Die Chance im Palmöl

Die Chance im Palmöl

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Mit kräftigen Schlägen entfernt Emmanuel Elong die Blätter seiner jungen Palmen, dem kleinen Mann läuft der Schweiß im Gesicht herunter, sein zerrupftes T-Shirt ist durchnässt vor Anstrengung. Ein Ast fällt ab, ein Bienenwaben-ähnliches Stück fällt zu Boden, schwarze und knallorangene Bällchen kullern zu allen Seiten – reife Palmfrüchte.

Im dichten Durcheinander des Regenwaldes von Kamerun ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, wo was wächst. Hier eine Palme, dort ein Kakaobaum, hier ein riesengroßer Farn, dort ein Baobab. Viel einfacher auszumachen ist das Ende von Elongs Garten ein paar Meter entfernt: eine Mauer riesengroßer Palmen – 20 Meter hoch.

„Dies”, sagt Emmanuel Elong, er schaut auf, wischt sich den Schweiß von der Stirn und blickt in Richtung der langen Palmen, „ist alles Socapalm”.

Und der Boden, auf dem er steht, ist das Land, um das er kämpft.

Dicht, dichter, Socapalmen. Soweit Emmanuel Elongs Blick reicht.

Foto: Victoria Schneider

Elongs Ölpalmenplantage liegt nicht weit entfernt von seinem Dorf, Mbonjo II. Dort, inmitten des Regenwalds des Kongobeckens, weit weg vom tosenden Lärm der Großstadt Douala, kam Elong 1969 zur Welt. Damals war sein Dorf noch mehr isoliert als es das heute ist. Zwar liegt Mbonjo II nur ein paar dutzend Kilometer Luftlinie außerhalb Kameruns Wirtschaftszentrum, doch um in das Dorf zu kommen, muss man von der großen geteerten Hauptstraße abfahren, eine Dreiviertelstunde mit dem Moped durch das Dickicht des Dschungels.

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Die rund 2.000 Menschen, die in den Dörfern rund um Mbonjo II leben, bauen den Großteil ihrer Lebensmittel selbst an: Mais, Maniok, Palmöl. Elong hat ebenfalls eine Farm, die ihn und seine Familie ernährt.

Doch seit einigen Jahren gibt es ein Problem, das dem 46-Jährigen keine Ruhe lässt: Sein Dorf liegt inmitten eines Gebiets, das die kamerunische Regierung seit 2000 an einen privaten Investor verpachtet. Über die Jahre haben sich Spannungen aufgebaut zwischen den Einwohnern Mbonjos II und den ausländischen Gästen. Denn der belgische Investor Socfin, der in Kamerun unter dem Namen Socapalm agiert, operiert und expandiert auf dem Land, das die Bauern für sich in Anspruch nehmen.

Wer über Palmöl redet, spricht meist von Indonesien und Malaysia. Beide Länder sind noch immer die weltweit größten Produzenten des Pflanzenöls, das inzwischen in mehr als 70 Prozent aller Produkte in unseren Supermärkten enthalten ist. Nutella, Prinzenrolle, Wimperntusche, Seife – Palmöl ist ein Wunderöl und deswegen quasi überall.

Am Anfang sah alles nach einer großen Chance aus

Investoren rissen sich um Land in Südostasien, sie pflanzten so viele Palmen, dass seit einigen Jahren das Land knapp geworden ist. Doch der globale Bedarf an Palmöl wächst; weil es billig und so vielfältig einsetzbar ist. Also suchte die Industrie nach Alternativen. Das Augenmerk der Investoren richtet sich nun auf Zentral- und Westafrika - und damit auf die Region, aus der die Ölpalme ursprünglich stammt. Die Anbaubedingungen sind perfekt. Und seitdem viele Länder ihre Märkte geöffnet haben, in der Hoffnung ausländische Investitionen anzulocken, stimmen auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Die belgische Gruppe Socfin, deren Hauptanteilseigner der französische Multikonzern Bolloré ist, war 2000 das erste ausländische Unternehmen, das in den Palmölsektor Kameruns investierte. Am Anfang sah alles nach einer großen Chance aus.

Als Präsident Paul Biya Ende der 1990er Jahre den ersten privaten Investor ankündigte, kam Hoffnung auf: Bald würde Kamerun nicht nur genug Palmöl produzieren, um sich selbst zu versorgen. Bald würde Kamerun Palmöl exportieren. Wohlstand, so der Traum, war nur noch einen Steinwurf entfernt für ein Land, das gerade aus einer ein knappes Jahrzehnt dauernden Depression kam.

„Egal, in welches Dorf in Kamerun man geht – es wird Öl produziert. Jeder ist abhängig davon“, sagt Godswill Ntsomboh von IRAD, dem Institut für Landwirtschaftliche Forschung in der Nähe von Douala. „Der Markt ist groß. Die Menschen verwenden die Palme für alles Mögliche.“

Das Fruchtfleisch der Nüsse gibt das sogenannte rote Öl, das zum Kochen und Verfeinern von Speisen verwendet wird. Ungekocht hat es nicht nur eine quietschrote Farbe, sondern ist auch unglaublich reichhaltig und nahrhaft. Die Kerne der Nüsse geben ein anderes Öl, das gepresst als Pflegelotion verwendet wird. Aus dem Stamm kann man Palmwein gewinnen, ein trüblich weißes, süßes alkoholisches Getränk, das in Kamerun aus Kanistern getrunken wird; aus den Nusskernen haben die Menschen einst Häuser gebaut – sie mischten die Kerne mit Zement und fertigter Baumasse an. Und sogar die Palmenblätter lassen sich nutzen: Sie werden zu Besen zusammengebunden und dienen als Plane oder Dach. Die Ölpalme ist lebenswichtig für die lokale Bevölkerung – und für große Agrarindustrien ein wahrhaftiger Schatz, denn sie lässt sich nicht nur für Lebensmittel und Kosmetika verwenden, sondern ist auch der neue billigste Inhaltsstoff für Biodiesel.

Dadurch, dass das Öl ein Grundnahrungsmittel für die indigene Bevölkerung ist, war der Palmölsektor schon immer von besonderer Wichtigkeit für die kamerunische Wirtschaft. Palmöl ist nicht nur bedeutend für die Region, seitdem der Investor kam. Die riesengroße Plantage, die Elong und die Bewohner Mbonjos umgibt, ist Jahrzehnte alt. Gegründet wurde sie in den 1960er Jahren vom Staat, um die Entwicklung des Landes voranzutreiben. Sie war ein Zusammenschluss von all den Kleinbauernplantagen der Region und funktionierte nach einer Art sozialistischem Modell: Die Bauern bekamen technische Unterstützung, wurden mit Düngemitteln und Samen subventioniert und verkauften im Gegenzug ihre gesamte Ernte zu einem vertraglich vereinbarten Preis an die Regierung zurück. Die übernahm das ebenfalls geförderte Pressen und den Vertrieb. Es gab ein Kreditsystem, das dem Lebensstil der Bauern angepasst war, die mit Hoch- und Nebensaison zu kämpfen haben.

Dann kamen die Investoren. Die Lösung, so schien es, war die Privatisierung.

„Wir dachten, die Investoren bringen Entwicklung und Arbeitsplätze“, erinnert sich Emmanuel Elong. Doch ein paar Jahre später haben er und die anderen Dorfbewohner, die im Herzen des Pachtgebiets leben, realisiert, dass die Gäste nicht gekommen sind, um Wohlfahrt zu bringen. Das Land kann heute mit den 50.000 Tonnen Öl, die es pro Jahr produziert, immer noch nicht den Eigenbedarf decken. Es fehlen rund 100.000 Tonnen.

„Alles, was vorher funktionierte, haben die Investoren beendet“, sagt der 46-Jährige. Er hat die geernteten Palmfrüchte in seinem unfertigen Haus abgestellt, erst am Nachmittag will er sie pressen lassen. Jetzt führt er uns durch sein Dorf zum Fluss, wo die Frauen des Ortes Kleider waschen. Vor der Ankunft des Investors verkaufte Elong seine Palmfrüchte an die Firma, sagt er, seine Eltern hatten eine Palmölplantage, genau wie die meisten Bauern in der Gegend.

Der Mungo-Fluss, der die Socapalm Plantage begrenzt. Bewohner der Gegend beschweren sich, dass die Gewässer mit Chemikalien verschmutzt werden.

Foto: Victoria Schneider

„Wir waren nicht reich, aber wenigstens hatten wir eine Einnahmequelle mit unserem Anbau“, sagt Moise Ebongue, ein Mitstreiter Elongs, der zu uns gestoßen ist. Er und Elong sind sich sicher: Würden Subventionsmaßnahmen wie einst vom Staat auch von Agrounternehmen wie Socfin geschaffen, ließe sich eine Situation schaffen, von der alle profitieren könnten. Diese Meinung vertreten auch NGOs und Experten, die sagen, dass von einer Kollaboration zwischen Kleinbauern und Investoren alle Parteien profitieren könnten.

Die Einbeziehung der Kleinbauern in die Lieferkette ist eines der Kriterien für Unternehmen, um ihre Plantagen vom Round Table for Sustainable Palm Oil zertifizieren zu lassen – und, wie der Biologe Patrice Levang und der Agroökonom Alain Rival in ihrem 2013 veröffentlichten Buch „La palme des controverses“ analysierten, die Basis für das Wachstum einer Wirtschaft.

Mit der Privatisierung Socapalms im Jahr 2000 endete die Zusammenarbeit zwischen Kleinbauern innerhalb der Konzession allerdings. Zwar bezieht die Firma laut eigener Aussage auch Palmfrüchte von lokalen Bauern, doch keiner dieser Bauern kommt aus Mbonjo II oder einem der Dörfer, die von der Expansion Socapalms betroffen sind.

Moise Ebongue und Emmanuel Elong in Moises Maniok-Feldern, die von der großen Socapalm-Plantage umgeben sind.

Foto: Victoria Schneider

Socfin sagt, man habe alles im Griff – und blockiert bessere Arbeitsbedingungen

Doch die Herausforderungen für Kamerun gehen über die Integration von Kleinbauern hinaus. Farmarbeiter beschweren sich über schlechte Wohnbedingungen in den Plantagen, über die mangelnde Instandhaltung der Infrastruktur. Dorfbewohner klagen über die Verschmutzung lokaler Gewässer. In zahlreichen Beschwerdebriefen beklagten sich die Bewohner des Regenwaldes bei der Firma. Die Antwort des Vorstandsvorsitzenden: „Rom wurde nicht in einem Tag gebaut.” Socapalm habe alles im Griff, sagte er, sie bräuchten nur ein paar Jahre Zeit.

Die Beschwerden gibt es allerdings nicht nur auf lokaler Ebene. Vor sechs Jahren hatten vier internationale Nichtregierungsorganisationen eine Beschwerde beim Nationalen Kontaktpunkt (PCN) der OECD in Frankreich eingereicht - die Organisation beobachtet, ob sich europäische Unternehmen, die in Entwicklungsländer investieren, an internationale „best practices” halten. Der PCN entdeckte vergangenen März, dass Socfin die Umsetzung eines Aktionsplans zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen aktiv blockiert.

Im Jahr der ersten internationalen Beschwerde, also 2010, gründete Emmanuel Elong seine Bewegung „Synaparcam“, was auf Deutsch „nationale Synergie der Bauern und Dorfbewohner in Kamerun” heißt. Für ihn und die lokale Bevölkerung innerhalb und um die 58.000 von Socapalm gemieteten Hektar Land geht es um ein Prinzip: das Recht auf Boden. Auch in anderen Ländern, in denen Socfin operiert, haben sich Bauern zusammengetan und gegen die Firma protestiert. Elongs Bewegung hat Pendants in Liberia, Sierra Leone, der Elfenbeinküste und Kambodscha – überall fühlen sich die lokalen Landbewohner auf die Füße getreten.

Emmanuel Elong und die Kollegen seiner Initiative "Synaparcam" - er informiert die Gemeinde nach einem Treffen mit dem Management der Firma Socfin.

Foto: Victoria Schneider

Eine Expansion der Pachtfläche würde die Zerstörung der lokalen Plantagen bedeuten. Als die Firma in Kamerun ihren Plan verkündete, organisierte Elong den ersten Coup und rief zur internationalen Aktion auf. Die Dorfgemeinschaft blockierte die Bulldozer, gleichzeitig wurde in anderen westafrikanischen Ländern protestiert.

Doch die Firma ist mächtig. „Wir werden Afrika helfen, sich zu ernähren”, sagt Luc Boedt, der Boss von Socfin. In Kamerun hat sich das Unternehmen zu Verhandlungen bereiterklärt, obwohl es ganz und gar nicht glücklich ist über die Protestbewegung. So sagte Boedt in einem Interview, dass sein Unternehmen normalerweise nur „mit echten Anteilseignern diskutiert. Wir sprechen mit gewählten Menschen und nicht mit irgendwelchen aufgeregten Dorfbewohnern“. Wen er damit meinte: Menschen wie Elong.

Dieser wiederum beklagt die mangelnde Transparenz im politischen System Kameruns, das die Interessen der ohnmächtigen Landbesitzer ignoriert. Örtliche NGOs bestätigen diese Sorge. Wer welche Deals mit der Firma eingeht, bleibt oft hinter den Türen der Offiziellen.

„Deshalb fordern wir als Dorfbewohner ein Mitspracherecht”, sagt Elong. Er will Klarheit über Zugang zu Land und eine Versicherung, dass niemand seine Plantagen zerstört. Denn bis heute ist nicht klar definiert, wem welches Land gehört. Während Socapalm sagt, dass Land an die lokalen Bewohner zurückgegeben worden sei, sagen die Bauern, das stimme nicht. Der Verantwortliche des Landwirtschaftsministeriums, Emmanuel Ngom, bestätigt, dass kein Land zurückgeben wurde.

Die Situation ist nicht einfach. Aber ein Wandel deswegen nicht unmöglich

Ngom arbeitet an einer nationalen Strategie, um eine Win-win-Situation für ausländische Investoren und Landbesitzer zur Norm zu machen. Der Plan sollte im Juni 2015 veröffentlicht werden. Bis heute ist er nicht fertiggestellt.

Trotz all der Unsicherheiten könnte ein Wandel möglich sein. Auch wenn es momentan nicht so aussieht. Voriges Jahr ist es Elongs Bewegung gelungen, zumindest in Kamerun alle Parteien an einen Tisch zu bekommen. Es war das Resultat eines im April organisierten Protests, in dessen Rahmen die Bewohner die Fabrik Socapalms blockierten. Im Mai berief die örtliche Behörde den ersten Gipfel ein, zu dem Regierung, Firma und Bauernvertreter zusammenkamen. „Es tut sich etwas“, sagte Elong im Juni, als die nächsten Treffen bevorstanden. Zumindest hat sich die Firma seither nicht ausgebreitet.

Elong kämpft weiter. „Wir geben nicht auf“, sagt er. Jeden Tag organisiert er Treffen, übermittelt Nachrichten zwischen Dorfbewohnern, die sich am Protest beteiligen. Sein Plan: Einen globalen Gipfel zu organisieren, in dem Vertreter von Bolloré, Socfin, den Regierungen und den Bauernbewegungen der Länder, in denen die Firma operiert, eine Lösung diskutieren.

Elong kämpft als David gegen Goliath. Wer gewinnt, wird sich zeigen.

Palmöl in Lebensmitteln ist deklarationspflichtig. Am 13. Dezember 2014 ist eine EU-Verordnung zur Kennzeichnung von Lebensmitteln in Kraft getreten. Demnach darf es nun nicht mehr einfach hinter der Bezeichnung Pflanzenöl verschwinden. Nur für Wasch- und Reinigungsmittel gilt dies nicht.


Diese Recherche wurde durch das European Journalism Center ermöglicht.

Aufmacherbild zeigt Emmanuel Elong; Foto: Victoria Schneider.