„Als Jude vom Dienst kam ich aus der Nummer nicht mehr raus“

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„ALS JUDE VOM DIENST KAM ICH AUS DER NUMMER NICHT RAUS“

Philip, 34 Jahre alt

Ich bin auf der Straße nicht als Jude erkennbar, da ich nicht religiös bin und auch sonst keine Zeichen trage, die mich als Juden zu erkennen geben würden. Ich wurde also nie physisch angegangen oder bespuckt oder ähnliches. Und natürlich sind nicht alle Antisemiten aggressive, offene Judenhasser wie etwa Neonazis und wütende Jugendliche mit anderem Migrationshintergrund als meinem. Die allermeisten sind Antisemiten, die niemals von sich behaupten würden, welche zu sein. Das sind aber die Leute, die ich im Alltag antreffe und mit denen ich leben muss, auf der Arbeit zum Beispiel, in der Kneipe oder wenn Freunde ihre Freunde mitbringen.

Sie meinen es oft gar nicht böse, aber sobald sie wissen, dass sie einem Juden gegenüber sitzen, können sie sich spätestens nach dem ersten Bier nicht mehr zurückhalten und lassen alles raus, was ihnen zu Juden einfällt: „Ich habe nichts gegen Juden, aber Michel Friedman ist die Pest in Person.“ Oder: „Ich finde es in Ordnung, dass Juden immer zusammen halten, aber auf meiner Schule haben sie sich doof gekleidet“, oder neuerdings etwas krasser: „Die Charlie-Hebdo-Attentate nutzen doch nur Israel.

„Ich habe nichts gegen Juden, aber Michel Friedman ist die Pest in Person.”
Was sich Philip anhören muss

Überhaupt ist Israel das Lieblingsthema der selbstdeklarierten Nicht-Antisemiten. Ich nehme es ihnen gerne ab, dass sie kein Problem damit hätten, einen jüdischen Nachbarn zu haben, aber wenn es um Israel geht, glauben oder verbreiten sie jede Verleumdung (getarnt als „Kritik“ an Israel, die man angeblich nicht äußern darf) und echauffieren sich leicht und schnell.

Sie betonen, dass Israel ihnen eigentlich am Herzen liegt, bleiben aber immer passiv, wenn jemand vor ihren Augen offensichtlichen Quatsch über Israel erzählt, um es in den Dreck zu ziehen. Und was ich am allerwenigsten verstehe: Sie streiten einen ganzen Abend lang mit mir, halten meine Positionen für „skandalös“, „inakzeptabel“, „mörderisch“, „kriegstreiberisch“ und „rassistisch“, bestehen aber darauf, dass wir Freunde bleiben und sind großzügig bereit, über unsere Differenzen hinwegzusehen. Ich aber nicht.

Eine sehr unangenehme Atmosphäre kann auf der Arbeit entstehen, wenn Kollegen einen auf die Gesinnung prüfen: „Was hältst du von Netanjahu?“ Oder: „Bist du säkular oder orthodox?“ Oder: „Ist es dir wichtig, eine Jüdin zu heiraten?“

Nicht, dass ich missverstanden werde: jüdisch zu sein wäre wahrscheinlich auch dann keine Nebensache in meinem Leben, wenn man es mich nicht ständig spüren ließe; ich diskutiere mit meinen Freunden gerne und viel über israelische Politik (und, auch wenn es mich in Deutschland beliebter machen würde: Ich bin nicht gerade ein Gegner von Benjamin Netanjahu). Es ist mir auch nicht egal, wen ich heirate: Sie kann aus jedem Land der Welt stammen, Brasilien, Ukraine oder Äthiopien, aber sie sollte besser jüdisch sein. Ob es den Antisemiten passt oder nicht.

„Ich hätte lieber über Fußball, Autos oder meinetwegen über das Wetter gesprochen.”

Einmal fragte mich mein Chef am Ende einer lustigen Betriebsfeier einfach so aus dem Nichts heraus, vor versammelter Runde: „Warum werden die Juden so gehasst und verfolgt? Ich möchte das jetzt verstehen!“ Ich hätte lieber über Fußball, Autos oder meinetwegen über das Wetter gesprochen, aber als Jude vom Dienst kam ich aus der Nummer nicht raus, auch nicht mit dem Hinweis, das müsse man nicht die Juden, sondern die Antisemiten fragen.

Vielleicht habe ich den richtigen Umgang mit meinem Jüdischsein nicht gefunden (gibt es den überhaupt?). Aber es liegt zweifelsohne auch an meiner Umgebung. Die hat mit Sicherheit ebenfalls ein „psychisches Problem damit“.

Später wechselte ich beruflich zu einer jüdischen Organisation, wo ich keine schrägen Blicke und keine dummen Fragen mehr ertragen musste.

„Mein Psychiater freut sich immer, wenn er mich sieht, denn ich bin sein jüdischer ADHS-Patient.”

Trotzdem fühle ich oft, was es heißt, ein Jude in Deutschland zu sein. Anders als in New York hat es ein Stadtneurotiker in Berlin nämlich nicht leicht, einen jüdischen Psychiater zu finden, und ich habe mit meinem Therapeuten besonderes Pech.

Er freut sich immer, wenn er mich sieht, denn ich bin sein jüdischer ADHS-Patient. Er redet dann so viel, dass er manchmal sogar vergisst, mir die nicht ganz unwesentliche Frage zu stellen, wie es mir denn eigentlich geht. Dafür hat er mich schonmal gefragt, ob ich nicht meine Kontakte zu reichen Juden springen lassen könne: Er suche gerade einen Mäzen für eine kulturelle Veranstaltung.

Als ich einmal über Monate nicht mehr zu ihm hingegangen bin und mir aber irgendwann doch einen Termin geben lassen musste, empfing er mich mit den Worten: „Na, hat es letzten Sommer bei Ihnen geklingelt?“ Er meinte den letzten Gaza-Krieg -- der sei „genauso“ abgelaufen, wie er es mir prophezeit hätte. Denn: „Davon profitiert die amerikanische Rüstungsindustrie“.

Wenn mein Psychiater besonders lange redet, dann berechnet er auch die Stunde „mit Überlänge“. Als es mir einmal schlecht ging, weil Günter Grass gerade mit seinem dreckigen Lügenpamphlet Israel bespuckt hatte und ich die Stimmung im Land als besonders düster empfand, habe ich ihm gleich zu Beginn der Sitzung ausdrücklich gesagt, dass ich seine Meinung zu diesem Thema nicht hören will, doch vergeblich: Grass sei ein ganz Großer, der nun leider nur den Ton nicht richtig getroffen habe und damit die so wichtige, ansonsten hehre „Israelkritik“ ein wenig diskreditiert habe, erklärte mir eine ganze Viertelstunde lang. Und weiter: Wenn Daniel Barenboim israelischer Ministerpräsident wäre, gäbe es mehr Frieden auf der Welt. Musik ist eine Brücke zwischen den Menschen. Warum suchen Sie nicht lieber einen Job im Kulturbereich statt in der Wirtschaft? Israel braucht mehr Musik und weniger Konflikt.

Meine Krankenkasse hat die Kosten für die Therapie übrigens nicht übernommen, ich musste selbst dafür aufkommen. Und ich bin kein reicher Jude.

Philip, 34 Jahre, möchte unerkannt bleiben.

„ICH FÜHLE MICH SEHR SICHER IN MEINEM LAND“

Anna Geuchmann, 25

Wenn ich Schlagzeilen lese, die von einer Zunahme von Antisemitismus in Deutschland berichten, ist das erste Gefühl, was sich in mir regt, Irritation. Darauf folgt dann Unmut. Ich weiß und sehe, dass jüdische Institutionen immer bewacht werden und dass das seinen guten Grund hat. Die Angriffe auf Synagogen letzten Sommer haben mich beschämt. Die antijüdischen Parolen auf Berlins Straßen betroffen. Wieso? Weil ich das Land, in dem ich lebe, sehr schätze und ich es auch in Themen wie Vergangenheitsbewältigung und interkultureller Toleranz als Vorbild betrachte.

Ich persönlich kann von mir behaupten, niemals in Deutschland offenem Antisemitismus ausgesetzt worden zu sein. Das ist sicherlich dem zu verdanken, dass ich im wohlbehüteten Südwestberlin aufgewachsen und in der Universität nur Weltenbummlern und Toleranzbestien begegnet bin. Tatsächlich habe ich nur einmal eine Anfeindung erlebt, als ich in meinem Auslandssemester in Warschau war. Dort wurde ich von einem unangenehmen Zeitgenossen in einer Bar als „Scheiss Jüdin“ beschimpft und von meinem Platz weggedrängt. Für individuelle Dummheit und Engstirnigkeit kann man aber weder einen Staat, noch eine Religion verantwortlich machen, wobei politische Systeme und Religionen natürlich immer wieder missbraucht werden, um Ideologien und Propaganda zu etablieren und damit den einfachen Mann im Massen abzuholen.

Ich fühle mich sicher in meinem Land. Europa an sich ist eine sichere Insel, wenn man sich die derzeitigen Geschehnisse weltweit vor Augen führt. Und trotzdem: Menschen sind nicht vorhersehbar, nicht messbar. Nach Israel würde ich aber nicht gehen, weil Bibi nach mir ruft. Ich kann aber andere Dinge nennen, die mich an dem Land reizen. Tel Aviv ist für mich Berlin am Meer. Das Lebensgefühl, die See, die Nähe zu dem Volk, das sind alles Dinge, die mich locken, nicht Bibi.

Meine Familie ist aus der Ukraine, ich bin dort geboren, aber Deutschland ist Heimat für mich. Heimat, weil ich hier laufen und sprechen gelernt habe und weil die wichtigsten Menschen hier sind, meine Familie und Freunde. Und auch wenn ich absolut integriert in dieser Gesellschaft bin, bin ich doch nicht deutsch per se. Ich bin deutsche Staatsbürgerin mit Wurzeln in diesem Land, gehöre dem jüdischen Volk an und wurde in der Ukraine geboren. Ich war vor kurzem bei einem spannenden Vortrag beim American Jewish Commitee (AJC), wo sich ein jüdischer und muslimischer Intellektueller über Heimat und Weltbürgertum ausgetauscht haben. Israel ist nicht Heimat für mich, aber ein Ort, der mir nah ist. Ich habe auch dort Familie und Freunde. So ist es, wenn man einem Wandervolk angehört. Man ist einfach überall ein wenig zu Hause.

Anna Geuchmann, 25 Jahre, hat gerade ihren Master in Medien und politischer Kommunikation von der FU Berlin bekommen und in Bamberg und Warschau studiert. Derzeit arbeitet sie in der Geschäftsentwicklung eines großen Internetunternehmens (idealo) in Berlin.

Foto: Privat

„ICH KENNE KEINEN JUDEN, DER SICH NICHT SCHON EIN EXIL AUSGESUCHT HÄTTE“

Fabian Wolff, 25

Ralph Giordano hat mal die Geschichte erzählt, dass er sich 1941 mit einem arischen Freund in Hamburg den antisemitischen Hetzfilm “Jud Süß” von Veit Harlan ansah. Auf dem Nachhauseweg sagte dieser Freund dann: “Ralle, irgendwas muss doch dran sein.” Ist dieser namenlose junge Arier nun durch den Film zum Antisemiten geworden oder hat er einfach in ihm etwas bestätigt, dass sowieso in ihm drin ist, “in ihm denkt”, wie Fassbinder das genannt hat? Keine Ahnung. Keine Ahnung. Der Effekt ist eh gleich. Der Rubikon ist überschritten, der Bruch ist vollzogen, und welche alarmistischen Floskeln es noch gibt bei einem Thema, bei dem Alarmismus eigentlich nicht möglich ist. Es ist 2015 und Juden fühlen sich bedroht in Deutschland – sollte das nicht reichen?

Ich habe Antisemitismus als Beschämung erlebt, als “Unannehmlichkeit”, als ganz sanfte Ausgrenzung. Freunde von mir, die zum Beispiel Kippah tragen, haben rauhere Erfahrungen gemacht. Offene Beschimpfungen kenne ich nicht, aber sehr wohl, dass ich zum Stellvertreter gemacht werden soll – zum Israel-Botschafter, zum Vertreter der Claims Conference, zum Kronzeugen in einer namenlosen Talkshow mit dem Thema “Holocaust – ist auch mal gut?” Ich sehe wohl nicht aus, wie sich Deutsche (und auch einige Juden) Juden vorstellen – was mir auch oft genug gesagt wird. Ist das jetzt schon Antisemitismus oder einfach nur gemeine Ignoranz?

Ich kenne keinen Juden, der sich nicht schon ein Exil ausgesucht hätte. Manchmal ist das Israel, öfter noch die USA. Lebensversicherung, “es ist gut, dass es Israel gibt”, etc.: die ganzen weichen irgendwie-zionistischen Klischees. Ich möchte aber ungern von Netanjahu belehrt werden, was meine Pflichten als Jude sind: Das kann nur meine Mutter, und der ist es meistens auch egal.

Fabian Wolff ist einen Monat vor dem Mauerfall in Ost-Berlin geboren worden. Er ist angehender Lehrer für Deutsch und Englisch und schreibt für den Tagesspiegel und die Jüdische Allgmeine unter anderem über deutschen Rap.

Foto: Privat

„HIER GEHT ES NICHT UM BADEKAPPEN, DAS LIEBLINGSBUCH UND SONNENCREME, HIER GEHT ES UM EXISTENZEN”

Julia

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Meine Identität, meine Muttersprache, meine Wurzeln und meine Heimat. So oder so ähnlich, lässt sich die Debatte, die seit der Nachkriegszeit innerhalb der jüdischen Gesellschaft Europas geführt wird, zusammenfassen. Als Enkeltochter Holocaust-Überlebender, die als Juden ihre Kindheit und Jugend im bolivianischen Exil beziehungweise im sicheren Bulgarien verbrachten, verfolgt mich das symbolische Kofferpacken wie eine mahnende Metapher. Doch hier geht es nicht um Badekappen, das Lieblingsbuch und Sonnencreme, hier geht es um Existenzen. Es ist ein Spiel, das ich nicht spielen möchte. Als Kind der zweiten Generation, so redet man gerne über uns Enkel des Holocaust, reißt diese Koffermetapher in unterschiedlichsten Varianten von links und rechts an meinen Armen. Lange Zeit seitens des Zentralrats der Juden in Deutschland, nicht selten im Rahmen privat geführter Gespräche und nun – seit wenigen Wochen – ruft Benjamin Netanjahu seine Schäfchen ins vermeintlich Trockene. Doch wer bin ich, mir anzumaßen, irgendwo hinzugehen, nachdem sich meine Familie wieder ein sicheres Leben in Deutschland aufbaute? Ich wurde bereits mit Antisemitismus konfrontiert, mein Magen zieht sich zusammen, wenn antisemitische Parolen in Deutschlands Großstädten gebrüllt werden, und die Jüdin in mir wird immer ein gemischtes Verhältnis zu Koffern haben – doch mein Herz schlägt europäisch und hat hier Wurzeln geschlagen. Das jüdische Kollektiv teilt sich eine Nabelschnur, zu der auch ich gehöre. Wir reden im Plural mit- und übereinander und teilen nicht selten eine Geschichte. Als bewusste, traditionell erzogene deutsche Jüdin spüre ich jedoch, dass es Zeit ist, meine hiesige Zukunft ins Auge zu fassen – auch wenn dies bedeutet, mich ein wenig vom Kollektiv abzunabeln.

Julia hat für ihren Beitrag ein Pseudonym gewählt. Sie lebt seit sechs Jahren in Berlin. Nach Stationen in den USA und Tel Aviv arbeitet sie heute als Autorin.

„LETZTEN SOMMER FÜHLTE ICH MICH IN DEUTSCHLAND NICHT MEHR WOHL“

Rachel Gubser, 23

Als ich sieben Jahre alt war, besuchte ich Bekannte meines Vaters in Karlsruhe. Es war genau die Zeit, in der ich zum ersten Mal in der Schule, aber auch zu Hause mit dem Holocaust konfrontiert wurde. Ich bin bei meiner Mutter in einer jüdischen Gemeinde aufgewachsen. Alle Ansprechpersonen reagierten damals auf die vielen offenen Fragen und meine kindliche Neugierde mit persönlicher Betroffenheit und einer nur schwer greifbaren Traurigkeit. Und nun stand ich da, in Deutschland, dem vermeintlichen Land des Grauens, das ich schon unzählige Male besucht hatte, was zur zweiten Heimat geworden war, und hatte Angst. Meine Freundinnen durften mich in der Öffentlichkeit fortan nur mit Alexandra ansprechen, die Angst war zu groß, auf der Straße erwischt oder gar deportiert zu werden.

Natürlich war meine damalige Reaktion hysterisch. Ich fühle mich in Deutschland sicher und aufgehoben. Angegriffen, bedroht, geschweige denn deportiert wurde ich auch nicht. Klar kriegt man ab und an einen doofen Kommentar zu hören (Mein bisheriger Favorit: „Was? Du bist jüdisch? Du hast ja gar keine große Nase!“), jedoch kann ich gar nicht aufzählen wie oft ich mir als Frau Sprüche gefallen lassen muss. Jede Minderheit hat mit derartigen Diskriminierungen zu kämpfen.

Rachel Gubser, Studentin aus Zürich, studiert in St. Gallen International Affairs und macht ihren Master in Unternehmensführung.

Foto: Privat

Dass ich bisher vor antisemitischen Übergriffen verschont blieb, liegt daran, dass ich die Freiheit habe, diesen Teil meiner Identität gezielt zu verheimlichen. Ich trage keine religiöse Kleidung, habe keinen klassisch jüdischen Nachnamen und sehe nach allen Regeln der Vorurteile nicht jüdisch aus. Fühle ich mich in gewissen Gesellschaften nicht willkommen oder gar bedroht, ist es ein Leichtes zu meinem Alter Ego zu wechseln – ein Privileg, das viele jüdische Freunde nicht haben.

Die Eskalation des Gazakonflikts im Sommer 2014, aber auch die Anschläge auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt änderten alles: Als Mitglied einer Demokratie stehe ich stark für sachliche Diskurse zum Nahostkonflikt ein, wenn aber junge Männer in der Berliner U-Bahn rumschreien, Israel müsse fallen (... und alle Juden – nicht Israelis – ins Meer vertrieben), hat dies nicht mehr viel mit Meinungsfreiheit zu tun. So sehr ich dieses Land liebe, so sehr bin ich von der heutigen Politik enttäuscht. Zum Beispiel ein starker Nationalismus und auch eine Diskriminierung von Minderheiten. Dennoch verteidige ich Israel im allgemeinen Diskurs, weil es ja sonst keiner tut.Letzten Sommer fühlte ich mich in Deutschland nicht mehr wohl, wich Demonstranten aus und wurde auf sozialen Medien angegriffen und bedroht – Bibis Aufforderung, nach Israel zu ziehen, werde ich dennoch nicht nachkommen, und Alexandra nenne ich mich auch nicht mehr.

„WEN ZWINGT MAN, SICH FÜR ISRAELS POSITIONEN ZU RECHTFERTIGEN? DIE JUDEN.“

Filipp Piatov, 24

Ich frage mich, was man erwartet, wenn Israel so sehr im Fokus steht, als wäre es eine Weltmacht, und als würde Deutschlands Schicksal von irgendeiner Siedlung im Westjordanland abhängen. Man kann nicht zwischen Israel und Juden trennen, weil die Juden nun mal nur einen Staat haben. Es ist nicht die Israel-Kritik, die zu Antisemitismus führt, sondern ihr Umfang, der Antisemitismus fördert. Und wen zwingt man, sich für Israels Positionen zu rechtfertigen? Die Juden.

Wenn mich Netanjahu aufruft, nach Israel zu kommen, denke ich, dass es seine Aufgabe ist, die Juden zu beschützen. Denn ebenso wenig, wie Israels Kritiker zwischen Juden und Israel differenzieren, ebenso wenig sind Israels Premierminister die Juden anderer Länder egal. Es ist sehr erleichternd zu wissen, dass man - im Gegensatz zu früher - eine Möglichkeit hat, auszuwandern. Dass man sich im Notfall weder in ein Land einkaufen muss, noch auf die Güte Dritter angewiesen ist. Sondern dass es es ein Land gibt, das einen haben möchte.

Filipp Piatov studiert Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet in Berlin. Er schreibt Meinungsbeiträge für die WELT und andere Medien, im November 2015 erscheint sein erstes Buch bei dtv.

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