Anfang Januar feierte das Thema Schulpflicht in Sachsen-Anhalt sein Comeback auf der öffentlichen Bühne. Aber nicht aus einer bildungspolitischen Debatte heraus, sondern aus dem Wahlkampf. Denn: Dieses Jahr wird in Sachsen-Anhalt gewählt.
Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2026, hat bereits weitreichende Umbaupläne für den Staat angekündigt (er wolle Ministerien und Behörden „verschlanken“), wenn sein als gesichert rechtsextrem eingestufter Landesverband die Wahl gewinnt. In diesem Paket tauchte auch die Aussage auf, die allgemeine Schulpflicht in ihrer bisherigen Form infrage zu stellen.
Moment. Gesichert rechtsextrem? Warum sollte man sich überhaupt mit den Forderungen von Nazis auseinandersetzen? Nun: Bei der letzten Sonntagsfrage (im September 2025) kam die AfD in Sachsen-Anhalt auf 39 Prozent. Und die Forderung, die Schulpflicht abzuschaffen, kommt längst nicht nur von der AfD.
Nachdem Medien nachhakten, veröffentlichte Siegmund ein Video auf X, in dem er klar machte: Kinder sollen „individuell die Möglichkeit“ bekommen, in kleinen Verbänden oder im Homeschooling unterrichtet zu werden; als Kontrollmechanismus skizziert er Prüfungen „zum Beispiel alle halbe Jahr im Ministerium“. Wenn das Modell scheitert, sei die Schulbank wieder zu drücken. Vor ein paar Tagen zog der Landesverband in Brandenburg (ebenfalls gesichert rechtsextrem) nach und schrieb die Forderung in ein neues Positionspapier zur Bildungspolitik.
Die AfD trifft Menschen, deren Wunsch von anderen Parteien ungehört bleibt⬆ nach oben
Interessant daran ist, dass die AfD als einzige Partei diese Änderung fordert. Sie fängt damit allerdings Menschen ein, die die Abschaffung der Schulpflicht seit Jahren begrüßen – wenn auch aus ganz anderen Gründen. Auch hier in der Krautreporter-Bildungscommunity war das schon mehrfach Thema.
Vor ziemlich genau vier Jahren habe ich mich im Rahmen der Pandemie mit der Frage beschäftigt, warum es keine Onlineschulen gibt, in denen nicht nur notfalls online unterrichtet wird, sondern immer. KR-Mitglied Heiko kommentierte: „Nun greift seit kurzer Zeit wieder die Schulpflicht und unser entspanntes Kind wandelt sich in ein super „ich will da nicht hin“-Kind.“ Und weiter: „Die so oft gepriesene Sozialkompetenz, welche man nur erwerben kann, wenn man Präsenzunterricht hat, ist lächerlich. Sind denn wirklich alle Kinder auf der Welt, welche nicht in Präsenz unterrichtet werden, sozial auffällig?“
Und Martina schrieb: „Unser Sohn, inzwischen 27, hat ADHS und ist hochbegabt. Es war eine Quälerei, ihn durch die Schule zu bringen, für uns und für ihn. Ich hab mich damals oft gefragt, warum es in Deutschland nicht erlaubt ist, sein Kind daheim zu beschulen.“
Es gibt also Gründe, warum Menschen in Deutschland gegen die Schulpflicht sind, die man mit ein bisschen Mitgefühl auch durchaus versteht. Sie haben aber nichts mit dem Antrieb der AfD zu tun.
Warum fordert die AfD das überhaupt?⬆ nach oben
Hausunterricht ist in Deutschland verboten und wird nur in Ausnahmefällen genehmigt. Während für Kinder in einigen anderen europäischen Ländern nur eine Bildungspflicht gilt, gibt es in Deutschland seit über 300 Jahren die Schulpflicht. Damit ist nicht nur eine Pflicht zum Lernen an sich gemeint, sondern auch die Pflicht, dafür ein Schulgebäude aufzusuchen. Bildungsanwältin Sibylle Schwarz hat mir das am Telefon mal so zusammengefasst: „Die verfassungsrechtliche Idee ist: Wir latschen da morgens um acht Uhr hin.“
Und: „Die Schulen haben in Deutschland nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen Erziehungsauftrag. Und der ist, so versteht es das Bundesverfassungsgericht, an eine Klassengemeinschaft, Dialog, Auseinandersetzung mit Andersgläubigen und Andersdenkenden geknüpft. Und den gibt es nur, wenn die Schüler sich in Präsenz treffen.“
In den USA sieht das anders aus. Da ist Homeschooling schon lange Kulturkampf-Thema. Schon 2001 klärte ein Artikel von The Atlantic darüber auf, warum konservativ-christliche Milieus Homeschooling so stark vorantreiben: Sie wollen Kontrolle, ihre Kinder sollen nicht dem Staat ausgeliefert sein, sie wollen sie fernhalten von nicht-christlichen Ansichten.
Ungefähr genauso schätzen Expert:innen die Beweggründe der AfD ein; zwar unchristlicher, aber dafür rechter. Willkommen im Jahr 2001, Deutschland.
Eines der größten Probleme am Heimunterricht habe ich letzten Sommer bereits beschrieben: Eltern geben nicht nur Meinungen weiter, sie vererben Denkstile. Studien zeigen, dass politische Einstellungen in Familien oft über Generationen weitergegeben werden. Kinder in extremistischen Familien werden oft systematisch indoktriniert: Sie geben ihr Weltbild im Alltag weiter, schotten strikt von andersdenkenden Einflüssen ab und disziplinieren auch teilweise rigide.
Ist die AfD-Forderung denn überhaupt realistisch? Eigentlich nicht.⬆ nach oben
Formell liegt die Bildungshoheit bei den Ländern. Die Schulpflicht ist in den Schulgesetzen der Länder geregelt und lehnt sich an den staatlichen Bildungsauftrag aus Art. 7 im Grundgesetz an. Rein technisch könnte ein Land aber sein Schulgesetz ändern und die Schulbesuchspflicht aufweichen.
Aber: verfassungsrechtlich ist das extrem riskant. Deutschland hat eine besonders strikte Schulbesuchspflicht. Das Bundesverfassungsgericht hat sie in ihren Urteilen ausdrücklich mit der Integrationsfunktion der Schule und dem durchaus legitimen Interesse begründet, Parallelgesellschaften vorzubeugen.
Heißt: Wenn ein Bundesland Heimunterricht ermöglichen will, ist die Chance groß, dass es spätestens vor Gerichten scheitert (oder wieder eingefangen werden muss), weil Unterricht zuhause genau diese Schutz- und Integrationsfunktion unterläuft.
In Sachsen-Anhalt kommt eine zusätzliche Hürde dazu: Dort steht die Schulpflicht sogar in der Landesverfassung. Eine Abschaffung würde deshalb nicht nur eine Gesetzesänderung, sondern eine Verfassungsänderung erfordern – mit Zweidrittelmehrheit. Und die hat die AfD bei diesem Thema bei Weitem nicht.
Vielleicht kennst du diesen Satz: „Ich habe so viel in der Schule gelernt, was ich heute überhaupt nicht brauche.“ Das meinte zuletzt die Ex-Profi-Boxerin Regina Halmich beim SWR. Das meint aber – ehrlich gesagt – ständig jemand. Ich möchte erklären, warum das, was Halmich hier schlimm findet, vielleicht gar nicht so schlimm ist. Arbeitstitel: „Warum du in der Schule so viel gelernt hast, was du später nicht gebraucht hast.“
Und weil wir bei Krautreporter enorm von der Schwarmintelligenz unserer Leser:innen profitieren, habe ich auch für diesen Artikel mein Recherche-Dokument öffentlich gemacht. Wenn du also selbst Argumente in dieser Debatte kennst oder eine Meinung dazu hast, schau doch mal ins Dokument rein – alle können mitmachen bei dieser Recherche! Hier gehts zum Doc.
was wir lesen, hören, gucken
🎧 Der Erziehungswissenschaftler Ferdinand Stebner von der Universität Osnabrück spricht in diesem ARD-Interview über die Vorteile von selbstreguliertem Lernen.
🤡 In Bayern hatte das Kultusministerium eine pensionierte Lehrerin gefragt, ob sie mit ein paar Stunden aushelfen könne. Das tat sie dann auch, allerdings mit ein paar Stunden zu viel. Die Folge: Das Kultusministerium wollte 10.000 Euro von ihr zurückhaben, weil sie sich unrechtmäßig bereichert habe. Die Realsatire gibt es bei Extra 3.
🦌 „Wir sind nicht der heilige Gral der Pädagogik. Wir sind sowas wie die Spezialeinheit der Pädagogik. Da, wo sich andere nicht mehr ran trauen, da fangen wir an.“ In der ARD-Mediathek gibt es eine kurze Doku über Pädagogen, die mit Jugendlichen monatelang wandern, die im deutschen Hilfesystem eine Station nach der anderen hinter sich gelassen haben.