Krautreporter

Mit verdecktem Ernst vermischte Spielereien

von Hans Hütt
etwa 5 Min. Lesedauer

Wer hätte gedacht, dass wir in der vorerst letzten Episode, unserer Nummer 13, auf ein vergessenes Werk der antiken Philosophie stoßen würden? Aber so ist es. Betrachten wir es als einen Fall von Schlafwandel, was, abgesehen vom Malen, hundert Jahre nach dem ersten Großen Krieg, von neuem ein Zustand unserer Zeit zu werden verspricht.

Kas bringt Moni (da heißt er noch „Spitz“) nach Berlin. Noch trägt W. seine Perücke, die ihn viel jünger aussehen lässt, als er tatsächlich ist. Schon auf dem Set von Staatsfeind Nr. 1 gehörte er zu den ältesten. Hier kommt Spitz, der ab sofort Moni heißt. Der Hund scheint ins Leere zu schauen, als werde er dem neuen Namen intuitiv gerecht: „Alles sei nichtig“ ist eine Weisheit seiner Präinkarnation Monimos, der sich so sehr danach verzehrt hatte, Schüler von Diogenes zu werden, dass er mit Geld, das ihm nicht gehörte, nur so um sich warf, was schon damals in Griechenland Ausdruck einer ungeahnten Weisheit gewesen sein muss.

Das Zusammenleben von Hund und Mensch ist ewige Antizipation. Zwar sieht der Hund mehr oder weniger alles in Blaugrün, dafür aber so genau und so schnell, dass ihm nichts entgeht. Der Beutejäger antizipiert, wie sich sein Opfer, also sein neuer Gefährte, bewegt, was ihm dieser oder jener Muskel erzählt, geht's gleich nach draußen oder gibt's was zu Fressen, hat W. einen schlechten Traum und so weiter. In der Tat holen wir uns mit einem Hund, zumal einem so geschulten Beobachter, einen Anthropologen der Praxis an unsere Seite, einen, der uns sehr schnell besser zu kennen scheint als wir uns selbst.

Hier sehen wir sie endlich das erste Mal draußen, was für Moni wirklich eine Abwechslung ist, die ihm gefällt, auch wenn er das nur vorsichtig andeutet. Von W. lernt er, im Handumdrehen, die Zeichensprache. Bald kann er sogar selbst mit dem Hundeleib gebärden.

Apoll zieht Marsyas, in Asis' Oper ein Hacker und Rapper, bei lebendigem Leib fachmännisch die Haut ab. Der gehäutete Marsyas gibt nicht auf. Der Hacker triumphiert über den Gott. Dieses Werk im Werk erzählt eine Passionsgeschichte, entwirft eine Kompositionslehre und zugleich eine Poetik des Gebärdischen. Was im Mythos den Faun zur Strecke brachte, ist der Preis, ohne den Wahrheit nicht zu haben ist. Kunst, Poesie, Literatur sind das Werk von Gehäuteten. Um den einen Sinn gebracht, macht Asis alle anderen scharf und findet seinen Platz als Künstler im Aufruhr der Sinne. Der Plot des Romans erinnert an die Vorrede zu Nietzsches Zarathustra: „Da stehen sie“, sprach er zu seinem Herzen, „da lachen sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund für diese Ohren. - Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen mit den Augen zu hören? Muss man rasseln gleich Pauken und Bußpredigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden?“

Die Dealer der Hasenheide bringen Moni aus dem Trab und damit zurück in seine alte Praxis. Eigentlich sollte das hinter ihm liegen. Sagen wir, es sei eine Wiederaufnahme, ein letztes Mal, dass der alte Schinken auf die Bühne von Monis Leben kommt, aus der Zeit, als er noch Spitz hieß.

Da sehen wir, wie Moni, aka Spitz, dem alten Job hinterherschnüffelt. Jetzt ist er reine Bewegung, was für einen Hund so viel mehr als bloßer Einsatz ist, dass es eine Freude sein könnte, ihm im Lauf zuzuschauen, ein Akt kynischer Wachmalerei.

Zack! hat Moni aka Spitz ein Brikett geschnappt, das dürfte gut ein Pfund sein. Den Dealern wird das nicht gefallen. Aber das ist ihre Schuld, wenn ihr Wächter von was Anderem träumt.

Ihr Hund hat in Moni aka Spitz den Profi erkannt. Respektvoll fletscht er die Zähne. Mehr wagt er nicht. Das war ihm auch zu raten.

I_mmerhin lauern sie tags darauf W. und Moni auf und wollen ihr Brikett wiederhaben. Moni könnte den einen sofort attackieren, aber wir sehen etwas wie instantanen Respekt aufblühen, die Szene eines kooperativen Spiels zwischen Widersachern, die sich tatsächlich aus guten Gründen nicht lieben, aber respektieren._

Der Deal kommt vor dem Streichelzoo zustande. W. hat in den Monaten, als er sein Pflegeheim für vierbeinige Philosophen plante, in Homer sein künftiges Dröhnchen erkannt. Er soll liefern.

Was sonst noch geschah: Hier sehen wir, wie der geile Zwerg, erstaunlich gut versteckt, auf dem Weg zu seiner Rache an Zara das Kalifat des Islamischen Staats durchquert. Die Gotteskrieger erkennen seine List nicht, obschon sie für die Taliban nach ihm fahnden.

Verabschieden wir uns hier nun also, vorübergehend, von unseren Helden. W. fährt mit Moni U-Bahn, ein Akt monimostischer Schlafmalerei, wie er im Buche stünde, wäre das denn erhalten geblieben. Jetzt sind sie nur noch Muster. Das Individuum verschwindet im Ornament. Auf bald, Freunde!


Kynästhesie ist eine Graphic Novel von Josefina Capelle (Grafik) und Hans Hütt (Text)



Anmerkung der Redaktion (Alexander von Streit):
Nach 13 Episoden, die wir seit dem Start fast durchgehend wöchentlich veröffentlicht haben, war das die letzte Folge dieser Graphic Novel bei Krautreporter. Wir überprüfen gerade mehrere Formate/Themen, um unser redaktionelles Programm neu zu mischen. So haben wir auch die Serie Datensport beendet, um uns auf andere Themen konzentrieren zu können. Gerade in einem so jungen Medium wie unserem ist es nötig, viele Dinge auszuprobieren, vor allem auch schräge Formate wie W.s Veteranen. Und es wird nicht die letzte ungewöhnliche Idee sein, die wir realisieren. Das Ende dieses Formates ist keine Absage an die Erzählform Graphic Novel. Ich bin mir sicher, dass wir in diesem Bereich noch einiges bringen werden.