Auf einer Demonstration wird ein Schild hochgehalten. auf dem „Im not ovary-acting, this is about women's rights“ steht.

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Geschlecht & Gerechtigkeit

Haben Frauen ein Recht auf Leben?

Ständig reden wir darüber, Föten zu schützen, nie darüber, wie gefährlich und schmerzhaft Geburten sind. Dabei sei das viel wichtiger als der Streit um Abtreibungen, sagt die Feministin Laurie Penny.

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Am 24. Juni entschied der Oberste Gerichtshof der USA, die fast fünfzig Jahre alte Entscheidung „Roe vs. Wade“ zu kippen. Die Konsequenz: Ein Kind abzutreiben ist nicht mehr das verfassungsmäßige Recht einer Frau. Am selben Tag schaffte der Bundestag nach jahrelanger Debatte das Werbeverbot für Abtreibungen in Deutschland endgültig ab. Der Kontrast hätte wohl größer kaum sein können. Während Deutschland einen kleinen Schritt Richtung weibliche Selbstbestimmung geht, drehen die Richter:innen in den USA die Uhren zurück in die 70er Jahre.

Wir haben uns deshalb entschieden, das Kapitel „Die Reproduktionsmittel“ aus dem Buch „Sexuelle Revolution“ der feministischen Autorin Laurie Penny zu veröffentlichen. Sie verfolgt die Debatte seit vielen Jahren und beschreibt in diesem Text wissenschaftlich und persönlich, warum die Debatte um Schwangerschaftsabbrüche eigentlich ganz anders geführt werden müsste. Penny sagt: Es muss um die Selbstbestimmung, die Schmerzen und die Körper der Frauen gehen – nicht um die Rechte der Föten.


Sind Frauen Menschen, oder sind sie Sachen?

Schwangerschaft ist etwas Grausames. Jedes Jahr werden in Großbritannien zehntausend Frauen wegen Posttraumatischer Belastungsstörungen infolge der Geburt eines Kindes behandelt, Zehntausende weitere ziehen sich beim Geburtsvorgang Verletzungen zu. Für den Menschen sind Schwangerschaft und Geburt gefährlich, riskant, anstrengend, beängstigend und schmerzhaft.

Trotz moderner medizinischer Fortschritte stirbt immer noch etwa jede zehntausendste Frau bei der Geburt, viele weitere erleiden dauerhafte und schwere Verletzungen. Häufig tragen Gebärende bleibende Nervenschäden oder lebenslange Schmerzen davon. Ihr PTBS-Risiko entspricht dem amerikanischer GIs, die sich für einen Auslandseinsatz melden.

Die Frage der Fortpflanzung und das Recht auf Abtreibung stehen im Mittelpunkt der sexuellen Revolution. Eine Gleichstellung der Geschlechter setzt voraus, dass Frauen das uneingeschränkte Recht haben, eine Schwangerschaft sicher und legal zu beenden. Ohne Abtreibung und Empfängnisverhütung werden Frauen niemals sexuelle, soziale oder wirtschaftliche Freiheit genießen. Genau deshalb steht die Abschaffung des Abtreibungsrechts im moralischen Zentrum des Backlashs gegen die Frauenemanzipation.

Frauen fühlen Schmerz – bei Föten wissen wir es nicht

In der Debatte über das Recht der Frau auf einen Schwangerschaftsabbruch, die im Globalen Norden derzeit tobt, und in den Beschlüssen reiner Männergremien, die weltweit mit sadistischen Regelungen die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs rechtlich immer weiter einschränken, kommen die körperlichen Aspekte von Schwangerschaft und Geburt so gut wie nie zur Sprache. Die öffentliche Diskussion um Abtreibung dreht sich immer noch darum, ob ein Fötus Menschenrechte hat, ob ein Fötus Schmerzen empfinden kann, ob ein Fötus ein Mensch ist. Die Frage, ob ein Fötus ein Mensch ist, kann die Wissenschaft nicht beantworten. Die Frage, ob eine Frau ein Mensch ist, steht jedoch nicht zur Debatte – dabei müssten das weibliche Menschsein und der weibliche Schmerz den Ausschlag geben.

Manchmal allerdings setzen sich Männer zusammen und entscheiden anders. Im Juni 2019 beschloss im US-Bundesstaat Alabama ein Gremium aus 25 weißen Männern und null Frauen ein gesetzliches Abtreibungsverbot. Zeitgleich fanden auch in Georgia, Ohio und Missouri drakonische neue Maßnahmen gegen Abtreibung breite Zustimmung. Während ich dies schreibe, werden im Zuge eines sadistischen panamerikanischen Handstreichs gegen die reproduktiven Grundrechte von Frauen immer mehr solcher Gesetze bis hinauf in die höchsten Gerichte der weltweit führenden Supermacht vorbereitet; Ziel ist es, das wegweisende Supreme-Court-Urteil Roe v. Wade von 1973 zu kippen, das in den Vereinigten Staaten die Abtreibung als verfassungsmäßiges Recht festschrieb.

Am 22. Januar 1973 fällte der Supreme Court, der Oberste Gerichtshof der USA, die Grundsatzentscheidung „Roe gegen Wade“ zum Abtreibungsrecht. Demzufolge sei es das verfassungsmäßige Recht einer Frau, über Abbruch oder Fortführung ihrer Schwangerschaft selbst zu entscheiden. Jahrzehntelang bildete diese Entscheidung die rechtliche Grundlage für Schwangerschaftsabbrüche in den USA.

Am 24. Juni 2022 hob der Supreme Court diese Entscheidung auf. Der demokratische US-Präsident Joe Biden missbilligte diesen Schritt und sagte, dass das letzte Wort zum Abtreibungsrecht in den USA noch nicht gesprochen sei.

Diese Gesetze sollen kein „Recht auf Leben“ etablieren. Sie sollen die Maximalkontrolle über Frauen als Kernprinzip konservativer Herrschaft verankern. Sie sollen Frauen als Besitz markieren. Sie sollen Frauen als Sachen definieren.

Die Gesetze führen dazu, dass eine Elfjährige gebären muss

Worauf das alles hinausläuft? Ebenfalls im Juni 2019 wurde in Ohio ein elfjähriges Kind entführt, vergewaltigt und geschwängert. Nach dem neuen Abtreibungsrecht des Bundesstaates hätte dieses Kind entbinden müssen. Mit einem Mindestmaß an Moral und gesundem Menschenverstand lässt sich unschwer erkennen, dass ein System, das ein Kind zwingt, eine Schwangerschaft zu ertragen, monströs, herzlos und unmoralisch ist. Und ebenso klar liegt auf der Hand, dass ein Staat, der einem Kind androht, es zu töten oder einzusperren, falls es eine solche Schwangerschaft nicht austrägt, moralisch einem Vergewaltiger gleichkommt, denn er beraubt das kleine Mädchen seiner Handlungsmacht, erklärt ihren Schmerz für irrelevant und spricht ihr das Recht ab, selbst zu entscheiden, wer auf ihren Körper zugreifen darf.

Aber der entscheidende Punkt, der in den Kulturkriegsfloskeln der Abtreibungsempörten gern untergeht, ist folgender: Es ist nicht minder monströs, diese Strafe einer Frau über dreißig aufzuerlegen, die, nur weil beim Tinder-Date das Kondom gerissen ist, noch lange nicht Mutter werden will. Auch diese Frau hat Anspruch auf körperliche Autonomie. Sie sollte nicht darum betteln müssen, nur weil ein paar religiöse Extremisten und viagrabenebelte Republikaner Angst vor Frauen haben, die frei und ohne Reue vögeln. So gesehen ist der Gebärzwangextremismus die logische Erweiterung der Rape Culture.

Am Anti-Abtreibungs-Backlash ist nichts Lebensbejahendes, von wegen „Pro Life“. Ich weigere mich, durch eine solche Formulierung eine Bewegung anzuerkennen, die sich auf einen Berg aus Frauenkörpern stellt und das als moralische Überlegenheit ausgibt. Vor allem lehne ich die Bezeichnung „Pro Life“ deshalb ab, weil die Gebärzwangbewegung viel mehr daran interessiert ist, Menschenleben zu steuern und zu kontrollieren, als sie zu retten. Natürlich ist die Behauptung „Abtreibung ist Babymord“ in der globalen Anti-Abtreibungsbewegung ein zentrales Dogma, und Millionen von Wähler:innen, die damit aufgewachsen sind, sind tatsächlich überzeugt, dass das Leben mit der Empfängnis beginnt. Sie haben ein Anrecht auf diesen Glauben – solange sie ihn nicht zu einer Waffe umfunktionieren, um ihnen völlig fremde Menschen zu bestrafen.

Mit Fakten gegen Glaubensgrundsätze vorzugehen, ist reine Zeitverschwendung. Keine noch so verständlich erklärte wissenschaftliche Studie kann dem wahren Gläubigen ausreden, dass ein Fötus ein Mensch mit einer Seele ist. Wir sollten wohl besser überlegen, was wir sonst noch wissen. Anstatt zu entscheiden, ob Abtreibung „wirklich“ dasselbe ist wie Mord, wäre es produktiver – und ehrlicher – zu fragen, ob die Gewalt einer Abtreibung gerechtfertigt ist.

Ist die Gewalt einer Abtreibung gerechtfertigt?

Denn die Antwort muss lauten: ja. Ja, ist sie. Nur weil bei einer Abtreibung ein Leben genommen wird – sofern man das wirklich glaubt –, ist das noch lange keine Rechtfertigung dafür, ein kleines Mädchen ins Gefängnis zu werfen, weil es hat abtreiben lassen. Es gibt zahlreiche Umstände, unter denen das US-Recht einer Person zugesteht, einer anderen das Leben zu nehmen: Hausfriedensbruch, Selbstverteidigung, Mitgliedschaft in den Streitkräften. Und wie 58 Prozent der Amerikaner:innen und ein Großteil der medizinischen Fachwelt vertrete auch ich die Ansicht, dass der Abbruch in einem frühen Schwangerschaftsstadium nicht mörderischer ist als eine Biopsie. Ich bin nun mal der Meinung, dass ein sechs Wochen alter Fötus mit Herzschlag, aber ohne limbische Hirnaktivität weniger empfindungsfähig ist als das, was die meisten Republikaner:innen in einem der konstitutionell fleischfressenden Bundesstaaten des amerikanischen Südens so zum Frühstück zu sich nehmen.

Aber das tut nichts zur Sache. Niemandes persönliche Gefühle zur Beschaffenheit des Lebens sind hier relevant. Relevant sei die Freiheit der Frauen, ihr Leben selbst zu kontrollieren, so die Philosophin und Rechtswissenschaftlerin Judith Jarvis Thomson. Die Schwangerschaft sei grundsätzlich die einzige Situation, in der jemand qua Gesetz genötigt werde, auch gegen den eigenen Willen seine Gesundheit für jemand anderen zu opfern. „Niemand“, erklärt Thomson, „ist moralisch dazu verpflichtet, große Opfer zu erbringen, um das Leben eines anderen Menschen zu erhalten, und dieser hat auch kein Recht, das zu verlangen.“

Das heißt, selbst wenn mit der Abtreibung ein Menschenleben beendet wird, ist es noch schlimmer, jemanden zur Geburt zu zwingen. Kein Staat sollte ermächtigt werden, dies mit vorgehaltener Waffe zu tun, so wie kein Staat ermächtigt werden sollte, eine Person zu entführen und ihr literweise Blut abzuzapfen, damit jemand anders eine Transfusion erhalten kann.

Jeder, der abtreiben will, sollte abtreiben dürfen

Trump bekam die Schlüssel zum Weißen Haus von den weißen Evangelikalen, vor allem, weil er ihnen versprochen hatte, Abtreibung zu kriminalisieren und Grundrechte schwangerer Menschen zu kassieren. Ich spreche hier von „schwangeren Menschen“, weil selbstverständlich auch trans Männer und nonbinäre Menschen schwanger werden können. Für traditionelle Konservative aber ist ein Mensch mit Gebärmutter grundsätzlich eine Frau und somit eine Person, deren Sexualität per Definition staatlicher Kontrolle unterliegt.

Auch nachdem Trump aus dem Amt geschieden war, setzte sich in den USA und anderswo die konservative Anti-Choice-Euphorie fort. Im Bundesstaat Texas unterstützte der republikanische Abgeordnete Tony Tinderholt 2019 einen Gesetzentwurf, nach dem auf Abtreibung die Todesstrafe stehen soll – so viel zum Grundsatz „Pro Life“. Er wolle, so räumte Tinderholt ein, Frauen „zwingen“, in ihrem Sexualleben „mehr persönliche Verantwortung zu übernehmen.“ Ziel ist und bleibt die explizite staatliche Kontrolle über die weibliche Fortpflanzung.

Ähnliches geschah und geschieht in anderen Teilen der Welt, sei es in Polen, Spanien oder Brasilien, überall dort also, wo die Bevölkerung einen Rambo gewählt hat, der implizit versprochen hatte, Frauen und BIPoC in ihre Schran- ken zu weisen. Diese Kraftprotze bemänteln ihren Blutrausch mit affektierter Frömmelei und streicheln die Seele ihrer Basis mit geheuchelter Betroffenheit: Alles Leben sei heilig, viel zu heilig, um es dummen Frauen oder armen Frauen oder Frauen of Colour anzuvertrauen. Gebärzwang-Extremist:innen sind noch nicht mutig genug, ihre Position klar darzulegen. Daher sollten wenigstens wir anderen deutlich sagen, was wir meinen.

Meiner Ansicht nach dürfte es für Abtreibungen keinerlei gesetzliche Einschränkungen geben. Null. Der Schwangerschaftsabbruch sollte allen, die es wünschen, leicht und frei zugänglich sein. Niemand sollte einen guten Grund – oder überhaupt einen Grund – für einen Schwangerschaftsabbruch angeben müssen. Darüber müsste Einverständnis herrschen. Es ist durchaus vernünftig, wenn die Abtreibung wie jedes andere medizinische Verfahren geregelt wird – wenn wir also wieder davon ausgehen, dass Frauen keine Sachen sind.

Die Kriminalisierung der Abtreibung verwandelt die sexuelle Handlungsmacht der Frau in ein Verbrechen. Das ist das Ziel. Darum geht es. Halten wir den Tony Tinderholts dieser Welt ihre Offenheit zugute: Sie sagen frank und frei, dass sie nicht Babys schützen, sondern Schlampen bestrafen wollen, die meinen, sie könnten einfach so, ohne gesellschaftliche Folgen, Sex haben. Die Konsequenzen ereilen sie in Gestalt eines neun Pfund schweren schreienden Ausbunds an Bedürftigkeit, der bei vorgehaltener Waffe im Schatten des elektrischen Stuhls entbunden wird. Würden solche Maßnahmen nicht darauf abzielen, Frauen für Sex zu bestrafen, könnten auch vor Selbstzufriedenheit strotzende Republikaner:innen die widerliche Scheinheiligkeit der wenigen verbleibenden „Ausnahmen bei Vergewaltigung und Inzest“ nicht übersehen.

Der Sozialstaat wird geschrumpft, bis er in eine Unterhose passt

Wir leben in einer Kultur, die Männern sexuelle Gewalt, Frauen aber keinesfalls einvernehmlichen Sex durchgehen lässt. Männer, die glaubhaft sexueller Übergriffe beschuldigt werden, erhalten von weiten Teilen der Gesellschaft trotzdem bereitwillig große exekutive und judikative Macht – Hauptsache, sie nutzen sie, um die Macht der Frauen, über ihre Sexualität selbst zu bestimmen, zu konfiszieren.

Die sexuelle Freiheit der Frau ist der moralische Skandal, der die religiöse Rechte und die Neokonservativen eint. Beide wollen den Sozialstaat schrumpfen, bis er klein genug ist, um in die Unterwäsche einer Frau zu schlüpfen. Moderne Konservative dreschen Phrasen von persönlicher Freiheit und Freiheit vor staatlicher Einmischung, doch diese persönliche Freiheit sollte nie für Frauen gelten. Menschen, denen die Entscheidungsfreiheit von Frauen Angst macht, springen auf deren Beschwörung nicht an. Ein Kernargument der Anti-Abtreibungskampagne ist die Sündhaftigkeit von Frauen, die aus „sozialen Gründen“ abtreiben lassen, das heißt, weil sie einfach nicht schwanger sein wollen. Diese Frauen werden als hoffnungslos egoistisch hingestellt.

Ja, einige von ihnen sind egoistisch, wenn man unter „egoistisch“ versteht, dass sie sich aktiv dafür entscheiden, ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche über die eines möglichen Kindes zu stellen. Selbstlosigkeit sollte keine gesetzliche Verpflichtung sein, die Frauen unter Androhung des Todes oder einer Gefängnisstrafe auferlegt wird. Wenn eine Frau beschließt, ein Baby zu bekommen, das sie eigentlich nicht großziehen möchte, mag sie das zu einem netten Menschen machen, aber keine Frau sollte eine Haftstrafe befürchten müssen, weil sie nicht nett ist.

Buchcover, in roter Schrift: Sexuelle Revolution

Laurie Pennys Essayband „Sexuelle Revolution“ ist 2022 erschienen.

Nautilus

Die größten Lügen über die Rechte der Frauen erzählen Leute, die versuchen, sie ihnen wegzunehmen. In unsicheren, brutalen Zeiten, in denen die Unterdrückung unter einer ohrenbetäubenden Propagandaflut vonstattengeht, ist es wichtig, auf die Stille zu achten, also auf das, was die größten Krakeeler nicht sagen. Die Kakofonie der Entrüstung umhüllt ein schmerzliches Schweigen, das uns daran hindert, auszusprechen, was wirklich auf dem Spiel steht.

Ist ein sechs Wochen alter Zellklumpen mehr Mensch als eine erwachsene Frau?

Tatsache ist ganz einfach, dass es durch nichts zu rechtfertigen ist, einer Frau gegen ihren Willen eine Schwangerschaft aufzuzwingen. Dennoch sind sich Regimes männlicher Rassisten und religiöser Extremisten auf der ganzen Welt einig, dass ein sechs Wochen alter Zellklumpen mehr Mensch ist als jede erwachsene Frau. Immerhin könnte dieser Zellklumpen der nächste Mozart, der nächste Mandela sein. Die Möglichkeit, eine Schwangere könnte der nächste Mozart oder der nächste Mandela sein, scheint in solchen Überlegungen nicht vorzukommen.

Diese ungeheuerliche Entschlossenheit, den Körper von Frauen maximal zu beherrschen, erklärt unter anderem, warum die US-amerikanische Anti-Abtreibungs-Bewegung so koordiniert, schnell und brutal agiert. Nachdem die rein männliche Senatsmehrheit von Alabama 2018 dafür gestimmt hatte, Frauen gegen ihren Willen zum Gebären zu zwingen, gingen ihre Kollegen in Georgia noch einen Schritt weiter und beschlossen lebenslange Haftstrafen auch für diejenigen, die Abtreibungen durchführen. Im Jahr 2020 nutzte Texas die Covid-19-Krise, um sämtliche Abtreibungskliniken im Bundesstaat zu schließen, während das konservative Wahlvolk auf sein verfassungsmäßiges Versammlungsrecht pochte und gegen Abstandsregeln demonstrierte. Wieder einmal galten nur die verfassungsmäßigen Freiheiten von Männern als verteidigenswert.

Die Anti-Choice-Bewegung war zudem schon immer rassistisch. Weiße Rassist:innen sind seit jeher bestrebt, die menschliche Spezies gewaltsam umzuformen, indem sie Abtreibung und Empfängnisverhütung kontrollieren und entscheiden, welcher Körper schützenswert ist und welcher sterben darf. In Georgia waren es evangelikale Abtreibungsgegner:innen, die 2018 – unterstützt von einer zeitlich gut abgestimmten Kampagne zur Behinderung bestimmter Wahlberechtigter – Gouverneur Brian Kemp einen hauchdünnen und umstrittenen Sieg über seine Schwarze Gegnerin Stacey Abrams von der Demokratischen Partei bescherten. Kemp hielt einfach das Versprechen, das er den weißen Evangelikalen gegeben hatte, nicht anders als der damalige Präsident Donald Trump, der auf Wahlkampfveranstaltungen die wilde Behauptung aufstellte, Babys sollten, wenn es nach den Demokraten ginge, bei der Geburt hingerichtet werden. In weiten Teilen der USA und Europas waren Konservative gern bereit, die Freiheit der Frau zu opfern, um an die Macht zu kommen. Doch das war nicht immer so.

Die Abtreibungsgesetze sind restriktiver denn je

Viele gehen davon aus, Abtreibung und Empfängnisverhütung seien wie andere Aspekte der schmuddelig-schaurigen Überlieferung der Frauengeschichte bis in die 1960er Jahre stets streng überwacht worden, und Roe v. Wade sowie die verbesserte Verfügbarkeit der Pille, die beispiellose Freiheiten mit sich brachten, seien historische Ausreißer, die Frauen gnädigerweise ein paar Jahrzehnte lang Entscheidungsfreiheit geschenkt hätten.

Vielfach herrscht die Ansicht, die Abtreibung werde heute gesetzlich lockerer gehandhabt denn je. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Die Abtreibungsgesetze sind restriktiver denn je. Neuartig ist vor allem das Ausmaß der staatlichen Kontrolle über die reproduktiven Entscheidungen von Frauen. Das liegt daran, dass bis vor relativ kurzer Zeit eine Schwangerschaft medizinisch nicht vor dem vierten Monat festgestellt werden konnte. Schwangere konnten auch nicht zum vaginalen Ultraschall gezwungen werden, der heute in mehreren US-Bundesstaaten für alle Abtreibungswilligen vorgeschrieben ist. Eine sadistischere staatliche Überwachung der weiblichen Sexualität hat es in der Menschheitsgeschichte in diesem Umfang bisher nie gegeben.

Bis in die 1920er Jahre standen zuverlässige medizinische Schwangerschaftstests nicht zur Verfügung. Auch Ärzte mussten sich auf begründete Vermutungen verlassen. Wenn es also gesetzliche Einschränkungen für den Schwangerschaftsabbruch gab, so setzten diese normalerweise ab dem Zeitpunkt ein, an dem die Frau die Bewegungen des Fötus spüren konnte; danach war nach übereinstimmender Ansicht vieler Religionen das ungeborene Kind „beseelt“.

Dieser Zeitpunkt, der irgendwo zwischen der sechzehnten Woche und dem sechsten Monat oder noch später angesiedelt war, wurde von der Schwangeren aufgrund ihres Körpererlebens bestimmt, und wer eine Abtreibung wollte, hatte oft einen gewissen Spielraum.

In den Vereinigten Staaten waren vor dem Bürgerkrieg Abtreibung und volkstümliche Verhütungsmethoden weitgehend unreguliert und wurden stillschweigend akzeptiert, allerdings nur für freie weiße Frauen. Die ersten Abtreibungsgesetze zielten denn auch nicht auf den Schutz des Fötus ab, sondern auf den Schutz von Frauen vor zwielichtigen Ärzten, die ohne Lizenz oder ohne hinreichende Kenntnisse der Keimtheorie operierten.

Wie nicht anders zu erwarten, wurden an reproduktive Entscheidungen weißer Frauen stets andere Maßstäbe angelegt als an die von Migrantinnen, Schwarzen Frauen und Frauen of Colour. Versklavten Frauen war die Abtreibung verboten, und wenn eine Frau verdächtigt wurde, eine Schwangerschaft zu vermeiden, setzte es Strafen, denn die weißen Sklavenbesitzer waren an der Geburt neuer Leibeigener interessiert, besonders, als nach dem Ende des nordatlantischen Sklavenhandels die Frage des Nachschubs Schwarzer Körper für die Knechtschaft dringlicher wurde.

Weiße Sklavenhalter hatten unterdessen ein absolutes Anrecht auf den Körper Schwarzer Frauen, die sie gewohnheitsmäßig vergewaltigten und denen sie Empfängnisverhütung untersagten. Immerhin war jedes Kind, das eine Sklavin gebar, ein Vermögenswert, das unbestrittene Eigentum ihres „Herrn“.

Hinter den ersten Abtreibungsverboten steckt Rassismus

Das änderte sich nach der Abschaffung der Sklaverei, als sich im weißen Amerika die panische Furcht breitmachte, die nicht-weiße Bevölkerung könnte womöglich schneller wachsen als sie. Plötzlich machte man sich große Sorgen, dass freie Schwarze Frauen zu viele Babys bekommen und weiße Frauen, die sich nicht ausreichend fortpflanzten, „Rassenselbstmord“ begehen könnten, ein Begriff, der seit der Industrialisierung in rechtsextremen und rassistischen Gruppierungen immer wieder auftaucht.

Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts traten überall in der entwickelten Welt gesetzliche Abtreibungsbeschränkungen in Kraft, die Entscheidungen über die Frauengesundheit in staatliche Hände legten, und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden experimentelle Eugenikprogramme, mit denen die nicht-weiße Bevölkerung kleingehalten werden sollte. Insbesondere für weiße Frauen wurden Gesetze zur Regulierung von Abtreibung und Empfängnisverhütung verabschiedet, für Schwarze Frauen und Migrantinnen Programme zur massenhaften Zwangssterilisation eingeführt.

Heute löst der Begriff Eugenik zu Recht Empörung aus. Aber man vergisst leicht, dass vor dem Zweiten Weltkrieg in vielen nominell liberalen Demokratien die Eugenik als seriöse Wissenschaftsdisziplin und politisches Verfahren galt. Margaret Sanger und andere Verfechter:innen der Empfängnisverhütung bemühten bekanntlich eugenisches Vokabular, um die weißen Männer an der Macht davon zu überzeugen, dass nur mittels Geburtenkontrolle ein gesunder, starker – und weißer – „Volksbestand“ entstehen könne. Und eine der ersten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die in den USA in diesem Zusammenhang vom „Rassenselbstmord“ sprachen, war Theodore Roosevelt.

Seit den Anfängen der kolonialen Expansion hängen die politischen Entscheidungen zu Abtreibung und Verhütung eng mit rassistischen Ansichten zur nationalen Identität und Bevölkerungskontrolle zusammen. Rechtsextreme Bewegungen waren schon immer auf die sexuelle Kontrolle „ihrer“ Frauen fixiert. Einer der wenigen ideologischen Refrains, den fast alle repressiven Regimes gemeinsam singen, ist das Prinzip, dass der Frauenkörper Eigentum des Staates und die reproduktive Entscheidungsfreiheit kein Anrecht, sondern ein Luxus sei, den Frauen bereitwillig zum Wohle der Nation zu opfern hätten – sonst gibts Ärger.

Diese panische Sicht auf die demografische Entwicklung verbreitet sich heute in ganz Europa und Amerika wie ein Krebsgeschwür. Seit einiger Zeit ist der Ausdruck „weißer Genozid“ gebräuchlich und gärt in den Güllegruben der Internethetze, wo er schlicht bedeutet, dass „nicht genug weiße Babys geboren werden.“

„Ich habe unlängst getwittert, man könne eine Zivilisation nicht mit dem Nachwuchs fremder Leute erhalten“, wird der republikanische Abgeordnete Steve King aus Iowa in einer ultrarechten österreichischen Zeitschrift zitiert. „Wenn wir damit weitermachen, unsere Babys abzutreiben und dafür Ersatz in Form von jungen, gewalttätigen Männern herbeischaffen, ruinieren wir unsere Zivilisation.“

Man kann es nicht oft genug sagen: Es macht moralisch kaum einen Unterschied, ob ein Mann eine Frau gegen ihren Willen zum Sex zwingt oder ob der Staat – oder ein herrschsüchtiger Partner – sie gegen ihren Willen zu einer Schwangerschaft zwingt. Vergewaltigungsapologeten sind da wenigstens etwas ehrlicher. Und dieses Ausmaß an staatlicher Kontrolle stellt einen neuen und historisch beispiellosen Angriff auf die körperliche Autonomie von Frauen dar.

Aber durch Waffen töten ist erlaubt! Das ist ein Chauvinismus im Albtraummodus

Vorstellungen zu Race, Nation und Herrschaftsraum sind und waren in der Anti-Choice-Bewegung ebenso tief verankert wie eine bösartige Doppelmoral in der Frage, wessen Leben zählt. Dem Bundesstaat Alabama zum Beispiel liegen Menschenleben dermaßen am Herzen, dass er, gemessen an der Bevölkerungszahl, mehr Gefangene hinrichtet als fast alle anderen US-Bundesstaaten. Auch als Gouverneur Kay Ivey das Abtreibungsverbot unterzeichnete, war für den nächsten Tag eine Hinrichtung angesetzt.

Die Gebärzwangbewegung riecht auch in anderer Hinsicht nach Heuchelei. Leute, die der Mutterschaft einen so hohen Wert zumessen, entreißen nicht an der Grenze Eltern ihre Kleinkinder, um sie in glühend heiße Käfige zu stecken. Leute, denen die Heiligkeit des Lebens so wichtig ist, würden nicht dafür plädieren, den freien Verkauf von Schusswaffen in Einkaufszentren zu erlauben. Leute, denen Ungeborene so am Herzen liegen, würden nicht ausgerechnet die Gesetze torpedieren, die verhindern sollen, dass der Planet, den diese Kinder einmal erben, in Flammen aufgeht.

Doch trotz all dieser erdrückenden moralischen Widersprüche sind Gebärzwangextremist:innen gar keine Heuchler:innen. Ganz im Gegenteil. Hinter den frömmelnden und unredlichen Schlachtrufen ihres Kreuzzugs verbirgt sich eine erschreckende logische Folgerichtigkeit, die Grenzparanoia mit militärischem Fetischismus und einer obsessiven staatlichen Kontrolle des Frauenkörpers verzurrt. Das ist ein Chauvinismus im Albtraummodus: Verängstigte Kindmänner erzählen die düstere Mär von starken Vätern, strengen väterlichen Anführern und ihrem Recht, ihre Ressourcen zu beschützen. In dieser Geschichte sind Frauenkörper eine Ressource, auf die Männer freien Zugriff haben sollten, und Frauen haben nicht das Recht, Männern den Sex zu verweigern oder das Baby abzutreiben, das ihnen ein Mann eingepflanzt hat.

Weniger tote Babys, aber mehr tote Frauen

Beim Thema Abtreibung dürfen Frauen bitteschön nicht wütend werden. Eine wütende Frau ist, mehr oder weniger definitionsgemäß, eine verrückte Frau, und einer verrückten Frau kann man keine körperliche Autonomie überantworten, auch wenn man ihr, wie es scheint, ein Baby durchaus anvertrauen kann. Stattdessen sollen wir den Verantwortlichen, auch den Fanatikern, die weltweit die staatliche Agenda kapern, leise und höflich erklären, dass das Abtreibungsverbot unsere Autonomie beschneidet – als ob sie das nicht schon wüssten.

Natürlich beschneidet das Abtreibungsverbot die Autonomie der Frauen! Das ist ja der Sinn des Abtreibungsverbots. Darum geht es doch.

Mit einer Kriminalisierung verhindert man ja auch keine Abtreibungen. In Ländern, in denen nur eingeschränkt abgetrieben werden darf, gibt es nicht weniger tote Babys, dafür aber viel mehr tote Frauen. Weltweit resultieren 13 Prozent der Müttersterblichkeit aus riskanten Abtreibungen. Man sendet damit eine klare Botschaft aus: Freche Flittchen durften schon viel zu lange über die Stränge schlagen, und jetzt sind mal Konsequenzen fällig. Es ging nie darum, dass Babys wichtig wären. Es geht darum, dass Frauen unwichtig sind.

Wir sollen lächeln und höflich sein, während uns Männer, die kleine Mädchen dazu zwingen möchten, unter Schmerzen und Schrecken Kinder zu gebären, jede Menschlichkeit absprechen. Wer das Patriarchat überleben will, muss darüber schweigen, wie sehr es schmerzt, das Patriarchat zu überleben. Wer doch darüber reden muss, spricht leise. Man redet nicht über Wut. Und definitiv redet man nicht über Schmerzen. Die Schmerzen von Frauen, besonders die Schmerzen von Frauen of Colour, sind absichtlich unsichtbar.

Patriarchale Revisionisten, insbesondere solche der politisch einflussreichen evangelikalen Rechten, verfolgen seit langem die Strategie, Frauen und Mädchen ihre Würde zu nehmen und sie zu zwingen, im Namen des religiösen Gehorsams unerwünschte Kinder zu gebären. Gehorsam gegen die religiöse Autorität – gegen den Vater als Familienoberhaupt, gegen Gott und gegen den Staat – bildet den Kern evangelikalen Denkens, und in diesen Gehorsamsmodellen haben Frauen das Leid als Teil ihres natürlichen Schicksals zu akzeptieren. Auch im nicht-religiösen Kontext wird von Frauen erwartet, Schmerzen zu ertragen, besonders von Schwarzen Frauen und Frauen of Colour, deren Schmerzen in der Medizin des Globalen Nordens gern als übertrieben abgetan werden; das hat schwerwiegende Folgen, auch für die Gesundheit von Müttern. In den Vereinigten Staaten sterben Schwarze Frauen dreimal so häufig bei der Geburt wie weiße, Schwarze Kinder sterben im ersten Lebensjahr doppelt so häufig wie weiße. Wie Professor Tressie McMillan Cottom schreibt, liegt das unter anderem daran, dass die Aussagen Schwarzer Frauen über ihre eigenen Körpererfahrungen als unzuverlässig gelten. Als McMillan Cottom in den Wehen lag, wurde sie im Krankenhaus vom medizinischen Personal zunächst mehrere Schichten lang ignoriert:

„Nach mehreren Tagen Wehenschmerzen, die nicht diagnostiziert wurden, weil der Schmerz im Po saß statt im Rücken, hielt ich die Wehen nicht mehr aus. [...] Ich bettelte um eine Epiduralanästhesie. Nach einer gefühlten Ewigkeit traf ein Anästhesist ein. Er starrte mich wütend an und erklärte, wenn ich nicht still sei, würde er wieder gehen, und ich bekäme gar keine Schmerzlinderung.“

„Als ich aufwachte, presste ich, und dann war meine Tochter da. Sie starb kurz nach ihrem ersten Atemzug. Die Krankenschwester fuhr mich aus dem Operationssaal zurück zur Station. Den ganzen Weg hielt ich mein Baby im Arm, anscheinend ist das so üblich. Nachdem wir besprochen hatten, was mit den sterblichen Überresten geschehen solle, sagte die Krankenschwester zu mir: ‚Nur damit Sie es wissen: Wir hätten nichts tun können, Sie haben uns ja nicht gesagt, dass Sie Wehen haben.“

„Schwarze Frauen sind Superheldinnen, wenn es darum geht, anderer Leute Erwartungen zu erfüllen oder jemandem beziehungsweise etwas anderem zu dienen. [...] Wenn wir den Männern, dem Kapital, der politischen Macht, den weißen Frauen den einen oder anderen existenziellen Dienst erweisen, [...] erfüllen wir unseren Zweck in der natürlichen Ordnung der Dinge.“

Schwarzen Frauen und Frauen of Colour bleibt nichts anderes übrig, als die reproduktive Ungerechtigkeit hinzunehmen, die ihr Leben und das ihrer Kinder in Gefahr bringt, so wie sämtlichen Frauen nichts anderes übrig bleibt, als über die schlimmen, erschütternden Details der Reproduktion zu schweigen: die Schmerzen, das Blut, die Risse, die Erschöpfung, die Unsicherheit, die Armut. In einer von Männern geprägten und geführten Wirtschaft sollen wir die harten und entwürdigenden Begleiterscheinungen von Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft für uns behalten.

Wir müssen über den Schmerz und das Leid der Geburt sprechen

Als ich jünger war, glaubte ich, was mir Lehrer:innen und andere Erwachsene erzählten: dass die Geburt zwar mal kurz sehr schmerzhaft sei, Frauen aber schnell „alles vergessen“. Bis heute wird das Hirngespinst verbreitet, dass es eine Art natürlicher Amnesie gäbe, die Qual und Trauma selbst einer komplikationslosen Schwangerschaft und Geburt auf wundersame Weise aus der Psyche löscht. Ich begriff, dass es ein paar Dinge gibt, über die man einfach nicht spricht und die ein Geheimnis bleiben sollen, Dinge, die mit Wehen, Schwangerschaft, Abtreibung und vor allem mit Fehlgeburten zu tun haben.

Zehn bis 20 Prozent aller Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt, und dieses Erlebnis kann eine Schwangere zutiefst traumatisieren. Dennoch ist es gesellschaftlich immer noch tabu, über eine Fehlgeburt zu sprechen oder eine Schwangerschaft überhaupt vor dem vierten Monat zu erwähnen, wenn das Risiko einer Fehlgeburt stark abnimmt. Angeblich soll dieses Tabu Frauen und Mädchen, die ein ersehntes Kind verloren haben, emotional schützen, doch in Wahrheit werden sie auf diese Art isoliert, und den Menschen um sie herum bleibt das Unbehagen erspart, die alltäglichen Tragödien der menschlichen Fortpflanzung zur Kenntnis zu nehmen.

Die mit der Schwangerschaft verbundenen Tabus sollen Frauen nicht schützen, sie sollen die Gesellschaft davor bewahren, über das Leid von Frauen nachdenken zu müssen. Schwangere sollen schweigen über Schmerz, Trauma und Angst, die mit Schwangerschaft und Wehen einhergehen. Sie sollen kleinlaut Blut und Scheiße wegwischen und monatelang im Fitnessstudio schwitzen, um wieder auszusehen wie vor der Schwangerschaft. Wenn sie eine Fehlgeburt erlitten haben, dürfen sie es nicht erwähnen, am besten kein Aufhebens machen. Wenn sie die Kardinalsünde eines Schwangerschaftsabbruchs begangen haben, sollen sie es nur flüsternd zugeben und ihre Scham zur Schau tragen – genau wie sie sich für einvernehmlichen Sex schämen sollen, wie sie sich schämen sollen, wenn sie eine Vergewaltigung überlebt haben.

Aber das Menschsein einer Frau ist nicht an Bedingungen geknüpft, und die weibliche Sexualität ist nichts Beschämendes. Das einzig Beschämende, das Einzige, was keine Bürgerin, die auch nur ansatzweise an Freiheit glaubt, tolerieren sollte, ist eine Welt, in der Frauen wie Sachen behandelt werden.


Ein weiteres gekürztes Kapitel aus Laurie Pennys Buch „Sexuelle Revolution“ findet ihr hier.

Redaktion: Theresa Bäuerlein, Lisa McMinn; Schlussredaktion: Susan Mücke, Übersetzung: Anne Emmert, Bildredaktion: Philipp Sipos

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