Rechts im Bild ist der Gründer der Waldorfschulen, Rudolf Steiner, zu sehen. Auf ihn regnen 50-Euro-Scheine.

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So viel Geld steckt der deutsche Staat in Waldorfschulen

Ohne systematisch zu prüfen, was damit passiert. Kontrollen in Schweden und England zeigen, warum das ein Fehler ist.

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Noch nie gingen so viele Schüler:innen auf Waldorfschulen wie heute: über 90.000. Allein in Deutschland gehören dem Bund der Freien Waldorfschulen nach eigenen Angaben 253 Schulen an. Für Menschen, die finden, dass an öffentlichen Schulen zu viel Notendruck herrscht und zu wenig Kreativität gefördert wird, heißt in vielen Orten die einzige Alternative: Waldorf.

Und als sogenannte anerkannte Ersatzschulen in freier Trägerschaft genießen Waldorfschulen deutlich mehr Freiheiten als die meisten öffentlichen Schulen. Unsere Recherche gemeinsam mit dem ZDF Magazin Royale zeigt, welche Folgen diese Freiheiten haben können: Die Waldorf-interne Lehrerausbildung verläuft in Teilen esoterisch. Zudem führen die Strukturen in Waldorfschulen offenbar dazu, dass Fälle von gewalttätigen Lehrkräften und sexuellen Übergriffen jahrelang unaufgedeckt bleiben können.

Deshalb wollten wir wissen: Wie viel Steuergeld steckt der Staat eigentlich in diese Schulen? Weiß er, was genau mit dem Geld passiert? Und kontrollieren die zuständigen Ministerien regelmäßig, ob Waldorfschulen die Anforderungen des Grundgesetzes erfüllen – auf denen diese Zahlungen beruhen?

Warum der Staat Waldorfschulen finanziell unterstützen muss

Wie der deutsche Staat mit Waldorfschulen als staatlich anerkannte Ersatzschulen umzugehen hat, steht fest verankert im Grundgesetz. In Artikel 7, Absatz 4 heißt es:

„Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet. Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen.“

Daraus folgt: Da eine Schule Geld kostet, muss der Staat Ersatzschulen, die er genehmigt, auch finanziell unterstützen.

Waldorfschulen gehören zu Deutschlands bekanntesten reformpädagogischen Schulen in freier Trägerschaft. Neben den Waldorfschulen gibt es noch Alternativen wie die Montessori-Schulen oder die weniger verbreiteten Freinet- und Jenaplan-Schulen. Auch konfessionelle Schulen, die von der Evangelischen oder Katholischen Kirche geführt werden, und internationale Schulen fallen unter das Privatschulgesetz. Der Träger öffentlicher Schulen ist meist die Schulbehörde der Gemeinde oder des Kreises. Waldorfschulen dagegen werden meist von einem Schulverein betrieben, der zum Beispiel für die Einstellung von Lehrkräften verantwortlich ist. Ein großer Teil des Geldes, das Waldorfschulen zur Verfügung haben, um diese zu bezahlen, kommt wiederum vom Staat.

Wie viel Geld Waldorfschulen bekommen, hängt – wie das gesamte Bildungswesen – von den einzelnen Bundesländern ab. In den meisten Bundesländern ist die Rechnung einfach: Die Bildungsministerien schauen sich an, wie viel Geld öffentliche Schulen pro Schüler:in bekommen und zahlen den Waldorfschulen einen Anteil dieses Geldes aus. Dieser Anteil variiert von Bundesland zu Bundesland leicht. In Thüringen beispielsweise bekommen die Schulen 80 Prozent dessen, was das Land für Schüler:innen einer öffentlichen Schule ausgibt. Im Jahr 2021 waren das etwa 6.300 Euro pro Waldorf-Schüler:in. In anderen Ländern sind die Anteile höher: Hamburg zahlt 85 Prozent eines normalen Schülerbudgets aus, in Berlin sind es sogar 93 Prozent.

Eine vergleichbare öffentliche Schule ist für die ersten vier Klassen einer Waldorfschule beispielsweise eine öffentliche Grundschule, für die 13. Klasse ein Gymnasium.

Der Staat zahlt jedes Jahr mehr Geld an Waldorfschulen

Der deutsche Staat unterstützt Waldorfschulen also. Wie viel genau die Bundesländer aber jährlich zahlen, hat bisher noch niemand zusammengetragen.

Für unsere Recherche haben wir deshalb gemeinsam mit dem ZDF Magazin Royale bei den Kultusministerien der 16 Bundesländer nachgefragt, wie viel Geld in den vergangenen zehn Jahren in die Waldorfschulen geflossen ist. Bis auf Hessen konnten uns alle Behörden Auskunft geben. Dort allerdings, so heißt es aus dem Kultusministerium, unterscheide man in der Kostenaufstellung nicht zwischen Waldorfschulen und anderen Privatschulen. Wie viele Millionen Euro genau jedes Jahr in Hessen in die 19 Waldorfschulen fließen, weiß also nicht mal Hessen selbst.

Unsere Auswertung zeigt: Die 15 übrigen Bundesländer haben allein im Schuljahr 2020/2021 über 585,9 Millionen Euro in Waldorfschulen gesteckt. Die finanzielle Förderung der Waldorfschulen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Vor zehn Jahren, im Schuljahr 2011/2012, zahlten die Bundesländer noch rund 200 Millionen Euro weniger.

Der Staat gibt jedes Jahr mehr Geld für Waldorf-Schulen aus.

Hintergrund: NASA | Gestaltung: KR

Die Gesamtsummen der Ausgaben für Waldorfschulen sind fast, aber nicht komplett vollständig. Für Bremen liegen lediglich die Daten ab dem Jahr 2016 vor. Der Bremer Bildungssenat schreibt, dass die Höhe der Zuschüsse für die Jahre vorher nicht mehr zuzuordnen ist.

In zehn Jahren hat sich die finanzielle Förderung also um rund 50 Prozent erhöht. Die Zahl der Schüler:innen an Waldorfschulen dagegen nur um etwa sechs Prozent, von 85.000 auf 90.000.

Bevorzugt der Staat also plötzlich Waldorfschulen? Nein. Der Grund für den Anstieg ist vielmehr, dass die Bundesländer insgesamt mehr Geld für Schüler:innen ausgeben. Nicht nur an Waldorfschulen. Schließlich ist die Höhe der Zuschüsse, die an Waldorfschulen fließen, abhängig von der Höhe des Geldes, das der Staat pro Schüler:in an öffentlichen Schulen ausgibt. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes gaben öffentliche Haushalte im Jahr 2011 durchschnittlich 6.500 Euro für die Ausbildung einer Schüler:in an öffentlichen Schulen aus. Im Jahr 2019 waren es bereits 8.900 Euro.

Wie viel Geld die Bundesländer in Waldorfschulen stecken, unterscheidet sich extrem – denn nicht in jedem Bundesland ist das Waldorf-Konzept gleich beliebt. Am wenigsten Geld gibt Bremen aus: Im vergangenen Schuljahr 2020/2021 waren es 4,5 Millionen Euro, dort gibt es allerdings auch lediglich drei Waldorfschulen. Am meisten lassen sich Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen die Schulen kosten. In beiden Ländern gibt es 57 Waldorfschulen. Baden-Württemberg überwies den Schulen im vergangenen Schuljahr rund 143 Millionen Euro, Nordrhein-Westfalen überwies mit rund 151 Millionen Euro bundesweit das meiste Geld. Mehr als 30-mal so viel wie Bremen.

NRW steckte 2020/21 am meisten Geld in Waldorfschulen.

Hintergrund: NASA | Gestaltung: KR

Waldorfschulen strichen in den vergangenen zehn Jahren insgesamt über 4,7 Milliarden Euro an staatlichen Zuschüssen ein. Damit sind erst einmal die Schüler:innen abgedeckt. Wollen Waldorfschulen die Turnhalle sanieren oder sich Tablets anschaffen, helfen viele Bundesländer mit weiteren Förderungen aus. Allein Sachsen hat in den vergangenen zehn Jahren 20,3 Millionen Euro zusätzlich für Bauvorhaben an Waldorfschulen bewilligt.

Ein Platz an der Waldorfschule kostet rund 200 Euro im Monat

Die Bundesländer decken allerdings nicht 100 Prozent der Kosten ab, die an Waldorfschulen anfallen. An Waldorfschulen werden deshalb üblicherweise Schulgebühren fällig, der sogenannte Elternbeitrag. Die Höhe unterscheidet sich nicht nur von Bundesland zu Bundesland, sondern auch von Waldorfschule zu Waldorfschule und selbst innerhalb einer Schule. Denn an den meisten Schulen sind die Beiträge nach dem Gehalt der Eltern gestaffelt. Im Schnitt zahlten Eltern 197 Euro pro Monat im Jahr 2020, sagt der Bund der Freien Waldorfschulen auf Anfrage.

Diese Dachorganisation kassiert einen Anteil der Elternbeiträge. Im Jahr 2021/22 lag dieser bei 195,80 Euro pro Schüler:in und Jahr. Insgesamt hat der Bund also rund 17,2 Millionen Euro von Eltern erhalten. Rund drei Viertel dieses Geldes steckt der Verein in die waldorfeigenen Institute zur Ausbildung seiner Lehrkräfte. Das teilt uns der Verein auf Nachfrage mit. Unsere Recherchen zeigen, dass angehenden Lehrkräften an einigen dieser Ausbildungsstätten esoterische Inhalte vermittelt werden. Beispielsweise die Zusammenarbeit mit „Engeln“ und wie Kinder einem von vier sogenannten Temperamenten zugeordnet werden können.

Wem Engel und Temperamente nichts sagen: Beides sind Säulen der Anthroposophie, der Weltanschauung Rudolf Steiners, auf die sich Waldorfschulen direkt berufen. In diesem Text haben wir erklärt, was dahinter steckt.

Die Elternbeiträge werden nach Angaben des Bundes der Freien Waldorfschulen nicht nur für die Lehrer- bzw. Schulausbildung verwendet. Wir haben herausgefunden, dass der Bund der Freien Waldorfschulen immer wieder gegen kritische Journalist:innen vorgeht. Dabei fallen Anwaltskosten an. Wir haben den Bund gefragt, wie hoch diese Kosten in den letzten fünf Jahren waren. Dazu nahm der Bund keine Stellung. Auf die Frage, wie diese Kosten gedeckt werden, antwortete die Pressesprecherin allerdings: Die Kosten würden aus dem Verwaltungshaushalt finanziert. Dieser enthalte auch Mitgliedsbeiträge. Das heißt: Die Anwaltskosten, die anfallen, um Kritiker:innen einzuschüchtern, werden auch von den Eltern der Schüler:innen getragen.

Auch Unternehmen und Stiftungen aus dem anthroposophischen Umfeld unterstützen die Waldorfschulen. So spendet beispielsweise die GLS-Treuhand, die zur GLS-Bank gehört, ihrer Website zufolge an einige anthroposophische Vereine und Waldorfschulen wie beispielsweise die Freie Interkulturelle Waldorfschule Berlin oder den Waldorfpädagogik Weimar e.V., über den in den vergangenen Jahren wegen mutmaßlich gewalttätiger Lehrkräfte in vielen Medien berichtet wurde.

Was weiß der Staat über die Schulen, die er mitfinanziert?

4,7 Milliarden Euro Steuergeld in den vergangenen zehn Jahren – weiß der Staat, was genau mit diesem Geld passiert? Und kontrolliert der Staat regelmäßig, ob Waldorfschulen die Anforderungen des Grundgesetzes an Privatschulen erfüllen, auf denen diese Zahlungen beruhen?

Wenn es um Geld und Kontrolle geht, sind Landesrechnungshöfe (LRH) die richtige Adresse. Landesrechnungshöfe sollen, unabhängig von der Regierung, die Haushalte der öffentlichen Verwaltungen prüfen. Also haben wir alle 16 Landesrechnungshöfe gefragt, ob sie sich in den letzten zehn Jahren mit den Waldorfschulen in ihrem Bundesland beschäftigt haben. Aus den Antworten geht hervor, dass die Finanzierung der Waldorfschulen in neun der 16 Bundesländer keiner Prüfung durch die Landesrechnungshöfe unterzogen wurde. Fünf Landesrechnungshöfe haben Schulen in freier Trägerschaft allgemein untersucht und nur zwei – Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen – blickten in ihren Berichten speziell auf Waldorfschulen.

Los geht es in Niedersachsen. Der LRH Niedersachsen schreibt 2015 in seinem Jahresbericht über Privatschulen: „Die Niedersächsische Landesschulbehörde gewährte den Schulträgern Finanzhilfen in Höhe von jährlich rund 213 Millionen Euro, ohne systematisch überprüft zu haben, ob die entsprechenden rechtlichen Vorgaben vorlagen.“ Das heißt also, ohne geprüft zu haben, ob Privatschulen sich an die Vorgaben des Grundgesetzes halten.

Der LRH schreibt weiter, „dass sich die Landesschulbehörde im Rahmen der Genehmigungsverfahren keine schuleigenen Lehrpläne der Ersatzschulen vorlegen ließ. Auch im weiteren Schulbetrieb kontrollierte sie nicht, ob die verfassungsrechtlich geforderte Gleichwertigkeit von Lehrzielen und Einrichtungen an Schulen in freier Trägerschaft erreicht wurde.“

Das heißt: Wie anthroposophisch der Unterricht an den Waldorfschulen wirklich ist, die sie finanzieren, kann das Land Niedersachsen kaum wissen. Auch wir können nach monatelanger Recherche nicht sagen, wie präsent die Ideologie in den Klassenzimmern ist. Allerdings: In der Ausbildung zur Waldorf-Lehrkraft ist Esoterik fest verankert.

Besonders pikant ist deshalb eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2004. Seit dieser schulgesetzlichen Änderung durch das Land Niedersachsen mussten sich Privatschulen den Einsatz von Lehrkräften nicht mehr genehmigen lassen. Privatschulen mussten dem Kultusministerium also nicht einmal mehr mitteilen, wenn sie eine neue Lehrkraft einstellten. Das Bundesland konnte also gar nicht kontrollieren, ob die Ausbildung von Waldorf-Lehrkräften nicht hinter denen an öffentlichen Schulen zurücksteht. Das wäre aber laut Grundgesetz eigentlich eine Voraussetzung für die finanzielle Unterstützung.

Auf Nachfrage haben wir erfahren, dass SPD und CDU das Thema im Juni 2022 in den niedersächsischen Landtag eingebracht haben. In ihrem Antrag wird der Aspekt der Qualifikation von Lehrkräften expliziert thematisiert. Jetzt wird mit den Verbänden der freien Schulen ein Konzept für eine landesweit geltende Genehmigungspraxis erarbeitet.

Auch der LRH in Hamburg kritisiert, wie wenig die Schulbehörde darüber weiß, was in Privatschulen passiert und somit auch an Waldorfschulen. Der einzige und letzte Bericht stammt aus dem Jahr 2012. Damals schreibt der LRH: „Der Schulaufsicht fehlen die erforderlichen Informationen, um Gleichwertigkeit und Qualität des Unterrichts von Ersatzschulen im laufenden Schulbetrieb systematisch zu beurteilen.“

Das bedeutet: Wie gut der Unterricht in Privatschulen ist, wusste der Hamburger Bildungssenat 2012 nicht, eine regelhafte und systematische Überprüfung der pädagogischen Arbeit fand zu diesem Zeitpunkt an Privatschulen – also auch an Waldorfschulen – nicht statt. Auf unsere Nachfrage, ob sich daran etwas geändert habe, antwortete die Hamburger Schulbehörde bisher nicht.


Was hinter Waldorfschulen steckt, ist nur eines von vielen Themen, denen sich unser Bildungsreporter Bent Freiwald widmet. Wenn du seine nächste Recherche nicht verpassen möchtest, abonniere seinen Newsletter „The Kids Are Alright“.


Vielleicht wäre der Behörde sonst Folgendes aufgefallen: Waldorfschüler:innen beanspruchen im Vergleich häufiger Nachhilfe als Schüler:innen an öffentlichen Schulen. Fast die Hälfte aller Waldorfschüler:innen hat laut dieser ebenfalls 2012 veröffentlichten Befragung in den zwölf Monaten, bevor sie befragt wurden, regelmäßig oder gelegentlich Nachhilfe erhalten. Zum Vergleich: Bei der Shell-Jugendstudie von 2010 lag dieser Wert für alle Schulformen bei 24 Prozent. Die Autor:innen der Waldorf-Befragung schreiben: „Waldorfschüler fühlen sich naturgemäß schlechter auf staatliche Abschlussprüfungen vorbereitet als Schüler an Regelschulen.“

Waldorf-Lehrkräfte in Schleswig-Holstein werden zu schlecht bezahlt

Kommen wir noch einmal zu den Lehrkräften: Ersatzschulen müssen ihre Lehrkräfte ordentlich bezahlen. Auch das steht im Grundgesetz:

„Die Genehmigung [von privaten Schulen] ist zu versagen, wenn die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrkräfte nicht genügend gesichert ist.“

Das Bundesarbeitsgericht hat 2015 am Beispiel Sachsen erarbeitet, was das bedeutet: Lehrkräfte an Privatschulen sollten mindestens 80 Prozent des Gehalts bekommen, das Lehrkräfte ähnlicher Schulformen an öffentlichen Schulen verdienen.

Ist das bei Waldorfschulen immer der Fall?

Der LRH Schleswig-Holstein schreibt in seinem Bericht von 2019: „Die geprüften Waldorfschulen zahlen zwischen 53,1 und 80,5 Prozent dessen, was vergleichbaren Beschäftigten im Dienst des Landes gezahlt wird.“ Das ist nicht nur zu wenig, das ist grundgesetzwidrig wenig.

Auf Nachfrage schreibt uns das Kultusministerium Schleswig-Holstein, es habe die Waldorfschulen nach dem Bericht des LRH gefragt, wie sie die Gehälter der Lehrkräfte berechnen. Wie viel die Lehrer:innen genau verdienen, sei nicht abgefragt worden. Die Pandemie habe weitere Prüfungen bisher verhindert, schreibt das Kultusministerium. Diese seien aber notwendig.

Nordrhein-Westfalen zahlt den Waldorfschulen zu viel

In Schleswig-Holstein gibt es – wie in den meisten anderen Bundesländern – ein eigenes Ausbildungsseminar für Waldorf-Lehrkräfte: das Waldorflehrerseminar in Kiel. Das Land Schleswig-Holstein bezuschusst das Seminar laut LRH mit 153.000 Euro pro Jahr und das seit über 25 Jahren. Verpflichtet ist das Kultusministerium dazu nicht. Der LRH schreibt, dass es Anfang der 1990er Jahre eine Absprache zwischen dem Waldorflehrerseminar und dem Kultusministerium gegeben haben soll. Aber: „Zu keinem Zeitpunkt hinterfragte das Bildungsministerium die Notwendigkeit der Zuwendung.“

Auf Nachfrage schreibt uns das Ministerium, die Notwendigkeit werde auch grundsätzlich weiterhin gesehen. Wofür genau das Geld eingesetzt wird, weiß aber selbst das Ministerium nicht. Besonders interessiert scheint man daran auch nicht zu sein: Es erfolgte „durch das Land Schleswig-Holstein keine Kontrolle der wissenschaftlichen Qualität der Ausbildung an dem Waldorflehrerseminar Kiel“, schreibt das Ministerium auf KR-Nachfrage.

Auch das Bundesland Nordrhein-Westfalen steckt überraschend viel Geld in Waldorfschulen. Der dortige LRH schreibt: zu viel.

In seinem Bericht von 2019 heißt es: Das Land finanziere 85 Vollzeitstellen für Lehrkräfte über den Bedarf hinaus. Das entspreche Kosten in Höhe von 4,95 Millionen Euro. Das Bildungsministerium sieht laut dem Bericht trotzdem „allenfalls geringfügigen Änderungsbedarf“.

Schweden hat geprüft: 27 von 35 Waldorfschulen haben Mängel

Was passieren kann, wenn der Staat Kontrollen systematisch durchführt, kann man in Schweden beobachten. Dort hat die Schulaufsicht im Jahr 2022 zum ersten Mal alle Waldorfschulen im ganzen Land inspiziert. Der Bericht erschien im Oktober. An mindestens 27 der 35 Schulen wurden dabei Mängel festgestellt.

Auch Schweden hatte die Waldorfschulen jahrelang unbeobachtet gelassen. Erst eine Dokumentation im Jahr 2021 löste eine Debatte aus. In „Die auserwählten Kinder“ berichten ehemalige Schüler:innen der Waldorf-Solvik-Schule in Järna von schwerem Mobbing, Übergriffen und körperlicher Gewalt.

An 15 der überprüften Schulen erhielten die Schüler:innen nicht die ihnen gesetzlich zustehende Unterrichtszeit, an 14 fehlten frühkindliche Förderungsmaßnahmen und in etwa einem Drittel der Waldorfschulen gebe es der Schulaufsicht zufolge keine ausreichenden Schutzmaßnahmen gegen Missbrauch. Der Bericht stuft auch als problematisch ein, dass Waldorf-Lehrkräfte – wie in Deutschland – keine staatliche Lehramtsausbildung wie an öffentlichen Schulen vorweisen müssen. Die Schulaufsicht empfehle, die gesetzlichen Ausnahmen für Waldorfschulen zu überprüfen, heißt es im Bericht.

Auch in England wurden 2019 Steiner-Schulen geprüft, berichtet unter anderem der Guardian. Die Hälfte der 26 Schulen wurde als „vollkommen unzulänglich“ eingestuft, sieben als „verbesserungswürdig“ und nur sechs als „gut“.

Amanda Spielman, die Chefinspektorin für Schulen in England, forderte in einem Brief an die Regierung „eine gründliche Untersuchung der zugrundeliegenden Prinzipien der Steiner-Pädagogik“. Es müsse geklärt werden, ob die pädagogischen Ideen zu den Mängeln an den Schulen beitragen. Denn: Mehr als drei Viertel aller Steiner-Schulen wurden mit „schlechter als gut“ bewertet. Das treffe laut Spielman nur auf rund 15 Prozent der öffentlichen Schulen in England zu. Die englische Schulaufsicht bemängelte die unzureichende Begleitung von Schüler:innen mit Förderbedarf, Mängel in der Unterrichtsqualität und die schlechte Führung an vielen Schulen.

Eine deutsche Schule musste nach Prüfung schließen

Rund 586 Millionen Euro Steuergeld steckte der Staat im Schuljahr 2020/21 in Waldorfschulen. Mal werden die Lehrkräfte zu schlecht bezahlt, wie in Schleswig-Holstein, und mal scheint das Land sogar zu viel Geld in Waldorfschulen zu stecken, wie der Fall Nordrhein-Westfalen zeigt. Die Berichte von Landesrechnungshöfen weisen darauf hin, dass Waldorfschulen in Deutschland nicht systematisch und strukturell überprüft werden.

Über das, was in Waldorfschulen passiert, wissen die Bundesländer, die den Schulen jedes Jahr Hunderte Millionen Euro zur Verfügung stellen, also erstaunlich wenig.

Doch manchmal schaut der Staat dann eben doch genauer hin. Etwa in Rheine bei Münster. Hier hatten sich Eltern darüber beschwert, dass Corona-Maßnahmen nicht eingehalten wurden. Daraufhin hat die Bezirksregierung die Schule geprüft. Zum 30. September 2022 wurde der Schule schließlich die Genehmigung entzogen.

Das Verwaltungsgericht Münster fand daraufhin noch weitere Mängel. So hätten Personen die Schule geleitet, „die nicht über die schulrechtlich erforderliche Genehmigung verfügten.“ Außerdem sei auch nicht mehr von der gesetzlich vorgegebenen Gleichwertigkeit der Waldorfschule in Bezug auf öffentliche Schulen auszugehen. Das Verwaltungsgericht schreibt: Es bestünden erhebliche Zweifel daran, dass an der Schule im Kern die gleichen Kenntnisse und Fähigkeiten wie an öffentlichen Schulen vermittelt würden.


Redaktion: Lisa McMinn, Esther Göbel, Thembi Wolf; Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos, Audiversion: Iris Hochberger

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