Ein Flugzeug steht am Gate.

Alle Fotos: ©Martin Schibbye

Nachrichten, erklärt

Jeden Tag drei Särge

Tausende Arbeitsmigrant:innen sterben in Katar, oft bleibt die Ursache unklar. Viele der Opfer stammen aus Nepal. Bürokraten und „Todes-Diplomaten“ helfen den Angehörigen bei Entschädigungen.

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Die Toten starren direkt in die Kamera. Seite für Seite sind ihre Passbilder an die Anträge geklebt oder getackert, zusammen mit Fingerabdrücken, Arbeitsverträgen, Visa und Totenscheinen. Die Stapel bedecken den ganzen Tisch im Büro von Nepals Behörde für Beschäftigung im Ausland.

Rajan Shrestha blättert durch den Stapel des heutigen Tages. Es sei schwer, Statistiken und Daten zu erfassen. Die einzige Zahl, die er sicher nennen kann, ist eine vom Ende des ersten Jahres der Corona-Pandemie: Als 2020 endete, waren 1.213 Menschen in Särgen aus den Golfstaaten überführt worden. Drei pro Tag.

Ein Mann sitzt an einem Tisch, vor ihm mehrere Stapel Anträge.

Nepals Gastarbeiter-Ausschuss bearbeitet alle Anträge von Familien.

„Am Anfang traf ich täglich die Witwen und vaterlosen Kinder in meinem Büro. Die Tränen und entsetzten Gesichter, darauf kann einen niemand vorbereiten“, sagt Rajan Shrestha. Mittlerweile wird alles digital gemacht. Aber täglich schreibt Shrestha Schecks für die Familien der Opfer. „Jeden Tag, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, empfinde ich ein großes Gefühl von Verlust. Und so geht es uns allen hier. Wenn ich nach fünf Uhr meine Kollegen ansehe, sind alle Gesichter traurig.“

Woran starben die Arbeiter von Katar wirklich?

Eine der Voraussetzungen, um die 5.000 US-Dollar Entschädigung zu bekommen, ist eine anerkannte Todesursache. In schwarzer Tinte stehen kurze stakkato-artige Sätze auf den Anträgen: Lkw-Unfall, von einem Stahlträger zerquetscht, von einem Fahrzeug eingeklemmt, stranguliert, aus dem zehnten Stock gefallen, Hirntumor, Stromschlag, Suizid, Explosion, Schlaganfall, Herzattacke, Hirntumor, Verkehrsunfall, Herzversagen, Atemnot, organische Herzkrankheit. Auf einer Seite nach der anderen steht „natürlicher Tod“, oder „Todesursache unbekannt“.


Diese Reportage ist erstmals im Juli 2022 beim schwedischen Magazin Blankspot erschienen. Das ist der dritte Teil der Reportage-Serie aus Nepal. Hier kommst du zum ersten und zweiten Teil.


Die Fluggesellschaften verlangen einen Totenschein, um die Leichen zu transportieren. „Es ist also mehr eine Formalität als ein echtes Interesse daran, warum eine Person gestorben ist“, erklärt Rajan Shrestha. Er zieht seinen Mundschutz für einen Moment herunter, um von dem dampfend heißen Tee auf seinem Schreibtisch zu trinken und rückt die kleine Anstecknadel mit der nepalesischen Flagge an seinem Jackenrevers zurecht. Verkehrslärm dringt durch die Fenster des Büros, das im Stadtviertel Babarmahal liegt.

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch, er stützt sich auf seinen Ellenbogen.

Rajan Shresta sagt, es sei kaum „natürlich“, jung und gesund zu sterben.

„Wenn ich den Scheck für die Familie eines Opfers unterzeichne, damit sie ihr Geld anfordern kann, ist es in 73 Prozent der Fälle eine ‚natürliche Todesursache‘.“ Die Zahl kennt Shrestha auswendig. Viele Male sei er danach gefragt worden. „Gegenüber den Politikern habe ich das viele Male angesprochen“, sagt er.

Häufig kommen Familien in Rajan Shresthas Büro und sagen, dass die Sterbeurkunde falsch ist. „Witwen sagen: ‚Mein Ehemann starb nicht an einer natürlichen Ursache. Sie müssen den Fall wieder aufnehmen‘. Aber mein Problem ist, dass diese Zertifikate von einer Behörde eines anderen Landes ausgestellt und abgestempelt werden. Was soll ich also machen?“ Rajan Shrestha wirft die Hände in die Luft und fügt resigniert hinzu: „Es ist wohl kaum ‚natürlich‘, jung und gesund zu sterben.“

Nicht nur Nepal, auch die Vereinten Nationen (UN) und die an die UN angegliederte Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sowie eine Reihe anderer Länder fordern Autopsien und ordnungsgemäße Untersuchungen der Todesursachen.

Vor Kurzem veröffentlichte Amnesty International einen Bericht, der zeigte, dass sieben von zehn Todesfällen ungeklärt blieben. Die Menschenrechtsorganisation überprüfte 18 von Katar im Zeitraum zwischen 2017 und 2021 ausgestellte Totenscheine für Arbeitsmigrant:innen. 15 enthielten keine Angaben über die zugrundeliegenden Ursachen, aber Formulierungen wie „akutes Herzversagen natürlicher Ursache“, „nicht spezifiziertes Herzversagen“ und „akutes Atemversagen aufgrund natürlicher Ursachen“. Diese Angaben seien nicht genug, erklärte der bekannte Pathologe Dr. David Bailey gegenüber Amnesty International. Bailey ist Mitglied der Arbeitsgruppe für Todesurkunden der Weltgesundheitsorganisation (WHO). „Im Grunde stirbt jeder am Ende an Atemnot oder Herzversagen. Die Formulierungen sind also bedeutungslos ohne eine Erklärung der Ursache.“

Fehlende Autopsien und unvollständige Untersuchungen der Todesursache von Arbeitsmigrant:innen kommen nicht nur in Katar vor. Auf Rajan Shresthas Schreibtisch liegen Unterlagen von Menschen, die in Malaysia, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien, Singapur und auf dem afrikanischen Kontinent starben. „Auch da steht fast immer ‚natürliche Ursache‘ auf den Totenscheinen“, sagt er.

Kann Nepal die Migrant:innen besser schützen?

Lange wurde die nepalesische Regierung dafür kritisiert, sich nicht um das Problem zu kümmern. Stattdessen gab sie unseriösen Arbeitsvermittlungsfirmen und ausländischen Unternehmen die Schuld. Zuletzt hat die Regierung an mehreren Fronten begonnen, den nepalesischen Arbeitsmigrant:innen zu helfen.

Am wichtigsten sei Information, sagt Rajan Shresta. „Wir haben ein Zentrum errichtet, bei dem man anrufen kann bei Fragen über Verträge, Gehälter und Visumskosten. Im Grunde alles, um gegen Betrug vorzugehen und unseriöse Arbeitsvermittler und Mittelsmänner davon abzuhalten, die Arbeiter über den Tisch zu ziehen.“

Als zweite Maßnahme hat die nepalesische Regierung eine Stelle eingerichtet, die sich um nicht gezahlte Löhne und Vertragsangelegenheiten kümmert. Mittlerweile gibt es mehr als 150 Büros in ganz Nepal, an die sich Betroffene wenden können.„Wir haben gelernt, dass wir die Arbeiter erreichen können, wenn sie gerade ihren Reisepass beantragen“, sagt Rajan Shrestha. „Wir geben ihnen dann einen verpflichtenden Kurs in Sicherheit, Gesetzen und Regeln.“

Außerdem will die nepalesische Regierung mehr Menschen ausbilden. Damit Nepal nicht nur wenig ausgebildete Arbeiter:innen exportiert, sondern Ingenieur:innen, Computertechniker:innen, Vermesser:innen, Fliesenleger:innen und Schreiner:innen. „Das ist das, was wir auf Verwaltungsebene tun können. Um weiter zu kommen, müssen die Probleme auf der politischen Ebene behandelt werden.“

Nicht immer geht es bei Rajan Shresthas Arbeit um den Tod. Es gebe auch großen Bedarf die mentale Gesundheit bei den Wanderarbeitern besser zu schützen. „Und wir helfen Menschen, die im Ausland inhaftiert sind, und Haushälterinnen, die eine Notunterkunft brauchen.“

Bei einer Trauerfeier in Kathmandu umringen die Gäste einen Toten.

Bei einer Trauerfeier in Kathmandu umringen die Gäste einen Toten.

Der Traum vom Golf muss aufhören

Ein großes Problem bleibe aber, sagt Rajan Shrestha: Die jungen Menschen im Land verherrlichen die Arbeitsmigration. „Dieses Bild des glamourösen Jobs am Golf muss verschwinden“, sagt er. „Die Arbeiter brauchen ein klares Verständnis von der Realität. In einem so armen Land wie Nepal verführen diese materialistischen Träume die jungen Menschen. Wenn wir die Todesfälle und Unfälle senken wollen, müssen wir diese Einstellungen ändern.“

Eine wichtige Rolle spielen dabei die, die zurückgekehrt sind. „Was können wir für diejenigen bereitstellen, die mit psychischen Problemen, finanziellen Problemen und Problemen mit ihrer physischen Gesundheit zurückkommen? Es muss einen Plan zur Wiedereingliederung geben. Dafür haben wir ein Budget, daran werden wir also 2022 arbeiten.“

Der Boden im Empfangsbereich von Rajan Shresthas Büro ist mit rotem Plüschteppich ausgelegt. Einige Sonnenstrahlen finden ihren Weg durch die kleinen Fenster, und es ist ruhig, abgesehen von dem blubbernden Geräusch eines blauen Wasserspenders. Ein älterer Mann sitzt auf einem Stuhl. Sein schwarzes Haar ist von einigen grauen Strähnen durchzogen, und seine Füße stecken ohne Socken in abgenutzten Hausschuhen. Hinter ihm hängt ein Plakat, auf dem die Rechte von Wanderarbeiter:innen erklärt sind. Vor einer Woche hob er das Geld ab, das sein Sohn aus den Vereinigten Arabischen Emiraten geschickt hatte. Geld, das er für die Feier zur Rückkehr seines Sohnes verwenden wollte. Das wird nicht passieren.

„Sie riefen an und sagten, dass er an einem Herzinfarkt gestorben sei. Ich werde seine Leiche herausholen und sie nach Hause bringen“, sagt der Mann kurz. Sein Atem riecht nach Alkohol und sein Gesicht ist gerötet vom Weinen.

Nepals politische Situation ist, gelinde gesagt, kompliziert. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten hat sich Nepal von einer strengen Monarchie, die von einem brutalen Bürgerkrieg geplagt war, zu einer friedlichen Republik entwickelt. Aber es dauerte fast zehn Jahre, bis eine neue Verfassung nach dem Frieden im Jahr 2006 in Kraft trat. Früher schoben die Bürger:innen alle Probleme auf den König. Heute ist alles die Schuld der Politiker:innen. Nach den letzten Wahlen bestimmten verschiedene Parteien, die aus der ehemaligen maoistischen Guerilla hervorgegangen sind, die Politik im Land. Weil die Opposition zerstritten ist, gewann die Kongresspartei NC immer mehr Macht.

Etwa die Hälfte von Nepals Bevölkerung hat keinen Zugang zu Strom und fließendem Wasser. Die vielen Wechsel bei den Regierungsparteien und ein Hin und Her in der Wirtschaftspolitik führten dazu, dass schon vor der Pandemie die Entwicklung des Landes stillstand. Trotz Missbrauch, nicht gezahlter Löhne, extremer Arbeitsbedingungen und Schwierigkeiten, den Arbeitgeber zu wechseln, wollen immer mehr Menschen zum Arbeiten ins Ausland gehen.

Nepal will die guten Wirtschaftsbeziehungen nicht gefährden

Harish Chandra Ghimire ist Kabinettssekretär des nepalesischen Außenministeriums. Nie wird er den Mann vergessen, den er Anfang der 2000er Jahre vor den Toren der nepalesischen Botschaft in Riad in Saudi-Arabien sitzen sah. Der Mann war traditionell in weiß gekleidet, sprach fließend Arabisch und schien verwirrt. „Er hatte seine Muttersprache fast vergessen. Aber er schaffte es zu erklären, dass er seinen monatlichen Lohn seit 16 Jahren, die er auf einer Farm arbeitete, nicht bekommen habe.”

Ein Mann steht links von einem Schreibtisch und blickt in die Kamera.

Der Kabinettssekretär des nepalesischen Außenministeriums, Harish Chandra Ghimire

Als Harish Chandra Ghimire, damals als Botschafter, beim Arbeitgeber des Mannes anrief, tat dieser so, als ob er nicht wüsste, nach wem er sich erkundigte. „Bei ihnen wäre niemand mit diesem Namen beschäftigt, sagte der Chef. Als ich ihm sagte, dass ich die Polizei rufen würde, fing er plötzlich an, sich zu erinnern.“

Durch das Fenster von Harish Chandra Ghimires großem Büro sieht man einen grünen und üppig bepflanzten Hinterhof. Die Regierungsgebäude in Kathmandu liegen dicht beieinander, beinahe wie eine kleine Stadt innerhalb der Hauptstadt. An der Wand hängt eine Karte mit den Provinzen Nepals. Seit seinen Erfahrungen in Saudi-Arabien glaubt er nicht mehr an sanfte Diplomatie. „Man muss hart sein, wenn man die Interessen seiner Landsleute in dieser Region schützen will.“

Heute, viele Jahrzehnte nach seiner Tätigkeit als Diplomat, ist er Kabinettssekretär und Leiter des Bereichs für die Beziehungen Nepals mit den Staaten des Nahen Ostens. Als er versteht, worum es bei dem Interview geht, bittet er darum, nicht gefilmt zu werden, bestellt einen Tee und wird ein wenig formeller.

„Migration ist eine unserer Hauptverantwortungen hier“, erklärt er. „Wir verhandeln Abkommen mit den Ländern auf Grundlage von Informationen von den Botschaften in jedem Land. Es ist wichtig, dass wir unsere Hausaufgaben über die Bedingungen dort gemacht haben.“ Die Nachfrage nach Haushälterinnen sei extrem hoch. „Mit guten, formellen Verträgen und Verfahren zur Abstimmung können wir Menschen zum Arbeiten versenden. Ohne diese Mechanismen sollten wir unsere Leute nicht als Arbeitsmigranten in fremde Länder gehen lassen.“

Spricht er gegenüber katarischen Beamten manchmal die Frage an, warum sie den Todesursachen nicht auf den Grund gehen? Es gebe arbeitsbezogene Unfälle, manchmal tödliche, sagt Harish Chandra Ghimire. Manchmal müssten Haushälterinnen von nepalesischen Diplomaten gerettet werden. Aber während der vergangenen Jahre hätten die Länder im Nahen Osten begonnen, neue Regeln durchzusetzen. „Als Diplomaten haben wir auch mehr Macht gegenüber Arbeitgebern bekommen, um unsere Landsleute zu schützen. Wenn sie nicht bezahlt werden oder zu wenig bezahlt werden, handeln wir und setzen das Unternehmen auf die schwarze Liste“, sagt Harish Chandra Ghimire.

Die Diplomatie funktioniere, sagt er. „Wir haben mächtige Instrumente, die unsere Vertretungen vor Ort nicht zögern zu benutzen.“ Dank der harten Diplomatie habe sich auch die Einstellung in Katar geändert, sagt Ghimire. „Die brauchen Arbeitskräfte und sie haben angefangen, den Wert von guter Arbeit zu verstehen. Ohne Arbeitsmigranten wäre Entwicklung in Katar nicht möglich. Das weiß der Emir.“

Treffe er Diplomaten und Politiker aus Katar, wollen sie darüber reden, wie sie in Nepal investieren können, sagt Ghimire. „Sie wollen den Tourismus entwickeln und kooperieren – über die Weltmeisterschaft hinaus. Unsere Landsleute haben sich dieses Wohlwollen über harte Arbeit in den vergangenen zehn Jahren verdient. Sie haben nicht nur für Geld gearbeitet, sie waren alle Botschafter für Nepal.“

Eine Frau lächelt in die Kamera. Sie trägt einen gelben Pullover.

Die 28-jährige Asmita Lama zahlte einem Arbeitsvermittler fast 700 US-Dollar.

Asmita Lama schämt sich, zurück in Nepal zu sein

In der katarischen Hauptstadt Doha liegt das Fünf-Sterne-Hotel St. Regis Doha an einem Privatstrand in West Bay. Alle klimatisierten Zimmer bieten Aussicht auf den persischen Golf und luxuriöse Marmor-Badezimmer mit Regendusche. Zwei der WM-Stadien, das Education City Stadium und das Khalifa International Stadium, sind nur eine kurze Taxifahrt entfernt.

Um Kellnerin im St. Regis Doha zu werden, zahlte die 28-jährige Asmita Lama einem Arbeitsvermittler fast 700 US-Dollar. „Meine Freunde waren ins Ausland gegangen und ich hatte Geschichten gehört und ihre Fotos auf Facebook gesehen. Deshalb wollte ich auch gehen“, sagt sie.

Asmita Lama trägt eine gelbe Adidasjacke. Sie gibt zu, dass sie nervös ist und sich gleichzeitig ein bisschen schämt, wieder zurück in Nepal zu sein. Am ersten Tag, als sie in Katar angekommen war, hatte sie realisiert, dass das Katar, das sie in Facebook-Beiträgen gesehen hatte, nicht der Wirklichkeit entsprach.

„Ich wohnte in einer Wohnung mit alten Matratzen auf dem Boden und teilte mir das Zimmer mit einigen jungen Mädchen von den Philippinen“, sagt sie. „Das Zimmer hätte eigentlich mit allem möbliert sein sollen. Aber das erste, was ich kaufen musste, waren ein Kissen und eine Decke.“

Das war im Dezember 2019. Das Hotel war ausgebucht, und sie machte ihre ersten Acht-Stunden-Schichten. Einen Monat später verbreiteten sich Nachrichten über ein tödliches Virus und bald waren alle Zimmer leer. „Es war niemand da, den man bedienen konnte. ‚Keine Arbeit, keine Bezahlung‘, sagte das Unternehmen.“

Asmita Lama schaut durch das Fenster auf Kathmandu herab. Sie war alleine und unsicher in einem fremden Land und wusste nicht, was sie machen sollte. Sie versuchte, mit dem Hotelmanagement zu sprechen, aber ein Subunternehmen hatte sie eingestellt und das Hotel hatte nichts mit ihrem Vertrag zu tun. Dass sie versuchte, nach ihrer Lohnzahlung zu fragen, lief nicht gut.

„Ich wollte nach Hause fahren, wurde aber zwischen dem eigentlichen Hotel, dem Unternehmen und dem Arbeitsvermittler hin- und hergeschoben. Niemand wusste irgendwas, so steckte ich dort 17 Monate ohne Bezahlung fest.“ Danach habe sie endlich mit der nepalesischen Botschaft Kontakt aufnehmen können und ein Rückflugticket von der Non-Resident Nepali Association bekommen.

Die Eltern waren sehr froh, ihre Tochter heil zurück aus Katar zu haben. Trotz dieser Erfahrung hat Asmita Lama keine Angst, im Ausland zu arbeiten. Ihr Bruder ist in Dubai. Lama fragt sich, ob das nicht vielleicht ein besseres Land zum Arbeiten ist.

Auf Katar oder das Hotel ist Asmita Lama nicht sauer. Sie glaubt, dass die Arbeitsvermittlungsfirma die Schuldige ist. Sie wünscht sich, dass andere junge Menschen in ihrer Situation ihre Entscheidungen sorgfältig treffen, wenn sie ihre Arbeit im Ausland planen. „Überstürzt nichts. Wenn ihr nur in einen Flieger springt, kann alles Mögliche passieren.“

Nachdem sich unsere Wege trennen, schaue ich mir auf Facebook ihre Beiträge vom vergangenen Jahr an. Ein Foto zeigt sie lächelnd am Pool. Auf einem weiteren lächelt sie ebenfalls – am Eingang des Hotels, das sie nicht bezahlte. Ein drittes Foto ist vom Strand in Doha. Freund:innen haben die Beiträge mit Daumen nach oben, Herzen und Sonnen kommentiert.

Ein Mann lächelt in die Kamera. Er hält eine Broschüre.

Der Anwalt Mohammed Ramzan Ali Miya liebt die arabische Sprache.

Der Anwalt der Migrant:innen

Nicht alle Nepales:innen reisen nach Katar, um Geld zu verdienen. Der Anwalt Mohammed Ramzan Ali Miya zog wegen der Liebe zur arabischen Sprache nach Doha. Er verbrachte ein Jahrzehnt im Land. Jetzt trägt er auf seinem Anzugrevers zwei Anstecknadeln, eine mit der katarischen Flagge und eine mit der von Nepal. Vor Kurzem hat er ein Buch über seine Zeit in Doha veröffentlicht.

„Ich ärgere mich jeden Tag über all die Gerüchte, die über Katar in den sozialen Medien verbreitet werden. Manchmal rufen mich Minister an und fragen, wie es Medien erlaubt sein kann, all diese Gerüchte zu veröffentlichen“, sagt er und lacht. Er bittet mich, die Videokamera auszuschalten. Er will mir „Informationen geben – kein Interview.“

Nachdem er seinen Masterabschluss in arabischer Literatur an der Universität von Karachi in Pakistan gemacht hatte, arbeitete er in der nepalesischen Botschaft in Doha. Schon als Student übersetzte er und schrieb mehrere Bücher über die Region und ihre Kultur. Als er dann in Katar war, übersetzte er die offiziellen Dokumente des Landes in Nepali, die Amtssprache Nepals. Unter anderem die Arbeitsgesetze.

Mit der Zeit sprachen sich seine Kenntnisse herum. Landsleute kamen zu ihm, die übersetzte Dokumente brauchten oder ihre Verträge nicht verstanden. Einige dieser Menschen waren nicht bezahlt oder schlecht behandelt worden. Als die Behörden in Katar auf seine Arbeit aufmerksam wurden, baten sie ihn, einen Guide für Arbeitsmigrant:innen aus Nepal zusammenzustellen. Mohammed Ramzan wurde zu einem Bindeglied zwischen beiden Ländern.

Mittlerweile hat der Anwalt Auszeichnungen von den regierenden Emiren Katars erhalten und er arbeitet für das Menschenrechtskomitee des Landes.
„Die Gesetze, die Katar 2016 einführte, haben viele Dinge geändert“, sagt er und fügt hinzu, dass diese Gesetze umgesetzt worden seien. „Heutzutage werden alle Lohnzahlungen digital und direkt auf die privaten Konten der Arbeiter überwiesen. Das ist jetzt in Ordnung gebracht.“

Zwei Männer sitzen sich gegenüber und unterhalten sich. Im Hintergrund ist eine Stadt durch ein Fenster zu erkennen.

„Das Kafala-System war schlecht, aber jetzt ist es weg“, sagt Ramzan Ali Miya.

Wo es noch Probleme gebe, seien Fälle mit vielen Subunternehmern und wenn mehrere ausländische Firmen beteiligt sind. „Aber 90 Prozent bekommen ihre Lohnzahlungen rechtzeitig. Garantiert!“

Mohammed Ramzan zufolge gab es Verbesserungen beim Umgang mit den Todesfällen. Da es in Katar verboten ist, Tote einzuäschern, wurde das Land kritisiert, zu lange für die Rückführung der Leichen zu brauchen. „Katar hat viel getan, um diesen Vorgang zu vereinfachen“, sagt er. „Jetzt gibt es einen ‚Fast Track‘. Die Leichen werden im Hamad-Krankenhaus gesammelt und sind in weniger als 24 Stunden aus dem Land.“

Er will auch darauf hinweisen, dass es heute rechtliche Wege für diejenigen gibt, die unrecht behandelt wurden. „Der Prozess kann lang sein. Es ist eine langsame Maschinerie mit ein paar Türen zu viel, die man öffnen muss“, gibt Mohammed Ramzan zu.

Viele der Probleme, denen die Arbeitsmigrant:innen in Katar begegnen, hätten vermieden werden können, wenn die Arbeiter:innen besser informiert gewesen wären. „Ein Visum für Katar ist kostenlos, die Quarantänezeit ist auch kostenlos. Aber die Anwerber tricksen die Nepalesen immer noch aus und lassen sie für diese Dinge bezahlen. Katar versucht, die Arbeitskräfte mit diesen Informationen zu erreichen.“

Heute liegt die Herausforderung für Katar darin, dass Wanderarbeiter:innen lieber in andere Länder in der Region ziehen. Um die besten Arbeiter:innen für ihre Bauprojekte zu bekommen, würden einige Unternehmen deshalb gute Bedingungen und Krankenversicherung anbieten, sagt Mohammed Ramzan.

„Katar führt gerade ein neues Versicherungssystem ein, das es für Unternehmen verpflichtend macht, Arbeiter rund um die Uhr zu versichern, an sieben Tagen der Woche. Und jeder muss einen Personalausweis und eine Krankenversicherungskarte mit sich führen, die sie vorzeigen können, um ärztlich behandelt zu werden.“

Die gesetzlosen Zeiten sind vorbei

Als er damals in der nepalesischen Botschaft in Katar anfing zu arbeiten, suchten jeden Tag Hunderte Menschen Hilfe bei ihm. Jetzt seien es nur noch etwa zwei Menschen täglich. „Das Kafala-System ist weg. Das neue Gesetz zum Mindestlohn hat auch eine Veränderung gebracht, und der nächste Schritt sind offizielle Arbeitserlaubnisse“, sagt Mohammed Ramzan enthusiastisch.

Das damalige Kafala-System besagte, dass jede:r Arbeitsmigrant:in für eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis eine:n Bürgen:in im Land braucht, was oft der Arbeitgeber ist. Dieser kontrolliert damit, ob jemand im Land leben und arbeiten darf.

Eine Promenade. In der Bildmitte laufen zwei Frauen in Verschleierung, reicht von ihnen sitzt ein Kind auf einer Mauer.

In Kathmandu senkt sich die Abendsonne über eine Promenade im Stadtzentrum.

Derzeit sind Arbeitskräfte aus Nepal in Katar die zweitgrößte Gruppe von Arbeiter:innen aus dem Ausland. Nur Indien hat mehr. Dass die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ein Büro im Land eröffnet hat, sieht Mohammed Ramzan als großen Schritt nach vorn an.

In keinem anderen der Golfstaaten hätten die Arbeiter mehr Rechte als in Katar, sagt er. Die gesetzlosen Zeiten seien vorüber für Arbeitsmigranten. „Heute ist Katar unsere zweite Heimat.“

„Katar hat eines der besten Gesundheitssysteme auf der Welt, mit internationalen Standards. Dort werden die fortschrittlichsten Operationen durchgeführt. Wenn also ein Land mit Ressourcen wie Katar herausfinden will, warum jemand gestorben ist, ist das absolut möglich. Wenn nepalesische Behörden detaillierte Totenscheine wollen, müssen sie das mit Katar besprechen.“

Mohammed Ramzan nimmt sein neues Buch in die Hand und steht auf. Er hat gleich ein Treffen mit dem Polizeichef von Doha. Danach sind weitere Interviews geplant. Das Interesse an der arabischen Sprache und an Katar nimmt zu. Er ist auch Autor einer Kolumne namens „Das Wort von heute auf Arabisch“, um das Wissen über die Sprache zu erweitern. „Ich wünsche mir, dass die Weltmeisterschaft ein großer Erfolg wird“, sagt er.

Zwei Arbeiter stehen auf einer Plattform. Sie arbeiten an einer Mauer.

Auch in Nepal streiten Arbeiter:innen für einen höheren Mindestlohn – ebenso wie im Ausland.

Mohammed Ramzan ist nicht der Einzige, der glaubt, dass sich etwas tut. Bishnu Rimal war im Jahr 2013 Chef der nepalesischen Gewerkschaft GEFONT. Als die Bauindustrie in Katar explodierte, bemerkte die GEFONT, dass die Anzahl der Toten anstieg. Angst und Armut sorgten dafür, dass die Wanderarbeiter:innen einwilligten, unter nahezu jeglichen Umständen zu arbeiten. „In dem Jahr bekamen wir sieben bis zehn Leichen am Tag“, sagt Bishnu Rimal.

Er war einer der Politiker:innen, die Nepal zum Sturz der Monarchie verhalfen und ist einer der Architekt:innen hinter der neuen Verfassung. Wenn er auf den Kampf der vergangenen zehn Jahre zurückblickt, zählt er auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Katar zu seinen größten Erfolgen. „Wir kämpften Seite an Seite mit internationalen Menschenrechtsorganisationen und den weltweiten Baugewerkschaften. Wenn wir heute und damals vergleichen, hat es enorme Veränderungen gegeben.“

Ein grauhaariger Mann blickt in die Kamera. Er trägt einen Anzug.

„Katar ist ein kollektiver Sieg für die internationale Gewerkschaftsbewegung“, sagt Bishnu Rimal.

Bishnu Rimal hebt die Vereinbarung mit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) von 2017 hervor. Kurz darauf eröffnete die ILO ein Büro in Katar und hat seitdem mehrere Berichte über die Situation veröffentlicht. Der Mindestlohn stieg von umgerechnet 206 Dollar auf 275 Dollar im Monat. Im Jahr 2018 hob Katar die Pflicht für ein Ausreisevisum auf, wodurch Arbeiter:innen das Land nun verlassen können, wann sie wollen. Arbeitnehmer:innen dürfen heute kündigen und sich einen neuen Job suchen dürfen. Das war zuvor nur möglich, wenn der Arbeitgeber einverstanden war. „Wenn man sich die Lage in den anderen Ländern in der Region ansieht, ist das eine dramatische Veränderung“, sagt Bishnu Rimal.

Wird es in Katar bald Gewerkschaften geben? „Wir können nicht verlangen, dass Katar seine Verfassung ändert. Aber wir können darauf hinweisen, dass ihre Gesetze gegen internationale Arbeiterrechte verstoßen“, sagt Bishnu Rimal. Die heutige Situation könne man nicht mit der von vor zehn Jahren vergleichen. „Der Fall Katar ist ein kollektiver Sieg für die internationale Gewerkschaftsbewegung“, sagt Bishnu Rimal stolz.


Übersetzung: Marion Bergermann, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Iris Hochberger

Jeden Tag drei Särge

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