Krautreporter

Elizavetha auf Abwegen

etwa 4 Min. Lesedauer

Tuli soll malen. Bild für Bild, wie in einem Drehbuch. Aber mit Bedacht. Jedes Bild soll etwas erzählen von den Geschichten, die er an W.s und Elizavethas Seite erlebt hat. Nicht click and tag! So geht das nicht. Er soll Bedeutung erkennen und sich auf das Wesentliche konzentrieren.Ihr wisst, was das heißt. Tuli lernt es erst.

Elizavetha kann viereckige Kringel exhalieren, Rahmen für das, was ihr durch den Kopf geht. Über den neuen Roman von Alexander Osang hatte sie heute gelacht.

Jetzt geht ihre Reise los. Sie ist zurück, im Einsatz, auch wenn jetzt alles durcheinandergeht. Sie folgt den Spuren der Klänge, ihr Durcheinander erzählt uns mehr, als wir ahnen.

„The two of us sitting here with two flash recorders and recording to MP3, this will be a strange, ancient, weird artifact for media anthropologists from the 22nd century. They will be looking at us, at this interview situation, and they will be thinking, 'How weird is that?' - if we don’t archive our present practices and describe them in all details: our affection to it and our fears around it. This can be, if you will, 'capsuled' and transferred to the new future and again serve other purposes, which we today do not know in research. But this is what we can do for future research now.

So weit, so gut. Nur der Teufel weiß, warum sie jetzt beim Britischen Stadtkommandanten zu Gast ist. Die Macht ihres Traums ist so groß, dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln, denn dass Harry sie verrät, ist völlig abwegig. ES IST EIN TRAUM, sagt sie und versucht, die Kontrolle zurückzubekommen. Hoffentlich liest ihr Gegenspieler von damals, Anfang der 60er Jahre, nicht mit. Dann wäre sie verloren! Die Wette lautete, dass sie unsichtbar bleiben würde.

Ein Konzert in Harrys Residenz.Wieder funken die Traumregisseure dazwischen. „Du hast eine Konzertbesucherin als Schnapsdrossel beleidigt!“ - „Ein Kompliment.“ So war sie damals. Unverblümt, sarkastisch, aber nur in ihren Selbstgesprächen. Anders als Harry hatte sie immer alles im Griff.

Sie steht vor einer Anhöhe, von der sie glaubt, sie sei zu steil für den Saab, was natürlich lachhaft ist. So ist das im Traum. Das hat sie lang genug geübt. So funktioniert seine Kontrolle.

Im Traum bist du auf dich selbst gestellt. Andere um Hilfe zu bitten, ok, das kannst du natürlich versuchen, aber sie werden nur selten darauf eingehen. Elizavethas Traumregisseure nutzen alles, was in ihren Kräften steht, denn es geht darum, die Reise fortzusetzen. Die missbilligende Alte am Stock trägt ihren Teil zum Stück bei. Immer diese Träume von anderen! So gibt sie Elizavetha die Kontrolle zurück.

Die Hunde haben dafür eine Nase. Sie riechen Elizavethas Traumbilder. Ah, Gummi, endlich mal wieder Gummi zum Beißen. Ihre Kaugeräusche werden zum Teil des Traums, auch wenn sie gerade wahrscheinlich etwas anderes kauen als die Reifen von Elizavethas altem Auto.

Elizavethas Reise führt sie jetzt an den Niederrhein, in eine Zeit, in der das Essen ein heiliger Akt war, weil den Überlebenden des Großen Kriegs die Erinnerung an den Hunger noch in den eigenen Knochen steckte. Du stirbst nur einmal - mit dem Umkehrschluss, dass du auch nur einmal lebst.

Jetzt ist der Tempel der dörflichen Feinkost eine Ruine. Fassungslos schaut Elizavetha dem wilden Treiben der Punks zu. Was ist da passiert? Das kann nicht sein!

Eine Traumerzählung in einer Analysestunde ist ein Geschenk des Analysanden an den Analytiker, ein Vorgang, der beiden emotional nahegeht. Der Analytiker muß in der Lage sein, sich emotional auf das Geschenk einzulassen, und es gleichzeitig zulassen können, daß er zunächst gar nicht versteht, was da geschieht. - Davor hat Morgenthaler nie Angst gehabt. Nicht alles gleich verstehen zu wollen, Fremdheiten anzuerkennen und sich dem Neuen zu überlassen, das zeichnete ihn ebenso als Analytiker wie als Ethnologen aus.
Fritz Morgenthaler, Der Traum. Fragmente zur Theorie und Technik der Traumdeutung. Qumran Frankfurt 1986

Noch immer steht Elizavetha unter dem Eindruck des Traums. Zu ihrem Glück sind die Hunde so nah, dass sie ihr helfen können. In ihren Augen sehen wir das Feuer der Feinkostruine, obschon sie sich bloß auf dem Boden vor Elizavethas Bett wälzen und vielleicht gerade geschnarcht haben.

So ist es, das Ende scheint friedlich. Der Trost geht nah, auch wenn das nicht durch W. geschieht, sondern Theodor Storm zu verdanken ist. Warum aber nagt Anti da hinten an Elizavethas Traumperlen? Die Reise geht weiter.

Was außerdem geschah: Der geile Zwerg, dem Zara in die Kronjuwelen gebissen hat, durchquert auf dem Weg zu seiner Rache gerade Kasachstan.


Kynästhesie ist eine Graphic Novel von Josefina Capelle (Grafik) und Hans Hütt (Text)