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„Matrix“-Nachfolger „Sense8“: Hat sich Netflix mit dieser Serie verrechnet?

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Sie sind schon wieder mit Kopfschmerzen aufgewacht, haben in der Nacht furchtbar alpgeträumt, und auf dem Weg zur Arbeit starrt Sie von der gegenüberliegenden Straßenseite eine Frau mit zerzausten Haaren im weißen Fransenkittel an, die einen Schuh verloren hat? Dann wohnen Sie entweder in der falschen Gegend und sollten den Rest Alkohol vom vorigen Abend wegkippen. Oder Sie gehören durch eine mysteriöse Verkettung von Tatsachen zu den Hauptcharakteren der neuen Netflix-Serie „Sense8“.

Auf einen mehr oder weniger kommt es darin schließlich auch nicht mehr an.

Im Minutentakt kriegen Zuschauer in der Auftaktfolge neue Figuren um die Ohren gehauen, bis ihnen der Kopf schwirrt. Von Mumbai springt die Erzählung nach Berlin, weiter nach Nairobi, San Francisco und Mexico City. Alle paar Minuten taucht irgendwo auf der Welt eine neue Hauptperson auf, und allen erscheint nacheinander die Barfußfrau: auf der Straße, im Spiegel, an der Treppe, im Labor, im Nachtclub, vor dem Polizeiwagen, im Theater. Das Publikum hat die Übernatürlichkeit des Geschehens zu diesem Zeitpunkt schon verinnerlicht. Schließlich beginnt die Geschichte damit, wie sich die geisterhafte Dame, verfolgt von einem düsteren Grüppchen Unsympathen, in einer alten Kirchenruine selbst das Leben nimmt.

Und wer davon noch nicht vollständig verwirrt ist, wird vom Vorspann mit deutlich über 100 Schnitten in gerade einmal zwei Minuten erledigt, einer Art Turbodiaabend auf Speed.

https://www.youtube.com/watch?v=iKpKAlbJ7BQ

Anders formuliert: „Sense8“ strengt sich schon in den ersten paar Minuten sichtbar an, den enormen Erwartungen gerecht zu werden. Die Serie soll sozusagen das „House of Cards“ für Mystery-Fans werden, produziert von den Wachowski-Geschwistern, die schon „Matrix“ ins Kino gebracht haben (und nach dem Kinoflop „Jupiter Ascending“ mal wieder einen Erfolg brauchen könnten). Spendiert wird die Sause vom Streaming-Angeber Netflix, der dem klassischen Fernsehen weltweit demonstrieren will, wie man Zuschauer im 21. Jahrhundert unterhält. Indem man nämlich eine Art Entertainment-Physik dafür entwickelt. Netflix rät nicht. Netflix weiß, wie der nächste Serienhit auszusehen hat. Weil der Streaming-Dienst das Verhalten seines Publikums aufs Genaueste studiert.

Der amerikanische Journalist Alexis Madrigal hat Anfang 2014 für „The Atlantic“ ausgerechnet, dass die Inhalte auf der Plattform (zum damaligen Zeitpunkt) in 76.897 Untergenres einsortiert waren und dafür aufwändig mit „Microtags“ verschlagwortet werden. Die Kombinationen klingen zum Teil kurios („post-apokalyptische Komödien über Freundschaft“). Doch sie sollen dafür sorgen, dass jeder einzelne Zuschauer exakt das vorgeschlagen kriegt, was ihm gefällt. Mit Sicherheit. (Mehr dazu in den Anmerkungen.)

In diesem Blogpost von 2012 geht Netflix näher auf die Personalisierungs-Strategie ein. Bei „Wired“ ist nachzulesen, wie Netflix sogar die Farbcodes der Titelfotos seiner Original-Produktionen auf die Vorlieben seiner Zuschauer abstimmt beziehungsweise herauszufinden versucht, ob es sich lohnt, unterschiedlichen Zuschauern auch unterschiedliche Titelfotos anzuzeigen, um sie zu begeistern.

Lassen sich Publikumserfolge vorhersagen?

Die Erfolgsserie „House of Cards“ war der erste Versuch, dieses Prinzip auch für eigene Produktionen zu nutzen. Alleine schon, um sich von den vielen anderen Videoplattformen abzuheben, auf denen überall dieselben Hollywood-Blockbuster und TV-Sitcoms laufen.

Die Legende geht so: Weil Netflix-Nutzer gerne Filme von David Fincher mit Kevin Spacey sehen, hat sich der Dienst entschlossen, „House of Cards“ zu produzieren. Mehr zur Entstehungsgeschichte verriet Hauptdarsteller Kevin Spacey vor anderthalb Jahren in einem vielbeachteten Vortrag beim Edinburgh International Television Festival:

Weil die Politserie nicht nur hervorragende Kritiken bekam, sondern Netflix auch zahlreiche neue Mitglieder bescherte, gibt der Dienst immer mehr Geld für eigene Serien, Filme und Dokumentationen aus. Und zwar solche, deren Erfolg sich durch die gesammelten Nutzerdaten möglichst exakt vorhersagen lässt.

Das US-Branchenmagazin „Variety“ zitierte Netflix' Chief Content Officer Ted Sarandos kürzlich mit den Worten: „Three years ago, we had zero originals. We were drafting off other people’s programming. (...) Right now, our original programming spend has been more efficient dollar for dollar. (...) On the original content programming side, our appetite has only grown.“

Das klingt selbst ein bisschen nach Mystery-Serie, führt aber nicht zwangsläufig zu einem perfekten Ergebnis. „Sense8“ zum Beispiel ist eine auf den ersten Blick perfekte Synthese aus Darstellern und Erfolgsrezepten bekannter Mystery- und Science-Fiction-Spektakel. Die Barfußfrau wird von Daryl Hannah aus „Blade Runner“ gespielt, Ex-„Lost“-Darsteller Naveen Andrews lässt sich wie damals in der ABC-Inselserie dramatisch von Bläsern herbeiposaunen. Das Hauptdarsteller-Ensemble wirkt wie eine Mischung aus „Lost“ und „Heroes“, die düsteren Verfolger könnten gerade aus „Fringe“ entflohen sein. Und außer den „Matrix“-Geschwistern ist „Babylon 5“-Produzent J. Michael Straczynski als Produzent an Bord.

J. Michael Straczynski ist auch mit Schuld am Hollwood-Blockbuster „World War Z“, einem der unverschämt-peinlichsten Zombie-Filme, die ich jemals im Kino gesehen habe (beziehungsweise in diesem Fall: nicht im Kino, sondern nachher auf, ähm, Netflix). Kleine Erinnerung gefällig?

Was davon auf die Auswertung der Vorlieben der Nutzer zurückzuführen ist und was bloß auf den bei Netflix ausgebrochenen Seriengrößenwahn, lässt sich nicht so genau auseinander dividieren.

Aber schon die vielen Schauplätze bei „Sense8“ wirken wie ein angestrengtes Heranwanzen an all die Nutzer in den Ländern, wo Netflix bereits aktiv ist oder gerade gestartet. Damit jeder Zuschauer das Gefühl haben kann, diese Serie passiere auch vor der eigenen Haustür. (Obwohl es weitgehend egal ist, ob Max Riemelt als Einbrecher „Wolfgang“ vor Berliner Sehenswürdigkeiten Safes knackt – oder ganz woanders.)

https://www.youtube.com/watch?v=FyG8Dp8Shjw

In den ersten drei Folgen, die Journalisten vorab ansehen durften, hinterlässt „Sense8“ jedenfalls vorrangig den Eindruck, dass vor lauter Puzzelei etwas Entscheidendes auf der Strecke geblieben ist: eine gute Geschichte.

Anfangs entwickelt die sich bloß in Zeitlupe und wird permanent durch neue Ortswechsel unterbrochen, die auch noch in wechselnden Genres erzählt sind – als Krimi, Bollywood-Soap, Polizeidrama. Die Charaktere sind voll und ganz damit beschäftigt, ihre neue Sensibilität füreinander zu entdecken: Der Polizist hört aus der Nachbarwohnung in Chicago die wummernde Clubmusik der Londoner DJane; die pharmazeutische Assistentin in Mumbai spürt den Regen, der auf der Beerdigung in Berlin fällt; und das Huhn aus dem nigerianischen Bus scheint in Seoul auf den Schreibtisch zu hüpfen. Die Welten verschmelzen miteinander, doch es bleibt kaum Zeit, die Charaktere überhaupt kennenzulernen.

Vielleicht gehört die intersexuelle Nomi, die in San Francisco um die Anerkennung ihrer Familie kämpft, deshalb zu den spannendsten Protagonisten: weil sie eine der ersten ist, die etwas mehr Zeit kriegt, um ihre Geschichte zu erzählen.

Die teuerste Serie aller Zeiten

Gut möglich, dass die Zuschauer sich an alldem nicht stören, weil die einzelnen Zutaten am Ende besser schmecken als der fertige Kuchen. Aber letztlich lässt sich wohl auch mit den Nutzungsdaten von weltweit 62 Millionen Kunden am Ende keine perfekte Serie produzieren. Sondern eine, die ganz genau weiß, wem sie gefallen will.

Vieles in „Sense8“ ist außerdem maßlos überzeichnet. Per Rückblick ruft sich ein Protagonist sein damaliges Versagen bei einer Schulaufführung in der Erinnerung, das sein Vater im Saal bloß mit übertrieben höhnischem Gelächter zu quittieren wusste; Nomis Mutter kann ihren Sohn nicht als Tochter akzeptieren und ist dabei so drastisch gemein, dass die Szene völlig unglaubwürdig wirkt; und der seltsame Arzt, an den Nomi gerät, und dem offensichtlich nicht zu trauen ist, heißt – im englischen Original – „Dr. Metzger“. In Folge drei fällt außerdem der irre Westernsatz: „Sooner or later we all have to pay.“ Alles arg überdramatisch.

Darüber hinaus ist es wohl ein Missverständnis, dass automatisch gutes Fernsehen entsteht, wenn man Autoren, Regisseuren und Schauspielern bloß beliebig viel Zeit lässt und ausreichend Geld zur Verfügung stellt.

Als Netflix Ende des vergangenen Jahres mit „Marco Polo“ stolz die angeblich teuerste Serie aller Zeiten präsentierte, war das eine eher ernüchternde Angelegenheit. Weil trotz üppiger Ausstattung und den Drehs in Malaysia offensichtlich nicht genügend Kohle übrig war, um ein zentrales Ereignis der Geschichte entsprechend aufwändig zu inszenieren: Der fatale Angriff der Armee Kublai Khans auf die Festungsstadt Xiangyang in Folge acht bricht einfach ab, bevor er begonnen hat, und die Schlacht wird als Mauerschau aus dem Off zu Ende erzählt. Zwei Minuten später ist schon alles vorbei und die Charaktere sind mit der Aufarbeitung der nicht gesehenen Ereignisse beschäftigt.

Das war für eine der „teuersten Serien aller Zeiten“ vor allem deshalb peinlich, weil viele Zuschauer da schon den von Konkurrent HBO gewaltig inszenierten Kampf der Nachtwache um die Eismauer in der vierten „Game of Thrones“-Staffel im Kopf hatten.

Lorenzo Richelmy als "Marco Polo"

Foto: Phil Bray, Netflix

Die seit März verfügbare Netflix-Produktion „Bloodline“ wiederum erzählt die Geschichte einer Familie, die durch die Rückkehr des verstoßenen Sohnes mit den Versäumnissen den Vergangenheit konfrontiert wird. Und zwar so oft, bis es nach 13 Stunden wirklich auch der letzte Zuschauer kapiert hat. Alle anderen brauchen sehr viel Geduld, um bis zum unspektakulären Ende durchzuhalten.

Kyle Chandler und Ben Mendelsohn in "Bloodline"

Foto: Saeed Adyani, Netflix

Dass die Autoren von „House of Cards“ völlig freie Hand hatten, führte nach zwei großartigen Staffeln in der zuletzt veröffentlichten dritten dazu, dass manche Handlungsstränge – vor allem der Konflikt mit dem russischen Präsidenten – geradezu karikaturenhaft gerieten.

Natürlich ist es erstaunlich, mit welcher Geschwindigkeit und in welcher Vielfalt Netflix derzeit eine eigene Serie nach der nächsten ins Netz bringt. Währenddessen sieht zum Beispiel das deutsche Fernsehen weitgehend hilflos dabei zu, wie sich die Zuschauer endgültig daran gewöhnen, dass ARD, ZDF, RTL und Sat.1 kein Ort mehr sind, an dem eine ebenso zeitgemäße wie fesselnde Unterhaltung zu erwarten wäre. Als Entertainment-Erlöser taugt Netflix, auch wenn in vielen Medien derzeit ein anderer Eindruck erweckt wird, aber genauso wenig. Weil Algorithmen am Ende eben nicht automatisch gute Geschichten erzählen.


„Sense8“ (12 Folgen) kann ab sofort in Deutsch und Englisch bei Netflix angesehen werden.

Aufmacherfoto: Murray Close, Netflix