Philipp Sipos

Kinder in Panzerkostümen: So feiert Russland sein Militär

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Ich bins, Isolde, mit meinem wöchentlichen Newsletter. Hier erkläre ich dir, was du zum Krieg in der Ukraine wirklich wissen musst. Und ich gebe dir jedes Mal eine kleine Portion Hoffnung mit. Heute geht es um die Bedeutung des 8. und des 9. Mai.

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Was ist zuletzt passiert?

Gestern vor 77 Jahren kapitulierte Nazideutschland und der Zweite Weltkrieg ging zu Ende. Auf der ganzen Welt gedenken Länder dieses Tages, aber auf unterschiedliche Weise. In Russland wird dieser Tag einen Tag später, am heutigen 9. Mai gefeiert, weil die Kapitulationsurkunde in Deutschland am späten Abend des 8. Mai in Kraft trat – wegen der Zeitverschiebung war in der damaligen Sowjetunion bereits der nächste Tag angebrochen. Viele befürchten, dass Russland heute verstärkt Raketenangriffe gegen die Ukraine fliegt. Präsident Selenskyj rief die Bevölkerung dazu auf, deshalb besonders vorsichtig zu sein.

Welche Bedeutung hat dieser Tag für die Ukraine und für Russland?

Es ist das gleiche Ereignis, aber wie sich die Menschen daran erinnern, ist sehr unterschiedlich. In Deutschland ist der „Tag der Befreiung“ Anlass, um an die Verbrechen der Nazis zu erinnern. In Russland wird der „Tag des Sieges“ seit Jahren pompös gefeiert. Der Zweite Weltkrieg heißt dort „Großer Vaterländischer Krieg“.

Die Bedeutung dieses Tages in Russland hat sich über die Jahre verändert. In der Sowjetunion, in der während des Zweiten Weltkrieges 26 Millionen Menschen starben, war der 9. Mai ein Tag der Trauer. Erst unter Putin wurde der „Tag des Sieges“ in Russland zu einer Feier des Krieges und der Stärke. Putin führte Militärparaden wieder ein. Mancherorts marschieren sogar Kinder in Panzerkostümen durch die Straßen.

In Russland hat sich eine Losung etabliert, die zunächst nur Neonazis benutzten, die in der neuen Kriegspropaganda aber normalisiert wurde: „Wir können es wiederholen.“ Der Spruch spielt darauf an, dass Russland noch einen weiteren Krieg gewinnen könne. Vor allem deshalb befürchten jetzt viele, dass Putin die Symbolik des 9. Mai nutzt und die Ukraine heute verstärkt angreift.

Die Ukraine feiert das Ende des Zweiten Weltkriegs anders als Russland. 2015 verlegte das ukrainische Parlament den Gedenktag auf den 8. Mai, also den Tag, an dem die meisten westeuropäischen Länder des Endes des Zweiten Weltkriegs gedenken. Das Parlament verabschiedete ein Gesetz, in dem „kommunistische Propaganda“ an diesem Tag verboten wurde, der „Große Vaterländische Krieg“ sollte von nun an „Zweiter Weltkrieg“ genannt werden.

Die Ukraine hat besonders stark unter Nazideutschland gelitten. Andrij Melnyk, der ukrainische Botschafter in Deutschland, kritisierte schon vor zwei Jahren, dass die Ukraine ein „blinder Fleck im historischen Gedächtnis Deutschlands“ sei. An die acht Millionen Kriegsopfer würde nicht gedacht. 77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Ukraine wieder im Krieg. In seiner Rede zum 8. Mai sagte Selenskyj, der Spruch „Nie wieder“ höre sich für die Ukraine schmerzhaft und grausam an.


Die Frage der Woche

KR-Mitglied Stephan fragt: „Putin hatte ein Dekret unterschrieben, wonach Gas nur noch in Rubel bezahlt werden muss. Sind europäische Staaten und Unternehmen dem nachgekommen?“

Ende April stoppte Russland die Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien – angeblich weil die beiden Länder nicht in Rubel bezahlt haben. Putin hatte schon im März angekündigt, dass westliche Länder das Gas über spezielle Rubelkonten bei der Gazprombank bezahlen müssen. Deutschland und andere EU-Länder haben aber direkt entgegnet, dass sie sich daran nicht halten wollen.

Jetzt befürchten einige, dass Russland auch Deutschland mit dieser Begründung das Gas abstellen könnte. Deutschland und andere EU-Länder zahlen nämlich immer noch in Euro, allerdings mit einer Art Buchungstrick. Die Unternehmen zahlen in Euro oder Dollar auf ein russisches Bankkonto ein, danach wird das Geld in Rubel umgewandelt.

Allerdings ist es fraglich, ob Russland die Gaslieferungen an Polen und Bulgarien wirklich deshalb gestoppt hat, weil die Länder nicht in Rubel gezahlt haben. Wahrscheinlicher ist, dass Russland Druck auf den Westen ausüben und zeigen will, dass es jederzeit bereit ist, EU-Ländern das Gas abzudrehen.


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Lesetipp

Noch im Februar habe ich mich auf eine Liste setzen lassen, um Geflüchtete aus der Ukraine aufzunehmen. Mir ist aber schnell klar geworden, dass mein WG-Zimmer nicht der ideale Ort ist, um jemanden dauerhaft aufzunehmen. Jetzt übersetze ich bei Arztterminen. Eine Leserin hat gefragt: Muss ich eine geflüchtete Person aus der Ukraine aufnehmen? Mein Kollege Gabriel Yoran beantwortet diese Frage in seiner Kolumne „Die Bessere Frage“.

Der Link der Woche

Rund 20.000 ausländische Kämpfer:innen befinden sich nach Angaben des ukrainischen Militärs in der Ukraine. Die Deutsche Welle hat einen 19-Jährigen aus Lateinamerika begleitet, der als freiwilliger Kämpfer in die Ukraine gereist ist. Ohne militärische Ausbildung, ohne jemanden in der Ukraine zu kennen, sogar ohne kugelsichere Weste. In diesem Video ist seine Geschichte zu sehen.

Die Hoffnung der Woche

Eine Tierschutzorganisation hat mit einer Drehleiter eine Katze aus einem zerstörten Gebäude gerettet. Die Organisation Zoo Patrol hat sich im März gegründet, um sich um verlassene Haustiere zu kümmern.


Redaktion: Lisa McMinn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Christian Melchert

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