Krautreporter

Das letzte Tabu des Rap

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  • Zahlen aktualisiert 17. Oktober, 21:51 Uhr
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Was für ein schöner Name: Bass Sultan Hengzt. Was für ein rassiger Albumtitel: „Musik wegen Weibaz“. Der Berliner Rapper ist in deutschen Hip-Hop-Kreisen für seine wenig einfühlsame Art bekannt. Bitches, Beats und Bombenstimmung. So verkürzt lautete bisher die Erfolgsformel seiner Karriere. Sechs Alben in zehn Jahren, das letzte erreichte die Top 5 der Verkaufscharts.

Nun hat er vergangene Woche auf Twitter das Foto von zwei sich küssenden Männern gepostet – es soll die Premium-Edition seiner im Mai erscheinenden „Weibaz“-Platte schmücken. Sofort beschimpften ihn Fans, angeblich soll er Morddrohungen erhalten haben, innerhalb von einer Stunde verlor er 100 Facebook-Freunde, den Musiker kümmert es wenig. „Homophobie läuft“, twitterte er.

Das Cover, das den schwulenfeindlichen Shitstorm ausgelöst habe, sei zunächst scherzhaft gemeint gewesen, heißt es bei rap.de. Hengzt habe aber auch viel Lob erhalten. Und bekannt gegeben, dass es tatsächlich das Cover der Premium Edition werde – frei nach dem Motto “Jetzt erst recht”.

Die Morddrohungen legte Fabian Cataldi, wie Bass Sultan Hengzt mit bürgerlichem Namen heißt, in einem Interview von „Spiegel Online“ offen. An dieser Stelle möchte ich kurz darauf hinweisen, dass er in der Vergangenheit nicht gerade zimperlich in seiner Wortwahl war. Beispiel aus „Battle dies, battle das“: „Ich fick deine Mutta während dein Pa in die Hände clappt.“

Wie konnte das passieren? Wird aus dem Gangster-Rap, einer Bastion von gepflegten Ressentiments, plötzlich ein aufklärerisches Genre? Sookee, Rap-Künstlerin aus Berlin-Neukölln, sagt dazu: „Es ist die Frage, wie gut man das sehen will, wie niedrig die Erwartungen gesteckt sind. Ich empfinde Bass Sultan Hengzt nicht als einen Kämpfer für emanzipatorisches Denken.“ Die Rapperin hat sich bereits in der Aufschrei-Debatte als streitbare Kritikerin hervorgetan. Sie gesteht dem Rapper BSH eine Entwicklung zu, hofft aber auf mehr Substanz als ein einziges hochgeladenes Bild.

Sookee

Foto: Sookee Lila Samt Promo Pics by Tainted Lenses

Dem Tagesspiegel hat sie damals ein schönes Interview zum Thema Aufschrei gegeben. Nachzulesen hier.

Jahrelang besaß das zerrüttete Verhältnis von Homosexuellen und Hip-Hoppern hierzulande ein klares Bild: Wie Bushido 2009 mit CSD-Demonstranten aneinandergerät. Der Hip-Hop-Musiker (Zitat aus dem Stück „Berlin“ von 2006: „Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel“) legte sich an einem Imbiss in Kreuzberg mit Teilnehmern des Transgenialen CSD an, beleidigte eine Frau wegen ihrer sexuellen Orientierung, es kam zu Übergriffen, und am Ende erhielt der Rapper eine Anzeige.

Ich erinnere mich dunkel daran, auch ein Video auf Youtube gesehen zu haben. Das konnte ich leider nicht mehr finden. Doch die traurige Episode kann man auch nachlesen.

Blumentopf rappten 2001 auf ihrem Album „Eins A“: „Was ist schlimmer, der MC der schwul als Synonym für Scheiße nimmt, oder Mags, die schreiben: Hammer was der Typ für Zeilen bringt?“ Für einen Großteil der Hip-Hop-Szene war diese Frage lange sehr leicht zu beantworten.

Langsam, mit Trippelschritten, wie in der ersten Tanzstunde, bewegt sich nun Hip-Hop auf Homosexuelle zu. Im März 2014 sagte der Hamburger Rapper Samy Deluxe der „Süddeutschen Zeitung“: „Männlich zu sein bedeutet auch, schwul zu sein.“ Der Musiker engagiert sich seit Jahren in der Aids-Hilfe. Aids ist eine Krankheit, die bekanntlich nicht nur von einigen Hip-Hoppern für eine „Schwulenseuche“ gehalten wird.

„In den letzten Jahren hat eine starke Ausdifferenzierung in der Szene stattgefunden“, sagt Sookee. „Das ist schon mal was. Es gibt schlaue Menschen und jede Menge Idioten. Die eine lösen die anderen aber noch nicht ab.“

Samy Deluxe geriet allerdings Anfang der Nullerjahre in die Kritik, weil er laut Thees Uhlmann (Sänger von Tomte) damals mitverantwortlich war, „schwul“ als Synonym für „schlecht, mies, blöd“ in die Szene eingeführt zu haben. Darüber hat im Juli 2007 Martin Reichert in der „Taz“ geschrieben.

Faktencheck im Winter 2015: Das von der Kritik gefeierte Rap-Duo Zugezogen Maskulin (Album „Alles brennt“) distanziert sich in Interviews von Homophobie und Frauenfeindlichkeit. Der Essener Rapper Favorite veröffentlich auf seiner Platte „Neues von Gott“ einen „Gay Rap“ – eine Persiflage auf schwulen Sex. Oder wie Sookee urteilt: „Eine einzige Freakshow, null Respekt für sexuelle Identität.“

Mark Forster, ein dem Hip-Hop zugeneigter Sänger (vergangenes Jahr einen Riesenhit mit „Au revoir“), veröffentlicht etwa zur selben Zeit einen Video-Clip, dessen Hauptfiguren zwei verliebte Jungs sind, die Banken überfallen. „Flash mich“ ist kein speziell auf Homosexuelle geschriebener Song – die Inszenierung als schwule Bonny-und-Clyde-Story nehmen ihm einige Fans trotzdem übel. Vielleicht auch, weil er zum künstlerischen Umfeld des früheren Skandalrappers Sido gehört und andere Erwartungen erfüllen soll.

https://www.youtube.com/watch?v=XNMFTqhcNrE

Mark Forster ist durch den Sido-Song „Einer dieser Steine“ von 2013 bekannt geworden, auf dem er einen Gastpart als Sänger hat. Im Gegenzug rappt Sido auf Forsters Erfolgssingle „Au revoir“.

"Uns war natürlich völlig klar, dass über ein Video mit zwei schwulen Jungs, die eine Bank ausrauben wollen, diskutiert werden wird“, erklärt Forster auf Anfrage angesichts der vielen negativen Kommentare auf Kanälen wie Facebook oder Youtube. „Aus dem Alter, sich über so etwas völlig Normales aufzuregen, müsste unsere Gesellschaft schon eine Weile raus sein.“

Unsere Gesellschaft? In dieser Formulierung liegt ein Körnchen des Wandels, mit dem sich die Musiker befassen. Sie sind nicht mehr die Außenseiter aus den vernachlässigten Randbezirken, sie sind Immobilienbesitzer in innerstädtischen Top-Lagen. Sie sind Teil der Gesellschaft. Sookee sagt: „Ich finde das niedlich, wenn Männer wie Bass Sultan Hengzt plötzlich Kinder bekommen, feststellen, dass sie bislang Mist gebaut haben und sich in ein bürgerliches Leben einrichten wollen.“ Man nähert sich der Mitte an – und in der gehört es sich seit langem nicht mehr, Homosexualität zu stigmatisieren.

Auch im Mutterland des Hip-Hop überdenken Rapper seit einigen Jahren, wie sie zu diesem Thema stehen. Die Auseinandersetzung begann spätestens 2007, als Superstar Kanye West in einem MTV-Interview erklärte, dass Rap zu homophob sei. Die weltweit erfolgreichsten Rapper des Jahres 2013, Macklemore & Ryan Lewis („Thrift Shop“), feierten in ihrem Hit „Same Love“ die Universalität von Liebe. Das Duo trat mit diesem Lied vergangenes Jahr bei den Grammy-Musikpreisen auf, Queen Latifah und Madonna unterstützten sie – und ein Priester traute während der Performance 33 homo- und heterosexuelle Paare auf der Bühne.

In den USA ist Homosexualität ein politisches brisantes Thema – noch stärker als in Westeuropa. Erstmals hat sich ein Präsident, Barack Obama, für die Schwulenehe ausgesprochen. Dazu einer, den viele Hip-Hop-Künstler öffentlich unterstützen. Dass die Vorbilder aus den USA „it’s okay to be gay“ sagen, kann auf die deutsche Epigonenkultur nicht folgenlos bleiben. 50 Cent, vor zehn Jahren das Vorbild aller Freizeitgangster, rückte von seiner homophoben Vergangenheit ab (Zitat 2005: „Being gay isn’t cool – it’s not what the music is based on“) und unterstützt nun Obamas Equality-Kampagne.

Genauso wie Musikmogul Jay-Z. Der New Yorker fördert unter anderem die Karrieren von Popsängerin Rihanna und des Rappers und R&B-Sängers Frank Ocean. Dieser hat auf seinem hoch gelobten Album „Channel Orange“ (2012) ein Liebeslied für einen Mann geschrieben und zeigt sich auf öffentlichen Auftritten an der Seite eines männlichen Begleiters. Zur Belohnung durfte er mit Jay-Z-Gattin Beyoncé auf ihrem letzten Album singen.

Auch Russell Simmons, Mitgründer der legendären Hip-Hop-Plattenfirma Def Jam, begrüßte in einem Statement das etwas verschleierte Coming-Out von Frank Ocean. Er schrieb: „Today is a big day for hip-hop.“

„Ich war mehr als nur ein bisschen feindselig“

Der Fall Frank Ocean scheint auf Deutschland auszustrahlen. Ihm hat der Aachener Rapper Elmo einen Track gewidmet, der im Januar dieses Jahres erschien. Die reflektierte Stimme eines libanesisch-stämmigen jungen Mannes, der seine Haltung zum eigenen Schwulenhass hinterfragt. „Ich war mehr als nur ein bisschen feindselig, du kannst sogar Liebe hassen, wenn du es dir einredest“, heißt es im Text. Und weiter: „Wie konnte ich diskriminieren, dabei bin ich selbst Teil einer Minderheit?“

Elmo wollte eigenen Angaben zufolge das Lied nicht an die große Glocke hängen, weil ihn „ankotze“, wenn das Thema nur zu PR-Zwecken genutzt werde. Nichtsdestotrotz hat er sich im Zuge der BSH-Diskussion entschlossen, die EP „+-0“ nun einem größeren Hörerkreis zugänglich zu machen.

Sookee glaubt, dass solche Titel mehr erreichen als ein knalliges Bild auf einer CD. Ihre Hoffnung: „Ich wünsche mir eine Entwicklung im Rap: dass es ein Outing unter den Rappern geben kann, dass auch weibliche Homosexualität sichtbar wird.“ Ob Bass Sultan Hengzt dafür einstehen wird?

Und was ist mit den Fans, die ihre Pubertät unter dem Eindruck von Bushido, BSH und Haftbefehl erlebt haben? Paul Bühre, ein 16-jähriger Schüler aus Berlin, hat vor kurzem den Bestseller „Teenie Leaks“ geschrieben – ein Erfahrungsbuch über Jugendliche. Darin heißt es: „Niemand außer ein paar Gestörten ist ernsthaft rassistisch oder homophob. Alle hören Macklemores Lied Same Love, in dem er sagt, warum er für Gleichberechtigung von Homosexuellen ist.“