Krautreporter

Schüsse in die Luft

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Niemand da, nur Zäune, Reklamewände, karge Mauern, und wo doch einer steht, kommt man nicht vorbei. Der runde Pförtner macht ein unmissverständliches Gesicht: Nö, kein Einlass, das gehe nicht, dürfe er keinesfalls; warum, wisse er auch nicht so genau. Vielleicht, weil es hier nichts zu kaufen gibt. Könnte schon sein.

Den Beitrag zum Anhören gibt es hier:

Der Versuch, die Großbaustelle des Internationalen Finanzzentrums (IFC) zu betreten, misslingt erstmal. Die Fotografin muss sich etwas einfallen lassen. Schon die Rohversion des Ortes, an dem ab 2016 die virtuelle türkische Lira ins Rollen kommen soll wie nie zuvor, ist so gut beschützt, dass zu Fuß fast gar nichts geht. Das Geld fährt hinter Panzerglas, einige schwarzgläserne Limousinen rollen am Pförtner vorbei in die sicheren Tiefgaragen der ersten befahrbaren Gebäude, die oft noch ohne finalen Farbanstrich sind.

Der große Graben: In Ataşehir, einem wohlsituierten Stadtteil auf der asiatischen Seite Istanbuls, entsteht das größte Finanzzentrum der Welt.

Charlotte Schmitz

Es ist das größte Spektakel an Mega-Bauvorhaben, die Präsident Recep Tayyip Erdoğan hier im Wachstumssound des Größer, Höher, Rendite-innovativer angeschoben hat. 2,6 Milliarden US-Dollar soll die türkische Wall Street kosten, um künftig mit den Bankenvierteln in London, New York, Tokio und Dubai konkurrieren zu können und die Türkei innerhalb von zehn Jahren ins Ranking der zehn größten Wirtschaftsnationen zu katapultieren. 2023 ist das hundertste Jahr in der Geschichte der türkischen Republik. Die Arithmetik ist ein Kalkül.

Erdoğan wurde im August 2014 – nach elf Jahren als Ministerpräsident an der Spitze der AKP – als Präsident vereidigt. Er gilt weiterhin als der starke Mann der Türkei. Im Stile Wladimir Putins strebt er nach einer Umwandlung der parlamentarischen Demokratie hin zu einem Präsidialsystem mit größeren Machtbefugnissen für das Staatsoberhaupt. Sein fünfjähriges Mandat kann einmalig verlängert werden. Unter für ihn günstigen Bedingungen stünde Erdogan demnach bis zum hundertjährigen Jubiläum der Republik an der Spitze des türkischen Staates.

Das IFC hat eine Fläche von 2,5 Millionen Quadratmetern. Ein exemplarisches Handelsquartier soll entstehen, das dem Selbstverständnis seiner Macher entspricht. Und natürlich braucht es für die Einkaufshallen und Bankentürme, die über die kommenden zwei Jahre noch errichtet werden, zahlungskräftige Kundschaft möglichst nah. Weil die letzte größere Brache im Innern der 15-Millionen-Einwohner-Stadt mit dem Bau geschlossen wurde, gibt es Pläne, langsam in die anliegenden Stadtviertel hinein zu expandieren. Dort Platz zu machen für mehr.

2001 war die Türkei wirtschaftlich am Boden, hatte 16 Milliarden Dollar Schulden beim Internationalen Währungsfonds, der einen Staatsbankrott verhinderte. Vor zehn Jahren – ein Jahr nach Amtsantritt Erdoğans als Ministerpräsident – setzte der konjunkturelle Aufschwung ein. Die Istanbuler Börse hat heute Frankfurt überholt. In den Jahren 2010 und 2011 wuchs die Wirtschaft um jeweils rund neun Prozent; in diesem Jahr sind es allerdings nur 3,5 Prozent.

In Istanbuls 39 Stadtteilen wohnen 15 Millionen Menschen. Rot markiert: Das neue Finanzzentrum zwischen Ataşehir und Ümraniye.

mapz.com

Warten auf Beben

Wir treffen Çiğdem und Orhan, sitzen am Küchentisch einer Privatwohnung, trinken Schwarztee. Beide gehören zu den führenden Köpfen einer engagierten Bürgerinitiative, die sich gegen ungefragte Umsiedelungen von Bewohnern formiert hat. Beide sind Anfang 40. Beide haben feste Jobs. Beide sind empörte, beim Thema schnell auch überspannte, ansonsten aber arglose Gemüter, mit unzerknirschtem Drang zur Teilhabe.

Sie nennen sich Urban Transformation Platform und verstehen sich als offene Organisation für mitentscheidungswillige Bürger, entstanden aus dem wachsenden Gefühl der misslungenen Repräsentation ihrer Anliegen.

Çiğdem Sahin engagiert sich seit Jahren gegen Gentrifizierung.

Charlotte Schmitz

„Wir erleben eine beispielhafte Entfremdung der politischen Klasse von der Bevölkerung“, sagt Çiğdem. „Die Stadt plant die Stadt gegen ihre Bewohner.“

In Istanbul sind in den vergangenen zehn Jahren fünf Millionen Menschen zugezogen. Für 2023 wird eine Bevölkerungszahl zwischen 20 und 25 Millionen prognostiziert. Es entwickelt sich gerade, grob skizziert, jene Globalstadtgeschichte, die Soziologen wie Richard Sennett längst antizipiert hatten: Im Zentrum wird der Mittelstand durch höhere Mieten in die Randgebiete gespült, von wo wiederum die in jüngerer Zeit zugezogenen Migranten in 60 bis 80 Kilometer vom Zentrum entfernte Vorstadtbereiche zwangsumgesiedelt werden.

Ein bemerkenswerter Vortrag Richard Sennetts von 2013 ist auf Youtube zu sehen: The Open City

Durch eine dritte Brücke über den Bosporus, ein weiteres Prestigeprojekt Erdoğans im Norden der Stadt, soll Istanbul künftig verstärkt Richtung Schwarzes Meer expandieren.

Nur ist Istanbul da nicht zu vergleichen mit den gentrifizierungsapostrophierten Sanierungen in deutschen Großstädten, dem Wandel im Hamburger Gängeviertel oder sukzessiven Luxusmodernisierungen und Mietpreiserhöhungen im Berliner Osten. In der türkischen Metropole werden gleich ganze Stadtteile plattgemacht.

Häufig vorgebrachte Argumente, denen sich Baufirmen und das zuständige Ministerium für Umwelt- und Stadtplanung vor Zwangsräumungen bedienen, sind Appelle, die das große Erdbeben anrufen, das die Menschen in Istanbul als aufkommende Gefahr in den Hinterköpfen haben. Geologen prognostizieren ein solches Beben der Stärke 7 bis 2025. 70 Prozent der Gebäude in Istanbul, das wären 3,8 Millionen Häuser, seien erdbebenunsicher, heißt es. Also müsse neu gebaut werden. Oft natürlich genau dort, wo Fläche her muss für ein wichtiges Großprojekt.

Geologische Bruchlinien durch die Kollision von Kontinentalplatten verlaufen direkt unterhalb des türkischen Festlands. Wissenschaftler warnen vor einem starken Erdbeben bis zur Magnitude 7,4, mit Epizentrum etwa 15 bis 20 Kilometer von der historischen Altstadt Istanbuls entfernt. Entlang dieser Zone gab es in den vergangenen 100 Jahren mehrere starke Erschütterungen, zuletzt 1999.

„Natürlich“, sagt Orhan, „bedeutet Stadt, bedeutet Wohnen auch Veränderung. Aber wir wollen als Bürger Gelegenheit haben, uns einzubringen in diese Prozesse. Die Regierung ist ignorant, weil alles rasend schnell gehen soll mit dem Wirtschaftswachstum. Dabei werden soziale Strukturen zerstört, und darunter leiden aktuell auf unterschiedlichste Weisen Viertel in der ganzen Stadt.“

Die ersten Anzeichen: Bis auf wenige Ausnahmen haben die Bewohner von Ümraniye ihr Viertel bislang gegen die Expansionswucht des Finanzzentrums verteidigt.

Charlotte Schmitz

Orhan wohnt und arbeitet in Ümraniye. „Hier sollen Reihenhochhäuser für die öffentlich Angestellten des Finanzbezirks gebaut werden“, sagt er. Ümraniye und Ataşehir, der Stadtteil, in dem das Finanzzentrum liegt, sind dereinst als improvisierte Zuwandererquartiere entstanden. Die vielbesuchten Gegenden der europäischen Flanke Istanbuls liegen eine gute Stunde Dolmuş-Fahrt entfernt. Heute leben hier etwa 900.000 Menschen dicht an dicht. Ümraniye ist Istanbuls zweitgrößter Stadtteil, und aus der Protestbewegung hat sich hier eine digitale Zivilität mit breiter Unterstützung etabliert, die zuletzt mehrere Prozesse gegen die Stadt geführt und gewonnen hat. „Wir sind hier sehr gut organisiert“, sagen Orhan, und Çiğdem ergänzt: „Andere Viertel haben es da deutlich schwerer.“

Die Fahrt über den Bosporus nach Ümraniye dauert tatsächlich eine ganze Weile. Istanbul hat – anders als Metropolen wie London, Moskau, New York oder Berlin – ein kümmerliches U-Bahnnetz von 16 Kilometern. Der Verkehr findet vorwiegend überirdisch statt. Staus sind die Regel. In Tokio machen die Züge 96 Prozent des öffentlichen Nahverkehrs aus. In Istanbul sind es gerade einmal zehn Prozent. 1980 gab es 200.000 Autos in der Stadt. Heute sind es zehn Mal so viele. Bis 2023 sollen in Istanbul bis zu acht Millionen Autos fahren. Die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs ist seit 1996 um zwölf Prozent zurückgegangen. Es gibt in der Türkei eine Million Verkehrsunfälle pro Jahr – das Sechsfache verglichen mit der EU.

Zum Beispiel Sulukule. In den Augen der Stadtverwaltung lange ein Problembezirk mit hoher Arbeitslosenquote und enormen Zuwanderungsraten. Investoren entdeckten nach Bau der zweiten Brücke über den Bosporus die lukrative Lage. Die Bewohner – viele davon erst im Laufe der Nullerjahre zugezogen – besaßen für ihre selbsterrichteten Häuser und Hütten keine Eigentumsurkunden. So ging alles ganz schnell, der neue Lebensraum wurde im Frühjahr 2009 unter leisem Jammer weggebulldozert. Seither stellt die Wohnungsbaufirma Toki hier billigproduzierte, profitträchtige Reihenhäuser hin. Eine Art New Deal für das periphere Istanbul: Massenwohnungsbau, ausgerichtet auf eine neu anzusiedelnde Mittelschicht. Ein unter Nachhaltigkeitsaspekten fragwürdiges Konzept, entstehen doch vor allem solcherlei „Sechziger-Jahre-Bauten“, die in den OECD-Ländern gerade allerorten abgerissen werden.

Cash gefällig?

Charlotte Schmitz

Die sozial schwachen Bewohner Sulukules, darunter viele Tausend Roma, bekamen im nächstneuen Randgebiet, in Tasoluk, Wohnraum angeboten, dessen Mietspiegel so hoch lag, dass an eine Umsiedelung gar nicht zu denken war. Heute leben viele Familien aus Sulukule eben noch weiter draußen, in selbsterrichteten Provisorien aus Holzbalken und Wellblech.

„Solche Geschichten sind leider Alltag“,erklären Çiğdem und Orhan. Auch Menschen, die Eigentumsurkunden besitzen, trifft es nicht unbedingt besser. „Immer wieder werden Leuten die Urkunden abgeknüpft, immer wieder wird versucht, Menschen zu überreden, ihre Wohnungen zu verlassen, in dem Hoffnungen auf das bessere Leben geweckt werden: 'Wir bauen euch ein besseres Zuhause!' Und wenn es so weit ist, die Verträge unterzeichnet sind, stellen sich die Mieten der neuen Wohnungen als so horrend heraus, dass die Leute dort gar nicht einziehen können oder plötzlich hoch verschuldet sind“, sagt Çiğdem.

Es vollzieht sich eine beispielhafte Entfremdung der politischen Klasse von der Bevölkerung
Çiğdem Şahin, Urban Transformation Platform

Unbespielte Spielplätze: Ein Farbklecks neben der betongrauen Baustelle des Finanzbezirks.

Charlotte Schmitz

Im vergangenen Jahr gewannen die Bewohner von Ümraniye eine Volksabstimmung über den Erhalt des Viertels. Seither plant die Stadt, die Gegend mit Teilen des wohlhabenderen Bezirks Ataşehir zusammenzulegen. Danach soll erneut abgestimmt werden. Das Erreichen einer nötigen Zweidrittelmehrheit wäre dann ungleich schwieriger, beschreibt Orhan die vermeintliche Strategie der Stadt, weil sich der annektierte Bezirk möglicherweise nicht gleichermaßen für den Erhalt des anderen interessiert. „Es kommt also wieder was Neues auf uns zu“, sagt er.

Es ist ein selbstbewusster Blick auf die offenen Repressionen der autoritärverschränkten Staatlichkeit, den Çiğdem und Orhan hier vorbringen. „Wir müssen uns weiter und weit besser organisieren, um etwas zu verändern“, sagt Cigdem. „Wir werden kämpfen. Wir werden weiterkämpfen“, sagt Orhan, der immer auch dann lachen kann, wenn er es ernst meint.

Gärten im Zehnten

Für ausländische Investoren und Bauparteien sind die türkischen Stadtplanungs-Alleingänge vorbei am Bürger eine feine Sache, die undemokratischen Prozesse lukrativ. Die Schnelligkeit, mit der hier Projekte abgewickelt werden, lohnt eine Ansiedelung eigener Büros. Für die Planung des IFC erhielt das US-Unternehmen HOK (Hellmuth, Obata + Kassabaum) mit Sitz in St. Louis den Zuschlag. HOK-Präsident Bill Hellmuth spricht von einem „Weltklasse Finanzzentrum“, dessen Anmutung, nach Fertigstellung versteht sich, „tief mit der türkischen Kultur verwurzelt“ sein soll. Nur dass die Kronen des ganzen Komplexes dann etwa einhundert Meter über die umliegenden Wohnviertel herausragen.

HOK gestaltet gegenwärtig auch das neue Redaktionsgebäude der BBC in London.

Noch weitaus euphorischer ist die lokale Architektengröße, der Milliardär Ali Ağaoğlu. Dessen Büro Ağaoğlu İnşaat ist für den Wohnkomplex innerhalb und außerhalb des Finanzzentrums verantwortlich. Hysterifiziert von der Bühne, die ihm das Projekt mit landesweiter Aufmerksamkeit jetzt bietet, preist Ağaoğlu, laut Forbes Magazine der viertreichste Türke, ein schwungvoller, vielleicht etwas antiquierter Bauunternehmertyp Anfang 60, seine „Architekturen des Lebens“.

Eine Ağaoğlu-Reklame, ins Große gelagert, mit ordentlich Pathos und Bumms.

Die fast fertigen Wohnhäuser (links im Bild) sollen von den kommenden Bankentürmen noch um einiges überragt werden.

Charlotte Schmitz

Nichts davon wirkt wahr, wenn man sich der Baustelle nähert, dem schwarzen Stahl, den Betonflächen, den Ağaoğlu-Blinklichtern auf den Dächern der düsteren Riesen. Das Finanzzentrum scheint als Prestigeprojekt der Wirklichkeit um Jahre voraus und wirkt gerade deshalb auf die Bewohner von Ümraniye so bedrohlich exponiert; die Neubauten als gesellschaftlich unverwandtes Nirgendwo, gierkonzeptioniert und auf Bürgerausschluss programmiert.

Jeder hat es verdient, in einem Haus mit Swimmingpool zu leben.
Ali Ağaoğlu, Bauunternehmer

Auch in Ayazma wurde den Leuten erzählt, sie würden an einen besseren Ort gebracht. Dann kamen Bulldozer und rissen die Hütten ab. Ağaoğlu will bauen, Ağaoğlu darf bauen: Er zeigt sich in strahlenden Werbespots mit weißem Hemd, schreitet die freigeschaufelten Flächen ab. „Natürlich wird es Golfplätze geben“, sagt er und legt einen Ball auf das Tee. Er posiert als Macher und als Mann, der in die Ferne blickt. Seine schönsten Sätze: „Ich habe immer von blühenden Gärten im zehnten Stockwerk geträumt“ und „Jeder hat es verdient, in einem Haus mit Swimmingpool zu leben.“ Dann schießen die animierten Wolkenkratzer in die Luft.

Die Globalstadt als Arena der Spekulation

Der blaue Ford hält in der zweiten Reihe. In einer Mittagspause hat Orhan – er arbeitet im mittleren Management einer Agentur – etwas Zeit, den Reporter und die Fotografin durch den Stadtteil Ümraniye und noch einmal zur anliegenden Baustelle des Finanzzentrums zu fahren. Es geht Orhan vor allem darum, die Sache mit den Drogen und den Prostituierten zu erklären.

Orhan Saribal, 43, lebt in Ümraniye und sieht sein Viertel gut organisiert. Nur die Drogen könnten ein ernsthaftes Problem werden.

Charlotte Schmitz

Nachdem Versuche, Teile des Viertels umzusiedeln, in so vielen Fällen gescheitert waren, bekamen die Anwohner schnell zu spüren, dass sie von Stadt und Staat fortan noch weniger Unterstützung zu erwarten haben würden. „Es fing damit an, dass die Polizei plötzlich Drogenhandel und Prostitution auf offener Straße duldete“, sagt Orhan. „Dadurch hat sich hier in den vergangenen Monaten ein kriminelles Milieu etabliert, das uns Bewohnern große Sorgen macht. Wir denken, die Stadt setzt darauf, dass auf diese Weise Argumente entstehen, das Viertel irgendwann räumen zu können – nämlich sobald es hier zu größeren Gewaltakten kommt.“ Prostitution und Gewalt – das waren 2009 auch die offiziellen Gründe für das Planieren von Sulukule.

Wir fahren an einer Schule vorbei, an einem Spielplatz. Auch hier werde gedealt, überwiegend nachts. Viele Jugendliche im Viertel, die Zahl sei zuletzt rasant gestiegen, sagt Orhan, haben Drogenprobleme. Hinter den abgedunkelten Scheiben der großen Karren, die vor zwei Jahren etwa in das Viertel kamen, in dem sich niemand einen SUV leisten kann, werden Drogen an die Unterhändler verteilt. Die stellen sich dann auf die Straßen und verkaufen kleinere Mengen. „Die Dealer treten sehr aggressiv auf, weil sie kaum mehr etwas zu befürchten haben“, sagt Orhan. Es kommt deshalb im sozialistisch geprägten Ümraniye häufig zu Zusammenstößen zwischen Dealern und radikalen linken Gruppen, die bereit sind, das Viertel auch gewaltsam zu verteidigen.

Verachtung antwortet auf Verachtung. Der Bürgerdissidenz wird, wo sie zu organisiert auftritt, konsequent mit Polizeieinsätzen entgegengetreten. Im Kreis von Orhans und Çiğdems Urban Transformation Platform gab es eine Reihe von Hausdurchsuchungen und Festnahmen. „Abschreckungsmaßnahmen“, sagt Orhan. Bei einigen Fahndungen war regierungsnahe Presse mitgekommen, nur um ihren Lesern hinterher die Gegner der Bauvorhaben als die wüsten Drogenhändler von Ümraniye zu präsentieren. „Schon verrückt, was hier passiert“, sagt Orhan.

Der Große Bruder hat die Neubauten im Auge.

Charlotte Schmitz

Seitdem ein Mitglied der Plattform im August bei einem Konflikt mit den echten Drogendealern erschossen wurde, rüsten die radikalen Gruppen mit härteren Waffen auf. „Bislang haben sie nur Schüsse in die Luft gefeuert“, sagt Orhan, der sich einen Dialog aller Konfliktparteien wünscht, jedoch befürchtet, dass es erneut einen größeren, synchronen Erregungsknall geben könnte. „Die Ignoranz der Politik befeuert ein Gefühl der Ohnmacht und des Zorns“, sagt er.

Die Demonstrationen auf dem Taksim-Platz im vergangenen Jahr waren eine solche Zornentladung. Ein Aufschrei gegen den Bürgerausschluss, der als Protest gegen ein geplantes Einkaufszentrum und das Abholzen im Gezi-Park begann. Nach einem brutalen Polizeieinsatz am 31. Mai 2013 wurde gegen die Regierung Erdoğan und dessen autoritären Regierungsstil demonstriert; in den Fokus gerieten dabei vor allem die Verdrängungswirklichkeit und jene damit im Zusammenhang stehenden gigantomanischen Bauprojekte, die allesamt von Korruptionsvorwürfen umweht sind. Die Idee der nützlichen Entpolitisierung des Volkes drohte einen Augenblick zu wanken. Doch nach dieser kurzen Irritation scheint der türkische Staat weiter auf die Passivität seiner Bürger spekulieren zu wollen; das Spiel an den Märkten wird ergänzt durch eine psychopolitische Unberechenbarkeit, die in den Untiefen der verdrängungsbedrohten Stadtteile als Eskalationsrisiko weiter vor sich hin brodelt.

Während die Proteste im eigenen Land der Wirtschaft einen leichten, zu verkraftenden Knacks verpassten, hat der „Arabische Frühling“ der Türkei in die Hände gespielt. In den vergangenen Jahren wurde hier zunehmend Kapital aus den Ölstaaten angelegt, um der Unsicherheit in anderen Teilen der Region auszuweichen. Auch vom Konflikt zwischen dem Westen und dem Iran konnte die türkische Wirtschaft profitieren, weil der Iran 2012 und 2013 verstärkt türkisches Gold kaufte. Dies hat die Handelsbilanz der Türkei merkbar verschönert.

Kalte Pranke, kleinstadtbreit

Der Finanzbezirk im Bau ist ein Bild, das vielleicht zu Istanbul als Ganzes passt, einer Stadt durchsetzt von Baustellen und von Baustilen aus Jahrhunderten. Aber es fügt sich alles nicht im Geringsten ein in die historischen Viertel hier, harmoniert auch nicht mit den offenen Türen, in die man allerorten hereingebeten wird. Es ist ein finanzweltwärts angelegtes Gegenstück zum Business auf der Straße, der Geschäftigkeit, dem mit verbaler Kommunikation gefüllten Alltag der Leute, eine Gated Community, die sich vor den Bewohnern als gefühlte kalte Pranke kleinstadtbreit und hundertmeterhoch auftürmt.

Fertiger Wohnkomplex im Finanzbezirk: Wer hier wohnt, bekommt seinen Garten, ganz sicher.

Charlotte Schmitz

„Die Investoren kreieren die Räume der Zukunft“, sagt Orhan, "und diese Räume werden die Menschen prägen. Leider ist der Charakter dieser Architektur kein guter. Es herrscht hier ein Denken vor, wonach Parkplätze unter Parkanlagen eine saubere Sache sind; dass es ökologisch sinnvoll ist, Bäume auf Balkone anzupflanzen. So was wird dann auch noch als klimafreundlich verkauft. Ein fürchterlicher Modernitätskitsch, der ja in vielen arabischen Großstädten an den hohen Neubauten ablesbar ist”, sagt Orhan.

Alle Wege, alle Blicke: Das Finanzzentrum in höchsten Höhen.

Charlotte Schmitz

Am frühen Abend werfen die neugebauten Türme Schattenfelder auf Ümraniye.

Und dann haben wir doch noch etwas Rechercheglück, eine Bewohnerin nimmt die Fotografin mit hinein in den fast fertigen Wohnkomplex des Finanzbezirks. Sie lebt hier seit einem Jahr. Eigentum. Aber schön, sagt sie, sei es von innen ja nicht. Vielleicht würde man bald wieder wegziehen.

In Ümraniye sagte uns eine andere, ältere Frau, im Schatten der Wohnhochhäuser des Finanzzentrums angelehnt an ihr Häuschen: „Wir wollen sterben, wo wir geboren sind.“

Krautreporter-Mitglieder können den Beitrag auch anhören. Bitte in der Anmerkungsspalte den Link anklicken. Der Text wurde gesprochen von Christian Bollert von detektor.fm

Titelbild: Charlotte Schmitz