro in der Gedenkstätte, hinter ihr das Fenster zum Friedhof. An der Wand neben dem Schreibtisch hängt ein Foto ihrer siebenjährigen Tochter. „Ihre beste Freundin ist Serbin“, sagt Begic. Sie sagt das so dahin, als sei es das Normalste der Welt. Und doch: Begic will nicht, dass ihre Tochter später einen Serben heiratet. „Ich würde mich immer fragen, ob sein Vater oder Großvater einer der Mörder in Srebrenica war. Vielleicht sogar meinen eigenen Vater getötet hat.“


Aufmacherbild: Dragana Vucetic vermisst einen Knochen. Foto: Maria Caroline Wölfle.