Krautreporter

Der Mann kam aus dem Nichts

etwa 9 Min. Lesedauer
  • Metriken
  • Probemitglieder: 0
  • Aufrufe: (Gesamt: 56, Gäste: 54)
  • Kommentare: 12
  • Audio-Zugriffe: 0
  • Ebook-Downloads: 0
  • Zahlen aktualisiert 17. Oktober, 21:51 Uhr
| Matomo-Analytics

Warum würde jemand über Matthew McConaughey schreiben? Der Name und der Mann selbst stießen selten auf große Bewunderung oder Anbetung, nicht mal das McConaugheysche Sixpack war wirklich berühmt. Da gab es größere Stars unter den Bauchmuskeln. Doch in McConaughey schlummerte irgendetwas. Etwas Merkwürdiges. Trotz des Tarzan-Haars, des Bronze-Hauttons und des hohen Schleimigkeitsfaktors. Der Mann hat etwas Undefinierbares. Er hat nichts von Johnny Depp. Oder Robert Downey jr. Kein sogenanntes Charaktergesicht, das nur sich selbst spielt. Matthew McConaughey war eine Projektionsfläche mit mehr als drei Millionen “Likes” auf Facebook.

Doch dann begann Hollywood, ein paar Dinge an McConaughey zu bemerken. Es suchte dringend Gesichter, die nicht sie selbst waren. Es brauchte wieder Gesichter, die sich verformen konnten, die nicht nett aussahen, die von Dingen erzählen konnten, die weniger schön waren, zunächst aber nicht so aussehen sollen. Hollywood suchte Darsteller, Charaktere, Gesichter, deren privates Leben uns im Prinzip egal sein kann, weil das Leben angenehm geregelt verläuft. Wenn es mit dem Gesicht nur möglich war, auf der Leinwand größtmögliche Verwirrung zu stiften. Es fand, plötzlich, unerwartet, Matthew McConaughey.

Ich traf Matthew McConaughey im vergangenen Jahr. Er hatte “Dallas Buyers Club” fertig gedreht und wieder ein paar Kilo zugelegt. Maximal drei. In den Zeitungen war McConaughey nur noch als Skelett zu sehen. Er hatte über lange Zeit das Weiße vom Ei und ein Stück Huhn am Tag gegessen, dazu Coke light getrunken. Es schien, als würde er damit nicht mehr aufhören. Wegen dieser Ernährungsart begann er, seine Sehkraft zu verlieren. McConaughey mutierte zu einem Gespenst. Hollywood wusste nicht genau, was es davon halten sollte. So schlimm hatte es lange niemand mehr getrieben.

Dass sich jemand für eine Rolle sehr fett fraß, daran war man gewohnt. Aber nicht daran, dass jemand kurz vor dem nicht mehr Existieren stehen könnte. So nahe an einen Todeslook heranzurücken, dazu waren bislang nur wenige bereit gewesen, Christian Bale für seine Rolle in „The Machinist“ etwa. McConaughey entwickelte sich plötzlich zum Experten für “Antihelden”, wie er das professionell ausdrückte. Er war der harte, ausgekochte Sklaventreiber und Stripperboss in “Magic Mike” mit brauner Salamanderhaut und beängstigendem Sixpack. Jemand, der sich selbst und andere zum Anschaffen anpeitschte.

Dann erschien er als ein nicht schlecht aussehender, hochgradig psychopathischer Obdachloser in “Mud”. Und schließlich als der sexbesessene, selbstzerstörerische, alles überlebende Texaner in “Dallas Buyers Club”, der die Medikamentenindustrie für immer revolutioniert, weil er nicht einsehen wollte, an giftigen Pillen gegen den HI-Virus zu sterben. Es hatte 20 Jahre gedauert, bis der Film zustande kam. Das war gut so. Ohne McConaughey hätte man nicht mit offenem Mund dagesessen und sich ein dürres, wütendes, konservatives Monster aus Texas angesehen.

Flaschensammler oder unfassbar reich?

Ich hatte eine Stunde in der Aircondition-Luft eines Hotels in Beverly Hills gewartet, als ein extrem unauffälliger Typ durch die Prunktür schlich. Er trug Jeans und einen Rucksack über der Schulter. Der Rucksack schien voller Wasserflaschen zu sein. Das kann in Hollywood zwei Dinge bedeuten. Entweder hat jemand Angst zu dehydrieren und ist besessen davon genügend Wasser zu sich zu nehmen. Was hier ständig vorkommt. Oder jemand sammelt Wasserflaschen, um das Pfand einzulösen.

Es gibt Momente in Hollywood, da ist der Unterschied zwischen sonnengegerbten Obdachlosen in ordentlichen Kleidern und unfassbar reichen Menschen, die einfach nur die allerletzten, kaputten Sportklamotten tragen, nicht zu erkennen. Der Wasserflaschenmann stellte sich als Matthew McConaughey heraus.

Er pfiff leise vor sich hin. Auch hier war nicht klar, ob das Pfeifen ein freundliches war oder ein extrem genervtes sein würde, was sich in etwas entladen würde, was später „McConauglogue“ hieß. Der Begriff “McConauglogues” existiert erst seit der Serie “True Detective”. Dort hat McConaugheys Charakter neben Woody Harrelson die Möglichkeit, ausufernde Philosophie-Monologe zu sprechen. Diese sind bis zum Anschlag ausgereizt, angeführt von speziell hergestellten „McCounaugheyismen“. Etwa: “I don't sleep, I dream.” Oder: “I am autistic, which means I am not good at parties.”

McConaughey wuchs in Texas auf. Er stammte aus einer Familie, die sich gegenseitig immer wieder neue “Bullshit”-Geschichten, also Blödsinn, über sich selbst am Küchentisch erzählte, wie Matthew das formulierte. Er war der Typ, der sich als Teenager ein Parfum für 28 Dollar kaufte. Eine Flasche davon musste bis zum nächsten Weihnachtsfest halten, und McConaughey verteidigte die Flasche jeweils ein Jahr lang mit Händen und Füßen.

Kontemplative Wellenbeobachtung

Es dauerte nicht lange, bis McConaughey wegen seines Körpers und seiner elastischen Art in sogenannten RomComs, Romantic Comedies, auftauchte. So ging das Jahre, gefühlt Jahrzehnte. Bald hatte er selbst keine Lust mehr darauf. Er riskierte einen Karriereknick, entschied sich, andere Dinge zu versuchen. Es war merkwürdig. McConaughey schien die Schleimigkeit seiner alten Rollen in einen neuen Stoff transfomiert zu haben. In eine schneidende, softe, mürbemachende Zuvorkommnis, die sich über jeden Satz legte. Bisher unerreicht.

Ich hatte an diesem Tag in Beverly Hills die Aufgabe, für eine Frauenzeitschrift mit Matthew über seine Badezimmer zu sprechen. Keine einfache Geschichte. Wir saßen uns in einem kalten Raum ohne Möbel gegenüber. Auf dem Tisch stand ein Diktiergerät, damit von seinen Ausführungen nichts verloren gehen würde. Er bot mir mit diesem surrenden “Matthew-S” ein Glas Wasser an. Ein „S“ wie in Salamander. Über all das legt McConaughey einen Texasakzent, so wie einen dicken Teig. Ich war sicher, dass es hier nicht wie bei anderen Presseterminen zugehen würde. McConaughey würde selbst aus Themen wie Wasserdruck und dem Aufbau eines wirklich guten Handtuchhalters das Beste rausholen.

Der Nachmittag mit McConaughey war eine Ausnahme unter den vielen Pressejunketts, die ich bislang mitgemacht habe. Normalerweise verlaufen diese straff organisierten Interview-Termine mit Stars so: Nach den üblichen 10 bis 20 Minuten hat man das Gefühl, alle möglichen Banalitäten abgefragt zu haben, und wenn das Gespräch, die Unterhaltung eigentlich erst losgeht, muss man das Hotelzimmer wieder verlassen. Oft eine höchst unbefriedigende Situation für beide Seiten. Es sei denn, man trifft auf jemanden wie McConaughey, der eine Abhandlung über eine Rainshower-Dusche wie ein paar Minuten aus „Richard III.“ klingen lässt.

Es ist immer so, als hätte man McConaughey schon mal irgendwo gesehen. Sagen wir auf dem Festival “Burning Man”. Und zwar mit Patschuliöl eingerieben und Dinge aussprechend, die man nicht verstehen wird. Man könnte ihn sich ebenso beim Surfen in Malibu vorstellen. Er könnte einer dieser Typen am Strand sein, der kontemplativ auf die Wellen schaut und Dinge wie “find your frequency” oder “The universe will tell you” auf dem Rücken tätowiert hat.

Burning Man ist das Lieblingsfestival der neuen US-Hippies und Tech-Community. Es findet seit 1986 jährlich in der Wüste von Nevada statt und hat mehrere Zehntausend Besucher.

McConaughey könnte einer dieser Spiritualitätsperformer sein. Er hat dieses Gesicht, das man in Hollywood an Bushaltestellen sieht. Und zwar in der verbrannten Variante. Das Gesicht von Menschen, die zu lange draußen waren, weil sie es seit Jahren nicht geschafft haben, eine Rolle zu landen oder eine Wohnung zu finden. Matthew hätte einer von ihnen sein können. Und wurde es nicht. Falls einem zu McConaughey das Wort “Bongospieler” einfallen würde, wäre das übrigens nicht falsch. 1999 wurde er festgenommen, weil er nackt zu Hause auf seinem Küchentisch ein Bongokonzert veranstaltete, dann im Knast landete und seine Mitgefangenen zum Bongospielen antrieb und aus dieser Erfahrung ein T-Shirt mit der Aufschrift “Which part of naked bongo playing don’t you understand” kreierte. McConaughey ist der Typ, der all die Dinge getan hat, die man befürchtet.

Bei Wasser und einer leicht wärmeren Air Condition begann er dann, von seiner Haut zu sprechen. Schnell machte er klar, dass es sich um eine besondere Haut handeln würde. “Die Hautärztin sagte mir, ich habe eine Haut, die keinen Hautkrebs bekommt”, erklärte McConaughey und verbot mir, zweimal am Tag eine elektronische Gesichtsreinigungsbürste zu benutzen. Er warnte mit surrendem, gefährlich klingenden Unterton, während er mir eine beruhigende Calendula -Creme empfahl.

McConaughey war nun bereit, mich in das vermeintlich größte Geheimnis einzuweihen. Er lehnte sich ein wenig nach vorne. “Sie denken sicher, es gibt nur zwei Hauttöne, einen grünlichen und einen weißlichen. Da liegen Sie falsch”, schnarrte er und bewegte seinen Oberkörper ruckartig zurück. “Sie müssen alles mitzählen. Die Beine, die Brust, das Gesicht. Jedes Körperteil hat eine andere Farbe”, erzählte Matthew. Er war aufgebracht, theatralisch. Einen Vortrag über die Haut hatte ich in dieser Form einer steng verfeinerten, high maintenance-Drohung nie gehört. Es dauerte nicht lange, bis McConaughey mir den Unterschied zwischen einer “Rainshower” und einer Dampfdusche erklärte, eindrücklich.Es ging McConaughey wirklich um etwas. Das spürte man in den Momenten, wenn er das Wort “Shower” aussprach. Er pfiff das “S” noch stärker als üblich.

Ein alter Mann in Unterhose

Für den „Dallas Buyers Club“ gewann McConaughey den Oscar. Seine Rede gehörte zu denen, die Menschen ratlos hinterlassen. Die Rede machte Angst, sie war intensiv, aber auf eine andere Art, als wir das kennen. Sie handelte von Bildern, von Vorstellungen, über die Hollywood bei einem Oscar-Event eigentlich nichts hören wollte. McConaughey dankte seinem Vater, der jetzt im Himmel mit Milch und Gumbo-Eintopf feiern würde, ja tanzen würde. Er machte kurz vor, wie sein Vater hin und her hüpft, und in Sekunden sah man einen Alten in Unterhose, der eine Flasche Bier greift und einen vom Gumbo verschmierten Mund zur Schau stellt. All das in drei Sekunden.

Er ging noch weiter. Ein paar Stars im Publikum war es anzusehen, wie sehr sie den dürren Herren mit dem Salamander-S fürchteten. McConaughey dankte sich selbst. Er sei immer sein eigenes Idol gewesen, genauer gesagt, er selbst in zehn Jahren. Mit 15, sagte er, war sein Idol Matthew mit 25 Jahren. Das Publikum, narzissmusgeprüft und verwöhnt, hatte nichts dazu zu sagen. Man sah Kinnladen herunterfallen. Vor Verehrung. Und vor Ekel, vor Unverständnis. Doch McConaughey war in diesem Moment kein Narzisst. Er hatte nur von Dingen erzählt, von Wahrheiten, die sie schon lange nicht mehr gehört hatten. Hollywood muss sich an diesen Schauspieler-Typus erst wieder gewöhnen.

Aufmacher-Bild: Szene aus „Dallas Buyers Club“(Ascot Elite)