Boulevardjournalismus

SEITE EINS

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SEITE EINS
Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone
von Johannes Kram

Der Text ist die vom Autor mit Kommentaren versehene Buchversion der Uraufführung vom 5. September 2014 mit Ingolf Lück am Theater Gütersloh unter der Regie von Christian Schäfer. Die Berlin-Premiere von SEITE EINS ist am 25. Februar, in Hamburg wird das Stück erstmals am 17. März aufgeführt. Eine weitere Produktion mit dem Schauspieler Boris Aljinovic hat unter der Regie von Bernd Kauffmann bei den Movimentos Festwochen in Wolfsburg am 11. April Premiere.


Einzige Rolle: Marco, Alter egal, aber nicht unter 25.
Er redet gerne. Auch deshalb: keine Pause

1. AKT

Eine leere Bühne oder gar keine. Ein unbestimmter Raum und Marco, ein unbestimmter Typ. Er ist angenehm neutral gekleidet. Nichts weist auf seinen Beruf und seine Position hin. Kein großer Auftritt, eher nebenbei, „stand up“. Das Licht geht an und er redet, als tue er das schon eine Weile. Er spricht direkt in das Publikum. Vielleicht phantasiert er es sich nur.

MARCO:

Finden Sie mich schlimm? Ich meine: Bin ich jemand, den man mag, wenn man ihn so sieht? Schauen Sie mich ruhig an! Was meinen Sie? Nur zu! Lassen Sie sich Zeit! Ich weiß, das ist schwer. Aber versuchen Sie’s! Ich weiß, in Ruhe anschauen, das ist heute nicht mehr so.

Für einen Schauspieler wie Ingolf Lück, den man auch als Comedian kennt, ist der Anfang des Stücks etwas tricky. Das Publikum weiss da noch nicht, ob es sich um ein „richtiges“ Stück mit fester Handlung handelt (ja, ist es), oder doch eher um eine Art variables Solo-Programm eines Stand-up-Comedians. Es kommt also vor, dass die Zuschauer mit Zwischenrufen reagieren, wie sie es in einem Comedy-Programm tun, zumal der Text des Stückes da ja auch provoziert. Für Ingolf Lück ist das dann nicht so einfach. Irgendwie muss er natürlich auf die Zwischenrufe reagieren. Auf der anderen Seite muss er auch in der Rolle bleiben. Er ist eben nicht Ingolf Lück, darf aber (noch) nicht sagen, wer denn sonst.

Wissenschaftler sagen: Nicht länger als fünf Sekunden! Nur fünf Sekunden schaut sich der Durchschnittsmensch heute das Gleiche an, ohne dass es ihm langweilig wird. Fünf Sekunden! Jetzt sind wir schon bei...

Diese Studie habe ich frei erfunden. Hat aber noch niemand hinterfragt. Für das Stück ist auch nicht wichtig, ob solche Tatsachen-Behauptungen stimmen oder nicht. Entscheidend ist, dass jemand wie Marco so etwas behaupten würde.

kurzer Blick auf die Uhr

16! 16 Sekunden und Sie sehen immer noch nur mich. Also, was bin ich für einer? Ich verstehe Sie ja: Wenn nach fünf Sekunden Konzentration kein neues Bild kommt: Dann werden Sie wibbelig, dann beginnt schon Phase eins der, früher sagte man Konzentrationsstörung, heute muss ja man richtig ADS oder ADHS, sagen. Also ganz korrekt im Englischen: ADHD beziehungsweise AD-Slash-HD, also, ich kann nichts dafür, Attention Deficit Hyperactivity Disorder beziehungsweise Attention Defizit Slash Hyperactivity Disorder, also haben Sie jetzt eine Meinung?, ich spüre wie ihr Gehirn gerade nach einem neuen Bild schreit, es sehnt sich nach einer Fernbedienung, wo man schnell, zapp, weg, weiter, oder die Jüngeren einfach schzzupp ...

„blättert“ mit dem Finger wie auf einem I-Pad

… tja, ich bin noch da, was meinen Sie, was bin ich? Geben Sie´s mir! Geht so, oder? Finden Sie mich interessant? Bin ich Ihnen - sympathisch? Nein? Nicht sympathisch. Das ist gut. Das ist sehr gut. Wissen Sie, sympathisch ist 90er! Geht.-Gar.-Nicht! Oder wie man heute sagt: „Nicht wirklich“, kommt übrigens von „not really“, ist gar kein Deutsch, nicht wirklich. Haben Sie das mal gehört in letzter Zeit: Sie sind mir aber sympathisch, Sie!“ Sympathisch: Nein, nein, not really, also, was?

ins Publikum, als ob er einen neuen Wortvorschlag aufgreifen würde

„Cool“? Sie meinen cool? Ich bin cool? Sie sagen wirklich noch „cool“? Aha! Dann sagen Sie bestimmt auch so Wörter wie „Illustrierte“. Oder „Dauerlauf“ oder „Farbfernseher“, erklären Sie heute mal jemandem, was ein Farbfernseher ist, Achtung, Achtung!, cool ist das neue „astrein“! Oder „dufte“. Brrrrr.

schüttelt sich

Okay! „Okay?“ „Okay“ ist Okay oder? Auch gewollt-anbiedernd-jugendsprachlich und insofern unter erhöhtem Peinlichkeitsverdacht. Könnte man meinen. Aber: Okay!

Wissen Sie jetzt, mehr über mich? Kann man mir vertrauen? Sie wissen doch, wie man früher gefragt hätte, oder? „Würden Sie diesem Mann einen Gebrauchtwagen abkaufen?“ Hätte man doch so gefragt früher, oder?, würden sie diesem Mann -, warum sagt man das eigentlich heute nicht mehr?

als ob er einen Duft aufspüren wollte

Hat was von … klingt irgendwie ... .weil man heute Autos im Internet verkauft? Meinen Sie? Ich nicht. Ich glaube, es ist eher das Wort selbst. „Gebrauchtwagen“. Ich weiß nicht warum, es spricht sich komisch. Gibt noch kein neues Wort dafür. Wird es aber geben, so was hab ich im Gespür. Gebrauchtwagen. Man sieht es dem Wort nicht an.

malt es in die Luft

Aber es ist kontaminiert, es löst sich auf, es ist eines dieser Wörter, denen wir jetzt gerade beim langsamen Sterben zusehen können.

ins Publikum, als ob er ein Kind trösten müsse, ein langes spitzes

Ooooooooooo

sich selbst unterbrechend

so wie „schwoofen“.

schüttelt sich

Oder „Ober“, „Hallo Herr Ober!“ Oder „Pupsen“! Ich pupe, Du pupst, er hat gepupt? Nein, oder?

theatralisch bis flüsternd

Unschuldige Wörter. Niedlich, noch. Doch nach „niedlich“ kommt „merkwürdig“. Und dann auf einmal: Weg! Einfach weg! Also! Was denken Sie? Raten Sie! Bin ich so ein Typ aus der Wirtschaft? So ein Manager? Nein oder? Aus dem kreativen Bereich? Oder Technik? Wissenschaft? Sehen Sie: Sie haben keinen Schimmer. Okay, hören Sie zu, ich sage es Ihnen! Also:

Ich bin. Journalist.

eine erwartete Enttäuschung abfangend

Ach. Ja und?! denken sie jetzt. Deswegen der ganze Aufstand? Journalisten können doch ganz okay sein., Anne Will zum Beispiel, die ist doch in Ordnung, oder der Günther Jauch, der ist doch auch Journalist, oder?

Okay! Genau gesagt: Ich bin Boulevardjournalist. Und jetzt? Seien sie ehrlich! Sie finden das irgendwie interessant, aber auch verwegen, halbseiden, schlimm. Oder Sie haben Mitleid? Oder vielleicht beides?

Sie denken, ein Boulevardjournalist ist überhaupt kein richtiger Journalist. Ein Schönheitschirurg ist ja auch kein richtiger Chirurg. Die gleiche Mischpoke. Das ist ja auch nur einer, der Fett absaugt oder Lippen spritzt, schlimm, dekadent, Lippen, übergroß, vulgär, Schlagzeilenlippen! Silikonüberschriften! Ich muss Sie enttäuschen. Das war kein Zufall, das mit der Boulevardzeitung. Und ich bin da nicht irgendwie hängen geblieben wie Cherno Jobatey im Frühstücksfernsehen. Ich sage Ihnen was: Ich wollte zum Boulevard, ganz genau dort hin.

Ich mag den Umgang mit Menschen, deswegen bin ich ja zur Zeitung. Menschen.

Handy klingelt, er schaut auf das Display und drückt das Gespräch weg

Ich kenne die Medien, ich weiß ja, wovon ich rede.

Wir leben in einer Demokratie, alle Macht geht vom Volk aus, das ist Grundgesetz. Aber das das Volk, kann diese Macht nur richtig ausüben, wenn es richtig informiert ist und, sich eine unabhängige Meinung bilden kann. Was meinen Sie? Ist das heute noch möglich? Fühlen Sie sich richtig informiert? Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Meinung ernst genommen wird? Ich sage Ihnen, was wahr ist:

Die sogenannten seriösen Medien haben von dem, was wirklich passiert, keine Ahnung. Man erzählt Ihnen nicht die Wahrheit. Rentenpolitik, Integration, Krankenversicherung, Energiepolitik. Überall Pseudoberichterstattung. Hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

Diese Passage habe ich ca. zwei Jahre vor Pegida und „Lügenpresse“ geschrieben. Wenn ich jetzt Anfang 2015 das Stück vom Publikumsplatz aus erlebe, habe ich an dieser Stelle immer wieder für ein Paar Sekunden lang Angst vor Applaus.

Die - ja ich sage jetzt mal die Gutmenschen, nicht böse sein, ich mag ja Gutmenschen, wirklich, ja - aber es ist eben auch ein Unterschied zwischen gut meinen und gut machen, und Menschen, die sich für gut, also für die besseren Menschen halten, da sollten eigentlich schon die Alarmglocken - jetzt hören Sie zu, diese Gutmenschen sagen: Wenn es für die Tat nicht erheblich war, ob der Täter - sagen wir mal, nur mal so, sagen wir jetzt mal - Türke, oder Araber gewesen ist - ja dann darf das auch nicht in der Zeitung stehen. Dann steht da nur, dass eine Gruppe Jugendliche die Leute tyrannisiert. Dann steht da nicht, dass das eine türkische oder arabische Jugendbande ist, die die Leute tyrannisiert hat. Weil das angeblich zu Rassismus führt.

Aber ist es nicht vielleicht andersrum? Die Journalisten - diese „seriösen“, „guten“ Journalisten - wollen ihnen sagen, dass die Welt anders ist als sie ist, anders als sie sie ja selbst erleben. Sie wollen ihnen ihre Wahrheit nehmen. Sie sagen den Menschen, dass sie diejenigen sind, die nicht verstehen.

Ja, die Zeitungen nehmen ihre Leser nicht ernst, sie denken, sie müssten die Menschen vor der Wirklichkeit schützen oder vor sich selber.

Selbstmorde. Über Selbstmorde zum Beispiel darf nicht geschrieben werden. Oder zumindest nicht richtig. Wissen Sie, wie viele Leute sich im Jahr vor den Zug werfen? Über 1.000 Leute. Das sind jeden Tag zwei bis drei. Jeden Tag! Statistisch springt jedem Zugführer einmal in seiner Berufslaufbahn einmal ein Mensch vor die Räder, wer denkt denn eigentlich an die Zugführer, nur mal ganz nebenbei, also die, die da springen, was sind das für Menschen, warum tun die das? Es passiert dauernd und überall, aber wir erfahren nicht, was mit mit diesen Menschen los war, wie es soweit kommen musste. Wir tun so, als ob es sie gar nicht gegeben hätte.

Marco erweckt hier den Eindruck, als ob die Berichterstattung über Suizide weitgehend ungefährlich sei. Dabei dürfte es wohl kaum einen Boulevard-Journalisten geben, dem der sogenannte Werther-Effekt nicht bekannt ist, der einen kausalen Zusammenhang zwischen einer ausführlichen Berichterstattung über Suizide und entsprechenden Nachahmungen beschreibt.
BILD-Chefredakteur Kai Diekmann hatte 2003 nach einer entsprechenden Rüge durch den Presserat mitgeteilt, in seiner Zeitung sensibler über Selbstmorde berichten zu lassen. Doch bis heute gibt es (nicht nur in BILD) immer wieder Fälle, in denen laut BILDBlog „Schlagzeilen Menschenleben kosten“.

Die Zeitungen schreiben das nicht, weil sie befürchten, es könnte Nachahmer geben. Glauben Sie wirklich, dass jemand sein Leben beenden möchte, weil er gelesen hat, dass ein anderer das tut? Kann es nicht vielmehr sein, dass es genau andersrum wäre? Dass wir Menschen helfen könnten, mit ihrem Leben besser klarzukommen, wenn wir uns für das Leben der anderen interessierten? Wenn wir zeigen, wie diese Menschen gelebt haben, dass ihre Probleme vielleicht lösbar waren waren, wie es hätte weiter gehen können?

Aber nein, das trauen die Zeitungen ihren Lesern nicht zu. Für sie sind alle potenzielle Selbstmörder, Bahnspringer, Amokläufer, Serienkiller, die man mit einer Zeitungsgeschichte auf eine dumme Idee bringen kann.

Ich sag doch, Sie haben ein Vorurteil. Wir vom Boulevard, wir übertreiben es manchmal, wir sind vielleicht oft etwas zu deutlich, aber …

Handy klingelt wieder, er schaut auf das Display

… aber ich sage Ihnen was: Wir nehmen den Leser ernst. Und wir interessieren uns für den Menschen hinter den Geschichten. Denken Sie, was Sie wollen. Aber unsere Wahrheit ist nicht die einer ideologisierten Medienklasse oder einer opportunistischen Politikerklasse, nicht die der gierigen Manager oder dogmatischen Wissenschaftler. Nein, die Wahrheit der Menschen, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Dafür -

das Handy klingelt, er steckt sich einen Headphone-Knopf ins Ohr (oder hat die ganze Zeit schon so einen peinlichen, -blinkenden?- kabellosen Bluetooth-Stick im Ohr)
nimmt das Gespräch durch einen Druck an einen Knopf am Kabel … wie auch immer an

Lea, Mensch, Du! Die berühmte, dass Du mich, Zeit hast für, aber wirklich, mich unbedeutenden, dass ich das erleben, Mensch Lea, Lea Mensch. Sag mal, ich muss Dich gleich, ich hab noch, Du verstehst, ja, danke, Mensch Lea, grad in einer, bin grad, ja das ist, bis gleich!

drückt das Gespräch weg

Entschuldigung. Ich musste das annehmen, bin immer im Dienst, das ist bei mir wie bei Ärzten, Pfarrern, Rechtsanwälten, alles Jobs, die für die Menschen da sind, mein Job ist Menschen, hatte ich Ihnen schon gesagt, oder? Lea Seeberg. Wow. Hätte ich jetzt nicht gedacht.

Junge Sängerin, die könnte richtig groß werden. Habe ihr auf diesem Medienevent, so was halt mit roter Teppich, hört sich toller an als es ist, Glamour, Stars, alles auch nur Menschen, glauben Sie mir, da hab ich ihr meine Karte gegeben, der Lea, und jetzt ruft sie an, ein tolles Mädchen!

Spannend. Denn sie ist eine von der Sorte, die eigentlich nicht mit uns redet, die macht ihr eigenes Ding, „Boulevard ist böse“, Idealismus oder so was, süß, dass ist doch süß, oder? Gegen „die böse Konsumgesellschaft“, ja, das gibt es heute wieder, das ist wieder in bei jungen Leuten, sagt man, ich hab keine Ahnung, für mich sind Menschen Menschen, jeder soll so, wie er denkt, sie schreibt ihre eigenen Texte, sie legt Wert darauf, dass sie kein „Produkt“ ist, „authentisch“ ist heute das große Ding, wissen Sie was authentisch ist? Keiner sagt „ich bin unauthentisch“, also was heißt das, ist jetzt jeder authentisch, oder gilt das nur für die Menschen, die „Authentizität“ sagen können ohne nachzudenken, ob zuerst das T, oder das S oder überhaupt, also mir sind solche Wörter verdächtig. Aber sie ist ja noch jung, sie darf das. Schreibt eigene Texte! Wunderbar! Wirres Zeug, wenn Sie mich fragen, aber ich versteh ja nichts davon, aber alle sagen gut, sehr gut, die Kleine. Hübsch ist sie, hat so was Unschuldiges, bisschen die Romy früher. Unschuldig. Apart. Diese ehrlichen Augen, ja, das ist sexy. Hätte ich jetzt echt nicht gedacht, dass die anruft. Echt nicht gedacht.

Warum ich das Gespräch dann unterbrochen habe? Ich verrate Ihnen jetzt mal eines meiner Erfolgsgeheimnisse: Niemals mit jemanden reden, bevor man nicht weiß, warum diese Person einen gerade anruft. Logisch, oder? Sonst würde ich ja jetzt reden mit ihr, ohne zu wissen, was sie von mir will.

er hatte nebenbei auf seinem Handy ein Gespräch angewählt, ins Publikum

Mein Mann für alle Fälle im sogenannten Musikbusiness …

spricht ohne Pause direkt weiter

… Grüß Dich, ja Sascha, hab mal wieder was Thema Musik, kannst Du mir mal ganz kurz, zwei, drei Takte zu Lea Seeberg: Genau, -burg, Lea See- genau die, was ist mit der, was macht die, was will die? … Neues Album? Da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Wie heißt das, „Mein Leben und-“. Und was? Sag noch mal! Dich? Mich? „Mein Leben und Ich?“ Echt? Mein Leben und -. Na ja, Okay. Egal. Wie läuft das an, was meinst Du, Du kennst Dich doch aus im Business, was haben die am Start? Steckt das Label da richtig Geld rein in die Album-Promo? Kann das abheben? … Oh je, haben die wenigstens gute TV-Auftritte in der Zielgruppe am Start? Nichts? Und sonst? Nichts, also nicht mal bei Oliver Pocher oder -? Was ist mit Radiorotation, … oh, dann wird's ja echt schwer. Social Media? … Mager, sagst Du, wie mager? … Also ich lieg da nicht falsch, wenn ich sage: Die haben richtig Druck da bei der Plattenfirma, oder? Denen läuft die Zeit weg, wenn da nicht bald irgendwas passiert, dann wird das nix! Arme Lea, Karriere vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hat. Ja und wie ist das so, das Album? „Lyrisch?“ Was meinst Du mit-, Ich? Ich soll mir das selber, also ich werde mir das ganz bestimmt nicht selber anhören, für so was gibt es doch Leute wie Dich, Du bist der Profi, Du hast die Ohren, ich bin der mit den Augen! … Na gut, dann danke, verstehe, ja die Tage, ja Du auch, ja tschüss!

hat das Gespräch weggeklickt, ganz kurz in Gedanken
ins Publikum

Wissen Sie wie das aussieht heute für junge Künstler? Ich rede nicht von Casting Shows. Ich rede von Leuten, die ihr eigenes Ding machen, eigene Songs, eigener Stil. Sagen Sie mir: Wer fördert heute noch junge begabte Künstler.

Früher konnte man einen Song noch durch einen Fernsehauftritt groß raus bringen. Die Radiostationen spielen heute nur, was eh schon ein Hit ist und ein Hit wird das, was im Radio läuft. Internet? Vergessen Sie´s.

Lea hätte es verdient. Sie hat Persönlichkeit, und dass sie nicht mit uns redet, dass sie keine Geschichten mit uns macht, das macht sie natürlich noch spannender. Ein unschuldiger Engel, jeder mag Engel, jeder mag Unschuld. Hätten sie nicht gedacht, dass einer wie ich die Unschuld verteidigt. Busenwunder gibt es genug. Das ist keine Kunst. Busenwunder, Promiluder mach ich Ihnen jeden Tag, wenn’s sein muss, nicht mein Ding, sollen andere machen.

tippt ein neues Gespräch

Lea, Mensch, der Marco hier. Sorry, war eben in einer – ja, hab mich beeilt, für Dich hab ich mich natürlich beeilt. Das ist ja schön, dass Du Dich meldest, bei dem ganzen Stress, den Du da gerade hast, das Album -. Natürlich hab ich. -Ja, - Mein Leben und, und, mein Leben – Moment - ja, und ich: Toller Titel. Berührt. … Ja natürlich hab ich mir das Album angehört. Großartig! Ich habe auch schon einen Begriff dafür für die Stimmung, die Dein Album hat: „Nachhausekommen“ verstehst Du? „Nachhausekommen“

läßt das Wort bedeutungsschwanger in der Luft stehen

Da ist noch keiner drauf gekommen, stimmt’s? Kannst Du haben, Nachhausekommen schenk ich Dir. Ich wusste, dass Du ein tolles Album machst. Hätte ich Dich sonst angesprochen? Vertrau mir, ich hab so was im Gefühl. Weißt Du, wer mich hier jeden Tag alles anruft, um mir irgendwas, eine Platte, ein Buch, irgendein Lebenszeichen einzutüten, über das ich schreiben soll? Aber ich schreibe gerne über Dein Album, aus Überzeugung! … Was heißt Gegenleistung? Wir sind doch nicht auf dem Jahrmarkt hier, ich bin Journalist! … Ach was Interview! Ich weiß doch, dass Du nicht mit uns reden willst, das läuft alles unabhängig von Dir, mir geht es um das Album, das hat es verdient, dass es viele Menschen hören, ja vielleicht ein -, ein paar Originalzitate von Dir wären natürlich gut, ich kann das alles ja nicht einfach aus der Pressemitteilung abschreiben, ich bin ja nicht die Apothekenrundschau. Nichts Großes, wir können auch nehmen, was Du mir damals auf diesem Medientreff gesagt hast, als ich Dich angesprochen habe „Ich möchte mir meinen eigenen Stil bewahren“ so was hast Du doch gesagt, das kann man doch schön zitieren. Siehst Du! Alles Easy. Musst Du Dir überlegen, ich will Dich nicht überreden, überlege es Dir einfach in Ruhe, wir haben ja Zeit, Du hast ja Zeit,

blinzelt kurz dem Publikum zu und schüttelt die Hand ab: das war aber jetzt schon böse...

ich lauf Dir ja nicht weg, so verbleiben wir, ja wünsche ich Dir auch.

Er hat das Gespräch beendet und schaut eine Weile ausdruckslos nach vorne, als ob er auf etwas warten würde. Als es schließlich klingelt, nickt er bestätigend ins Publikum: Sehen Sie, so macht man das. Er bleibt weiter wartend stehen, erst nach einigen langen Sekunden nimmt er das Gespräch an, ohne auf das Display zu gucken.

Eigentlich jetzt gerade nicht so gut, aber kein Problem, warte, ich geh kurz raus hier, für Dich hab ich doch immer, erzähl, was gibt es denn?

steht immer noch wie vorher

Ach so: das! Nur ein paar Statements. Damit der Lesers´s kapiert, der soll ja das Album kaufen und da müssen wir schon einen Bezug schaffen, halt irgendwas Persönliches von Dir haben, nichts Aufregendes. Es darf halt nur nicht vorher anderswo gestanden haben. Nein, es geht um das Album, nicht um Dich, aber wir brauchen eben Bilder mit Menschen drauf, nein ganz normale Bilder, nein, ich stelle gar keine Bedingungen, nein ich will keine Homestory, ich weiss doch, das Du so was nicht machst, da hab ich doch Respekt vor. Überleg Dir einfach was Schönes, dass ich hier intern nicht doof da steh. Ich muss eh aufpassen, ich gelte ja schon als Dein Fan hier, „Lea, Lea“ erzähl ich jedem, na klar, wir beide wollen doch dasselbe. Ruf mich doch einfach an, wenn Du was hast. Ja, Du auch. Ja, wir machen das schon.

drückt das Gespräch weg
ins Publikum

Respekt. Ohne Respekt geht das nicht. Sie denken, wir hauen immer nur drauf. Ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis: Im Gegenteil. Lady Di! Kennen Sie! Also als Lady Di starb -. Lady Di war ne Schlampe! Das sage nicht ich, das sagen -, jeder wusste, also wir alle wussten dass sie eine Schlampe, ja eine richtige, glauben Sie mir, aber egal. Haben wir das geschrieben? Und? Haben wir das geschrieben? Wir konnten wir gar nicht schreiben. Was haben wir? „Königin der Herzen“! Ja, das haben wir! Die Leute wären da nicht mitgegangen. Die haben ja wirklich gedacht, dass sie wirklich um einen Menschen trauern und es macht gar keinen Unterschied ob sie nun fühlen, oder nur, denken, dass sie fühlen, oder ob sie fühlen, dass sie überhaupt noch was denken, egal! Es gibt Momente-, Sie wissen doch noch, wie das damals war! Das hätte keiner verstanden, wenn wir -. Umgebracht hätten die uns. Nix Schlampe! Heilige! Ich sag doch, wir haben Respekt!

Die ganze Lady Di-Passage habe ich fast wie ein Gedächtnis-Protokoll aufgeschrieben. Ziemlich genau so hatte mir vor Jahren ein Boulevard-Journalist - ganz ernsthaft - die Zusammenhänge geschildert.

wählt einen einen Anruf, zeigt auf sein Handy
zum Publikum

Martin, ein Eventmanager, ganz nah dran am Promizirkus, ein Freund! Das ist das Allerwichtigste: Man muss überall seine Leute haben. Überall.

dreht sich vom Publikum weg, konzentriert sich auf das Gespräch

Ja grüße Dich. Du, Lea Seeberg. Lea. Ja. Du musst mir dazu gar nichts. Nicht mal bestätigen sollst Du mir was. Die ist doch mit diesem jungen von Hannenfeld zusammen. Ach, ich bitte dich, woher ich das weiß-. Klar sind die zusammen! Du weißt das, ich weiß das, und Du weißt, das ich das weiß. Jetzt lass uns mal kein Kindergarten -, nein, ich will keine Bestätigung von Dir, kein Kommentar, ich will nur wissen, was das für einer ist, das verstehst Du doch, ich will da jetzt was Nettes schreiben und da muss ich doch wissen, ich will ja später nicht blöd dastehen, wenn ich mich da jetzt so engagiere, wenn das Lea Ding abhebt, das ist alles.

Wieso, wieso sind die nie in der Öffentlichkeit zusammen? Also ich bin extra auf dieses Musik-Medien-, diesen Award da letzte Woche und dachte, die bringt den mit, also da kann sie ihn doch wirklich mitbringen. Also wieso? Du kennst sie doch. Mehr will ich doch gar nicht. Komm, Du weißt, ich hab noch einen gut, Martin. Ja. Tschüss.

beendet das Gespräch, tippt ein neues

Sag mal, Schätzchen, kannst Du mal gucken, was wir da an schönen Fotos haben zu Lea Seeberg, ja Se -berg, drei E, ja, die junge Sängerin, Du, ich muss, die ruft gerade an, ne wart mal, mach noch gleich Philipp von Hannenfeld mit, und wenn zusammen, wäre das Bingo, ich muss -

drückt auf sein Handy

Lea, Mensch. Ja, ich hab Zeit. Statement? Ja, erzähl, für den Artikel, ja. - Hm. - Verstehe. - Hör mal ganz kurz. Ja, das finde ich auch interessant. Lea. Aber. Ja! Ich hab zugehört: „Wenn ich mit meinen Songtexten nicht weiter komme, fahre ich mit meinem Hund ans Meer. Wir gehen dann zusammen am Strand spazieren und wie ein Wunder fallen mir dann die besten Texte, die besten Wörter ein.“

freundlich aber laut

Das das ist toll, wunderbar, aber, ganz ehrlich, außer mir, das interessiert keine Sau. Sorry, wenn ich da etwas deutlich bin, aber wir beide spielen ja hier mit offenen Karten, wir wollen Dein Album verkaufen. Nein, das ist ne ganz tolle Inspiration. Aber Du, wie soll ich das sagen, Du bist ja nicht die Senta. Die Senta, die kennt man kennt man, der schaut man da gerne bei so was zu, Strand, Leben, Tod, „Liebe Senta, macht es Sie traurig, Fotos von früher anzusehen?“ Das ist toll, oder? Zu so was, da ist das perfekt, Hund, Strand, vielleicht noch ein Pferd, Senta auf einem Pferd am Stand, mit Hund, oder neben einem Pferd?, was meinst Du? Etwas viel vielleicht, müsste man ausprobieren, die Leute lieben so was, aber Dich, Dich kennen die Leute ja noch gar nicht, bevor sie dich lieben können, müssen sie dich ja erst kennen lernen können. Ich hab nicht gesagt, dass die Leute Dich lieben sollen, ja, es geht um das Album, um was denn sonst, ich will Dich da nicht groß, irgendwas brauch ich, ich hab mir auch schon Gedanken gemacht. Nur eine Idee, also jetzt bitte nicht gleich ausflippen:

Eine satirische Überhöhung von Senta-Berger-Interviews in BILD und Co. ist weder möglich noch nötig. Auch die Frage „Liebe Senta, macht es Sie traurig, Fotos von früher anzusehen?“ wurde real gestellt. Und beantwortet.

er versucht, es bewusst nebensächlich klingen zu lassen

Du und Philipp, wie welcher Philipp, Du weißt, welcher Philipp. Nein.

sie ist offensichtlich ausgeflippt

Ja. Nein, das geht mich nichts an. - Ich weiß, Du hast nicht gesagt, das geht mich nichts an, Du hast gesagt, da gibt es nichts zu zu sagen. Nein, jetzt nicht auflegen, Du hast mich doch völlig falsch verstanden. Okay, er ist nicht Dein Freund. Hör bitte auf, mich- hör mir bitte zu, dann kannst Du mich ausschimpfen. Eine Minute? Bitte? Danke.

übervorsichtig jedes Wort betonend

Wenn, ich habe „wenn“ gesagt, also wenn Philipp Dein Freund wäre und ich sage nur, was wir hier so hören, spricht da einiges -, Okay, Okay, ich sag nur: Wenn Dein Philipp, nicht Dein Philipp, Philipp, also wenn Philipp Dein, also rein theoretisch, ich sag ja, ganz hypothetisch, wenn er Dein hypothetischer Freund wäre, okay?, was er ja offensichtlich, wie Du sagst, deswegen ja auch hypothetisch, nicht ist. Also, was ich sagen will: Wenn er es wäre, Du hast gesagt, Du hörst zu, also -. Das Problem ist, das Problem wäre: Irgendjemand wird es sowieso schreiben, früher oder später. Da kannst Du gar nichts machen. Sobald Dein Album erst in den Charts ist, und Du willst doch, dass Dein Album in die Charts kommt, darum geht es doch hier die ganze Zeit, was meinst Du, was die alles machen, um ein Foto von Dir und Deinem Freund zu bekommen, ja, ja ganz hyperhypothetisch. Willst Du Philipp nie mit irgendwo hinnehmen?

Ich finde, Du solltest Dich jetzt wirklich auf Deine Karriere konzentrieren, statt Deine Energie darauf zu verschwenden, Verstecken zu spielen.

Weißt Du, was das für ein Stress ist? Für ein Aufwand? Und das Fiese ist, irgendjemand wird dieses Foto sowieso machen, irgendein Arsch, irgendein Fotografendödel schießt Euch irgendwo, wenn ihr abgewrackt, ungeschminkt, betrunken und würdelos unter der Theke, über dem, an dem, keine Ahnung, Pissoir, Mülltonne, was weiß denn ich, FDP-Plakat, stell Dir das mal vor, ja das war jetzt nur ein Beispiel, steht. Irgendein Foto wird es geben und es wird nicht gut sein. Du wirst nicht wissen wann und Du wirst nicht wissen wie und sie werden irgendwas schreiben, verstehst Du: irgendwas!

FDP ist immer ein sicherer Lacher. Probieren Sie es aus. Der Kontext ist egal.

Also ich würde so nicht leben wollen. Es geht um Dein Intimleben. Das musst Du schützen! Ich will doch nur, dass du selber kontrollieren kannst, was über Dich erscheint. Ich will Dir gar nichts vorschlagen, ich sage nur, was ist das alles gegen ein ganz harmloses Foto von Philipp und Dir!

An den Publikumsreaktionen merkt man, wie zynisch das Publikum diese Definition von Intimbereiches empfindet. Dabei handelt es sich nicht um eine böse Verzerrung. Pate für diese Stelle stand BUNTE-Chefredakteurin Patricia Riekel.

Der Publizist und ehemalige FR-Chefredakteur Wolfgang Storz ist Co-Autor einer interessanten dreiteiligen Studie der Otto Brenner Stiftung (OBS) über die BILD-Zeitung. Für das Mediendebattenportal VOCER hat er die in „Seite Eins“ geschilderten Methoden analysiert. Diese Stelle kommentiert er: „Entweder sie beugt sich seinem Willen, oder die Fotos landen auf der Titelseite. Methoden, die bei der BILD vermutlich auch zum Einsatz kommen, auch in Verbindung Politikern.“

offensichtlich ein kurzer, heftiger Vortrag auf der anderen Seite

Okay, ich habe verstanden, Philipp ist nicht Dein Freund. Lea, es geht mich auch gar nichts an. Es ist Deine Karriere!

betrachtet verwundert sein Handy, Lea hat das Gespräch offensichtlich beendet
ins Publikum

Was ist so schlimm an einer Beziehung? Also, ich hab ja nun wirklich gar kein Problem mit Schwulen und ich bin keiner von denen, die sagen, dass einige ihrer besten Freunde schwul sind, nur um danach irgendein homophobes Zeugs loszulassen, aber ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass heute die Schwulen unbedingt immer zeigen wollen, mit wem sie zusammen sind und die Heteros immer so ein Ding draus machen? Nur keine Kameras, wir sind hier privat! Wo ist denn das Problem?

denkt kurz nach

Ich kann nicht über Lea, über Leas Album schreiben ohne irgendetwas Handfestes. Irgendwas. Eine Geschichte halt. Was mit Relevanz.

Ich weiss, wir bringen auch eine Menge Sachen, die einfach nur abgefahren sind, die ganzen „Haste-nicht-gehört?“-Nachrichten, 150 Kilo Oma springt in leeren Pool. Süße Katze frisst Iphone. Sie vibriert bei jedem Anruf. Das gehört dazu. Unterhaltung. Nicht besser und nicht schlechter als auf Papier gedrucktes Youtube, was soll’s.

Aber das, was wir eigentlich machen, auch wenn das alles so oberflächlich klingt, das hat was mit Verantwortung zu tun. Wir wollen dazu beitragen, dass die Gesellschaft nicht noch weiter auseinander driftet. Wir wollen Halt geben und Orientierung, Werte, Wirklichkeit! Wir trauen uns die Wahrheit auszusprechen, auch wenn es anderen weh tut, und wir sind es, die den Menschen erlauben, dass sie sich wieder eine eigene Meinung bilden können.

Wir sind doch völlig gelähmt vor lauter Political Correctness, umgeben von Denkverboten, Bevormundung, vom Meinungskartell der Gutmenschen. Haben Sie etwa den Überblick, was man gerade öffentlich sagen darf und was nicht? Sind sie sicher, ob in diesem Land gerade eins plus eins rechnerisch noch eine zwei ergibt?

nimmt ein Gespräch am Handy an

Ja. Ach der große Meister selber!

flüstert triumphierend ins Publikum

das Musiclabel

zurück in das Gespräch

wie geht’s Dir, Enne? Sie hat mich angerufen, was soll ich denn machen? Ist doch gut, wenn einer Eurer Künstler mal etwas Eigeninitiative. Nein! Ich habe nicht gesagt, sie soll sich mit diesem Philipp.

Ja! Klar würde das was bringen. Weißt Du, ich will Euch nur helfen, also, wenn ich Du wäre, also so toll läuft die Promo ja nicht. Ach Internet. Ja, dann mach mal Internet, so viele süsse Babykatzen bekommst Du gar nicht auf ein Foto mit Lea, damit sich da viral noch irgendwas bewegt. Ich will mich da nicht einmischen, aber ich habe den Eindruck, dass Ihr Euch die Medienpartner nicht gerade aussuchen könnt gerade, und wir, ja wir sind nicht ganz die Zielgruppe, aber die kommt dann schon von selbst, was hast Du gegen ein Foto mit diesem Philipp?

Sie will es nicht. Okay. Was läuft denn da?

Wenn Du mir einen Grund nennst, warum das ein Problem ist, dann lass ich die Finger davon, das weißt Du doch. Aber wenn ich das mit Lea und Philipp woanders lese, dann hab ich ein Problem und dann haben wir beide ein Problem. Das ist doch ne schöne harmlose Sache, was macht Ihr für ein Theater? Komm nicht auf die Idee, mir was anderes zu verkaufen, vom eigenen Vater geschlagen oder so was, schlimmes Krankheitszeugs oder Drogen. Ich bin der, der hier eine saubere Geschichte machen möchte. Unschuldig, verstehst Du: Unschuldig!

Enne, jetzt hör auf mit dieser Krissy Geschichte, das war doch ganz was anderes.

dreht sich etwas vom Publikum weg, so als ob es dann nicht zuhören könne

leise laut

Das war eine -, das gehört jetzt hier nicht hin, hör jetzt auf damit.

wieder wie vorher

Ja, dann mach, was Du willst, Du musst selber wissen, ob Du das verantworten kannst. Mein Leben und- so ein schönes Album. Echt schade. Ich Dich auch.

beendet das Gespräch
als ob er eine aus dem Publikum gestellte oder erahnte Frage beantworten würde
kleinlaut abwehrend

Die Krissy Geschichte? Das hat hiermit nichts zu tun. Da will ich jetzt nicht drüber -.

trotzig

Okay. Sollen wir über Werte reden, ja? Reden wir über Werte! Gerne.

Ich sehe das so: Heute möchte jeder alles machen und für nichts Verantwortung übernehmen. Die Gesellschaft ist heute zu einer großen Kita geworden, jeder darf jeden Blödsinn machen, weil da ist immer jemand, der aufpasst, dass man nicht mit den Fingern an die Herdplatte kommt. Keiner muss Konsequenzen tragen, die Allgemeinheit füttert jeden durch.

Der Staat ist zu einem Selbstbedienungsladen geworden, materiell aber auch ideell. Alles ist einer Gleichheitsideologie unterworfen. Man verwechselt Ungerechtigkeit mit Ungleichheit, aber das ist falsch. Das Leben besteht eben aus Unterschieden, aber Unterschiede werden einfach zum Tabu erklärt. Wer schlecht in der Schule ist, der kann nichts dafür, weil er ein Opfer von Diskriminierung ist. Thema Religionen: Alle dürfen nur als Friedensreligionen bezeichnet werden, wer da auch nur den kleinsten Unterschied macht, ist ein Demagoge. Natürlich sind Mann und Frau gleichberechtigt, aber sie sind natürlich nicht gleich: Aber heute darf es bis auf die physischen Geschlechtsmerkmale keinen Unterschied zwischen Mann und Frau mehr geben, wir tun so, als ob auch Männer Kinder kriegen und Mütter sein könnten. Sogar die Tiere sind gleich! Tiere, die wir früher als Ungeziefer bezeichnet haben, haben heute die gleichen Rechte wie eine ganze Stadt, die sich demokratisch für ein wichtiges Bauprojekt entschieden hat. Es geht nicht nur um Brücken und Straßen: Auch Krankenhäuser und Kindergärten dürfen nicht gebaut werden, wenn sich da eine Hamsterfamilie hin verlaufen hat? Oder die warzige Kreuzkröte, die graublaubrüstige Wasserralle, die froschlurchige Gelbbauchunke. Der rothalsige Düsterkäfer wird nur zwei Wochen alt, man muss ihn unter der Baumrinde suchen um zu wissen, ob es ihn überhaupt gibt, und genau das tun die Gutmensch-Gleichheitsfanatiker, sie suchen ihn unter Baumrinden, damit er seine Gerechtigkeit findet, der Rothalsige Düsterkäfer, auch wenn er dann schon tot ist. Tiere, Menschen, überall heißt es: Lebe Deinen Traum, Du kannst alles erreichen, aber nicht jeder kann alles erreichen, geistig behinderte Kinder sollen jetzt auf das Gymnasium, auch wenn sie nichts verstehen, Lesben brauchen einen eigenen Friedhof und für Transsexuelle soll es eigene öffentliche Toiletten geben, jeder hat ein Recht auf seinen Traum, auch wenn er für die Gesellschaft ein Alptraum ist.

Krizzy wollte unbedingt als Sängerin groß raus kommen. Hab ich Sie gezwungen, blank zu ziehen? Hab ich sie gezwungen, ihre Titten in unsere Kamera zu halten? Ich habe nur einen Vorschlag gemacht. Okay, es war ein Deal. Und ein Deal kann auch in die Hose gehen.

Wenn wir junge Menschen wieder ernst nehmen wollen, dann müssen wir ihnen zeigen, was es heißt, Konsequenzen zu tragen, Verantwortung zu übernehmen und Leistung zu zeigen.

Es war Krizzys Entscheidung. Kann ich was dafür, dass es sich für sie nicht gerechnet hat? Was kann ich dafür, dass sie kaum noch seriöse Auftritts-Anfragen hat? Ja, ja! Sie ist „verbrannt“, so nennen wir das hier, findet nicht mehr statt. Soll ich Ihnen mal Bilder von Leuten zeigen, die richtig verbrannt sind? Worüber regen Sie sich auf? Das hätte sie sich doch denken können, dass man da unten durch ist, wenn man die Titten-Karte spielt.

Ob ich ihr das vorher so gesagt habe? Sie denken wirklich, dass man die Leute vor sich selber schützen muss. Krizzy war damals neunzehn. Neunzehn! In dem Alter schicken wir junge Männer in den Senegal oder nach Afghanistan!

Krizzy wollte berühmt sein, wollte mehr als andere junge Mädchen in ihrem Alter. Aber es gibt Tausende mit ihrer Stimme. Und auch andere Mädchen sehen nicht schlecht aus. Warum soll ausgerechnet Krizzy es packen und die anderen nicht? Krizzy wusste, dass sie eben ein bisschen mehr tun muss. Sie hat verstanden, wie es läuft, man muss was tun, die Welt ist nicht umsonst. Indem sie blank gezogen hat, hat sie eine Leistung erbracht. Ja, uns ist das Gefühl verloren gegangen, dass Leistung eine Voraussetzung für Erfolg ist. Wir wollen Gleichheit für alle und schafften das Leistungsprinzip ab. Und das Verantwortungsgefühl. Aber ohne all das geht die Gesellschaft vor die Hunde. Wir hier wollen nicht, dass die Gesellschaft vor die Hunde geht. Ja, aber ja: auch deswegen zeigen wir Krizzys Titten.

wählt ein neues Gespräch

Ja Schätzchen, hast Du mich vergessen? Ja, dann erzähl mal, was wir haben an der Fotofront. Hm. Okay. Verstehe, also nix privée, okay, nur offizielle Sachen. Leserreporter? Stimmt, die kennen die nicht. Und mit dem Philipp von Hannenfeld? Auch nicht. Und die beiden zusammen? … Ganz sicher nicht, okay. Was gibt es denn überhaupt von dem? Nur ganz Altes? Ach, das ist schön. Hör Dich bitte noch mal um. Ja, bis später.

beendet das Gespräch und schaut auf sein Handy
ins Publikum

Ein verpasster Anruf. Lea Seeberg. Ach ja.

wählt ganz schnell ein neues Gespräch

Du Schätzchen, ich schon wieder. Kündige oben mal an, von mir kommt vielleicht noch was für die Eins. Ja, bekommst Du alles später.

wählt neues Gespräch

Lea, Mensch, wie schön. Ich hab gesehen, Du hast angerufen?

hört erst zu, dann versöhnend

Ach, der Enne. Der Enne und ich sind Freunde schon seit Jahren, ein Guter, bei dem bist Du in guter Hand. Aber wenn wir beide was aushecken, dann brauchen wir keinen Enne. Du bist doch hier an der Quelle.

scheinheilig

Welcher Artikel? Ach der Artikel. Ja, was ist denn damit? … Foto? Ja, das hat sich erledigt. Doch, natürlich werde ich den Artikel schreiben. Aber wir haben schon ein Foto. … Ja, ja! Von Dir und Philipp! Klar kann das sein, ich hab’s doch vor mir. Das kann, das darf ich Dir nicht schicken, das ist …Pressekodex, das verstehst Du doch. Aber Du wirst es ja morgen sehen. Wie, wo? Am Kiosk, wo denn sonst? Das glaubst Du mir nicht? Du bist wirklich ganz sicher, dass es von Euch beiden kein Foto geben kann? Was soll ich dazu sagen? Du Lea, können wir später, kannst Du mich in ein paar Minuten noch mal? Ich habe gerade einen neuen Anruf.

beendet das Gespräch, kein neuer Anruf
bedeutungsvoll sinnierend zum Publikum

Wann wissen Sie, ob ein Tag ein großer Tag wird? Wie viele große Tage gibt es im Jahr? Vier? Fünf? Über zehn? Das sind die einzigen Tage, die in unserem Kopf bleiben, die die einzigen, die, wenn wir alt sind wirklich geschehen sein werden, die einzigen, für die wir gelebt haben. Wie viele Tage haben Sie gelebt? An wie viele Tage aus dem letzten Jahr können Sie sich erinnern? Warum tun wir eigentlich nicht alles dafür, damit jeder Tag ein großer Tag werden kann?

tippt ein neues Gespräch
a_uf einmal ganz ernst und ruhig_

Martin, hör mal zu. Also, ich lass jetzt mal die Hosen runter. Nein, Du sollst mir nichts erzählen, ich brauche nur einen Freund, der mich von einer Dummheit abhält, wenn es eine Dummheit ist. Die Sache ist die: das mit Lea und diesem Philipp, das habe ich von drei unterschiedlichen Quellen. Die beiden laufen ziemlich vertraut herum, natürlich nicht in der City, Einkaufen, Restaurant, die sind ja nicht doof. Aber ich weiß seit zwei Wochen, dass die zusammen wohnen. Frag mich nicht, Du willst gar nicht wissen, wo ich überall meine Leute habe. Die Sache ist die: Ich hab das Gefühl, ich muss da jetzt ganz schnell sein. Die ist ja noch grün, die Kleine, wer weiß, vielleicht sagt sie es einfach so irgendeinem Lokalschreiber, wenn der sie anquatscht, „Ist das ihr Freund?“, und denkt sich nichts dabei, merkst Du, wie brisant das Ganze ist, ich kann gar nicht daran denken, ich kann doch nicht einfach zusehen, wie meine Geschichte den Bach runter geht…

macht ein „Ich werde wahnsinnig!“-Gesicht

… Du weißt, das darf nicht passieren. Mir will sie es nicht erzählen, Liebes-Beichte bei uns im Blatt, so ist die nicht drauf. Aber ich bekomme ein Foto. Frag nicht, das Foto bekomme ich. Ich will gar nicht wissen, was Du weißt. Aber wenn Dir irgendetwas einfällt, warum ich die Geschichte nicht bringen sollte, dann sag es mir bitte jetzt!

unterbricht, wird deutlicher

Martin! Wenn Du mir jetzt sagst, mach es nicht, dann mach ich es nicht, so einfach ist das. Das ist kein Druck, das ist einfach nur eine Frage. Martin?…. Ja, danke, das reicht.

beendet das Gespräch, wird ruhig,
zu sich

Ja, muss reichen.

Er nimmt das Handy / Earphone ab, legt es auf den Boden, schaut stumm nach vorne, das Publikum scheint für ihn nicht mehr da zu sein. Er wartet gespannt auf irgendetwas, zwingt sich, nicht auf das Handy zu schauen, was ihm nicht ganz gelingt. Schließlich das Geräusch eines kurzen Vibrationsalarm, hektisch greift er das Handy, schaut auf das Display, Enttäuschung lockert die Anspannung

Schätzchen, du, ja ich weiß, ich kann gerade nicht, ich arbeite. Oder haben wir etwa doch ein Foto? - Nein, hab ich mir gedacht. Danke.

Er legt das Handy wieder vor sich, das Warten geht weiter, er will sich seine Ungeduld nicht anmerken lassen. Dann wieder Vibration. Er schaut auf das Handy. Sein Gesicht wird zu dem eines Siegers. Er lässt es weiter vibrieren und genießt seinen Triumph. Schließlich nimmt er das Gespräch an.
b_etont gleichgültig_

Lea! Ja, von mir aus können wir ein Foto von Euch machen. Ich finde unseres zwar auch schön, aber ganz wie Du willst, den Gefallen mache ich Dir gerne. Ich schicke den Foto-Kollegen gleich los. Ja, die Adresse haben wir.

Ja, es ist eine fiktive Geschichte. Und ein solches Theaterstück braucht, erst Recht am Ende des ersten Aktes, eine dramatische Zuspitzung. Trotzdem habe ich auch hier versucht, etwas zu erfinden, was so oder so ähnlich auch in Wirklichkeit passiert.
Medienanwalt Ralf Höcker, der in einem VOCER-Beitrag den Realitätsgehalt des Stückes bewertete, schrieb anlässlich der hier dargestellten Verstrickungen „ ‚Seite Eins‘ muss gar nicht übertreiben. Die Realität ist übertrieben genug. Man denke an Ottfried Fischer, der angab, nur deshalb mit einer Tageszeitung‚ 'kooperiert’ zu haben, weil diese ihn mit der drohenden Veröffentlichung kompromittierender Bilder unter Druck gesetzt habe. Beweisen ließ sich dieser Vorwurf nicht, doch Künstlermanager und Medienanwälte wissen, dass derlei ‚Deals’ im strafrechtlichen Dunkelgraubereich jeden Tag stattfinden.“

Schwarz


2. AKT

Beim Schreiben hatte ich für das Stück keine Pause vorgesehen. In der Uraufführungs-Inszenierung haben sich Ingolf Lück und der Regisseur Christian Schäfer dennoch darauf verständigt, hier zu unterbrechen. Das hat einerseits praktische Gründe: Bei einem solchen Monolog ist es nicht nur für den Darsteller, sondern auch für das Publikum anstregend, konzentriert zu bleiben. Aber auch inhaltlich macht es Sinn, hier eine Zäsur zu machen. Das bis hierhin Erzählte könnte auch eine für sich stehende abgeschlossene Geschichte sein. Ein Freund hat mir nach der Uraufführung sogar gesagt, dass er ein Ende nach dem ersten Akt gar nicht so schlecht gefunden hätte. Ganz abgesehen davon, dass man dem Autor des Stückes sowas nicht unbedingt direkt nach seiner Premiere sagen sollte (und dass er mir dann x-mal glaubhaft versichern musste, dass er auch den zweiten Teil wirklich gut fand) : In gewisser Weise hat er sogar Recht! Moralisch ist hier bereits alles gesagt. Doch erzählt ist es noch lange nicht …

Am nächsten Morgen.
Immer noch der gleiche „Nicht“-Raum. Marco sitzt auf einem Stuhl und liest die Titelseite der neusten Ausgabe der Boulevardzeitung. Wir sehen nur die Rückseite. Schließlich dreht er die Zeitung um und uns springt die Schlagzeile entgegen:

DER INDUSTRIEERBE UND DAS PARTYGIRL
ZERSTÖRT SIE EINEN DEUTSCHEN MYTHOS?

Hinter dem Wort „INDUSTRIEERBE“ ist eine Art Sprechblase eingefügt, in der steht
„450.000.000!“. Von dem Wort „SIE“ zeigt ein Pfeil auf ein Bild einer jungen Frau, offensichtlich Lea, die neben Philipp sitzt.
M_arco faltet die Zeitung mit dem Titel nach oben zusammen: Dann streicht er mit seiner Hand über sie, so wie viele das machen, um sie glatt zu ziehen. Aber sein Streichen wird zum Streicheln, bevor er sich darin ganz verliert, bemerkt er das Publikum.Gelöst, stolz, schwelgend:_

Ich kann Sie sehen.

unklar, ob es ein „Sie“ oder ein „sie“ ist

Zwölf Millionen. Vielleicht dreizehn. Überall in Deutschland. In der U-Bahn. Im Stehen. Zum Beispiel. Die meisten aber im Sitzen irgendwo schätze ich.

imaginierend

Zwölf Millionen verschiedene Menschen. In Jeans. Anzug. Gepierct. Stoffhose. In Tommy Hilfiger, C+A, KIK. Im Kostüm. Wir haben von allen mehr, als alle anderen zusammen. Mehr Frauen als die Brigitte, mehr Ärzte als das Ärzteblatt, mehr Kiffer als die TAZ.

In diesem Moment lesen sie, aus Interesse, aus Langeweile, aus Frust, weil sie sich ablenken wollen, weil sie mitreden wollen. Ich mache mir nichts vor: Das meiste von dem, was sie heute bei uns im Blatt lesen, ist nicht wichtig für ihr Leben. Nicht mal für ihren Tag. Irgendwann werden Sie es vergessen haben. Und trotzdem hat alles, was sie lesen für sie auch eine Bedeutung. Jede noch so kleine Geschichte malt mit an dem großen Gemälde der kleinen Welt, in der sie leben. Ein Pinselstrich, eine kleine Schattierung. All das dient der Bestätigung, die Menschen müssen sich dauernd vergewissern, wer sie sind. Sie lesen nicht, um etwas Neues zu entdecken, etwas Neues zu denken, sie lesen, um zu sehen, dass das was sie denken richtig ist. Je mehr sie das Blatt lesen, Fernsehen schauen, desto kleiner wird die kleine Welt. Aber desto klarer wird das Bild. Mächtiger, jeden Tag etwas kräftiger, die Kontraste werden schärfer, die Farben deutlicher. Es ist ein Megabild, ein Weltbildbild. Und ich bin einer, der daran mit malen darf. Ich darf da mit malen. Nur ein kleines bisschen, ich will ja bescheiden sein, ja. Aber heute …

g_reift die Zeitung und steckt sie wie einen gerade gewonnenen Pokal ins Publikum_
laut

Wen das interessiert? Alle interessiert das. Es gibt tausende Theaterstücke, Romane und Filme. Doch man sagt, es gibt nur ganz wenige Geschichten, wenige wirklich unterschiedliche Stoffe. Im Endeffekt lassen sich alle Handlungen, alle Drehbücher oder Romanideen auf ein paar immer gültige Basis-Dramen reduzieren. Sie werden immer wieder neu erzählt, und sie handeln immer von den gleichen Dingen.

Hier ist alles drin, Liebe, Geld, Macht, Vaterland.-

Die Zeiten ändern sich! Aber die Sehnsucht bleibt. Wir wollen verstehen, und was wir nicht verstehen können, das wollen wir uns zumindest angucken.

450 Millionen! Das kommt doch nicht aus der Luft, soviel Geld, das ist doch irgendwie erwirtschaftet worden, da will man doch mehr wissen. Wir sind doch Teil einer Volkswirtschaft, dieses Geld betrifft uns doch alle, es ist doch unser Geld, nicht, dass es uns gehört, aber es ist Teil unseres Systems. Soll er es doch erben. Mein Gott. Aber dürfen wir nicht sehen, wie damit umgegangen wird? Was das für Leute sind? Die Getränkebonfrau von Kaisers, die hat man doch auch gesehen. 450 Millionen. Was denken sich diese Leute denn? Die können nicht einfach sagen, wir wollen nicht gesehen werden. Eigentum verpflichtet!

b_eruhigt sich wieder, grinst selbstzufrieden_

Ach ja, sehen Sie: Unter dem Foto steht: „Ist das wirklich Liebe?“ Ich habe also nicht geschrieben, dass die beiden zusammen sind. Und das mit dem Fragezeichen, das ist kein Trick, das ist Handwerk. Ja, ja, Sie stolpern über das Wort „Liebe!“ Liebe ist für jeden was anderes. Liebe ist doch, was ich will, dass es Liebe ist. Um es anders zu sagen: Wer aus dieser Zeile liest, dass die beiden zusammen sind, der will das so lesen. Warten Sie: ich zitiere mich.

80 Quadratmeter. Eine ganz normale Altbauwohnung in Berlin Tiergarten. Unten ein Backshop, der Duft von frischen Brötchen, gegenüber ein Blumenladen. Im Angebot: Zehn rote Rosen für 11,99. Für die Nachbarn sind die beiden ein ganz normales junges Paar. Doch wie normal kann eine Beziehung sein, wenn zwischen ihnen ein ganzes Industrievermögen steht? Und der gute Name einer Deutschen Traditionsmarke.

Sehen Sie: ich habe nicht gesagt, dass es eine Beziehung ist, ich habe gefragt, wie sie sein würde, wenn es eine wäre. Passen Sie auf!:

Lea Seeberg - Klammer auf – vierundzwanzig Klammer zu – Komma - schaut etwas verstohlen zu ihrem Philipp - Klammer auf – siebenundzwanzig - Klammer zu – Nachname – Doppelpunkt - von Hannenfeld – Punkt – Hannenfeld -Komma - war da nicht irgendwas – Fragezeichen - Stimmt – Punkt – gute alte deutsche Industriedynastie - Klammer auf - Stahl- und Leichtmetallbau – Komma - Anführung unten – aus Überzeugung - Doppelpunkt – Stahl - Ausrufezeichen - Anführung oben – Klammer zu – Komma - gegründet 1896 – Punkt - Cordsakko – Punkt – Jeans - Klammer auf – Marke - Doppelpunkt – Diesel - Klammer zu – Punkt - Man sieht dem jungen Mann nicht an – Komma -dass er irgendwann einmal 450 Millionen Euro erben wird – Punkt – Mindestens - nochmal Punkt lasse ich jetzt mal weg- die Familie lebte stets zurückgezogen

Punkt. Satzzeichen sind das Wichtigste. Der perfekte Satz bestünde nur aus Satzzeichen. Aber ich lese, das jetzt mal ohne, also weiter, Doppelpunkt

In vier Generationen gelebte Bescheidenheit, Öffentliche Auftritte: nicht bekannt, Privatfotos: Fehlanzeige. Altes Geld, alter Stolz. Aber Glamour? Ein Freund der Familie, möchte nicht genannt werden: „So was gehört sich für die Hannenfelds nicht.“ Wie passt das zusammen mit der öffentlichen Liebe zu einem Partygirl? Wer ist diese Lea Seberg, 1,68 Meter gross, dunkelblonde Locken, tiefgrüne Augen, wie die einer Raubkatze. In den letzten Monaten wurde sie immer wieder auf Promiparties in Berlin Mitte gesehen. „Sie inszenierte sich immer als die geheimnisvolle Schöne, suchte Kontakt zur Society“ sagt ein Insider. Lea selbst sagt „Ich will es schaffen!“ Karriere im Showbusiness? Sogar ein Album hat sie schon aufgenommen („Mein Leben und Ich“). Eine Frau will nach oben. Mit allen Mitteln? Der Bruch einer alten über hundert Jahre alten Familientradition aus Diskretion und Zurückhaltung scheint sie jedenfalls nicht zu stören. Frage an Philipp: warum die beiden sich jetzt öffentlich zeigen. Antwort: „Ich möchte ihre Karriere unterstützen“. Lea scheint dafür den richtigen gefunden zu haben. Hannenfeld, ein deutscher Mythos. Bis gestern.

Während der Proben machte mich der Regisseur Christian Schäfer darauf aufmerksam, dass es einmal eine RTL-Serie „Mein Leben und ich“ gegeben hatte und fragte mich, ob wir den Titel des fiktiven Lea-Albums daher ändern sollten. Ich habe mir dann verschiedene Ersatztitel überlegt, aber nichts hat so richtig gepasst. Irgendwie komisch: Man überlegt sich wahllos einen Namen für etwas, man sollte also eigentlich in der Lage sein, ihn ebenso wahllos wieder zu ersetzen. Ist aber nicht so …

legt die Zeitung weg, lehnt sich zurück, er scheint, das Gesagte zufrieden nachwirken lassen zu wollen
z_eigt sein Handy wie ein Beweis für irgendetwas_

Die schönste Erfindung für einen solchen Tag ist der Flugmodus. Was glauben Sie, was da draußen gerade los ist, wer da gerade alles am Rad dreht. Und ich? Bin gar nicht da.

macht in die Luft die leichte Tippbewegung, mit der man auf ein Smartphone „toucht“

Über den Wolken. Weg. Wenn man ein Drama geschaffen hat, dann muss man es laufen lassen, es von oben angucken. Man die richtigen Figuren, haben, das richtige Setting. Dann läuft es von selbst. Das einzige was Du bestimmen musst, ist, wann der zweite Akt beginnt. Ich sagte Ihnen, sie haben ein Vorurteil. Boulevardjournalismus ist Kunst.

jedes Wort betonend

„Das Ganze kurz.“

wieder wie vorher

Zitat: „Für einen kürzeren Brief fehlte mir die Zeit“, denken Sie drüber nach: für einen kürzeren Brief fehlte mir -, von wem? Goethe! Ja! Friedrich der Große spielte Geige. Kunst ist Kampf. Matthias Döpfner spielt Klavier, Sie haben doch keine Ahnung.

Sollen wir wieder landen? Flugmodus aus? Okay! Zurück auf die Erde!

Er schaltet sein Smartphone ein, legt es zur Seite: Die vielen Vibrationssignale zeigen, dass er offensichtlich eine Menge Nachrichten und Anrufe in Abwesenheit bekommen hat. Er scheint die Signale zu genießen, freut sich, dass immer noch eines mehr kommt. Als irgendwann keines mehr kommt, nickt er anerkennend, doch während er das Telefon in einer langsamen Bewegung zu sich nehmen möchte, beendet ein Anruf seine ruhige Lässigkeit, hektisch „toucht“ er das Gespräch an, atmet tief, demonstriert lässige Ruhe

Schätzchen. Guten Morgen. Wie ist die Welt, wie geht es -

Er wird offensichtlich grob unterbrochen, was er von „Schätzchen“ wohl nicht gewohnt ist. Zum ersten Mal wirkt er nervös, ist sprachlos.
s_chließlich, eher stotternd_

Das kann doch nicht – Aber – Aber - Seid ihr sicher? - Ich hab doch - Okay.

Das Gespräch ist vorbei. Er läuft wild umher, will telefonieren, zögert, muss sich überwinden, sieht das Publikum macht eine abfällige Geste, er will jetzt lieber nicht gesehen werden

Ich hab alles unter Kontrolle, machen Sie mich jetzt nur nicht nervös!

tippt ein Gespräch, bricht es wieder ab

Der zweite Akt hat gerade erst begonnen und es ist meine Geschichte. Nur ich, das verspreche ich Ihnen, werde sie zu Ende erzählen. Jetzt werden Sie sehen, wer ich bin!

Die Situation ist so: Philipp von Hannenfeld heißt wirklich Philipp von Hannenfeld. Bis hier hin alles in Ordnung. Aber Philipp von Hannenfeld hat mit der Industriellen-Dynastie von Hannenfeld nichts zu tun. Verstehen Sie? Gar nichts. Zero. Tja. Ich dachte, das sei safe. Aber hundert Prozent safe gibt es nicht. Der Gummi ist geplatzt. Peng. Super Gau! Kann man ja verstehen. Was würden Sie denn machen, wenn Sie heute Ihren Firmennamen auf dem Titel lesen würden, mit so einer Geschichte? Als Konzern? Mit einem solchen Namen? Rechtsabteilungen, einstweilige Verfügungen, Schadensersatz. Das alles geschieht gerade, und bei uns flippen sie gerade total aus. Glaubwürdigkeit. Vertrauen. Haben Sie eine Ahnung davon, was das heute wert ist? Trotzdem gibt es einen Plan. Automatische Prozesse laufen ab, wie, ja, wie bei der Kubakrise 62, große Kriegsschiffe fahren auf einander zu. Bis sie gestoppt werden. Oder auch nicht. Es war mein Fehler, meine einzige Chance ist jetzt eine redaktionelle Lösung. Die Zeit läuft.

tippt ein Gespräch
wütend, bestimmt

Ja, sag mal Lea, willst Du mich verarschen? Ist das der Dank? Nein, jetzt hörst Du mir zu. Versuch bitte nicht die ganze Sache umzudrehen! Nein! - Schluss! Nein, Du hörst zu: Das ist ein ganz mieses Spiel, das Du gerade mir mir treibst. So rum ist es! - Ja, das erkläre ich Dir. Sehr gerne sogar!

Erstens: Ich habe das Äußerste für Dich raus geholt, was möglich war. Der Titel Deines verdammten Albums steht bei uns auf der Titelseite. Auf der Eins. Weißt Du, was das heißt? Eins! Da träumt die komplette Musikindustrie von. Zweitens: auf dem Foto siehst Du klasse aus. Richtig klasse. Das ist das Allerwichtigste, Dein hübsches Unschuldsface strahlt heute von jedem einzelnen Kiosk in diesem Land. Das habe ich für Dich gemacht. Du weißt echt nicht, was das heißt. Und jetzt kommst Du! Während ich mir ein Bein für Dich ausreiße, denkst Du, Du könntest mich verarschen. - Ja! - Stoppstoppstopp -

Du wusstest ganz genau, warum ich mich für diesen Philipp interessiere! Warum war mir das denn sonst so wichtig? Erkläre mir das mal! Meinst Du etwa, irgendjemand interessiert sich für Dich, geschweige denn für Deinen Freund, oder was auch immer, verdammt noch mal, was bildest Du Dir eigentlich ein? Warum soll ich denn ein völlig unwichtiges Pärchen auf die Seite Eins heben, ach bitte, Dein Album, was denkst Du eigentlich, wer Du bist, Du hast mich angerufen, und Du hast mich ins offene Messer laufen lassen, Du hättest mir sagen müssen, dass Dein Philipp da nichts mit der Industriellenfamilie zu tun hat, ja klar hättest Du mir das sagen müssen. Hey, das glaubt Dir kein Mensch, dass Dir die Industrie-von Hannenfelds gar kein Begriff waren, die kennt jeder! Aber es ist auch gar nicht wichtig, ob Dir das jemand glaubt, weil es ja jeder gelesen hat. Aber die von-Hannenfelds sind auch auf der Eins und zwar nur wegen Dir und ich brauche Dir nicht zu sagen, dass die das gar nicht lustig finden, und dass wir beide da jetzt `ne Lösung für finden müssen und werden sie auch finden, hast Du mich verstanden!

Was? - Was? - Das kannst Du vergessen! Nein, Du gehst heute in keine Talkshow. Was denn bitte schön klarstellen? Wie ich Dich dazu gebracht habe? Zu was denn bitte? Meinst Du, eine Talkshow geht so ein Risiko ein, so was zu senden? Sag mal, weißt Du eigentlich nicht, mit wem Du es hier zu tun hast?

Ich habe eben nicht gesagt, dass es mir nur um Philipp ging, und wenn ich das gesagt hätte, wäre es der Beweis, dass Du mich reinreiten wolltest. Dreh es, wie Du willst. Überlege Dir, was Du da beweisen willst. Nein ich habe Dir nicht mit dem Anwalt gedroht, das passiert doch automatisch, da kann ich doch gar nichts dazu, oder meinst Du unsere Jungs hier schauen einfach zu, wie Du uns in der Talkshow irgendwelche Sachen unterstellst, nur um Dein Album zu verkaufen. Ja, genau so wird das jeder sehen, wieder eine, die verzweifelt versucht, ihr Album zu promoten, keiner wird Dir glauben, jeder sieht doch, dass Du Dich profilieren möchtest, die Leute sind doch nicht dumm, die haben Dich doch heute auf der Eins gesehen, und wenn die Dich heute Abend im Fernsehen sehen, was sollen die denn sonst denken, so einfach ist das, da kannst Du machen, was Du willst.

Nein, die von der Talkshow werden nicht auf Deiner Seite sein, egal, was Dir der Talkshow-Redakteur erzählt, die können gar nicht auf Deiner Seite sein, denk doch bitte mal ein bisschen nach. Die erzählen Dir irgendwas vorher. Was? Alles, alles, was Du hören willst. Und dann machen sie Dich fertig, wenn sie Dich vor der Kamera haben, und Du merkst das gar nicht, Du kannst echt froh sein, dass ich jetzt einen kühlen Kopf behalte, obwohl Du mich reinreiten wolltest. Ich sag Dir, was wir machen und das ist ganz einfach. Die Lea Story, zweiter Teil. Wir beide machen heute eine schöne Geschichte zusammen, morgen wieder auf dem Titel, und da erzählst Du, wie Du auf den falschen von Hannenfeld reingefallen bist, verstanden? Ja, genau. Du bist auf den falschen von Hannenfeld reingefallen! Das ist doch die Lösung, das versteht doch jeder, das ist doch, das bist doch Du, Lea, Mensch ...

er schaut auf das Handydisplay, ein weiterer Anruf „klopft an“

...Du Lea ich hab noch einen anderen Anruf, den muss ich jetzt, wir telefonieren gleich und Du machst jetzt keine Dummheiten und wartest einfach nur auf meinen Anruf. Noch was: Du kannst alles vorher lesen, was wir da schreiben, bei mir bist Du auf der sicheren Seite, vergiss nicht, Du hast alles unter Kontrolle, keine Dummheiten jetzt bitte, Du gehst nur ans Telefon, wenn Du meine Nummer siehst, verstanden? Jeder Anruf, den Du jetzt machst, macht alles viel, viel schlimmer.

nimmt das andere Gespräch an, und redet atemlos weiter, jedoch ist er während eines Satzes in eine ganz andere Haltung gekippt, von Drohenden zum Bedroht-Werdenden

Ja. - Ja - macht Euch keine Sorgen - ich kriege das schon - ich hab das im Griff – natürlich bin ich dran – ich weiß – natürlich weiß ich, was das heißt, ja das kann ich mir vorstellen – natürlich war ich mir sicher, das ist safe – ich bin dran - wirklich - lasst mich machen - ich bekomme das hin – bitte – bitte ich

er schaut auf sein Handy, das Gespräch wurde bereits beendet
tippt ein neues Gespräch
fassungslos

Besetzt! Das kann nicht wahr sein. Bei Lea ist besetzt!

tippt noch mal, vergeblich
e_r läuft umher, schließlich ein neuer Anruf , der Blick auf das Display zeigt seine Enttäuschung, trotzdem nimmt er das Gespräch an_

Schätzchen, danke, dass Du mich eben vorgewarnt hast.- Ja, die haben gerade angerufen. - Was soll ich denen denn, ich habe denen gesagt, ich bekomme das hin, was denn sonst Schätzchen, ich bekomme das hin. Okay? - Was? - Was? Talkshow? Was für eine –

man sieht ihm an: jetzt wird es eng
freundlich, aber beschwörend, wie zu einem Kind

Okay, ja-. Oh. … Klar, habe davon gehört, ich habe alles unter Kontrolle. Hör zu: Sie wird nicht in diese Talkshow gehen. Bitte sag denen das. Sie wird nicht in diese Talkshow gehen. Bitte sag denen, sie sollen mich einfach nur meinen Job machen lassen. Einfach nur meinen Job. Bitte. Danke!

b_eendet das Gespräch, versucht ein neues, vergeblich_
richtig sauer, immer lauter hineinsteigernd ins Publikum

Das ist ein gutes Gefühl, oder? Schön, wenn man weiß, dass man auf der richtigen Seite steht? Das wollen Sie doch wollen. Ist ja auch schön einfach. Sie spenden, lesen das Richtige, schauen das Richtige. Ich bin beeindruckt. Sie sind echt was Besseres. Darum geht es Ihnen doch, dass man fucking beeindruckt ist von Ihnen! Und dass Sie fucking beeindruckt sein können von sich selbst. Dass Sie gut schlafen können. Und wissen Sie was: Ich gönne Ihnen Ihren Schlaf! Schlafen Sie ruhig. Träumen Sie weiter! Ja. Aber lassen Sie mich meinen Job machen. Lassen Sie uns hier unseren Job machen. Nein, es geht nicht um Lea, begreifen Sie es doch endlich. Es geht um das Ganze. Dass das Ganze nicht zusammen bricht. Während Sie träumen! Ja, so ist das: Deutschland in der Nacht! Heinrich Heine. Der hatte es schon kapiert: Unsere Neigung, den gesunden Menschenverstand außen vor zu lassen. Einfach so. Puff.

Diese Stelle ist eine kleine verborgene Hommage an den BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, dessen in seinem Buch „Der große Selbstbetrug“ beschriebenen Argumentationsmuster vielen Stellen des Stückes als Grundlage dienten. Das Original-Zitat im Diekmann-Buch lautet:
„'Der Deutsche besitzt im Luftreich des Traums die Herrschaft unbestritten', heißt es in Heinrich Heines 'Wintermärchen'. Der Dichter beschrieb damit unsere Neigung, den gesunden Menschenverstand außen vor zu lassen.“

Beamen Sie sich ruhig weg aus der Realität. Aber pissen Sie die nicht an, die hier unten bleiben, in der Kanalisation, die jeden Tag die Scheiße sehen, die Sie wegspülen und aufpassen, dass sie nicht zu stinken beginnt. 450 Millionen Euro Erbe, das tolle Partymädchen. Ja, ich gebe es zu: Klar geht es um Neid! Um Ihren Neid! Ja! Sie sind der, der ein Gefäß braucht für seinen Neid, etwas, wo er ihn sicher einpacken kann, wegstellen kann, damit er sich nicht so schäbig fühlen muss. Sie sind der Voyeur, der auf der Autobahn guckt, wenn´s gekracht hat und noch mehr guckt, wenn´s Blut gegeben hat, und uns dann hasst, weil wir die Bilder schießen. Weil wir sie für Sie schießen.

Witwenschütteln! Pfui! Aber wer soll das denn bitte machen? Da stehst Du mit nem Blumenstrauß an der Haustür vor so ner Frau, so ner Mutti in der Provinz. Die weiß ja oft noch gar nicht, dass ihr Mann, ihr Kind gestorben ist. Und da sagen alle: Die arme Frau! Meinen Sie, uns ist das nicht unangenehm?

Die „Witwenschütteln“-Passage habe ich nachträglich eingefügt, nachdem eine befreundete Journalistin mir nach dem Lesen der ersten Fassung die Frage stellte, warum ich mir eine so vergleichsweise harmlose Geschichte habe einfallen lassen, wo doch im wahren Boulevard-Alltag viel schlimmere Sachen passierten. Ähnliche Reaktionen gab es von einigen Freunden, die in den Medien arbeiten, während die, die damit nichts zu tun haben, eher der Meinung waren, dass das Ganze doch wohl sehr übertrieben sei.

Fremde Wohnung, und dann die ganzen Kisten oder Fotoalben durchgucken für ein einigermaßen unblödes Bild von ihrem Kind oder was weiß ich, und überhaupt die Frau da erstmal dazu kriegen, dass sie das macht, machen muss, weil, was soll denn sonst für ein Bild ins Blatt! Wissen Sie, wie jemand aussieht, der gerade von einem zwanzig Meter hohen Haus gesprungen ist. Sehen Sie! Also!

Ungefähr so hat mir das ein Boulevard-Journalist mal erklärt: Die wahren Opfer solcher Geschichten seien nicht diejenigen, die von Boulevard-Journalisten dazu verführt würden, private Dinge preiszugeben, sondern die Boulevardjournalisten selbst: Weil sie ja durch Bildblog damit rechnen müssten, gegen ihren Willen Gegenstand einer Berichterstattung zu werden. Sowas gehöre sich nicht.

versucht, sich wieder abzuregen,
tippt wieder ein Gespräch
als ob er es kaum fassen könne, ins Publikum

Frei!

wieder ganz geschäftsmäßig routiniert
ins Handy

Lea, so. Also lass mir Dir das noch mal erklären. Wir machen das so, dass er nicht als das Arschloch aussieht und wir machen das so, dass es Dir nicht um das Geld ging, als Ihr Euch kennengelernt hattet, ihr seid doch auch ohne Geld glücklich, die Nummer! Lea, hör auf mit dem Scheiß. Über den Punkt, dass wir darüber reden, ob der Dein Freund ist, reden wir schon lange nicht mehr. Hör mal Lea, ich rette Dir gerade Deinen Arsch.

Was? Du hast was? Du hast da zugesagt? Das kannst Du nicht Lea, Du kannst nicht in diese Talkshow! Hör mir -

sie hat offensichtlich aufgelegt
er versucht, sie wieder zu erreichen
kann die Verzweiflung kaum noch verbergen

Nicht erreichbar! Sie ist nicht mehr. Erreichbar!

ein neuer Anruf kommt rein, reißt sich etwas zusammen

Schätzchen, bitte, bitte, alles wird gut. Bitte sag denen, nein ich kann jetzt nicht, sag ich bin, sag, ich bin, Schätzchen bitte.

ein neuer erfolgloser Telefonversuch bei Lea

Ich bin endgültig, erledigt.

ins Publikum, schimpft sich in Ekstase

Gehen Sie doch weg. Gehen Sie! Hauen Sie ab! Schauen Sie mich nicht so an! Schauen Sie weg!

Das können Sie nicht! Sehen Sie! Das können Sie nicht! Sie möchten sehen, wie ich hier herum zittere. Alles bereue. Aber das tu ich nicht.

Ich habe es gemacht, weil ich wusste, dass es richtig ist. Die Geschichte heute auf der Eins. Auch wenn es nicht die ganze Wahrheit ist, so ist sie doch die ganze Wirklichkeit!

Und da ist es egal, ob es eine Promigeschichte ist oder Sport, alles ist Politik. Es geht um die Perspektive. Sie müssen sich entscheiden, ob sie träumen wollen oder endlich hinschauen. Ich jedenfalls will auf jeden Fall kein Land, das sich von seinen Minderheiten terrorisieren lässt. Wo Verbrecher besser geschützt sind als unsere Kinder. Wo sich keiner mehr traut, die Wahrheit auszusprechen, sich keiner dagegen wehrt, wie wir unsere Kultur und unsere Herkunft, die klassische Familie abschaffen und unser Land zerstören. Wir müssen uns wehren! Es ist nicht alles gleich, und es sollte nicht alles gleichmacherisch behandelt werden. Es kann doch nicht sein, dass ich den Auftritt einer Dragqueen mit Bart jetzt schon gut finden muss.

Diese Stelle ist ein Plagiat: Béla Anda, Regierungssprecher unter Gerhard Schröder, artikulierte mit diesen Worten in der BILD-Zeitung (deren Politik-Chef er heute ist) seine Klage darüber, dass man gegen das Minderheitengedöns gar nicht mehr artikulieren kann. Mehr dazu in meinem Blog: „Wegen Conchita Wurst: BILD-Politikchef Anda gewinnt Homophobie-Bingo.“

Es reicht nicht mehr zu sagen: Ok, macht was ihr wollt. Nein, wir müssen alle jubeln und die Höchstpunktzahl vergeben. Es gibt keinen Kanal, keine Möglichkeit, sich dagegen zu artikulieren, und keinen Weg zu sagen: Das gefällt mir nicht.

Wir müssen uns wehren, gegen das Meinungskartell der Gleichmacher, endlich etwas unternehmen gegen den Gutmenschenterror!

Selbstbezichtigung: Ich habe nicht nur Kai Diekmanns Buch, sondern auch das neue von Thilo Sarrazin in den Text einfließen lassen. Ich habe es sogar gekauft, und das (digital) auch noch bei Amazon! Meine lebenslange Strafe: Buchempfehlungen!

Aber wer soll das tun? Ich sage Ihnen was: Die Menschen wissen: Wenn niemand mehr weiß, wo die Grenzen sind, wir hier wissen es. Werden wir doch mal sehen, ob der Islam zu Deutschland gehört! Fragen Sie doch mal die Menschen! Was denken Sie denn, wie Deutschland wirklich denkt, wenn es wieder sagen darf, was es wirklich denkt!

Bei der Uraufführung im September 2014 hatten wir diesen Satz gestrichen, weil er zu krass und konstruiert erschien. Ein paar Wochen und einige Pegida-Demonstrationen später klang der Satz auf einmal befremdlich vertraut und ist seitdem wieder im Stück. Bis auf einige einzelne Wörter („Lügenpresse“) waren weitere Aktualisierungen aufgrund von Pegida und Co. nicht nötig.

„zitiert“ mit den Fingern

„Auch der Islam gehört zu Deutschland“

Christian Wulff schildert in seinem Buch „Ganz oben, Ganz unten“ die Reaktionen der Springer-Leute auf sein geplantes „Auch der Islam gehört zu Deutschland“-Statement:
… Das Gespräch kam, wie nicht anders zu erwarten, auf Thilo Sarrazin und meine bevorstehende Rede für den Sonntag. Ich hätte vor, auf die Rolle der Muslime in Deutschland einzugehen, sagte ich und hätte in meinem Redeentwurf den Satz: Der Islam gehört inzwischen zu Deutschland. Das ginge auf keinen Fall, sagte Diekmann. Ich kann nicht mehr im Einzelnen rekapitulieren, wer welche Argumente ins Feld führte, aber ich weiß, dass Diekmann mir deutlich sein Missfallen zum Ausdruck brachte, als ich sagte, für mich sei die Entscheidung gefallen.“ Hier der gesamte Hintergrund.

Wir haben ihn davor gewarnt. Aber er wollte nicht hören. Was sollen wir denn tun, wenn die Politiker nicht mehr merken, was ihre Verantwortung ist? Wenn sie nicht mehr wissen, wer wir sind? Ja, ich weiß, wir haben einen schlechten Ruf. Aber das Volk vertraut uns mehr als den Politikern. Weil wir uns kümmern und aussprechen, was ist. Wir können uns nicht vor unserer Verantwortung drücken. Wir sind die Stimme des Volkes und wenn ein Präsident Krieg führen möchte gegen uns, dann führt er quasi Krieg gegen sein eigenes Volk. Können wir das einfach so zulassen?

Irgendjemand muss aufpassen auf dieses Land. Ja! Machen Sie sich keine Sorgen! Wir haben das alles im Blick, wir halten das doch alles zusammen hier. Wenn wir nicht wären, um die Ohren fliegen würde uns das alles. Ja, es geht um Sicherheit. Um unseren Staat. Um die Staatssicherheit. Wann kapieren Sie das endlich!

Der Publizist und ehemalige FR-Chefredakteur Wolfgang Storz:
Da steckt hinter allem ein unglaublicher Vertretungswahn, ein Volkstribun-Gedanke, der völlig journalismusfremd ist.“

ein neues Gespräch kommt rein

Der letzte Vorhang!

er nimmt es an

Schätzchen!

e_r hat sich ergeben, hört nur noch zu, scheint alles über sich ergehen zu lassen. Doch blitzartig ist er wieder ganz da_

…. Nein! Das ist ja, Schätzchen! Sehr gut, sehr gut, sehr gut. Ok, ja, ich beeile mich. Ich ruf sie direkt, jetzt direkt, wart mal, die geht doch nicht mehr ans Telefon, erst recht nicht, wenn ich dran bin. - Was? Echt? Schätzchen! Du hast die Telefonnummer von diesem - woher hast Du die Telefonnummmer von diesem Philipp? - Stimmt, Schätzchen, ich will es nicht wissen, ja, sms sie mir zu. Du bist – bis gleich.

sie haben das Gespräch beendet, ein Signalton kündigt eine neue SMS an
ins Publikum

jede Airline, jede Telefongesellschaft, jede große Hotelkette, jede Staatsanwaltschaft. Wir haben überall Menschen, auf die wir uns verlassen können. Volks-Kühlschrank. Volks-Bibel, Volks-Arznei. Volks-Bewegung. Wenn Ihnen das Angst macht, sollten Sie sich mal fragen warum!

öffnet die SMS, drückt die Nummer, schließlich

Ja guten Tag Herr von Hannenfeld, ich hoffe es geht Ihnen gut, ich bin ein guter Freund von Lea. Ist sie, ist sie bei Ihnen, könnte ich sie kurz, es ist wichtig. - Sagen sie ihr: Fotostudio Ebenbild, da weiß sie – ja ich warte, ja. Ja, hallo Lea, der Marco, Du hattest Dein Handy wohl aus Versehen ausgeschaltet, ich nehme Dir das nicht übel, ja, schön, dass Dir das Fotostudio Ebenbild was sagt, sehr schöne Fotos, ja, wann war das? Einen schönen Körper hast Du, ja ich weiß, man macht dumme Sachen, wenn man jung ist, aber Du musst Dich nicht schämen, weißt Du Lea, die Fotos gehören jetzt uns und keine Angst, wir werden sie nicht verstecken, wir machen das groß, ganz groß, wir müssen ja irgendwas bringen, weil Du ja wolltest, dass dieser Artikel, die Lea Story Teil zwei nicht erscheint. Ja und die Talkshow, ich bin mir sicher, die freuen sich, wenn wir ihnen gestatten, das eine oder andere Foto schon heute Abend zu zeigen, wenn Du in der Sendung bist.

Erst vor wenigen Wochen ist mir ein Fall berichtet worden, der sich sehr ähnlich zugetragen hat. Selbstverständlich legte der sich im Besitz solcher Fotos vorgebende Boulevard-Journalist beim Anruf der fotografierten Dame wert auf die Feststellung, dass es sich dabei nicht um eine Erpressung handele.

Was? Das? Ach so: Ja die vom Studio haben das verkauft einfach so, was meinst denn Du, es gibt eben überall noch Leute, die mitdenken, die wissen, was sich gehört. Persönlichkeitsrechte. Ja, weißt Du, bis gestern, da konntest Du Dich wirklich noch auf Dein Persönlichkeitsrecht berufen. Aber seit heute ist alles etwas anders, verstehst Du? Du bist auf Seite Eins, Du hast Dich offiziell fotografieren lassen, Statements gegeben, Du promotest Dein Album aggressiv, Du bist eine relative Person der Zeitgeschichte. Es gibt ein öffentliches Interesse. Zumindest heute und morgen. Was soll ich denn machen, was – Was? Was? Ach so? Lea, Teil zwei? Wie Du auf den falschen von Hannenfeld hereingefallen bist? Ich dachte, Du musst jetzt zu dieser Talk Show? Lea, wenn Du das wirklich willst, wenn das wirklich die Wahrheit ist, ja, dann machen wir das, ja klar, Deine Fotos, Deine Fotos schenke ich Dir.

Schwarz. ENDE


Aufmacherfoto: Volker Zimmermann. Ingolf Lück bei einer Aufführung von SEITE EINS.