Die neue Heroin-Epidemie

Die neue Heroin-Epidemie

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Das Mädchen war zwei Jahre älter als James Fiore. Sie hatte eine eigene Wohnung, und er mochte sie. Gemeinsam saßen sie in ihrem Zimmer. Der 17-Jährige schüttete ein bisschen Heroin aus einer kleinen Plastiktüte und formte mit seiner Kreditkarte eine Linie, so dass sie das Pulver durch die Nase sniefen konnten.

„Du weißt, dass du es so verschwendest?“, fragte ihn das Mädchen. „Du musst dir nur die Hälfte davon spritzen und wirst davon dreimal so high.“

Ein paar Jahre zuvor hätte James Fiore, ein katholisch erzogener Junge, der Football mit seinen Freunden spielte und mit dem Gedanken liebäugelte, Polizist zu werden, bei Heroin an Junkies in dunklen Hinterhöfen gedacht. Niemand in seiner Gegend hätte Heroin angerührt. Jetzt nahm das Mädchen eine Kanüle, fand eine Vene an seinem Arm und setzte ihm einen Schuss. Fiore musste sich übergeben, aber er fühlte sich so gut wie nie zuvor.

James Fiores Weg in eine Heroin-Abhängigkeit liest sich wie eine Parabel für die Heroin-Epidemie, die in den Vororten der USA ausgebrochen ist. Hinter der Krise steht ein Geflecht aus Interessengruppen. Vor allem zwei einflussreiche Zweige der Pharmaindustrie profitieren von der Epidemie: zum einen die Produzenten von Schmerzmitteln, die zur Entstehung der Krise beigetragen haben. Und zum anderen die Hersteller von Medikamenten, mit denen Abhängige behandelt werden.

Fiore wurde 1992 in einer Arbeitergegend am East River in Brooklyn geboren. Während seiner Kindheit konnte er auf der anderen Seite des Flusses Staten Island sehen; diese eigenartige Insel im Süden von Manhattan, die offiziell als Teil der Stadt New York gilt, aber so aussieht und sich anfühlt wie eine suburbane Enklave im amerikanischen Nirgendwo.

Um die Entstehung der Opioid-Epidemie in den USA zu verstehen, muss man verstehen, wie drei Geschichten zusammenhängen: Die Geschichte des Schmerzmittels Oxycontin, die Geschichte der Heroin-Ersatzdroge Suboxone, und die Geschichte von James Fiore aus Staten Island.

Staten Island.

Image caption: Staten Island.

Fiores Eltern arbeiteten, angestellt bei der Stadt New York, in gutbezahlten Handwerks-Berufen. Als er elf und seine kleine Schwester sieben Jahre alt waren, hatte die Familie genug angespart. Sie zogen über den Fluss nach Staten Island in eine Gegend, wo Mittelklasse-Wagen vor ansehnlichen Einfamilienhäusern mit amerikanischer Flagge parkten. „Ein guter Ort, um eine Familie aufzuziehen“, dachten sie – bis die Opioide in ihr Haus kamen.

Die Blockbuster unter den Medikamenten

Unter Opioiden versteht man natürliche und synthetisch hergestellte Arzneimittel, die Schmerzen lindern, indem sie bestimmte Gehirnregionen beeinflussen. Ihr Einsatz als Schmerzmittel ist in den USA in den vergangenen 25 Jahren explodiert.

Jahrzehntelang wurden die Medikamente nur zur Behandlung von starken Schmerzen nach einer OP oder für Krebspatienten eingesetzt. In den 1990er Jahren begannen Ärzte jedoch damit, Opioide auch gegen chronische Schmerzen zu verschreiben. Diese Entwicklung war das Ergebnis einer gigantischen Lobby-Kampagne. Über Jahre hinweg zahlten Pharma-Hersteller Millionen Dollar, um den Einsatz ihrer Schmerzmittel in die Höhe zu treiben.

Die wohl prominenteste Rolle spielte das Medikament Oxycontin, das der US-Pharmakonzern Purdue Pharma 1995 auf den Markt brachte.

„Purdue Pharma wollte einen Blockbuster“, sagt Andrew Kolodny, Leiter der Organisation Physicians for Responsible Opioid Prescribing. Als Blockbuster gelten in der Pharmaindustrie Medikamente, die einen jährlichen Umsatz von über einer Milliarde US-Dollar machen. „Damit ein Medikament zu einem Blockbuster wird, muss es bei häufig vorkommenden, chronischen Krankheiten verschrieben werden. Diese Patienten nehmen Medikamente lange und kommen gegebenenfalls nie wieder davon los.“

Berichten der US-Regierung zufolge startete der US-Pharmakonzern Purdue Pharma 1995, nachdem er Oxycontin eingeführt hatte, eine lang angelegte Image-Kampagne und unterstützte einflussreiche Organisationen wie die Amerikanische Schmerz-Gesellschaft. „To start with and stay with“, war der Slogan – Oxycontin wurde vermarktet als Mittel, mit dem Schmerzpatienten von Anfang an langfristig behandelt werden sollten.

In den fünf Jahren nach Markteinführung lud Purdue Pharma mehr als 5.000 Ärzte, Apotheker und Krankenschwestern zu Konferenzen an sonnigen Veranstaltungsorten ein und übernahm die Kosten für Reise, Unterkunft und Essen. Der Konzern sponserte Fortbildungen, vergrößerte sein Team aus Außendienstmitarbeitern und verteilte Filme mit Titeln wie „Ich bekam mein Leben zurück: Schmerzpatienten erzählen ihre Geschichte.“

Ärzten sollte das Gefühl vermittelt werden, sie müssten sich keine Sorgen machen, dass ihre Patienten körperlich abhängig würden.

Meistverkauftes Marken-Opioid in den USA

Während dieser fünf Jahre stieg der Umsatz von Oxycontin von mindestens rund 45 Millionen US-Dollar im Jahr 1996 auf knapp eine Milliarde US-Dollar im Jahr 2000. 2001 war das Schmerzmittel das meistverkaufte Marken-Opioid in den USA.

Politiker wussten von den Gefahren des Medikaments. Im Februar 2002 rief US-Senator John Warner eine Anhörung vor dem US-Kongress an, um über Vorteile, Risiken und den illegalen Missbrauch von Oxycontin zu diskutieren.

Vor dem Kongress wiederholte der Konzern, was er seit Einführung des Schmerzmittels gesagt hatte: „Chronische Schmerzen waren lange Zeit unterbehandelt “, sagte Paul Goldenheim, zu diesem Zeitpunkt stellvertretender Forschungsleiter bei Purdue. „Erst im vergangenen Jahrzehnt hat ein entscheidendes Umdenken in der öffentlichen Diskussion und in Medizinerkreisen stattgefunden. Grundlage dafür war, dass die Wirksamkeit individueller Therapien bei der Behandlung von Schmerzen, die auch die Verwendung von Opioiden einschließt, nachgewiesen wurde. Diese Medikamente verbessern die Lebensqualität der Patienten verblüffend.“

„Medikamenten-Missbrauchs-Epidemie“

Gegen Ende der Anhörung trat Art Van Zee, ein Internist aus einer winzigen Bergbau-Stadt in den Appalachen, vor den Kongress. „In den 25 Jahren, in denen ich als Arzt tätig war“, sagte er laut Aufzeichnungen von 2002, „habe ich nie etwas erlebt, was man mit der Medikamenten-Missbrauchs-Epidemie vergleichen könnte, die wir in den letzten drei Jahren mit Oxycontin erlebt haben. Man kann beobachten, wie vor allem junge Menschen, denen Oxycontin als Schmerzmittel verschrieben wird, sehr schnell abhängig werden. Viele dieser Jugendlichen sind ‚good kids’, aus guten Familien mit vielversprechender Zukunft. Diese Zukunft wird nun zerstört durch ihre Opioid-Abhängigkeit.“

2015 liest sich die Aussage des Internisten Art Van Zee wie eine Prophezeiung für die Epidemie, die sich in den Jahren danach in den USA ausbreiten würde.

„Um ganz ehrlich zu sein, am Anfang war auch ich naiv und habe geglaubt, was uns Purdue Pharma gesagt hat“, erinnert sich Van Zee 13 Jahre nach seiner Aussage, kontaktiert über eine brüchige Telefonverbindung in die Appalachen. Van Zee – mittlerweile 67 Jahre alt – arbeitet immer noch als Arzt. „Erst, als es zu einem furchtbaren Problem wurde, habe ich mir die wissenschaftlichen Behauptungen einmal genauer angeschaut. Und mir wurde schnell klar, dass das Marketing irreführend gewesen war. Purdue Pharma hatte Vorteile aufgebauscht und Risiken heruntergespielt.“

Seine Bedenken blieben weitgehend unerhört. „Die Pharmaindustrie hat großen Einfluss in diesem Land, großen Einfluss auf die öffentliche Diskussion“, sagt er.

Laut der Organisation OpenSecrets gab Purdue Pharma im Jahr 2003 insgesamt 1,1 Millionen US-Dollar für seine politische Lobby-Arbeit aus; die höchste Summe in den vergangenen 15 Jahren.

Alles begann mit einem Migräne-Anfall

Im Jahr 2007 verletzten sich James Fiores Mutter und Vater während der Arbeit. Beide wurden erwerbsunfähig; beiden wurden Opioid-Schmerzmittel verschrieben.
Die Medikamente sollen Schmerzen lindern. Sie können jedoch, ähnlich wie illegale Drogen, auch euphorische Rauschzustände auslösen.

Eines Tages, so erinnert sich James Fiore, hatte er einen Migräne-Anfall. Statt einer Ibuprofen nahm er das verhältnismäßig moderate Schmerzmittel Percocet, das seiner Mutter verschrieben worden war. Seine Kopfschmerzen verschwanden, und er fühlte sich so gut, dass er begann, die Pillen regelmäßig zu nehmen. Bald darauf stieg er auf die stärkeren Oxycontin seines Vaters um. Irgendwann bemerkte er, dass ihm schlecht wurde und er sich übergeben musste, wenn er nichts genommen hatte. Als er hörte, dass die Wirkung der Pillen stärker sei, wenn man sie schnupfte statt zu schlucken, stieg Fiore um.

Wie er wurden immer mehr Menschen in den USA von den Medikamenten abhängig. Tausende von Teenagern in den Vororten von Seattle, Tampa oder Minneapolis leckten den Überzug von Schmerzmitteln wie Oxycontin ab, zerbröselten die Pillen und zogen sich das Pulver durch die Nase. „Von fünf Teenager hier in Staten Island waren zwei abhängig, und ein dritter verkaufte die Pillen“, erinnert sich Fiore.

Die Schattenwirtschaft florierte. Ein Drogenabhängiger erinnert sich, wie er seinem Arzt 400 Dollar zahlte, um ein Rezept über 150 Pillen zu bekommen. Später verkaufte er die Tabletten auf der Straße für 3.000 Dollar weiter.

Millionengewinne für die Hersteller

Die großen Profiteure dieser Epidemie waren die Hersteller der Schmerzmittel. Sie machten Millionengewinne, während sie vom Missbrauch ihrer Medikamente wussten. (Schon 2002 sagte Paul Goldenheim von Purdue: „Ohne Frage gibt es Missbrauch von Oxycontin, und Purdue akzeptiert seine Verantwortung, dieses Problem zu adressieren.“)

Im Jahr 2010 generierte allein Oxycontin Einnahmen von 3,1 Milliarden Dollar für Purdue Pharma. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Schmerzmittel für James Fiore schon lange den Weg in eine Heroin-Abhängigkeit geebnet.

Drei Jahre zuvor, Fiore war 16 Jahre alt, konsumierte er sieben bis acht Pillen Oxycontin pro Tag. Die Kosten wuchsen ihm über den Kopf.

Fiore in Aktion.

Image caption: Fiore in Aktion.

Entzugserscheinungen sind das Problem

Das Wichtigste für Opioid-Abhängige ist, die eigenen Entzugserscheinungen zu befriedigen. Das euphorische Rauschgefühl der Anfangstage nimmt mit der Zeit ab. Abhängige nehmen die Drogen vor allem, um sich nicht krank zu fühlen. Knallhart kalkulieren sie den Kosten-„Nutzen“-Faktor der Drogen, die sie konsumieren.

„Heroin ist zwei- bis dreimal so stark wie die Pillen, die man für das Geld bekommen kann“, sagt James Fiore. „Also habe ich angefangen, Heroin zu schnupfen.“
Laut einer Studie der American Medical Association beginnen vier von fünf Heroin-Abhängigen mittlerweile ihre Drogen-Karriere mit Schmerzmitteln.

Heroin ist seit fast 120 Jahren im Umlauf. Im Jahr 1898 brachte das deutsche Pharma-Unternehmen Bayer die Droge auf den Markt und machte bald darauf ein Vermögen damit.

Nachdem Ärzte und Politiker das Suchtpotential von Heroin erkannten, wurde sein nicht-medizinischer Gebrauch in den USA 1914 verboten. Die Droge verschwand nie. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde sie jedoch immer weiter zu einem städtischen Armutsphänomen stigmatisiert. Vor allem seit den 1980er Jahren führte die Anti-Drogen-Politik der US-Regierung, das Aufkommen von HIV/Aids und der Aufstieg anderer Drogen dazu, dass Heroin als „Ghetto-Droge“ galt. Zu Beginn der 2000er Jahre rauchte die Mittelklasse-Jugend in den US-Vorstädten Marihuana, schnupfte Kokain oder nahm synthetische Pillen, um high zu werden. „Heroin war keine Option“, sagt James Fiore.

Das änderte sich für ihn, als ihm klar wurde, dass er von den Schmerzmitteln abhängig war: „Ich dachte mir, ich schnupfe schon Opioide – was ist da noch der Unterschied?“

Ein Jahr nachdem er begonnen hatte, Heroin zu schnupfen, spritzte ihm seine Bekannte zum ersten Mal die Droge. Danach „ging es schnell bergab“. Um seine Sucht zu finanzieren, stahl Fiore und beging Überfälle. Er wurde gefasst und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Als er auf New Yorks Gefängnisinsel Rikers Island ankam, brauchte der 18-Jährige täglich rund 15 Tütchen Heroin, um seine Sucht zu stillen. Er wurde auf einen einwöchigen Methadon-Entzug gesetzt. „Es war die Hölle“, erinnert er sich.

„Gefängnis ist wie eine Akademie, auf der man lernt, wie man ein noch besserer Verbrecher wird“, sagt Fiore. Nach einem Jahr wurde er im Frühjahr 2012 entlassen. Monate später wurde er mit Oxycontin rückfällig. Er begann erneut, Heroin zu spritzen und verletzte seine Bewährungsauflagen. Ende 2013 war er wieder im Gefängnis.

Der Tod eines Schauspielers rüttelte auf

Zu diesem Zeitpunkt hatten US-Medien begonnen, über die Opioid-Überdosen im Land zu berichten. Dann fand man den Schauspieler Philip Seymour Hoffman tot in seiner Wohnung, allem Anschein nach eine Heroin-Überdosis. „In diesem Moment ging die öffentliche Diskussion von Schmerzmitteln zu Heroin über“, sagt Caleb Banta-Greene, Epidemiologe am Alcohol and Drug Abuse Institute der University of Washington. Zwar hatten Beratungsstellen seit Jahren vor einer Heroin-Epidemie gewarnt. „Aber erst, wenn berühmten Menschen etwas zustößt oder den Kindern von Polizisten, nimmt auch das Interesse der Medien zu.“

Nachdem James Fiore entlassen wurde, zog er wieder bei seinen Eltern ein. Er war entschlossen, vom Heroin wegzukommen. Sein Arzt verschrieb ihm Suboxone, ein Heroin-Ersatzmittel, das ähnlich wie Methadon funktioniert. Hauptbestandteil ist Buprenorphin. Das Opioid stimuliert dieselben Rezeptoren im Gehirn wie Heroin. Allerdings lindert es nur Entzugserscheinungen und löst nicht die Euphorie eines Heroin-Schusses aus. Weil das Medikament einen Bestandteil enthält, der den Missbrauch schwierig macht, können Patienten Suboxone im Gegensatz zu Methadon zu Hause einnehmen.

Studien belegen, dass Heroin-Entzüge von Suboxone-Patienten erfolgreicher verlaufen als die „Cold Turkey“-Methode, die auf den Einsatz von Ersatzpräparaten verzichtet und ausschließlich auf Willenskraft setzt. Über ein halbes Dutzend Gesundheitsexperten, die ich für diesen Artikel interviewt habe, sagten übereinstimmend, dass die Vorteile des Medikaments gegenüber seinen Risiken überwiegen.

Abgesehen von seinen Vorteilen für die öffentliche Gesundheit, ist Suboxone ein Paradebeispiel dafür, wie ein Pharmakonzern über Jahre hinweg mit der Bekämpfung der Opioid-Epidemie seine Gewinne maximiert hat.

Reckitt Benckiser, der britische Hersteller, (der vor kurzem Suboxone in eine Firma namens Indivior ausgelagert hat), erzielte fast seine gesamten pharmazeutischen Einnahmen mit dem Medikament.

Suboxone als Gelddruckmaschine

Die Einführung von Suboxone in den USA war das Ergebnis einer öffentlich-privaten Partnerschaft zwischen Reckitt Benckiser und der amerikanischen Regierung, die zwei für die Zulassung wichtige klinische Tests finanzierte. Nachdem Lobbyisten der Firma Kongressmitglieder überzeugen konnten, ein Drogengesetz von 1914 dahingehend zu ändern, dass Patienten die Medikamente mit nach Hause nehmen können, wurde Suboxone 2002 von der US-Medikamentenbehörde zugelassen.

Gleichzeitig bekam die Firma ein Patent auf die spezielle Mischung von Inhaltsstoffen in dem Medikament. Dieses Monopol machte Suboxone zu einer Gelddruckmaschine für seinen Hersteller.

Ende 2009 jedoch lief Reckitt Benckisers Patent auf Suboxone in Tablettenform aus. Im Bericht an seine Anteilseigner aus dem selben Jahr äußerte der Konzern die Sorge, dass Nachahmerpräparate die Erlöse der Firma ruinieren könnten.

Im selben Jahr führte der Konzern Suboxone in Form eines Schmelzfilms ein, der unter die Zunge gelegt wird und sich dort auflöst. (Das Patent auf diese Verabreichungsform läuft bis 2022.) „Reckitt Benckiser wird das Potenzial seiner Außendienstmitarbeiter ausschöpfen, um das Produkt bestmöglich zu vermarkten“, schrieb der Konzern in einer Pressemitteilung.

Zwei Jahre später gab das Unternehmen bekannt, Suboxone in Tablettenform vom Markt zu nehmen und das Medikament nur noch als sublingualen Film zu vertreiben. Als Gründe gab Reckitt Benckiser Bedenken an, dass Kinder Tabletten schlucken und sich so vergiften könnten. Am selben Tag reichte das Unternehmen eine Petition bei der zentralen Medikamentenzulassungsstelle der USA ein, in der es die Behörde aufforderte, wegen dieser Sicherheitsbedenken auch keine Nachahmerprodukte zuzulassen.

Es wirkte wie ein letztes Aufbäumen des Konzerns, um sein Monopol auf Suboxone zu halten – und sein Scheitern.

Die Zulassungsstelle lehnte die Petition ab. Im April 2013 kam der erste Suboxone-Klon auf den Markt, anschließend folgten zwei weitere. Drogenberatungsstellen hoffen, dass durch die neue Konkurrenz auf dem Markt der Preis für das Medikament stetig fallen wird.

Der Freund lief blau an

Im Herbst 2014 hatte sein Vater Besuch von einem Freund, erzählt James Fiore. Irgendwann ging der Freund ins Badezimmer. Nachdem er über 15 Minuten lang nicht zurückkam, öffneten sie beunruhigt die Tür und fanden ihn bewusstlos auf dem Boden, das Gesicht blau angelaufen.

Fiore reagierte intuitiv. Er rannte in sein Zimmer und holte einen kleinen Verbandskasten, den ihm sein Drogenberater gegeben hatte, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er nahm eine Ampulle aus dem Kasten und verband sie mit einer Spritze und einem Zerstäuberaufsatz. Dann setzte er den Aufsatz am Nasenloch des Bewusstlosen an und spritzte mit zitternden Händen die Flüssigkeit aus der Ampulle in seine Nase. Ungefähr zwei Minuten später öffnete der Mann seine Augen.

James Fiore.

Image caption: James Fiore.

Der Wirkstoff, mit dem James Fiore der Überdosis entgegenwirkte, heißt „Naloxon“.

„Im Optimalfall stünde Naloxon all denjenigen ständig zur Verfügung, die bei einer Überdosis möglicherweise vor Ort sein könnten“, sagt Matt Curtis, Mitarbeiter bei Vocal New York. Die Drogenberatungsstelle hat ihre Zentrale im Zentrum von Brooklyn über einem Laden, in dem sterile Kanülen an Abhängige verteilt werden. Curtis war Teil eines Teams, das 2003 das erste Naloxon-Programm in New York startete.

Matt Curtis.

Image caption: Matt Curtis.

Die Aktivisten verteilen die kleinen Verbandkästen mit den Naloxon-Sets umsonst. Es sind Do-it-yourself-Produkte. Alle drei Bestandteile – eine Ampulle Naloxon, eine Spritze und ein Zerstäubungsaufsatz – kommen von verschiedenen Herstellern.

„Naloxon-Sets zu verteilen ist ähnlich, wie wenn sterile Kanülen verteilt werden“, erklärt Curtis. „Es geht darum, konkret auf die Probleme von Drogenabhängigen einzugehen und ihnen direkt zu helfen.“

„Naloxon ist unglaublich hilfreich“, sagt Peter Davidson, Medizin-Soziologe an der University of California in San Diego. Studien bestätigten, dass Naloxon-Programme dazu beitragen, dass die Zahl von Überdosen zurückgeht. Das Medikament gibt es seit den 1960er Jahren; das Patent ist längst ausgelaufen. Jahrelang war Naloxon ein günstiger generischer Wirkstoff, der von verschiedenen Herstellern produziert wurde und vor allem in Notaufnahmen und Krankenwagen zum Einsatz kam.

Während es verschiedene Hersteller auf dem Markt gab, war Naloxon kein übermäßig lukratives Geschäftsfeld. Weil der Preis stetig fiel, zog sich ein Anbieter nach dem anderen aus dem Markt zurück. So entstand Mitte der 2000er Jahre ein de-facto Monopol, das sich zwei Anbieter teilten: Hospira produzierte Naloxon zur Einnahme per Spritze, während Amphastar Naloxon in einer höheren Dosis herstellte, die nasal verabreicht werden kann.

2008 begann Hospira damit, den Preis für Naloxon schrittweise zu erhöhen. Seitdem ist der Preis für viele Abnehmer um das Dreifache gestiegen.

Im Herbst 2014, als dank der wachsenden öffentlichen Aufmerksamkeit die Nachfrage nach Naloxon zur nasalen Verabreichung in Verbandkästen immer weiter stieg, explodierte wie aus dem Nichts auch der Preis von Amphastars Naloxon. „Mehr oder weniger über Nacht kostete eine Ampulle für uns nun statt 19 Dollar 37 Dollar “, sagt Matt Curtis von Vocal New York.

Auf Anfragen bezüglich der Gründe für die Preisexplosionen haben Amphastar und Hospira nicht reagiert.

„Preissteigerungen kaum zu tragen“

Naloxon wird größtenteils von Drogenberatungszentren und Nachbarschaftseinrichtungen verteilt. Diese arbeiten meist mit niedrigen Budgets. „Diese Einrichtungen können die Preissteigerungen kaum tragen“, sagt Whitney Englander, Abgesandte der Harm Reduction Coalition (dt. etwa: Koalition zur öffentlichen Schadensminimierung) in Washington DC. Englander, selbst ehemalige Drogenabhängige, ist bei der Einrichtung zuständig für Regierungsbeziehungen. Sie trifft sich mit Politikern, organisiert Kampagnen und setzt sich dafür ein, dass Bekämpfung der Drogensucht in den Wahlprogrammen und Budgets der Abgeordneten auftaucht. Wenn es so etwas gibt wie eine Lobbyistin für die Interessen von Drogenabhängigen, dann ist es Englander.

Es mache sie wütend zu sehen, dass die Epidemie die Häuser der Mittelklasse-Vororte erreichen musste, damit Politiker schließlich darauf reagierten, sagt sie. Nichtsdestotrotz hält sie die jüngste Aufmerksamkeit der Medien für eine „wundervolle Entwicklung“.

Im Februar 2015 stellte US-Präsident Barack Obama sein Budget für das Jahr 2016 vor. Er schlug vor, 100 Millionen Dollar zusätzlich für den Kampf gegen Heroin und Schmerzmittel auszugeben; allein 12 Millionen davon sollen in den Ausbau von Naloxon-Programmen fließen.

Drogenberatungsstellen sind sich einig, dass dies die Zahl von Überdosen im Land senken wird. Gleichzeitig wird es Hospira und Amphastar helfen, ihre Profite weiter zu steigern – zumindest bis ein weiterer Hersteller auf den Markt kommt.

Fiores Kampf hat erst begonnen

James Fiore ist mittlerweile 23 Jahre alt. Seit über einem Jahr habe er kein Heroin mehr genommen, sagt er. Sein Traum ist es, zurück ans College zu gehen und Physiotherapeut zu werden. Vielleicht will er irgendwann an die US-Westküste ziehen. Er hat Gutes gehört über die Frauen dort, und er selbst würde seine Kinder nicht auf Staten Island großziehen wollen.

In wenigen Monaten will er mit der Hilfe seines Arztes und seiner Drogenberaterin damit beginnen, das Suboxone langsam abzusetzen. Sein Kampf hat erst begonnen. Vier von fünf Heroin-Abhängigen werden rückfällig.


Aufmacher-Bild zeigt James Fiore; Fotos: Janosch Delcker; Produktion: Vera Fröhlich; der Text wurde gesprochen von Alexander Hertel von detektor.fm