Landwirt Christoph steht neben seinen Kühen. Er blickt in die Kamera und streichelt eine Kuh am Kopf.

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Klimakrise & Lösungen

Warum Bauer Kunack trotz Dürre seine beste Ernte einfährt

Jahrelang bangte er um seinen Hof in der Oberlausitz. Der floriert heute, trotz Klimakrise und steigender Temperaturen. Wie hat Landwirt Kunack das geschafft?

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Die Wiesen in der Ostlausitz leuchten saftig grün, die Sonnenblumen recken ihre knallgelben Köpfe in den Himmel. Betrachtet man die Landschaft, in der sich das 1.000-Seelendorf Schlegel befindet, so würde man nicht denken, dass hier gerade noch Dürre herrschte.

Bis vor wenigen Wochen kämpften die Landwirt:innen gegen vertrocknete Böden, durch die sich tiefe Risse zogen und gegen braune Wiesen, die eher Wüsten glichen. Hitzewellen rollten durch ganz Europa, überall herrschte Niederschlagsmangel. Auch in der Lausitz regnete es im Juli und August nicht. Die Oberlausitz im Osten Sachsens ist einer der trockensten Orte der Republik.

Einer der Landwirt:innen, die der Dürre trotzen, ist Christoph Kunack. Ein junger Bauer mit blondem Haar und freundlichem, sonnengebräuntem Gesicht. Er bewirtschaftet insgesamt 106 Hektar Ackerland, dazu 20 Hektar Wiese und sechs Hektar Wald. Kunack besitzt auch eine Kuhherde, zu der 27 Kühe, Kälber und drei heranwachsende Bullen zählen. Außerdem hält er Hühner und mehrere Bienenvölker, sein Hof produziert Eier, Honig und Apfelsaft.

Vor drei Jahren hat Krautreporter den Bauern Kunack schon einmal getroffen und mit ihm über seine Arbeit gesprochen. Seitdem rollt jährlich eine neue Rekord-Hitzewelle über deutsche Felder. Im August rechneten Bauernverbände mit Ernteausfällen von bis zu 40 Prozent. Klimaforscher:innen warnen, dass Temperaturen von 40 Grad in Deutschland zur Regel werden könnten. Wie werden Landwirt:innen damit umgehen? Können sie von Bauer Kunack lernen?

Viel hat sich seit 2019 nicht verändert in dem verschlafenen Dörfchen. Kunack betreibt hauptsächlich Ackerbau, um zu überleben. Allerdings mit wachsendem Erfolg: „Dieses Jahr ist das erste wirtschaftlich funktionierende Jahr“, sagt er stolz. Er hatte zwar einen stabilen Hof übernommen, aber die Jahre 2018 und 2019 seien wirklich katastrophal für ihn gewesen.

Christian läuft durch Hohes Gras.

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Kunack baut noch immer Weizen, Gerste und Raps an. Die Menge an Zuckerrüben hat er verdoppelt. Aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch, weil sie als sogenannte „Hackfrucht“ wunderbar für seine Fruchtfolge seien, erklärt er. Auch Erbsen pflanzt er seit letztem Jahr regelmäßig an. Die Erbse ist ein sehr guter Stickstofflieferant und bereichert das Feld.

Hackfrüchte sind eine Form von Kulturpflanzen. Zu ihnen zählen beispielsweise Kartoffeln und Zuckerrüben. Sie werden innerhalb der Fruchtfolge im Wechsel mit anderen Pflanzen angebaut. Hackfrüchte können viel größere Erträge liefern als das hochwachsende Getreide.

Eine Fruchtfolge beschreibt die unterschiedliche Bepflanzung des Bodens in aufeinander folgenden Jahren. In diesem System werden im Ein-Jahres-Turnus abwechselnd unterschiedliche Nutzpflanzen angebaut und so die Fruchtbarkeit des Bodens erhalten bzw. verbessert. Der Gegenbegriff zur Fruchtfolge ist die Monokultur. Bei Monokulturen findet in einem Zeitraum von fünf Jahren gar kein Fruchtwechsel statt.

In Kunacks Leben dreht sich viel um die verschiedenen Fruchtfolgen, deren Weiterentwicklung und das Zusammenspiel mit der Natur. Dass seine Felder gute Erträge abwerfen, hängt auch damit zusammen, dass er sich immer intensiver mit der Natur auseinandersetzt. Er versucht, sein Land besser kennenzulernen und ihm zu geben, was es braucht. Manchmal, erzählt Kunack, geht das schief. Aber manchmal landet er einen unerwarteten Volltreffer.

Bauer Kunack macht einiges anders

In diesem Jahr war es gar nicht so einfach, die richtige Strategie zu finden, erzählt Kunack. Nach der Ernte begannen die anderen Landwirt:innen in Schlegel, die Böden zu pflügen. Eben so, wie es in der konventionellen Landwirtschaft üblich ist. Christoph Kunack war sich da noch unsicher. Er ahnte, dass ein trockener Sommer auf ihn zukommen würde und wartete deshalb ab.

„Wenn man mal in heißere Regionen guckt, wie zum Beispiel in Brasilien oder in Ländern in Afrika, da käme niemand auf die Idee, in einer solchen Situation zu pflügen.“ Durch das Wenden des Bodens verdunstet das Wasser in der Erde, wichtige Nützlinge wie etwa Regenwürmer überleben die Bearbeitung häufig nicht. In der Folge kann Regen nur bedingt in die ebene Fläche eindringen und dadurch Bodenerosionen verursachen. Durch Wind oder Starkregen wird der Boden abgetragen und nach und nach zerstört. Kunack wollte nichts von der wenigen Feuchtigkeit verschwenden, die sich noch in der Erde befand und beschloss, den Boden so wenig wie möglich zu bearbeiten. Und, anders als die anderen Landwirt:innen, nicht zu pflügen.

Der Druck auf Kunack bei solchen Entscheidungen ist hoch. Sein Vater war bei den benachbarten Landwirt:innen sehr angesehen. Sie vertrauten auf seine Einschätzung vor allem, was das Wetter anging. „Oft war es so, dass mein Vater begann, Heu zu machen und kurz darauf haben die anderen Landwirte auch angefangen, auch wenn sie erst skeptisch waren“, sagt er und lacht.

Im Jahr 2019 starb der Vater ganz plötzlich. Christoph Kunack hatte den Hof gerade erst übernommen und machte so einiges anders: Die umliegenden Betriebe sind fast ausschließlich Großbetriebe mit 1.200 Milchkühen oder 7.000 Hektar Ackerland. „Ich werde hier schon sehr belächelt mit meiner Art und dass ich der Natur so viel Raum gebe“, sagt Kunack. Dafür zum Beispiel, dass er in Handarbeit die Kuhweide von Wildkräutern befreit. Meist könne er mitlachen, manchmal ärgere es ihn aber doch, was geredet wird.

Vor drei Jahren hat sich Kunack zum ersten Mal mit klimatischen Veränderungen und deren Auswirkungen auf seine Arbeit auseinandersetzen müssen. Damals hatte er gerade den Hof seines Vaters übernommen und erlebte die Folgen des Dürre-Sommers 2018 in drastischem Ausmaß. Die Ernteeinbußen waren extrem. Kein guter Start für eine Hofübernahme. Eine Missernte kann den Ruin bedeuten. Da habe Christoph Kunack verstanden, dass er seinen Anbau grundsätzlich verändern muss. Nicht nur wegen der Wirtschaftlichkeit, sondern vor allem, weil er Hand in Hand mit der Natur arbeiten wollte – und nicht gegen sie.

Für seine Meisterprüfung erarbeitete er im Jahr 2018 ein Projekt, bei dem er Sonnenblumen in der Lausitz anpflanzte. Das war bis dahin eher unüblich. Auf 14 Parzellen baute er verschiedene Sorten in unterschiedlichster Form der Aussaat an. Die Aussaat entwickelte sich zu prächtigen Pflanzen. Das Ergebnis begeisterte ihn so sehr, dass er auf dem Hof seines Vaters begann, die Pflanzen in seine eigene Fruchtfolge aufzunehmen. In größeren Mengen, um daraus Öl zu pressen. Als er im darauffolgenden Jahr zum ersten Mal Sonnenblumen erntete, bemerkte er schnell, dass er diesen Schritt nicht ganz durchdacht hatte. Kunack erntete die Sonnenblumen mit seinem Mähdrescher, mit dem er normalerweise Getreide bearbeitete. Danach war die Maschine komplett verharzt. Erst nach stundenlanger Reinigung, bei der Kunack mit der Hand die Pflanzenreste entfernte, war der Mähdrescher wieder funktionsfähig. „Das Saubermachen war wirklich kein Spaß.“

Der Anbau muss sich lohnen

Zwei Jahre später kann Kunack von seinen Feldern leben. Aber ideal ist seine Strategie noch nicht. Damit die Ernte nach seinen Vorstellungen funktioniert, bräuchte Kunack noch ein Maisfeld. Dann könnte er zuerst die Sonnenblumen ernten und den Mais nach der Sonnenblumenernte dreschen – die Maschine würde sich dadurch von selbst reinigen. Mais wird allerdings in der Lausitz aktuell kaum angebaut, weil man dafür entweder trockeneres Klima braucht oder eine Trockenanlage, die wiederum sehr teuer sei.

Christian steht vor seinem Sonnenblumenfeld und hält eine Sonneblume in der Hand.

© Viktoria Reich

Ganz abgeschrieben hat Kunack das Projekt noch nicht. Er zögert noch, es sei noch nicht die Zeit dafür. Denn für den Mais bräuchte Kunack Abnehmer:innen, müsste einen eigenen wirtschaftlichen Kreislauf einrichten. Vielleicht ändern sich die klimatischen Bedingungen bald so, dass sich die Lausitz in einigen Jahren zum Maisanbau eignet. Bei all seiner Kreativität und Nähe zur Natur: Das Bauersein muss sich lohnen und Kunack hat sich vorgenommen, sich nie in Verbindlichkeiten zu stürzen, die er nicht begleichen kann.

Inzwischen bauen in der Umgebung einige Landwirt:innen Sonnenblumen an. Die Ölknappheit durch den Russlandkrieg spielt ihnen in die Karten. „Viele Landwirte hier haben ihr Sonnenblumenöl schon an die großen Konzerne verkauft, obwohl die Sonnenblumen noch nicht einmal geerntet sind. Sie spekulieren also, dass alles funktionieren wird“, sagt Kunack. Er versuche selbst stets, solche Spekulationen zu vermeiden. Auch wenn, wie im Fall der Sonnenblumen, die anderen Landwirt:innen bei guter Ernte Gewinn erwirtschaften.

Einen genauen Plan für die Zukunft hat der Bauer nicht. Die größte Herausforderung sei gerade, einen Betriebsleiter zu finden, der nach seinen Vorstellungen anpackt und ihn bei der Bewirtschaftung unterstützt. Christoph Kunack ist ein Tausendsassa, aber auch sein Tag hat nur 24 Stunden. Drei Wochen Urlaub habe er in acht Jahren Beziehung mit seiner Frau bisher gehabt, erzählt er.

Am wichtigsten sei für ihn, dass der Mensch mit der Natur zusammenarbeite und neue Dinge ausprobiere. Er möchte gerne seine Fruchtfolge noch erweitern – Leinsamen, Mohn, Hanf und Hirse malt er sich aus. Auch eine kleine Molkerei auf dem Hof oder eine eigene kleine Mühle wären schön, in der er sein eigenes Korn mahlen und anschließend verarbeiten kann. Bauer Kunack ist gelernter Bäcker. Wegen der Hitze macht er sich keine großen Sorgen: Es habe schon immer Dürreperioden gegeben und wenn man sich auf die Natur einließe, sei man schließlich auch damit zurechtgekommen.

In den kommenden zehn Jahren soll das Wetter in Deutschland wärmer, trockener und extremer werden. In der Ostlausitz soll die mittlere Temperatur besonders steigen: um bis zu zwei Grad.

2025 feiern die Kunacks das 300-jährige Bestehen des Hofs.


Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos; Audioversion: Iris Hochberger

Warum Bauer Kunack trotz Dürre seine beste Ernte einfährt

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