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„Junge Menschen sollten diese Lücke nicht füllen müssen“

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Als ich vier Jahre alt war, 2011, setzte der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Wehrpflicht aus. Seitdem müssen junge Menschen nach der Schule keine Arbeit mehr leisten, die sie gar nicht leisten wollen.

Jetzt soll es eine Art Neuauflage geben, ginge es nach Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und den anderen Politiker:innen, die sich seiner Forderung mittlerweile angeschlossen haben: Sie heißt „sozialer Pflichtdienst“. Junge Frauen und Männer sollen so ihren scheinbar fehlenden „Gemeinsinn“ stärken und Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer Blase aufbauen. Neben Steinmeiers Begründungen fällt der Vorschlag an sich aus der Zeit.

Niemand will nochmal ein Jahr unfreiwillig weggeben

Der soziale Bereich muss unterstützt werden, das ist spätestens seit der Pandemie allen bewusst. Geflüchtetenheime, Krankenhäuser, Integrationszentren, Kitas, Pflegeheime, Schulen, um nur einen Bruchteil zu nennen, sind überlastet. Natürlich könnte versucht werden, die Arbeitsbedingungen zu verbessern: höhere Löhne, mehr Personal, weniger Druck. Stattdessen soll das fehlende Personal nun mit jungen Arbeitskräften ersetzt und das eigentliche staatliche Versagen verdrängt werden. Doch junge Menschen sollten diese Lücke nicht füllen müssen. Und sie können es auch nicht.

Reden wir über Freiheit. Die würde jungen Menschen durch einen verpflichtenden Sozialdienst genommen werden. Junge Menschen litten, nicht als einzige Altersgruppe, in den vergangenen zwei Jahren massiv unter den Corona-Maßnahmen. Viele minimierten ihre Sozialkontakte, verzichteten darauf, Freunde zu treffen oder Freizeitaktivitäten nachzugehen. Dass wir uns solidarisch verhalten, stand nie infrage, aber sicher ist: Nochmal ein Jahr unfreiwillig weggeben, will niemand.

Für mich steht fest: Mich sozial zu engagieren ist (m)ein Muss. Diese Entscheidung habe ich aber mit mir selbst getroffen. Es engagieren sich bereits 42 Prozent der 14- bis 29-Jährigen freiwillig, im Sportverein, bei der Obdachlosenhilfe, bei der Feuerwehr. Mehr als 80.000 Jugendliche absolvieren jährlich ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ). Das zeigt, die Jugendlichen, die sich sozial engagieren wollen, tun dies ohnehin. Ob mit oder ohne sozialem Pflichtdienst.

Das Problem: Freiwilligendienste wie das FSJ, FÖJ oder der Internationale Jugendfreiwilligendienst können die Stellennachfrage nicht immer befriedigen. Es gibt schlichtweg nicht genug Angebote.

Es ginge so viel einfacher

Selbst wenn diese Argumente ignoriert werden würden: Um den sozialen Pflichtdienst einzuführen, müsste das Grundgesetz geändert werden. Denn Stand heute würde er wahrscheinlich das Übereinkommen der Europäischen Menschenrechtskonvention sowie den Internationalen Pakt über die bürgerlichen und politischen Rechte missachten. Für die Änderung bräuchte es im Bundestag erstmal eine Zweidrittelmehrheit.

Das ist viel Aufwand und es gibt bessere Möglichkeiten. Statt das Grundgesetz zu ändern, muss deutlich mehr Geld in den Ausbau des Angebots der bereits bestehenden (Jugend-)Freiwilligendienste investiert werden! Und nicht nur dort, auch außerhalb dieser Dienste sollten die vielen Jugendprojekte, die es schon gibt und die noch entstehen, gefördert werden. Das kostet eine Menge Geld, aber wenn für die Bundeswehr schon 100 Milliarden Euro übrig sind ...

Statt schnellen Meinungen, wünsche ich mir einen umfangreichen Diskurs über den sozialen Pflichtdienst durch ein Jugendmitspracherecht über Umfragen, Diskussions- und Austauschrunden, generationsübergreifend, damit wir alle mal aus unserer eigenen Blase kommen. Auch Herr Steinmeier.


Sophia Muliar ist 15 Jahre alt und als Schülerpraktikantin bei Krautreporter.

Redaktion: Bent Freiwald, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos; Audioversion: Iris Hochberger

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