„Ich bin ein Alpha-Tier“

, etwa 39 Min. Lesedauer

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Gregor, was machst Du?

Gregor Gysi, Rechtsanwalt und Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag, wurde am 16. Januar 1948 in Berlin geboren. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Nach dem Abitur im Jahr 1966 war Gysi erst Facharbeiter für Rinderzucht. 1970 schloss er sein Studium als Diplom-Jurist ab, seit 1971 arbeitet er als Rechtsanwalt. Von Dezember 1989 bis Januar 1993 war er Vorsitzender der PDS. Mitglied des Bundestags war Gysi von 1990 bis 2002 und ist es wieder seit 2005.

Ach, vieles. Ich bin Politiker, das heißt, ich sitze im Bundestag, unserem Parlament, dann bin ich Rechtsanwalt, da vertrete ich Leute, so vor Gericht. Und dann hab ich noch Veranstaltungen, wo ich Leute vorstelle in einem Theater. Und ich schreibe gelegentlich auch Bücher.

Gibt es einen Hauptberuf?

Politiker.

Und Rechtsanwalt so nebenbei?

Ja, würde ich sagen, so 6 Prozent von 100 Prozent.

Das geht?

Das geht. Da muss man sich auf wenige Sachen versuchen zu konzentrieren, sonst schafft man das nicht. Aber die, die ich mache, die nehme ich dann auch sehr ernst.

Die lukrativen…

Nee, da geht’s mehr immer um die Sache. Zum Beispiel gab es einen richtigen Streit mit der Bundesregierung, den ich geführt habe für die elektronische Zigarette. Weißt du, was das ist?

E-Zigarette...

Richtig, also so eine E-Zigarette. Und die wollten, dass die nur an Apotheken verkauft werden darf. Was ich für völlig falsch hielt: Das soll ja eine Konkurrenz sein zur Tabakzigarette! Dann musst du die auch überall kaufen können! Letztlich habe ich den Prozess geführt bis zum Bundesverwaltungsgericht... und gewonnen.

Warum musste das bis da oben gehen?

Weil die Regierung immer verlor und immer wieder dagegen vorging, bis zum höchsten Gericht, und da haben sie auch verloren. Pech gehabt.

Warum bist du Anwalt geworden?

Mmmhh… weil mir das eigentlich Spaß macht, dass ich eine Frau oder einen Mann oder ein Kind vertrete. Man hat natürlich doofe Erlebnisse, da verliert man, dann ärgern sich die Leute, ich ärgere mich auch… Man hat schöne Erlebnisse, da gewinnt man.

Aber – der Nachteil ist, man kann nicht in Gesetze eingreifen... Das ist wieder das Schöne als Politiker, dass man da was Allgemeines macht. Dafür hat man wieder den Nachteil als Politiker, dass ich einem Tilo oder einem anderen nicht helfen kann. Und deshalb bin ich da immer zerrissen.

Wo hast du Jura studiert?

An der Humboldt-Universität.

Wann war das?

Das war von 1966 bis 1970. Ich war sehr schnell. Nach vier Jahren war ich fertig.

Wie alt warst du da? Nach vier Jahren hast du dein Staatsexamen gehabt?

Ich war 22, als ich das Staatsexamen gemacht habe.

Du warst mit 22 Rechtsanwalt?

Nee, da musste ich noch eine Ausbildung machen. Mit 23 wurde ich Rechtsanwalt - und zwar der jüngste in der DDR.

Hat dich da irgendeiner ernst genommen? Das ist doch so ein Respektsberuf...

Das ist so. Für manchen Beruf kann man auch zu jung sein, das habe ich auch festgestellt. Auf jeden Fall war eine Frau von über 50 bei mir, und die beklagte sich wegen der Ehe, dass die intimen Beziehungen nicht mehr klappten. Und ich dachte mit 23: Mit 30 ist eh Schluss! Ich habe mich aber belesen und festgestellt, dass sie Recht und ich Unrecht hatte... Man muss also ein paar Erfahrungen sammeln.

Aber meine Mandanten haben mich schon ernst genommen. Das hat sich auch entwickelt. Ich bin nun auch Schritt für Schritt älter geworden. Das bleibt dir auch nicht erspart, Tilo…

Du bist in der DDR großgeworden?

Ja, ich bin 1948 geboren. Dazu muss man wissen: Die DDR ist 1949 gegründet worden, also ein Jahr später. Ich habe natürlich null Erinnerungen daran! Und 1990 hörte sie auf, also habe ich bis dahin auch in der DDR gelebt, und seitdem lebe ich in der Bundesrepublik Deutschland.

Was haben deine Eltern gemacht?

Ganz verschieden. Meine Mutter war erst Verlegerin, also das ist eine Frau, die Bücher herausgibt, belletristische Bücher. Dann hat sie für kulturelle Beziehungen in dem Kulturministerium gearbeitet, also für internationale, so Austausch von Kultur mit Frankreich, mit der Sowjetunion, mit Großbritannien und so weiter…

Mein Vater, ooh, der hat viele verschiedene Sachen gemacht, unter anderem war er Kulturminister, das ist so einer, der sich mit Kultur beschäftigt hat, aber er war auch Staatssekretär für Kirchenfragen, obwohl er selbst gar nicht religiös war.

Warst du religiös?

Nein. Bin es auch nicht. Naja, das war erstens gar nicht so gegeben, aber zweitens waren meine Eltern nicht religiös, und dann haben sie mich natürlich auch nicht religiös erzogen. Ich habe mir versucht, die Welt anders zu erklären.

Wenn der Papa Minister war, dann war er in der Partei.

Ja.

Warst du auch in der Partei?

Ja.

Warum?

Na, ich bin ja immer noch in der Partei...

Ist das dieselbe Partie wie damals?

Nein, natürlich nicht. Aber dadurch, dass ich nicht ausgetreten bin, konnte ich die ganzen Veränderungen mit herbeiführen. Weißt du, als ich ein Kind war, das war ja kurz nach der Nazi-Diktatur, da stand die Frage, auf welcher Seite man steht, und ich war davon überzeugt, dass die DDR bestimmte Fragen gerechter beantwortet hat. Heute sehe ich das sehr viel kritischer. Und deshalb fand ich: Ich bin auf der richtigen Seite der Geschichte.

Allerdings muss ich sagen: Ich war dann Rechtsanwalt, habe Unrecht festgestellt, und das brachte mich auch in Widersprüche.

Hast du auch mal Unrecht angeklagt in der DDR?

Naja, soweit es ging, und soweit ich das durfte, ich wollte ja nun auch nicht selbst ins Gefängnis gehen...

Ach, das wär möglich gewesen als Anwalt?

Na klar, aber es war nicht so einfach, Anwälte einzusperren. Pfarrer einzusperren war auch nicht so einfach, da waren sie sehr vorsichtig, aber man musste trotzdem immer eine bestimmte Grenze wahren. Ich wollte auch nicht meine Zulassung verlieren. Aber ich hatte einen schönen Beruf. Ich durfte dem Gericht widersprechen, ich durfte dem Staatsanwalt widersprechen, ich durfte dem Bürgermeister widersprechen…

… der Partei auch?

Ja, natürlich, weil die steckte immer dahinter. Ich kann mich sogar an ein Verfahren erinnern, das hat mich am meisten erstaunt: Ich habe zwei Regisseure verteidigt, einer ist sehr berühmt. Ich darf das erzählen, es ist Frank Castorf, der jahrelang in der Volksbühne gewirkt hat. Die waren rausgeschmissen worden von dem Theater in der DDR. Da saß wirklich die Gewerkschaft, da saß die Partei, die saßen alle mit in dem Gerichtsverfahren und waren gegen ihn und meinten, der Rausschmiss sei zu Recht. Ich vertrat ihn und seinen Freund und sagte: Nee, der ist nicht zu Recht! Ich hab ihm gesagt: Wir haben natürlich keine Chance … und wir haben gewonnen! [lacht]

Da war ich selbst erstaunt. Dieser Arbeitsrichter hatte richtig Wumm. Der kam raus, verkündete sein Urteil, und wir haben alles gewonnen. Und dann haben die auch aufgegeben. Das fand ich ganz gut… also, man hatte auch mal solche Erlebnisse.

Hast du auch mal böse Buben vertreten?

Na, selbstverständlich. Wir waren doch bloß 600 Rechtsanwälte in der DDR, die gibt’s heute in einer Straße...

...sechs – hundert?

Sechshundert. Wir waren eine Rarität. Davon hat die Hälfte nicht mal Strafrecht gemacht…

Verarschst du mich jetzt? Sechshundert?

Nein, die stimmt, sechshundert, ja.

Es haben doch bestimmt 20 Millionen Menschen in der DDR gewohnt.

Nee, nicht ganz. 17 Millionen. Es gab nur 600 Rechtsanwälte. Deshalb sage ich doch: ein Nischenberuf. Und davon hat die Hälfte gar kein Strafrecht gemacht. Deshalb musste die andere Hälfte, die eben auch verteidigte, dann auch letztlich jeden verteidigen, sonst hätte man gesagt: Es gibt Menschen, die haben ein Recht auf Verteidigung, und es gibt andere, die haben kein Recht auf Verteidigung. Das ging nicht. Heute würde ich bestimmte Leute gar nicht mehr vertreten, weil es Rechtsanwälte wie Sand am Meer gibt. Dann sollen das andere machen, aber damals ging das nicht.

Hast du auch mit Republikflüchtlingen und Dissidenten was gemacht?

Jaaa. Wobei es so war: Die, die gerne in den Westen wollten, haben meistens den Rechtsanwalt Vogel beauftragt. Dann kamen die in den Knast und wurden nach einer bestimmten Zeit in den Westen entlassen. Manchmal habe ich die auch vertreten, aber nicht so häufig. Ich bekam immer die, die bleiben wollten. Das war auch viel anstrengender. Das waren diejenigen, die die DDR kritisierten, aber eben bleiben wollten. Aber Grenzübertritt, na klar hatten wir alle diese Fälle.

Wolfgang Vogel war Rechtsanwalt in der DDR , Organisator des ersten Agentenaustausches im Kalten Krieg und Unterhändler der DDR beim sogenannten Häftlingsfreikauf. Eine Chronologie und Filme über Wolfgang Vogel findet ihr auf dieser MDR-Sonderseite. Vogel starb am 21. August 2008 in Schliersee.

Da gab's immer folgende Schwierigkeit, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen: Du wurdest nicht bestraft, wenn du bei einer versuchten Straftat, sprich wenn du damit begonnen hast, aber dann freiwillig, und endgültig zurückgetreten bist…
Mal angenommen, du fährst Richtung Westen um abzuhauen, an die Grenze, und dann sagst du: Ach nee, Scheiße, ich mach das doch nicht, und gehst wieder zurück. Dann musstest du freigesprochen werden. Dann kamst aber auch nicht in den Westen. Da hattest du Mandanten, die gesagt haben: Nee, sagen Sie das mal nicht! Ich möchte lieber so tun, als ob ich das weiterhin wollte, dann werde ich bestraft und dann komme ich in den Westen.

Bist du jemals im Westen gewesen oder erst 1990?

Nein, 1988. Bis dahin war ich genauso eingesperrt wie alle anderen, da hatte ich keine Chance. 1987 wurde beantragt, dass ich nach Paris fahre, um im Kulturzentrum der DDR in Paris einen Vortrag zu halten, wie die DDR Menschenrechte verwirklicht...

Menschenrechte in der DDR?

Natürlich gab es die. Die Frage war bloß, wie und ob sie verwirklicht wurden. Es gibt ja zwei, es gibt politische Rechte und soziale. Die sozialen wurden zum Teil besser durchgesetzt als in der Bundesrepublik. Aber bei den politischen sah es natürlich gänzlich anders aus.

Auf jeden Fall sollte ich darüber sprechen, ein schwieriger Vortrag, aber dann haben sie das abgelehnt, dass ich dahin fahren kann. Ein Jahr später haben sie es dann genehmigt. So fuhr ich mit vierzig Jahren, 1988, das erste Mal nach dem 31. August 1961 wieder in den Westen, und zwar gleich nach Paris. Ich war wie erschlagen.

Was war das Erste, was du dort gemacht hast?

Geguckt. So viele Autotypen. Ich kannte acht aus der DDR, das langte mir auch. Plötzlich waren das dreihundert. Ich wusste gleich: Lerne ich nie. Keine Chance.

Und dann hab ich mitgekriegt, dass ich alle Macken eines DDR-Bürgers hatte. Zum Beispiel hat mir jemand hundert Gulden geschenkt, holländisches Geld. Dann bin ich da zu einer Stelle gegangen, da saß ein Mann, der tauschte das Geld. Nun dachte ich, der bescheißt mich, ich weiß ja nicht wieviel Francs ich dafür kriege.

Ich habe mir gesagt: Ich habe ja keinen anderen Weg. Ich habe ihm die hundert Gulden gegeben, und ich glaube, er hat mich nicht beschissen, er hat mir das Geld richtig gegeben. Dann wollte ich einen Kaffee trinken, aber, können nur DDR-Bürger verstehen, Kaffee gab's ja auch in der DDR, wieso sollte ich jetzt Francs, nicht DDR-Mark, für einen Kaffee ausgeben? Aber am zweiten Tag habe ich begriffen: Entweder ich gebe Francs für einen Kaffee aus, oder kriege hier keinen Kaffee. Dann habe ich das auch gemacht … es war spannend.

Dann habe ich was festgestellt, was mich beeindruckt hat: Alles, was in der DDR billig war, war dort teuer. Wenn ich mit der U-Bahn zum Louvre fuhr und dort reinging, war ich mein ganzes Geld los. Die Fahrt kostete viel Geld, und der Eintritt in den Louvre war wahnsinnig teuer. Beides wäre in der DDR absolut billig gewesen. Fernsehgeräte waren in der DDR sehr teuer, die kosteten dort fast nichts. Es war alles umgekehrt organisiert. Autos waren viel billiger, in der DDR viel teurer. Wobei ich heute sage, dass der Eintritt ins Theater, in Konzerte, in die Oper, und auch eben in Museen so billig war, das macht Sinn, weil dann alle Zugang hatten. Das war mir dort gleich klar: Das wird höllisch teuer, wenn ich bloß ein Museum besuchen will.

Warum bist du nicht geblieben?

Das kam für mich aus drei Gründen nicht in Frage. Erstens war ich alleinerziehend, so hieß es damals. Heute würde man sagen, ich hatte das alleinige Sorgerecht für meinen Sohn. Ich lass doch nicht meinen Sohn alleine! Also fahr ich wieder zurück. Das war völlig selbstverständlich.

Zweitens dachte ich: Man schafft das noch, richtige Reformen durchzuführen, also so nach der Tschechoslowakei, wo das Dubcek versucht hatte. Es gab doch jetzt Dubcek! Als ich 1988 fuhr, dachte ich, es muss doch irgendwie klappen!

Alexander Dubcek war als Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunisten in den Jahren 1968 und 1969 der mächtigste Politiker seines Landes und wurde die Leitfigur des Prager Frühlings. Nach dessen Niederschlagung musste er die Politik verlassen. 1989 schloss er sich der antikommunistischen Opposition an und wurde eine der Hauptfiguren der sogenannten Samtenen Revolution.

Und das Dritte war... das klingt jetzt doof und ein bisschen angeberisch, wenn ich es sage... aber ich glaube, dass ich das DDR-Recht ziemlich perfekt beherrscht habe. Deshalb glaube ich auch, dass ich ein guter Anwalt war. Und ich wusste, das bundesdeutsche Recht, ich war schon 40, muss ich wieder neu studieren. Es gab berufliche, politische Gründe, aber vor allen Dingen private. Meine Schwester war ja schon im Westen...

Die ist geblieben?

Nee – die hat einen Antrag gestellt, und denn ist ihr das genehmigt worden, und dann ist sie rübergegangen in den Westen.

Nach der Wende?

Vor der Wende. Warte mal, wann war denn das? 1984, oder so … also das Jahr weiß ich jetzt nicht ganz genau. Ich müsste sie fragen…

Warum hast du sie nicht davon abgebracht?

Keine Chance. Die wollte nicht. Die wollte in den Westen. Und das muss ich aber meinem Vater lassen: Es gab natürlich Zoff zwischen den beiden, aber er hat sie letztlich unterstützt.

Und du?

Ich auch. Sie wurde aus der Partei ausgeschlossen. Da habe ich erst mal die Beschwerde dagegen geschrieben. Aber wir hatten keine Chance. Sie blieb ausgeschlossen. Das nahm so alles seine Entwicklung, sodass ich auch mitbekam, es ging gar nicht.

Das war zum Beispiel wieder ein Grund, dass sie mir 1987 nicht erlaubt haben, nach Paris zu fahren. Weil schon meine Schwester im Westen war. Und dann allerdings, als sie es mir erlaubt haben, haben sie nun wieder überhaupt nicht aufgepasst … Meine Schwester, das konnten sie ja nicht verhindern, die reiste natürlich nach Paris, weil ich dort war. Und meine Mutter organisierte sich auch eine Dienstreise, was mir gar nicht so recht war. Die war ja DDR-Bürgerin und kam auch nach Paris, und da waren wir zu dritt. Nur mein Sohn, der war natürlich noch in der DDR.

Familienzusammenführung.

Ja, kann man so sagen. Dann sind wir aber alle jeweils wieder zurück, meine Schwester in die Bundesrepublik, meine Mutter musste dann auch zurück, ich war dann noch einen Tag da, war ganz schön in Paris... Dann habe ich Tricks festgestellt, die ich alle noch nicht kannte. Es gab eine wunderbare Bar. Da wurde getanzt und zwar auch nicht sehr bekleidet, das war alles wunderbar. Ich dachte, der Eintritt wird sehr teuer, aber der Eintritt kostete fast nichts. Mensch denk ick, is ja jut! Ich bin mit Bekannten rein, dann sitz ich da und bestell mir ein Glas Orangensaft, wofür ich mein ganzes Vermögen für hätte ausgeben können! Drinnen nehmen die die hohen Preise, nicht beim Eintritt, schlau, schlau, schlau! Das musste ich alles erst lernen.

Gab es keine Strip-Clubs in der DDR?

Nein, naja, das war nicht so richtig ein Strip-Club, aber so was gab es komischerweise in dem schwer katholischen Polen schon zu Zeiten der Volksrepublik, aber nicht in der DDR. Ganz zum Schluss wurde das glaub ich etwas lockerer … ich hab es zumindest nie gesehen.

Du kamst zurück und ein Jahr später war gleich die Wende, oder?

Ja. Ich war dann bei der Bezirksleitung der SED und hab gesagt: Ihr könnt einer Bevölkerung nicht sagen, sie muss 60 Jahre alt werden, Frauen, oder 65 Jahre alt werden, Männer, bevor sie das erste Mal in ihrem Leben Paris sehen dürfen! Das geht einfach nicht. Man muss Paris gesehen haben. Sie guckten mich mit großen Augen an. Und ich konnte das sagen, weil ich zurückgekommen war. Wenn ich das vorher gesagt hätte, hätten die mich gar nicht fahren lassen. Aber nachdem ich wieder zurückgekommen war, konnte ich denen das sagen.

Warum haben die damals nicht auf die Demonstranten geschossen? Warum ist das unblutig geendet?

Es gibt natürlich viele Gründe. Ein Grund war, dass die Demonstrantinnen und Demonstranten in Leipzig und in Berlin und so weiter etwas zum Ausdruck brachten, was 90 Prozent der Bevölkerung wollten. Und dann kannst du nicht mehr schießen. Das ist der Unterschied zum Platz des Himmlischen Friedens in Peking: Die Studenten brachten ihre nachvollziehbaren Bedürfnisse zum Ausdruck, aber das waren nicht die Bedürfnisse von einer Milliarde Menschen, die auf dem Land lebten. Die hatten ganz andere. Das ist der erste, große Unterschied. Sie brachten allgemeine Bedürfnisse zum Ausdruck.

Zweitens, das DDR-Regime war völlig instabil. Abgesehen davon, dass sie sich nie erneuert hatten und die Wirtschaft nicht funktionierte, kam noch hinzu, dass Gorbatschow einen ganz anderen Weg ging. Die DDR ohne die Sowjetunion konnte gar nicht existieren. Und immer hat die DDR willfährig gemacht, was Moskau wollte. Außer als Gorbatschow kam, da leisten sie das erste Mal Widerstand, und das musste ihnen auf die Füße fallen.

Außerdem glaube ich, dass Egon Krenz auch einen Anteil daran hat. Der ist, zumindest habe ich das so gehört, zum Bundesinnenminister gegangen und hat gesagt: Selbst wenn Erich Honecker den Befehl gibt, es wird nicht geschossen! Er hat sich später erklärt und gesagt: Wenn 50.000 auf der Straße sind – ist das undenkbar, es kann einfach nicht passieren. Und ich glaube, daran liegt es. Als Hans Modrow Ministerpräsident wurde und ich Parteichef, war es so, dass wir in vielen Aktionen das verhindert haben. Insofern ist es fast ein Wunder: Es ist nicht ein Schuss gefallen. Man muss sagen, dass diejenigen, die ausgebildet waren an den Waffen und diese auch besaßen, und die eigentlich dafür da waren, die DDR zu verteidigen, dass von denen nicht einer davon keinen Gebrauch gemacht hat! Das muss man irgendwann mal auch ein bisschen würdigen, und gleichzeitig ist es aber auch ein bisschen ein Wunder.

Ich weiß noch, wie einer mich anrief, von der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit, und sagte: Hier stehen lauter Leute herum, die lass ich nicht rein, wir sind hier alle bewaffnet! Ich sagte: Erstens bin ich gar nicht mehr zuständig, als Parteivorsitzender, zuständig ist der Ministerpräsident! Aber wenn du mich schon anrufst, dann lass uns darüber reden. In einer Stunde habe ich ihm das alles ausgeredet, und dann sind sie rausgegangen, ohne Waffen.

Du hast gerade gesagt, das gehört gewürdigt. Verdienen die ein Bundesverdienstkreuz?

Nein, natürlich nicht. Darum geht es gar nicht, sondern dass man das mal sieht, dass ja Leute, die eng an die DDR gebunden waren, gehaltsmäßig, beruflich, politisch, von ihrer Entwicklung her, dass die trotzdem den Untergang gesehen haben und letztlich in keinem Falle in dieser Zeit Gewalt geleistet haben. Deshalb brauchst du kein Bundesverdienstkreuz, aber man muss einfach mal sagen, dass das gut war, dass sie's so gemacht haben.

War das eine Revolution?

Naja, in gewisser Hinsicht war es eine gravierende gesellschaftliche Veränderung. In der Ökonomie, in jeder Hinsicht. Aber ich weiß nicht, ob die Revolution im November 1989 stattgefunden hat. Da wurde zwar der Weg geöffnet, aber letztlich ist die gewaltige Veränderung dadurch zustande gekommen, dass wir der Bundesrepublik Deutschland beigetreten sind. Und das war nun nicht mehr durch Demonstranten, das geschah durch die Volkskammer. Aber mir ist das auch egal. Man kann das Revolution nennen, man kann das Wende nennen, ich bin nicht so einer, der um Begriffe streitet. Das ist mir, ehrlich gesagt, ein bisschen wurscht. Hauptsache, man weiß, was wirklich war.

Hast du in der Volkskammer für die Wiedervereinigung gestimmt?

Beitritt? Na, auf gar keinen Fall.

Warum?

Weil ich gesagt habe, wir brauchen eine Vereinigung und nicht einen Beitritt. Das war ja geregelt im Grundgesetz. Im Artikel 146 stand: Wenn es je zur deutschen Einheit kommt, muss eine Verfassung durch das ganze Volk angenommen werden und diese Verfassung löst das Grundgesetz ab. Und dann hat man einfach den Artikel geändert, und hat das bei der deutschen Einigung rausgestrichen und gesagt: irgendwann – das steht heute noch drin. Das kann in 50 Jahren der Fall sein. Das hat man einfach gestrichen in dem Artikel, und dann ist die DDR nur noch beigetreten. Zum Geltungsbereich der Bundesrepublik.

Ich will mal die zwei Nachteile erklären. Der eine Nachteil bestand darin: Du bist der arme Neffe und hast eine reiche Tante und ihr zieht zusammen. Da gibt's zwei Möglichkeiten. Ihr zieht gemeinsam in eine neue Wohnung. Da hast du auch nicht viel zu sagen, weil du ja arm bist, aber du kannst dich ein bisschen einmischen, was in der Wohnung wohin kommt, wie das Ganze organisiert wird.

Die Karten werden neu gemischt.

Ein bisschen. Wenn du aber einfach in die Wohnung deiner Tante ziehst, dann kriegst du nichts geändert! Weder die Art des Frühstücks noch des Abendbrots noch die Zimmeraufteilung, nichts. Du kriegst einfach dein Zimmer, und das war's.

Der zweite Nachteil: Die Bundesregierung war nicht bereit, sich die DDR anzuschauen. Dadurch, dass sie dazu nicht bereit war, hat sie nichts gesehen, was man für ganz Deutschland hätte übernehmen müssen. Wenn man das gemacht hätte, was sehr wichtig gewesen wäre. Wir hatten eine Berufsausbildung mit Abitur. Es gab gute Polikliniken...

Kindergärten...

…oder das flächendeckende Netz an Kindertagesstätten. Wenn man gesagt hätte, zehn Sachen suchen wir uns raus, das übernehmen wir für ganz Deutschland, der Rest muss abgeschafft werden. Dann hätte dies das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen erhöht, den Glauben an uns selbst, weil wir gesagt haben: Naja, wir haben zwar Mist gebaut, aber nicht nur Mist gebaut.

Und das Zweite wäre gewesen, dass die Leute im Westen eine Vereinigung erlebt hätten. Sie hätten gesagt: Weil der Osten hinzukommt, verbessert sich mein Leben in zehn Punkten. Dieses Erlebnis ist keinem im Westen gegönnt worden, und daran leidet die deutsche Einheit noch heute. Das ärgert mich. Das waren die Gründe, dass ich gesagt habe: Nee, so nicht. Und – daran bin ich natürlich gescheitert, und deshalb habe ich mit Nein gestimmt.

Allerdings habe ich auch gesagt: Ich stimme heute gegen den Einigungsvertrag, und weiß, dass ich der Erste bin, der ihn im Bundestag verteidigen wird. Und so war es auch. Weil sie sich dann nämlich nicht mehr danach gerichtet haben!

Du bist in der Partei geblieben, oder?

Jo.

Warum bist du nicht in die SPD gegangen? Du hättest doch eigentlich wissen müssen, dass nach der Wende die PDS beziehungsweise die Linke immer verdammt werden würden.

Einer, den ich sehr gut leiden kann, der hat mal ein Jahr danach zu mir gesagt: Du weißt, dass du dich nicht wie der Vorsitzende der Partei benimmst? Ich meinte: Wie kommst du denn darauf? Ich mache doch alles! Da sagte der: Du benimmst dich wie ihr Anwalt.
Und da ist ein bisschen was dran. Ich weiß noch, wie die Führung des Neuen Forums, das war ja so eine Bewegung, die am Schluss der DDR entstand, wie die zu mir kamen. Sie fragten mich, ob ich nicht zu ihnen kommen will, in die Führung und mitmachen will. Und da hab ich gesagt: Neee, ich weiß ja, wogegen ihr seid, aber ich weiß nicht, wofür ihr seid. Und da haben die gesagt: Naja, wenn du kommst, dann kannst du ja ein bisschen mitentscheiden, wofür wir sind. Ich meinte: Nein, ihr braucht mich nicht mehr. Ihr seid zugelassen, euch passiert nichts mehr. Das ist völlig klar. Ich glaube dem Verein, dem ich jetzt angehöre, seit 1967, dem geht’s jetzt gar nicht gut, jetzt muss ich mich mal um den Verein kümmern!

Insofern hatte der ein bisschen Recht: Ich hatte mich ein bisschen wie der Anwalt benommen. Als Anwalt kriegst du immer Leute, denen es gerade nicht gutgeht. Wenn die alle im Glanz leben, kommen die ja zu keinem Anwalt. Ich wollte ja auch nicht, dass der Verein so untergeht. Ich gehörte ihm ja selbst seit 1967 an...

Das war spannend damals. Ich bekam ganz viele Briefe. Mitglieder der Partei forderten, dass ich sie auflöse. Und ganz viele Briefe bekam ich, die forderten: Nicht auflösen, sondern reformieren und verändern! Ich habe denen, die immer „Auflösen!“ schrieben, gesagt: Du kannst doch einfach austreten. Das wollten die nicht. Auch interessant. Viele sind natürlich ausgetreten, aber einige nicht. Die wollten, dass das Ende der Partei über sie kommt. Also, wenn du auflöst, waren sie ja bis zum letzten Tag drin, und dann gab es sie nicht mehr. Auch interessant psychologisch wieder, was in den Köpfen sich abspielte. Jaaaa, eine spannende Zeit war das schon.

Warst du damals naiv?

Nein, nein. Naiv ist für mich nicht der richtige Ausdruck. Aber ich habe natürlich nicht geahnt, was auf mich zukommt. Das ist wahr. Wenn du das als naiv bezeichnest, war ich auch naiv. Wenn ich gewusst hätte, was alles auf mich zukommt, hätte ich es auch nicht gemacht. Das ist aber ganz gut, dass man das nie so genau weiß, sonst traut man sich ja nie, eine Lebensentscheidung zu treffen.

Hast du dich mal politisch geirrt? Hast du mal Überzeugungen gehabt, die du heute nicht mehr hast?

Na, sicher. Als Jugendlicher... ach da kann ich mich gar nicht mehr an alle meine Irrtümer – so viel Zeit haben wir gar nicht – erinnern! Zum Beispiel dachte ich, ich stehe auf der richtigen Seite der Geschichte, und muss aber heute sagen, der Staatsozialismus, so wie er war, ist zu Recht gescheitert... Das war der erste Irrtum. Allerdings, als Dubcek einen demokratischen Sozialismus in der Tschechoslowakei versuchte, gefiel mir das schon. Aber der ist von der Sowjetunion militärisch kaputt gemacht worden. Dann gab es wiederum in Chile, in Lateinamerika, auch den Versuch eines demokratischen Sozialismus, unter Allende, das haben die Amerikaner und das eigene Militär kaputt gemacht. Zwei Versuche sind – leider – kaputt gemacht worden. Das darf man beiden Seiten übel nehmen.

Hast du damals in den Neunzigern, oder in den letzten zehn, fünfzehn Jahren Überzeugungen gehabt, die du heute nicht mehr hast?

Das kann schon sein, aber das vergesse ich doch auch! Man hat eine Überzeugung, man ist überzeugt, dass sie richtig ist, und wenn du eine andere hast, hast du vergessen, dass du mal eine andere hattest.

Du willst das jetzt nicht zugeben!

Doch, doch, das gebe ich auch zu. Aber was ich vor allen Dingen erlebe, ist ein Erkenntniszugewinn. Das ist wirklich so. Zum Beispiel dachte ich immer: Die Losung gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist wichtig. Aber inzwischen habe ich erkannt: Es geht auch um gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Wobei die sogenannte Frauenarbeit immer grottenschlecht bezahlt wird. Obwohl sie sehr schwer ist. Aber da brauchte ich eine Weile, bis ich das erkannt habe.

Du bist erst zum Feministen geworden.

Ja. Die taz hat mich mal gefragt, ob Männer Feministen sein können. Da hab ich geantwortet: In aller Regel nicht, ich kenne nur eine einzige Ausnahme, nämlich mich selbst. Aber meine Art von Humor haben nicht alle Leserinnen und Leser verstanden. Da gab's dann auch böse Briefe. Das meinte ich natürlich ironisch. Ich weiß schon, dass ich ein Alpha-Tier bin...

Trotzdem, es gibt so Dinge, über die ich mich aufrege. Dazu gehört auch die schlechte Bezahlung von Frauen, was übrigens Folgen hat. Die Erzieherinnen in den Kindertagestätten werden schlecht bezahlt. Eine Folge besteht darin, dass Männer dort nicht hingehen. Das hat wieder zur Folge, dass Kinder einseitig betreut werden, es wäre viel günstiger, die Hälfte wären Frauen, die Hälfte wären Männer. Und das hat wieder für die Entwicklung der Kinder Folgen. Außerdem nehmen wir das nicht ernst genug – zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr lernt man so viel wie nie wieder, und das ist auch nicht so leicht, wie sich das manche vorstellen. Ich verstehe nicht, warum die weniger verdienen als Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer.

Den Streik finde ich gerade gut, weil es da nicht einfach um eine Lohnerhöhung geht, sondern um eine andere Einordnung. Dass jetzt – seit Jahren sprechen wir davon – Verdi sagt: Neee, wir wollen, dass die Erzieherinnen und Erzieher völlig anders eingeordnet werden. Das sind Bildungseinrichtungen – da haben sie Recht, das müssen wir auch wirklich erreichen. Gleiches gilt bei der Pflege. Das sind alles Erkenntniszugewinne. Wobei, ich werde Ihnen mal eine Geschichte erzählen, aus der DDR…

Du kannst mich duzen…

Ja, ich weiß, ich duze dich auch schon. Fast immer. Aber wenn ich aus der DDR erzähle, dann muss ich dich siezen…

Es gab Putzfrauen in der DDR, für öffentliche Gebäude. Die wurden grottenschlecht bezahlt und gingen irgendwann in Rente. Es gab keine neuen, weil die jungen Frauen sagten: Ihr hab doch 'n Knall, für so eine Scheißarbeit und dann auch noch schlecht bezahlt! Nun verkamen die öffentlichen Gebäude. Daraufhin entschied man sich, den volkseigenen Betrieb (VEB) „Putzteufel“ zu gründen und Folgendes zu machen: Die bekamen Westgeld und konnten die ganze Technik in Westberlin einkaufen, was sehr selten war, damit sie wirklich top ausgerüstet waren. Sie zahlten denen ein anständiges Gehalt, also für DDR-Verhältnisse damals, zwischen 1.200 und 1.300 Mark. Klingt heute lächerlich, aber das war damals ein ganz gutes Einkommen. Und weißt du was das Ergebnis war? Ich habe dort nie wieder eine Frau gesehen. Nur die Kerle.

Ah.

Nur die Kerle, durch die Flure mit den Geräten! Die einzige Frau, dies dort gab, war die Sekretärin, die verdiente auch schlecht.

Da habe ich begriffen, wie wir Männer funktionieren. Da wir immer sagen: Das Gehalt entscheidet über den Wert der Arbeit, und damit auch über unseren eigenen Wert – gehen wir da erst hin, wenn das auch anständig bezahlt wird. Ist schon witzig. Da habe ich das schon so ein bisschen begriffen. Wenn wir nämlich die sogenannten Frauenberufe – Krankenschwester, Pflegerin, Erzieherin und so weiter – anständig endlich bezahlen, gehen auch Männer hin, und dann können wir das Ganze gleichberechtigter zwischen Frauen und Männern organisieren.

Du hast gerade „Alpha-Tier“ gesagt, ist das sowas wie ein Platzhirsch?

Alpha-Tier ist so einer, der immer irgendwie vorne steht. Das haben kurze Leute schon deshalb an sich, weil sie sonst nichts sehen! Du gehst immer in die erste Reihe, um was sehen zu können. Wenn du lang bist, kannst du auch von hinten gucken. Und irgendwann wird das zu einer Eigenschaft.

Hm.

Dann kommt man in die erste Reihe der Politik, was seine Vor- und seine Nachteile hat. Der Vorteil besteht darin: Du kannst deine Eitelkeit befriedigen, der Vorteil besteht darin, dass ich vielleicht noch eine Karte oder einen Platz kriege, wenn du keine Karte und keinen Platz mehr kriegst. Der Vorteil besteht darin, dass ich mehr Einfluss habe auf den Zeitgeist, und das ist wichtig, weil ich im Fernsehen wirke und so weiter. Das ist ganz gut… das alles ist der Vorteil.

Der Nachteil ist: Du stehst unter ständiger öffentlicher Kontrolle. Du vernachlässigst alle Freundschaften, du vernachlässigst deine Angehörigen, weil man sich zu wichtig nimmt. Und das muss man auch erst lernen, damit umzugehen.

Hast du noch ein Privatleben?

Ja, ich hab ein Privatleben, aber eben eingeschränkt. Und ich glaube, dass ich es in mancher Zeit zu sehr eingeschränkt habe.

Geht's dem Sohn gut?

Meinem Sohn geht es selbstverständlich gut, aber vielleicht ginge es ihm besser, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte.

Hast du noch mehr Kinder bekommen?

Na klar, ich hab eine Tochter, die ist gerade 19 geworden. Die ist topfit auf ihre Art. Die ist gerade in London, um ihr Englisch zu verstärken. Davor hat sie Französisch gelernt. Das bewundere ich. Die ist im Unterschied zu mir fremdsprachenbegabt: Sie spricht Deutsch, logischerweise, Französisch und auch ganz gut Englisch. Und das ist für ihr weiteres Leben ganz wichtig.

Englisch ist nicht so gut bei dir?

Neee. Französisch schon gar nicht.

Gregor, es gibt eine linke Mehrheit im Bundestag, aber wir haben eine konservative Regierung.

Ja.

Warum ist das so?

Hach, das ist gar nicht so einfach zu erklären, weil die SPD natürlich Zeit braucht, um überhaupt mit uns zusammenzugehen, und wir ja auch Zeit brauchen, um mit ihr zusammenzugehen.

Es war 2013, als wir die letzte Wahl hatten, noch zu früh. 2017 weiß ich noch nicht. Es gibt immer drei Voraussetzungen. Die erste ist: Es muss zahlenmäßig gehen, also es brauchen dann SPD, Grüne und wir eine Mehrheit im Bundestag, sonst können wir's nicht machen. Wie gegenwärtig. Müssten wir also wieder haben. Ist noch nicht sicher

Zweitens, es müsste inhaltlich gehen. Dazu müsste man in Gesprächen das Ganze vorbereiten, um zu sehen, wo sind die Kompromisse möglich...

Wo hapert's denn gerade inhaltlich?

Ach, in vielen Bereichen. Außenpolitik ist schwierig, wir wollen eben das Verbot von Waffenexporten. Das wird sehr schwierig bei der SPD. Aber ich sage auch, unsere Steuervorstellungen, unsere Vorstellungen gegen die prekäre Beschäftigung, also Leiharbeit, Niedriglohnsektor, das wird alles schwierig. Aber man müsste über alles reden.

Und drittens ist, dass es eine Stimmung in der Bevölkerung geben muss nach einem politischen Wechsel. Wenn es die nicht gibt, kommt der auch nicht.

Du meinst à la „Wir wollen Merkel weghaben!“ - so eine Stimmung?

So ungefähr. Die müssen einfach wirklich die Schnauze voll haben und sagen: Neee, also so nicht! Jetzt muss es eine neue Regierung geben! Es muss mit den Banken anders werden, es muss ganz anders werden…

Ich kenne so eine Stimmung. Die hatten wir nach dem Bankenskandal in Berlin. Da gab es wirklich mal so eine Stimmung in der Bevölkerung. Die sagten einfach: Neee, Schluss, aus, wir wollen jetzt was anderes. Da sind wir auch vorübergehend in die Landesregierung in Berlin gekommen. Und das gibt es bisher auf Bundesebene noch nicht. Aber – wir beide können nicht einschätzen, wie das 2017 aussieht, das kann sich noch ändern.

Jetzt haben wir gerade einen Geheimdienstskandal. Ich habe gelesen „Gabriel spielt mit der Koalition“ und so. Es könnte ja sein, dass es einen Koalitionsbruch gibt. Dann könnte Gabriel sich von euch zum Kanzler wählen lassen.

Ja, dann würde es wahrscheinlich Neuwahlen geben, aber das ist auch egal… Ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Dazu fehlt dem Gabriel der Mumm.

Was muss eigentlich passieren, damit deine Linke mal mit der CDU koaliert?

Es müsste eine erstzunehmende große faschistische Gefahr geben, die wir nur verhindern könnten, wenn wir mit der CDU koalieren. Dann würden wir das machen.

Echt?

Ja. Aber sonst, glaube ich nicht. Ist doch auch richtig: Die vertreten andere Interessen als wir. Ich bin dafür, dass wir Volksentschiede einführen, aber ich bin auch für die Parlamentsdemokratie, für beides. Das muss man einfach begreifen: Es gibt unterschiedliche Interessen in der Gesellschaft, die auch unterschiedlich vertreten werden. Und die Interessen, die wir vertreten, sind andere als die Interessen, die die Union vertritt. Ich will gar keinen Bundestag ohne die Union. Der Anteil könnte deutlich kleiner sein, das ist wahr… aber nicht ohne! Weil ich ja nicht die Interessen vertrete.

Zwischen uns ist der Abstand groß. Aber wenn es eine solche Gefahr gäbe, dann würde ich sagen: Ist alles egal. Wir verhindern Faschismus. Punkt.

Gibt es Menschen, von denen du nicht gewählt werden willst?

Weiß ich nicht... Vielleicht gibt es die, aber das würd ich gar nicht benennen, ich nehme jede Stimme. Ich kann doch nicht die Motive der Leute erforschen. Ich mache eine bestimmte Politik und selbst wenn er sich in meiner Person irrt: Auf jeden Fall kriegt man die Stimmen und nimmt sie mit. Das find ich auch in Ordnung. Das ist nun mal bei Wahlen so. Wenn ich auf die Straße gehe und sage: Von Ihnen will ich nicht gewählt werden, von Ihnen auch nicht, aber du darfst mich wählen… das wäre anmaßend.

Wir haben einen Bundespräsidenten, der ist Ossi. Die Kanzlerin ist ein Ossi. Jetzt ist der Oppositionsführer auch noch ein Ossi. Warum sind die Ossis an der Macht?

Na, was dachtest du denn, was hier passiert? Meinst du wirklich, einen Wessi lassen wir Oppositionsführer sein?

Du hast doch gerade gesagt: Der Osten ist beigetreten, der Westen hat übernommen. Warum haben die Ossis die Macht übernommen?

Strukturell liegt auch die Macht logischerweise im Westen. Und nicht im Osten.

Aber das kann ich dir erklären. Das hängt damit zusammen, dass es immer ein paar besondere Personen gibt, wenn es einen Umbruch gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Nazi-Diktatur, nehmen wir mal die alte Bundesrepublik Deutschland. Da gab es Leute wie Konrad Adenauer, wie Ludwig Erhard, wie Willy Brandt, wie Herbert Wehner, wie Franz-Josef Strauß. Das waren, egal jetzt, wo sie politisch stehen, besondere Typen. Die haben wir so heute nicht mehr. Und insofern wird das Bild durchschnittlicher. Das ist immer so im Laufe der Zeit.

Und wiederum hatten wir im Osten einen Umbruch. Und da kamen eben auch ein paar besondere Typen hervor und die werden plötzlich in solche Ämter gewählt. Es spielen natürlich auch Zufälle eine Rolle. Deshalb hat mich das auch gar nicht gewundert, dass nun Gauck Bundespräsident ist, Merkel Kanzlerin, und ich Oppositionsführer. Es sind tatsächlich drei aus der DDR. Aber das nehmen die anderen noch nicht ernst. Es gibt zum Beispiel am Bundesverfassungsgericht noch keinen Richter aus dem Osten...

Das ist keine Verschwörung, die einfach nur beweisen soll, dass die Ossis es nicht besser können...?

Nein. Dadurch, dass wir eine andere Zeit hatten, sind andere Personen in die Politik gespült worden, die wiederum ein anderes Bild hergeben. Und zum Beispiel gab es diesen Spendenskandal in der CDU. Die Einzige, die damit nichts zu tun haben konnte, war Angela Merkel, weil sie aus dem Osten kam. Manchmal sind es auch Zufälle, die dann dazu führen. Nun ist sie ja erstaunlicherweise ziemlich beliebt in der Bevölkerung. Das hat dazu geführt, dass sie schon so lange Kanzlerin ist.

Du hast in zwei Staaten gelebt, wo Überwachung ein großes Thema ist. Ist die heutige Überwachung besser als früher?

Naja, sie ist in einem Punkt besser: Dass es überhaupt eine Chance gibt, dass es herauskommt. Es war nie ein Thema in der DDR.

Aber ihr habt's gewusst…

Ja. Aber es gab doch keine Debatten über sowas, weder im Fernsehen, im Rundfunk noch in Zeitungen, noch in der Volkskammer.

Der Vorteil heute besteht darin, dass man darüber diskutieren kann. Auf der anderen Seite wird in einem Umfang abgehört, wie's die Staatssicherheit gar nicht konnte. Weil die technischen Möglichkeiten schon gar nicht vorlagen, die heute vorliegen. Und was mich stört ist, dass die USA uns so behandeln. Einerseits führen sie, wenn auch gegen meinen Willen, mit Deutschland Krieg in Jugoslawien und in Afghanistan, und auf der anderen Seite hören sie hier alles ab, was nicht niet-und nagelfest ist und behandeln uns immer noch wie so eine Art besetztes ehemaliges Feindesland. Das geht gar nicht.

Sind wir denn immer noch besetzt?

Nein. Und der BND hilft ihnen auch noch bei der Wirtschaftsspionage, bei der Spionage gegen die Europäische Kommission und gegen die Regierungen unserer Nachbarländer – ich meine, wo soll denn das alles hinführen?

Die haben vielleicht gute Gründe, vielleicht sitzen da irgendwo Terroristen…

Ja, ganz bestimmt. Der französische Präsident und so. Das ist doch alles Blödsinn. Gerade dadurch haben sie das widerlegt. Wenn es wirklich um die Terrorismusbekämpfung ginge, wäre das ein kleiner Ausschnitt. Den mag es auch geben, aber der ganze Rest ist politische und Wirtschaftsspionage. Es ist ein Skandal, dass der BND dabei mitmacht.

Und das geht natürlich wiederum über die DDR weit hinaus. Ich differenziere: Auf der einen Seite war eine Aussprache unmöglich. Aber niemals hätten die die Nachbarländer in dem Sinne so überwachen können. Das muss man einfach sehen.

Ist Überwachung gesellschaftlich alternativlos?

Ja, darüber müssten wir länger nachdenken. Beide. Brauchen wir wirklich Geheimdienste? Und wenn ja, in welchem Umfang? Kann das nicht die Polizei machen? In einem ganz begrenzten Umfang wirklich gegen Terroristen und so weiter, dass man da bestimmte Dinge ermittelt... Die Geheimdienste sind doch völlig selbständig. Und dann noch Wirtschaftsspionage! Wir helfen den USA, gegen uns Wirtschaftsspionage zu betreiben! Also wirklich...

Ich bin so entsetzt über die Nazi-Verbrechen, die wir hatten. Die zehn Morde und was der Verfassungsschutz alles gewusst hat. Dass wir die Neo-Nazis auch noch mit bezahlt haben, hat mich so angekotzt, wirklich wahr.

Ich bin da beim Nachdenken. Es gibt auch Streit. Viele bei uns sagen: Eigentlich braucht man gar keine Geheimdienste. Manche sagen: Naja, aber für so ganz besondere Sachen braucht man's vielleicht doch. Man müsste sehen, wie man das vielleicht über die Polizei oder anders organisiert bekommt. Aber so wie jetzt darf es nicht laufen.

Sind Geheimdienste mit einer Demokratie vereinbar?

Sehr schwer, wie sich zeigt. Deshalb gibt’s immer die parlamentarische Kontrolle, die dann nicht funktioniert. Es gibt die Regierungskontrolle, die auch nur sehr begrenzt funktioniert…

Bei der Bundesregierung ist es ganz einfach: Entweder sie haben das gewusst - dann haben sie sich möglicherweise wirklich an Straftaten beteiligt. Oder sie haben nichts gewusst, dann sind sie grottenschlechte Kontrolleure. In beiden Fällen kommen sie ohne Schaden aus der Sache nicht raus.

Es ist immer so: Es wird jetzt viel darüber diskutiert und nachher passiert fast nichts. Aber dieser Skandal hat ein anderes Ausmaß.

Hoffst du?

Neee, das weiß ich. Er hat ein anderes Ausmaß. Diesmal schafft es die Merkel auch nicht, indem sie einfach schweigt, die Sache zu überstehen. Dazu sind die Dinge zu nah an ihr dran. Es gibt einen Briefwechsel zwischen ihrem Chefberater für Außenpolitik und der Chefberaterin für Europapolitik bei Obama. Mein Gott! So was Untertäniges! Schon vom Tonfall her! Das geht mir so auf die Nerven.

So wie mit der DDR und Moskau?

Ja, so. Vor Gorbatschow. Ab Gorbatschow bekamen sie dann komischerweise Mut, aber an völlig falschen Stellen. Aber vorher war es auch so, ja.

Das geht so nicht. Wir sind inzwischen ein souveränes Land, wir haben nicht mehr das Jahr 1949, und wir müssen auch sagen, wo die Grenzen liegen, und übrigens müssen wir entscheiden, welche Art von Zusammenarbeit wir betreiben und welche nicht. Und nicht, dass die Amis das alles alleine bestimmen.

Aber ich bin nicht anti-amerikanisch. Im Gegenteil, ich reise da gerne hin, ich streite gerne mit denen, ich diskutiere gerne mit denen. Aber so geht es nicht! Und wenn ich eine Freundschaft will, muss ich mir als erstes Respekt erarbeiten. Wenn ich so untertänig, so willfährig, so hasenfüßig bin, dann kriege ich keine Freundschaft, sondern letztlich nur Verachtung.


Im Bonusteil der Folge (im Video ab 46:22 min) beantwortet Gregor Gysi noch etliche naive Fragen der Community, unter anderen zum bedingungslosen Grundeinkommen, Drogen und Wahlpflicht.

Gespräch: Tilo Jung; Produktion: Alex Theiler; Transkript: Elka Sloan