Die Elefantenhaut

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Wer nicht weiß, wie Peter Berling aussieht und nur seine Stimme hört, könnte meinen, da rede ein flapsig-eleganter Doktor der Geschichte. Die Stimme passt eigentlich nicht zur Gestalt Berlings, diesem großen, schweren, in natura immer auch ein wenig einschüchternden Mann. Ein Mann, der gleichzeitig beweglich und schillernd ist, dessen Leben ein fortwährender Wechsel der Rollen war und ist. Mal spielte er mit Klaus Kinski Tennis, mal tauschte er mit Rainer Werner Fassbinder die Geliebten.

Er ist Filmproduzent, Schauspieler, Autor und agiert im berühmten Interviewformat mit Filmemacher Alexander Kluge, 10 vor 11. Dort schlüpft Berling als Interviewpartner in die verschiedensten Rollen und muss improvisieren – einmal ist er ein russischer Revolutionsgeneral, einmal der Kapitän der 1994 gesunkenen Estonia oder ein mittelalterlicher Bischof. Diese Rollen füllt Berling genialisch, absurd und mürrisch aus. Ähnlich verhält sich der „echte” Berling beim Interview: wie ein mürrisches, verspieltes, altes Zirkuspferdchen, das sich virtuos zwischen Fragen nach Kinskis Fähigkeiten beim Tennis, nach Selbstmord und Liebe bewegt.

Herr Berling, was gab es zum Frühstück?

Peter Berling, geboren am 20. März 1934 in Meseritz-Obrawalde. Er wuchs in Berlin und Osnabrück auf und verließ das Gymnasium ohne Abitur. Zunächst absolvierte er eine Maurerlehre und studierte anschließend ein Semester lang Architektur, danach Grafik an der Akademie der Bildenden Künste in München. Er wirkte als Darsteller in mehr als 130 Filmen mit, etwa unter der Regie von Werner Herzog, Martin Scorsese, Helmut Dietl, Volker Schlöndorff sowie in Filmen von Helge Schneider. Außerdem wurde er als Produzent, unter anderem für Rainer Werner Fassbinder, als Kritiker und Chronist bekannt. Über Fassbinder verfasste Berling die biografische Schrift „Die 13 Jahre des Rainer Werner Fassbinder“, in der er detailliert Leben und Arbeit des Regisseurs beschreibt. Berling lebt in Rom.

Obstsalat mit geschnetzelter Gewürzgurke und Ingwerscheiben.

Wie sieht ein normaler Tagesablauf bei Ihnen aus?

Ich stehe gegen elf, zwölf Uhr auf, nur montags, mittwochs und freitags eine Stunde früher, weil da der Physiotherapeut kommt. Nach dem Aufstehen gehe ich dann unter die kalte Dusche, auch im Winter, ich habe eine Doppeldusche, ich kann kalt und heiß gleichzeitig duschen, das ist eine sehr raffinierte Dusche, aber ich fange immer mit eiskalt an, das bin ich seit meiner Internatszeit so gewohnt.

Dann so gegen zwölf ziehe ich mich an und gehe rüber in mein Restaurant und mache mir beim Buffet einen ziemlich kleinen Teller mit etwas Bratkartoffeln und viel Gemüse, kein Fleisch, und dazu eine Flasche Mineralwasser und dann zwei Espresso mit jeweils einem Minitäfelchen Bitterschokolade, alles ohne Zucker, wegen meiner Diabetes. Dann gehe ich nach Hause, mache Telefonate und so dummes Zeug wie Interviews korrigieren, lese die Post, beantworte so wenig wie möglich, so bis um sechs, sieben, dann steige ich nochmal die 85 Treppenstufen herunter, für zwei weitere Espresso in der Bar „San Calisto“ schräg gegenüber.

Danach beginne ich zu schreiben, so bis kurz vor elf abends, Abendessen im Stammrestaurant, Rückkehr gegen halb eins, danach beginnt meine Nachtschicht, auf die ich mich am meisten freue. So um fünf, sechs Uhr morgens begebe ich mich ins Bett, sehe schnell noch die Tagesschau, und dann schlaf ich ein.

Können Sie den letzten Satz, den Sie geschrieben haben, zitieren?

Warum sollte ich das?

Der Neugier zuliebe.

Nö.

Sind Sie sentimental?

Ja, furchtbar. Ich weine bei Staatsbegräbnissen. Im privaten Bereich halte ich mich eher zurück. Ich zeige ungern Empathie.

Wieso keine Empathie?

Das habe ich mir einfach aberzogen, überempfindlich zu sein, oder rein gefühlsmäßig zu reagieren, und damit bin ich auch ganz gut gefahren. Ich habe mir eine Elefantenhaut zugelegt und bin damit durchs Leben gestapft.

Berling benutzt hier den Begriff der Elefantenhaut. Ohne es mit den Analogien übertreiben zu wollen ... aber Elefantenhaut ist zwar dick, an manchen Stellen zwischen 2,5 und 3 Zentimeter, sie ist deswegen aber keineswegs gefühllos. Im Gegenteil, die Elefantenhaut ist trotz ihrer Dicke ein sehr empfindliches Organ und besitzt eine reiche Nervendichte. Ein Elefant bemerkt jede Fliege, die auf ihm landet.

War diese Elefantenhaut nötig?

Weiß ich nicht, für mich war es die richtige Entscheidung. Ob es für die anderen so war, kann ich nicht beurteilen. Das ist ja der Witz bei der Elefantenhaut, dass man sich nicht um die anderen schert!

Aber es muss ja einen Auslöser für die Elefantenhaut gegeben haben.

Da war so eine hochdramatische Liebesgeschichte in meiner frühesten Jugend, die mit dem Tod des Mädchens endete. Das hat mit mich sehr getroffen, und danach habe ich mich entschieden, so etwas nie wieder durchzumachen, mich nie mehr zu verlieben.

Hat der Vorsatz funktioniert?

Fast sehr gut. Es gab zwei, drei Ausrutscher, aber sonst hat es geklappt.
Überhaupt, Liebe und Empathie sind doch zwei ganz verschiedene Schuhe.

Wieso?

Ja, nicht wieso! Das ist so!

Wieso?

Wenn Sie lieben, dann ist das völlig außer Kontrolle! Liebe überfällt einen, auch wenn es nicht gut für einen ist, man liebt! Das ist die eine Geschichte. Und mit Empathie muss man eben umgehen, und ich halte sie am Zügel.

Auf kleiner Flamme.

Auf sehr kleiner Flamme.

Wann gerieten Sie zuletzt in Gefahr, empathisch zu reagieren?

(Überlegt) Das ist lange her, ich glaube, zuletzt beim Tod meiner Mutter. Aber solche Gefühle wie Schmerz kommen erst sehr viel später. Wehmut kann auch Trost sein.

Wehmut kann auch Trost sein. Ich habe etwas über diesen Satz nachgedacht. Man könnte ja auf den ersten Blick denken, dass Wehmut kein Trost, sondern eine Belastung ist. Wenn man Wehmut aber als melancholische Nostalgie versteht, scheint Berlings Aussage nachvollziehbar. Die Erinnerung als tröstend-zeitloses Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.

Was ist der Vorteil der Empathielosigkeit?

Man wird weniger durch Sachen belastet, die andere belasten. Ich kann das Fernsehen anschalten und dort das Elend in Syrien oder die Trümmer im Erdbebengebiet Nepals sehen, und das berührt mich eigentlich nur sehr oberflächlich. Ich bin ja im Krieg aufgewachsen, und dann bin ich morgens aus dem Haus gerannt und hab geschaut, ob die Nachbarhäuser noch stehen und ob Frau Meier von nebenan noch lebte, und meistens standen sie nicht mehr und manchmal guckten Beine aus den Trümmern raus. Und wenn Sie so was jeden Tag erleben, kann mich sich daran gewöhnen. Denn es gibt nur die Frage, ob es einen auch selbst erwischt oder nicht. Und selbst da bin ich dann ziemlich lässig.

Weil?

Weil ich längst zum Fatalisten geworden bin. Die Wahrscheinlichkeit, dass es mich erwischt, ist größer als die, dass ich überlebe. Wenn es mich nicht erwischt, habe ich Glück gehabt. So wache ich auch nach jeder Operation auf, das ist dasselbe.

Demnach haben Sie keine Angst vor dem Tod?

Nö, höchstens vor dem Sterben. Aber selbst das kann man so organisieren, dass es ganz sanft abgeht. Derjenige, der stirbt, trauert ja auch nicht, nur die, die er hinterlässt.

Aber man hat Mitgefühl mit den geliebten Menschen, die man in Trauer zurücklässt.

Nö, das tue ich eben nicht.

Weil?

Ja, gar nicht weil!

Doch weil.

Die sollen doch selber trauern. Warum soll ich für die trauern? Oder soll ich etwa trauern, weil die um mich trauern?

Ja.

Nö! Ich empfinde nicht Trauer, weil andere um mich trauern, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Ich versuche so wenig zu hinterlassen, dass keiner meinetwegen Trauer empfindet. Die sollen sich an mich bitte nicht mit Trauer erinnern. Ich möchte am Ende ein großes Festessen für Freunde veranstalten und mich anschließend zum Sterben legen.

Sie haben mal gesagt: Die Reibung, die im Universum herrscht, ist auf Vernichtung aus.

Sie ist nicht auf Vernichtung aus, sie erzeugt Vernichtung. Einen Willen im Universum sehe ich nicht, ich sehe auch keinen Gott, der da was bewegt oder reibt. Es ist so! Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir in einer Welt leben, die so ist, wie sie ist. Darüber muss man gar nicht diskutieren. Wenn ich die Sixtinische Kapelle anschaue und da schwebt ein dicker Opa auf einer Wolke und berührt mit seinem Finger Adam, was soll ich da glauben?

Naja.

Ja, was denn „Naja“ ?

Man muss an Gott ja nicht als dicken Opa glauben.

Dann soll man ihn auch nicht so darstellen! Wahrscheinlich hat sich Michelangelo da selbst porträtiert, der sah in etwa so aus. Gottesdarstellungen sind doch einfach lächerlich. Da hat der Islam schon Recht, man soll bitte die Finger davon lassen, Gott darzustellen.

Wie zügelt man seine Empathie?

Indem man sie einfriert. Bei der deutschen Einheit habe ich auch überhaupt keine Empathie empfunden, auf den Gedanken bin ich gar nicht gekommen, obgleich es sehr rührend war.

Das dürfte Ihnen nicht schwer gefallen sein, Sie haben öfters erwähnt, dass Sie kein Patriot sind.

Woher soll der Patriotismus denn heute auch kommen?

Aus einem Heimatgefühl heraus.

Aber wer lebt denn heute noch an dem Ort, aus dem seine Vorfahren stammen?

Auf dem Land ziemlich viele.

Weniger als Sie denken. Aber auch da spielen Stammbaum und Ahnen kaum noch eine Rolle.

Vielleicht ist es eher die Sehnsucht nach Heimat und Identität.

Das ist es! Es ist die Sehnsucht nach Heimat. Bei mir ist diese Heimat noch am ehesten durch die Erzählungen meiner Großmütter mit Russland verbunden, einem Russland, das es nicht mehr gibt, eine reine Märchenwelt, das ist Familiengeschichte. Meine sogenannte Heimat habe ich mit vier Jahren verloren und nie wieder gesehen, das war ein Ost-Ost-Ost-Deutschland, das heute tief in Polen liegt und von den Sowjets bei deren Einmarsch 1945 zerstört wurde. Meine Ersatzheimat waren wahrscheinlich die historischen Romane, die ich dann geschrieben habe.

Eine hypothetische Empathiefrage habe ich noch.

Bitte!

Stellen Sie sich vor, Sie gehen, wie jeden Tag gegen elf Uhr aus dem Haus ...

Um elf Uhr abends?

Ja, um elf Uhr morgens schlafen Sie ja noch.

Stimmt.

Sie gehen zu Ihrem Stammlokal, Sie haben Hunger und dann sehen Sie ein weinendes Kind mit aufgeschlagenen Knien. Gehen Sie unempathisch zum Essen weiter, oder trösten Sie das Kind?

Das kommt darauf an, was macht denn ein Kind um elf Uhr abends auf der Straße?

Vielleicht hat es sich verlaufen.

Na, in Italien kümmert sich da immer sofort jemand, wenn ein Kind weint und blutet, aber, wenn niemand da wäre, würde ich dafür sorgen, dass sich jemand des Kindes annimmt und dann würde ich zum Essen gehen.

Sie sind doch empathisch.

Das ist nicht empathisch, das ist eine ganz normale mitmenschliche Reaktion. Empathie ist ja nicht identisch mit Mitgefühl.

Wird die Welt in Zukunft eine bessere sein?

Überhaupt nicht, ich blicke nicht mit Zuversicht in die Zukunft. Überlegen Sie doch mal, was wir Menschen mit diesem Planeten anstellen. Erderwärmung, Überbevölkerung, Klimakatastrophen, Trinkwassermangel, das wird schon gewaltige Probleme geben. Es gibt doch überhaupt nichts, was sich positiv entwickelt.

Gar nichts Positives?

Ja, was denn?

Wir können mit Menschen am anderen Ende der Welt chatten.

Was haben wir denn bitte davon, dass ich mit jemandem chatten kann?! Überhaupt chatten, den Ausdruck finde ich zum Kotzen!

Dann nehmen Sie den medizinischen Fortschritt.

Ja, die Medizin wird immer besser und verlängert unser Leben, ohne ihm irgendeinen Sinn zu geben!

Sinn zu geben, wäre auch etwas viel von der Medizin verlangt.

Wir kriegen einen Haufen von Greisen, die immer doofer werden, von denen die Menschheit gar nichts hat, die nur die Renten- und die Krankenkassen belasten. Und was haben wir davon? Wir können bis ins Greisenalter chatten!

Manche Greise schreiben sogar noch Romane.

Ja, wenn sie das können ! Das konnten die meisten ja vorher schon nicht und wenn sie alt sind, können sie es erst recht nicht.

Also Medikamente nur für geistig potente Rentner.

Ja, warum denn überhaupt Medikamente ? Irgendwann muss man einfach mal einen Schlussstrich ziehen, ich habe jedenfalls nicht vor dahinzuvegetieren.

Und wie zieht man dann den Schlussstrich?

Ich würde in die Berge gehen, mich in den Schnee legen und irgendwann einschlafen.

Und vorher vielleicht noch eine Flasche Whiskey.

Weiß ich nicht, aber man sollte sich schon noch was gönnen. Das darf ich ja nicht, ich habe Diabetes und darf so vieles nicht essen und trinken. Aber das spielt ja dann keine Rolle mehr.

Momentan sind Sie aber noch ganz lebensfroh, oder?

Lebensfroh würde ich es nicht nennen.

Lebensmutig, lebenswillig, lebenskühn ...

Lassen Sie mich doch mal überlegen. Also momentan ist es ganz erträglich, ich habe zu tun und das, was ich tue, interessiert mich. Wenn irgendwann die große Langeweile kommt, dieser Normalzustand, über den andere glücklich sein mögen, weiß ich nicht, warum ich mich darüber freuen soll.

Die Frage ist, ob Sie diesen Zustand der Langweile überhaupt erkennen werden, das kann ja schleichend gehen.

Das weiß ich nicht, mit Alzheimer habe ich keine Erfahrung.

Es gibt ja auch die Langeweile ohne Krankheitswert.

Die kann ich mir vorstellen. Dass ich irgendwann keine Lust mehr habe, weil die Leser so doof sind und meine Bücher nicht mehr lesen und ich mich frage, wozu ich noch schreiben soll. Wozu dann noch der ganze Aufwand? Um noch ein Jahr ranzuhängen und noch eins? Dann kann ich auch Schluss machen und muss nicht jeden Morgen aus dem Bett unter die kalte Dusche, das hat sich dann erledigt.

Glauben Sie, danach kommt noch was, oder ist mit dem Tod alles vorbei?

Ganz sicher, da kommt nichts mehr. Ich habe mir auch schon einen Grabstein machen lassen, der sieht aus wie ein Kelch, aus dem die Spatzen dann trinken können, und auf der Vorderseite steht mein Wahlspruch, den Sie auch in jedem meiner Bücher finden: Nec spe, nec metu. Sind Sie Lateiner?

Ich versuche mich zu erinnern.

Das bedeutet: Weder Hoffnung, noch Furcht. Und auf der Rückseite steht etwas von Vergil, leicht umgewandelt: Omnia vincit amor. Alles besiegt die Liebe. Bei Vergil heißt es: Omnia vincit amor. Ich habe es umgedreht, so klingt es schöner, wenn Amor am Schluss steht, finde ich. Ich setze der Liebe wenigstens mit meinem Grabstein ein Denkmal.

Berling und Fassbinder

Foto: privat

Rainer Werner Fassbinder hat Ihnen Liebesunfähigkeit attestiert.

Das ist so eine Sache, die Liebe, die Fassbinder einforderte, war natürlich ziemlich umfassend und ziemlich täglich oder auch alltäglich. Ich habe in meinem ja Leben durchaus Liebe erfahren.

Sie waren auch mit Fassbinders Freundin im Bett, richtig?

Mit welcher?

Seiner Verlobten?

Was Fassbinder Verlobte nannte, das ist lächerlich, das hatte mit dem klassischen Begriff der Verlobten gar nichts zu tun. Ich war mit einem Haufen von Fassbinders Assistentinnen und Schauspielerinnen im Bett, das ergibt sich so während der Filmarbeit, vor allem, wenn man bei den Dreharbeiten isoliert ist, wenn sie zusammen in einem Hotel in der Wüste oder im Urwald hocken, ergibt sich so was einfach zwangsläufig. Verstehen Sie?

Sie waren ja auch mit Klaus Kinski im Urwald.

Im Urwald, aber nicht im Bett. Ich habe es in meiner Jugend versäumt, homosexuell zu werden, und das kann man später nicht mehr nachholen. Ich habe aber mein Leben lang mit Homosexuellen zu tun gehabt und konnte mit denen gut auskommen.

Dafür haben Sie mit Kinski immerhin Tennis gespielt.

Was heißt immerhin? Ich habe auch mit Mario Adorf ständig Tennis gespielt!

Berling und Adorf

Foto: privat

Nur hat Mario Adorf nie mit Klaus Kinski Tennis gespielt.

Nein, Kinski spielte miserabel, da spielte ja ich besser.

Rannte Kinski immer ganz nah ans Netz und war wütend, wenn er den Ball dann nicht erwischt hat?

Kinski hat nie begriffen, dass er schlecht Tennis spielt und war furchtbar rechthaberisch, also das konnte man vergessen. Tennis mit Kinski war mehr eine Lachnummer.

Das hätte man filmen sollen.

Hat aber keiner. Während Adorf da einen richtigen Ehrgeiz entwickelte und eine private Tennistrainerin engagierte, um sein Spiel zu verbessern und irgendwann auch viel besser spielte als ich und am Ende gar nicht mehr mit mir spielte, weil ich zu schlecht war. Ich brächte seinen Stil runter, hat er gesagt, und er hatte damit ja auch Recht. Man muss immer mit besseren Leuten spielen und nicht mit schlechteren.

Wer war als Mensch angenehmer, Klaus Kinski oder Werner Herzog.

Werner Herzog ist überhaupt kein angenehmer Mensch, das ist überhaupt kein Vergleich! Ich kann dazu eigentlich kaum was sagen, ich habe nie die menschliche Nähe von Werner Herzog gesucht oder empfunden, die gab es gar nicht. Kinski habe ich nur sporadisch getroffen, er lebte ein paar Monate hier in Rom. Zu Mario Adorf habe ich dagegen ein freundschaftliches Verhältnis, das seit 1958 bis heute andauert.

Das hätte man mit Kinski wohl kaum hinbekommen.

Jetzt sowieso nicht mehr, denn er ist seit 25 Jahren tot. Das wäre aber auch zu anstrengend gewesen, bei Kinski hantierte man immer mit einem Pulverfass.

War Fassbinder ein Revolutionär, ein Arschloch oder ein Genie?

Ein Revolutionär war er nicht, ein Arschloch konnte er sein, ein Genie zu sein, wird ihm von vielen zugestanden, zum Beispiel von Alexander Kluge.

Gesteht auch Peter Berling es ihm zu?

Ja, obgleich ich wenige seiner Filme zu 100 Prozent mochte, sein Gesamtwerk ist genial. Sein schönster Film ist Fontane Effi Briest.

Haben Sie mal gekokst?

Nein, nie! Ich kannte zwar die ganzen Dealer hier, und wenn ich im Restaurant saß, kamen die auf mich zu und sagten: Peter, willste was? Ich hätte keinen Pfennig zahlen müssen, aber es hat mich nie interessiert.

Wieso nicht?

Das kommt von meiner sehr kurzen Erfahrung mit gutem Hasch. Da hatte ich das Gefühl, plötzlich neben mir zu stehen und mich nicht im Griff zu haben, und diesen Zustand mochte ich gar nicht leiden, deswegen habe ich auch kein LSD und kein Heroin und das ganze andere Zeug probiert. Hunderte Kokslinien sind an mir vorübergezogen, aber ich hab sie leichten Herzens ignoriert.

Würden Sie mit Til Schweiger einen Film drehen?

Sehnsucht danach habe ich nicht. Ich dachte immer, er könnte ein deutscher Jean-Paul Belmondo werden, wurde er aber nicht. Seit er Regie führt, habe ich keinen seiner Filme gesehen, aber ich finde die Resonanz, die er bekommt, ganz beachtlich. Ich verachte ihn nicht, wie es viele tun, vor allem die Presse. Das hat er nicht verdient, er schlägt sich ja ganz ordentlich durch.

Verachten Sie überhaupt einen Schauspieler?

Ich verachte alle Schauspieler, die Mittelmaß sind. Unterhalb davon lasse ich sie laufen, aber richtiges Mittelmaß finde ich schon grauenhaft. Ich nehme mich selbst dabei gar nicht aus, wenn ich mich als Schauspieler sehen würde. Doch ich halte mich lediglich für einen brauchbaren Darsteller. Doch Sie wollen jetzt denunzierende Beispiele, ja?

Wenn Sie welche nennen möchten ...

Aber die sage ich Ihnen nicht.

Die Mittelmäßigen können ja auch nichts für ihre Mittelmäßigkeit.

Wie gesagt, ich verachte das Mittelmaß! Ich schätze aber Leute, die unter das Mittelmaß fallen, die gestürzt sind. Ich finde es ziemlich blöd, jemanden, der gestürzt ist, auch noch zu verachten. Auf Gefallenen trampelt man nicht herum.

Die Würde der Gestürzten.

Ja, manchmal haben sie Würde. Alkoholiker sind auch so ein Ding, so wie der in Wien ...

Oskar Werner?

Ne, der ist doch längst tot. Helmut Berger meine ich.

https://www.youtube.com/watch?v=FfFSMqU3EDM

Werden beim Film immer noch römische Orgien gefeiert?

Sie meinen, wie bei Gunter Sachs und Brigitte Bardot? Das war in den 60er Jahren, das waren doch ganz andere Zeiten, ja, da gab es Orgien reihum. Aber das ist doch alles vorbei!

Warum eigentlich?

Weil es vorbei ist! Kein „Dolce Vita“ kann sich auf Dauer halten, das sind Wellenbewegungen, wenn sie Glück haben, erwischen sie die Spitze einer solchen Welle und erleben sie voll mit. Die 50er Jahre in München waren toll, aber heute möchte ich auch für viel Geld nicht mehr in München leben!

Wieso nicht?

Na, weil die Stadt satt und langweilig ist.

Grundsatzfrage: Wollen nur die Unglücklichen erkannt werden?

Weiß ich nicht, weil ich nicht unglücklich bin, und ich bin auch nie unglücklich gewesen und hatte deswegen wohl auch nie ein Problem damit, nicht erkannt zu werden. Ich hatte ein tolles Leben, durfte an Orte, wo Normalos nie hingekommen wären, lernte Persönlichkeiten aus nächster Nähe kennen, von denen andere vielleicht nur träumen.

Sie waren nie unglücklich?

(Überlegt) Nö, ich habe Schläge einstecken müssen, aber unglücklich? Nein, da müsste ich ja an mir selbst verzweifeln.

Das tun doch viele Menschen.

Aber ich doch nicht!

Haben Sie schon Mal ein Tier getötet?

Ein Tier?

Ja.

Sie wollen etwas über mein Verhältnis zu Tieren wissen?

Indirekt vielleicht.

Fliegen, Ameisen, Wespen habe ich getötet! Während des Krieges im Keller habe ich auch Ratten mit dem Besen erschlagen, das würde ich heute nicht mehr tun. Heute finde ich Ratten sehr sympathisch, die sind so nett und so klug. Sie müssen die Ratte eben einzeln kennenlernen, sonst geht's nicht. Ratte als Masse ist natürlich nix. Aber in Venedig habe ich mal während der Hochwassersaison eine Ratte gehabt, die wartete jeden Abend auf einer trockenen Stufe eines Palazzos darauf, dass ich vom Restaurant zurückkomme und ihr was zum Essen mitbringe.

Ich habe auch immer ein gutes Verhältnis zu Schlangen gehabt. Beim Dreh mit Herzog im Amazonas gab es ein kleines Hotel am Fluss, das hatte im Foyer ein großes Terrarium mit einer Python und abends durfte die immer raus, schlängelte sich auf die Terrasse zu den Gästen, wand sich am Tischbein hoch, glitt den Gästen über die Knie und schaute jedem Gast in die Augen. Da musste man halt ganz ruhig bleiben, sonst beißen auch Pythons zu, die sind zwar nicht giftig, haben aber sehr scharfe Zähne. Eine Boa fasst sich toll an, wie ein Handtäschchen, nicht kalt, nicht warm, nicht glitschig, wie ein richtig schönes teures Täschchen, das einem durch die Hände gleitet.

Und Spatzen mögen Sie sicher auch.

Aber wie! Wenn ich ein Vogelnest auf meiner Terrasse entdecke, tue ich alles, damit es denen gut geht und werfe ihnen auch Krumen hin.

Was heißt Spatz auf Italienisch?

Passero! Fringuelli sind Finken, zu Ihrer Information.

Besitzen Sie eine Brotzeitdose?

Wofür denn?

Für die Brotzeit natürlich.

Das nimmt jemand mit, der auf Arbeit geht, acht Stunden außer Haus ist und dann eine Brotzeit zu sich nimmt, das ist doch nicht mein Leben, das war es nie! Ich war nie angestellt und musste nie irgendwo hingehen. Das letzte Mal, dass ich so ein Leben hatte, zwar nicht mit Brotzeitdose, sondern mit Henkelmann, das war, als ich eine Lehre als Maurer machte, von 1952 bis 1954. Da fuhr man morgens los und hatte natürlich seine warme Mahlzeit bei sich, aber mit dem Bestehen der Gesellenprüfung habe ich dieses Metier noch am selben Tag verlassen und mich nie wieder in irgendein Abhängigkeitsverhältnis begeben, wo ich Arbeitszeit gegen Geld liefern musste. Damit bin ich gut durchgekommen.

Sind Sie gerne Peter Berling?

Wissen Sie, es ist schwierig, man hat sich mit seiner Existenz ja arrangiert. Ich könnte mir auch andere Existenzen vorstellen. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal auf die Welt kommen und noch einmal das Leben führen will, das ich führte.

Ich habe das Beste aus meinem Leben gemacht. Meine Idealvorstellung ist es nicht. Wenn ich aber hinter die Fassaden anderer Menschen blicke, die ich im Laufe meines Lebens kennengelernt habe, dann sind da viele Brüche, Traurigkeiten und Verzweiflung, was ich wiederum auch nicht haben möchte. Ich habe mir mein Leben einfach gemacht. Leicht gemacht habe ich es mir nie, ich bin oft Risiken eingegangen und habe Blödsinn gemacht, was mir etliche Komplikationen eingebracht hat.

Mein Leben verläuft relativ schlicht, ich brauche nicht viel zum Leben. Ich kann auf dem Boden schlafen, in einer Hängematte, auf einer Parkbank, das habe ich durchprobiert in meinem Leben. Ich kann mich ganz karg ernähren, ich brauche keine Luxusrestaurants, auch wenn ich es genieße, wenn ich sie mir leisten kann oder ich eingeladen bin. Aber an sich reichen mir ein paar Früchte, ein bisschen Frischkäse, am liebsten Ziegenkäse, damit hat sich's, mehr braucht der Mensch wirklich nicht.

Wenn man dann gut und überall schlafen kann, hat man schon die Basisvoraussetzungen für ein glückliches Leben. Ich wäre gern ein mittelalterlicher Mönch gewesen, so einer der ersten Franziskaner, ohne das ganze Beiwerk fanatischen Glaubens. Ein mönchisches Leben kann ich mir ab einem gewissen Alter durchaus vorstellen.


Aufmacherfoto: Juliane Werner.