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Braucht Deutschland eine Atombombe?

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Im Juli 1945 steht der Physiker Robert Oppenheimer in der Wüste New Mexikos und sieht seiner Atombombe zu. „Jetzt bin ich zum Tod geworden, der Zerstörer der Welten“, denkt er, als er zum ersten Mal sieht, was seine Waffe anrichtet. Der Satz kam ihm in den Sinn, nachdem er ihn in einem hinduistischen Gedicht, der Bhagavad Gita, gelesen hatte. Oppenheimer soll kein praktizierender Hinduist gewesen sein, aber ein pragmatisches Verhältnis zum Hinduismus gehabt haben. Er fand die Philosophie dahinter interessant, nutzte sie, um seinen Alltag zu organisieren – und in diesem Moment, um seine eigene Schöpfung zu beschreiben. Oppenheimer gilt als „Vater der Atombombe“.

Während des Zweiten Weltkriegs leitete er das Manhattan-Project, das Atombomben-Programm der USA. Jahrelang entwickelte der Physiker dort mit den besten Wissenschaftler:innen des Landes die erste Atombombe der Welt.

Auch wenn in der Öffentlichkeit vor allem Männer als Entwickler der Atombombe wahrgenommen wurden, waren auch Wissenschaftlerinnen an der Entwicklung beteiligt. Die Atomic Heritage Foundation erinnert an die weiblichen Mitglieder des Manhattan-Project.

Beim Trinity Test in der Wüste New Mexicos sollte die mit Plutonium gefüllte Stahlkugel erstmals getestet werden. Die Explosion ist mehrere Millionen Grad heiß, noch 20 Kilometer entfernt spüren Oppenheimer und die anderen Beobachter:innen die Hitzewelle. Vor seiner eigenen Erfindung hatte der Physiker großen Respekt: „Wir wussten, die Welt würde nie wieder dieselbe sein“, sagt er später über den Atombombentest in der Wüste. „Einige der Anwesenden lachten, andere weinten, die meisten waren still.“ Oppenheimers Selbstbild, mit der Bombe zum Zerstörer der Welten geworden zu sein, prägt unseren Blick auf Atomwaffen bis heute.

Aber wie ist das in Deutschland: Sind wir an atomarer Abschreckung beteiligt? Bräuchte Deutschland längst eine eigene Atombombe? Wie könnte eine deutsche Kernwaffe hergestellt werden – und wollen wir sie überhaupt? Diesen Fragen bin ich nachgegangen.

Atomsprengköpfe in der Provinz

Die „Bombe“ sollte ursprünglich Frieden bringen. In den Jahrzehnten des Kalten Krieges sicherte die Angst vor der ungeheuren Zerstörungskraft das diplomatische Gleichgewicht in weiten Teilen der Welt – auch in Deutschland.
In den 1970er und 1980er Jahren wurde die nukleare Abschreckung von der Friedensbewegung in Frage gestellt. Trotzdem rückte keiner der verantwortlichen Politiker von der Idee ab, dass Atomwaffen den Frieden sichern. Selbst die SPD-Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt, die für eine Annäherung an die Sowjetunion und die DDR bekannt waren, stellten nicht in Frage, dass die USA auf deutschem Boden Atomwaffen stationiert hatten.

Das änderte sich in den 1990er Jahren. In der Bundesrepublik Deutschland waren zahlreiche Atomsprengköpfe gelagert, um im Fall eines sowjetischen Angriffs zurückzuschlagen. Auf der anderen Seite der Mauer hatte die Sowjetunion ebenfalls Sprengköpfe auf dem Gebiet der DDR stationiert.

Nach dem Ende des Kalten Krieges schien nukleare Abschreckung ein überflüssiges Konzept der Vergangenheit. In den 1990ern wurde in den USA und Russland gemäß der internationalen Abkommen START I, START II und New START abgerüstet. Die Anzahl der Sprengköpfe wurde vertraglich festgelegt. Russland halbierte kurzerhand den sowjetischen Bestand an schweren Interkontinentalraketen.

Heute geht man davon aus, dass Russland ungefähr noch 6.300 Sprengköpfe besitzt, ein Bruchteil der ehemaligen sowjetischen Bestände. Die USA gaben im Herbst 2020 ihr Atomwaffenarsenal mit 3.750 Sprengköpfen an, eine drastische Reduktion: Zum Höhepunkt des Kalten Krieges 1967 verfügten die USA noch über 31.255 Sprengköpfe.

Das unabhängige schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI geht von insgesamt über 7.000 US-amerikanischen Sprengköpfen aus. SIPRI zählt auch Sprengköpfe mit, die bereits ausrangiert wurden und verschrottet werden sollen.

Erst im Februar 2021 unterschrieb der US-amerikanische Präsident Joe Biden die Verlängerung des New-START-Abrüstungsvertrages um weitere fünf Jahre. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin unterschrieb den Vertrag. Bis vor Kurzem schien es also, als ob wir uns in Europa nie wieder mit Atomwaffen beschäftigen würden.


Dieser Text ist Teil des Zusammenhangs: „Was du über Atomwaffen wissen musst“.


Der Krieg in der Ukraine hat diese Gewissheit ausgeräumt. Die Bundesregierung kaufte im März in den USA F-35-Kampfjets, die auch in der Lage sind, Atomwaffen zu tragen. Damit soll die Bundeswehr in Zukunft in der Lage sein, US-amerikanische Atombomben zu transportieren. Aber natürlich könnten die Kampfjets auch für deutsche Atomwaffen eingesetzt werden. Plötzlich steht eine Frage im Raum, die lange undenkbar schien:

F-35-Kampfjets des Herstellers Lockheed Martin gelten als die fortschrittlichsten Tarnkappen-Jäger der Welt. Sie werden seit 2011 in Serie produziert und sollen die deutschen Kampfflugzeuge vom Typ Tornado ablösen.

Braucht Deutschland Atomwaffen?

Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Denn streng genommen braucht kein Land der Welt Atomwaffen, sagt der Historiker Ward Wilson. Atomwaffen hätten noch nie für Frieden gesorgt, erklärt er im Interview bei Krautreporter. Seiner Argumentation nach wurden Konflikte nie durch Atomwaffen entschieden und die Angst vor Atomwaffen hätte noch keinen einzigen Krieg verhindert.

Der Krieg in der Ukraine zeigt aber, welchen Einfluss Atomwaffen auf den Kriegsverlauf haben können. 1994 erklärte sich die Ukraine mit dem Unterzeichnen des Budapester Memorandums bereit, alle Atomwaffen abzugeben.

Im Budapester Memorandum wurde 1994 der Abzug der sowjetischen Atomwaffen aus der Ukraine, Kasachstan und Belarus festgelegt. Alle drei Nationen verpflichteten sich, keine Atomwaffen zu besitzen. Als Gegenleistung wurde den drei Ländern versprochen, dass ihre Grenzen respektiert werden. Unterzeichnet wurde das Memorandum außerdem von den USA, Russland und Großbritannien. China und Frankreich gaben eigenständige Erklärungen zur Sicherheitsgarantie der Ukraine ab.

Im Gegenzug sollte ihre gerade erlangte Unabhängigkeit von Russland und den westlichen Staaten garantiert werden. Russland hat diese Abmachung mehrfach gebrochen. Mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim und der Invasion der Ukraine seit Februar 2022 wurde Artikel 1 verletzt, in dem Russland, Großbritannien und die USA sich verpflichten, die Grenzen der Ukraine anzuerkennen.

2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim am Schwarzen Meer. Die Annexion wurde nachträglich durch eine Volksabstimmung legitimiert. Bei der Abstimmung gab es keine Möglichkeit, für einen Verbleib der Krim als Teil der Ukraine zu stimmen, so dass der Status quo beibehalten wurde. Die Annexion der Krim wird daher bis heute von den Vereinten Nationen nicht anerkannt.

Hätte die Regierung in Kiew heute noch Atomwaffen zur Verfügung, hätte sich Russlands Präsident Wladimir Putin möglicherweise nicht getraut, die Krim zu annektieren oder seine Invasion im Februar zu starten. Es könnte also ein Fehler gewesen sein, die ukrainischen Atomwaffen abzugeben.

Und noch in einem weiteren Punkt sind Atomwaffen für den aktuellen Krieg relevant: Lange weigerte sich die Bundesregierung, schwere Waffen an die Ukraine zu liefern, aus Angst vor einer Eskalation des Konflikts. Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte in einem Interview mit dem Spiegel, er habe Angst vor einem möglichen Atomkrieg. Eine Flugverbotszone, wie sie die Ukraine immer wieder fordert, wäre wohl auch möglich, hätte Putin keine Atomwaffen zur Verfügung. Nun haben die Nato-Staaten die Befürchtung, dass der Abschuss einer russischen Maschine eine Kettenreaktion auslösen würde, die zu einem Atomkrieg führt.

Im diplomatischen Umgang mit einem Autokraten wie Putin könnten antiquiert wirkende Konzepte wie atomare Abschreckung also wieder eine Rolle spielen. Im russischen Staatsfernsehen wird offen darüber diskutiert, wie schnell eine Atomrakete in Berlin sein könnte als Vergeltung für die Lieferung von „Gepard“-Panzern an die Ukraine.

Der Bundestag hatte im April zugestimmt, Luftabwehr-Panzer vom Typ „Gepard“ in die Ukraine zu entsenden. Vorangegangen war eine lange Debatte darüber, ob Deutschland der Ukraine schwere Waffen wie Panzer liefern oder neutral bleiben sollte.

Auch Präsident Putin drohte seit Beginn der Invasion in der Ukraine mehrfach implizit mit einem Angriff mit Atomwaffen, sollte der Westen sich weiter in der Ukraine engagieren. Zusätzlich versetzte Russland im Februar seine Atom-Streitkräfte in Alarmbereitschaft und testet neue Raketentypen, die Atomsprengköpfe über 18.000 Kilometer weit transportieren. Russische Atomwaffen könnten problemlos jeden Fleck der Erde erreichen. Damit ist kein Land vor einem russischen Angriff sicher.

Wer schützt uns vor Putins Atomwaffen?

Die USA schützen Deutschland seit dem Kalten Krieg vor sowjetischen Atomwaffen. Notfalls auch mit eigenen Atomwaffen, das verlangt die sogenannte Beistandspflicht der Nato. Dafür sind US-amerikanische Atomwaffen in Deutschland stationiert, dem wissenschaftlichen Dienst des Bundestags zufolge lagern sie im Fliegerhorst in Büchel in Rheinland-Pfalz. Im Fall eines Angriffs würden sie von dort aus mit deutschen Flugzeugen zu ihren Zielen gebracht. Das heißt: Deutsche Piloten würden im Ernstfall US-amerikanische Atombomben abwerfen.

Die Stationierung von US-amerikanischen Atomwaffen in Deutschland war lange umstritten und der Kampf dagegen eines der wichtigsten Anliegen der deutschen Friedensbewegung. Dafür sorgen, dass die letzten Atomwaffen aus Deutschland abgezogen werden, könnte ausgerechnet Donald Trump. Der ehemalige US-Präsident ist erklärter Gegner der Nato. Seinem ehemaligen Sicherheitsberater John Bolton zufolge wollte Trump bereits 2018 damit drohen, aus dem Bündnis auszutreten, ließ sich aber von seinen Beratern gerade noch zurückhalten. Wäre Trump 2020 wiedergewählt worden, wäre das das Ende der Nato-Mitgliedschaft gewesen, so Bolton.

John Bolton war von 2018 bis zu seinem Rücktritt 2019 nationaler Sicherheitsberater des damaligen US-Präsidenten Donald Trump. Über seine Zeit im Weißen Haus hat er 2020 ein Buch mit dem Titel „The Room Where It Happened“ veröffentlicht. In dem Buch rechnet er mit dem Ex-Präsidenten und dessen mangelhaftem Verständnis von Außenpolitik ab.

Sollte Trump also 2024 wiedergewählt werden und tatsächlich aus dem Bündnis austreten, könnten US-amerikanische Atomwaffen abgezogen werden. In diesem, sehr hypothetischen Fall müsste Europa und damit auch Deutschland andere Möglichkeiten suchen, sich vor der Bedrohung durch Autokraten wie Putin zu schützen.

Gibt es eine europäische Lösung?

In der EU gab es bis vor Kurzem noch zwei Atommächte: Frankreich und Großbritannien. Seit die Briten die EU verlassen haben, beruht die nukleare Abschreckung der EU auf dem Atomwaffenarsenal der französischen „Force de Frappe“.

Wie viele Sprengköpfe Frankreich besitzt, ist ein Geheimnis, aber Schätzungen gehen von rund 300 aus. Die meisten Sprengköpfe sind auf U-Booten gelagert. Das hat den Vorteil, dass im Fall eines nuklearen Angriffs auf Frankreich die französische Marine vom Meer aus mit einem nuklearen Vergeltungsschlag antworten könnte. U-Boote sind nur schwer zu lokalisieren und mobil. So wird das Abschreckungspotenzial der Waffen gesteigert:

In den vergangenen Jahren hat die französische Regierung Deutschland angeboten, die französischen Atomwaffen mitzunutzen – und sich finanziell an deren Instandhaltung und Modernisierung zu beteiligen. Die deutsche Regierung hat das bisher abgelehnt.

Das könnte sich nun ändern. Der französische Staatssekretär für europäische Angelegenheiten Clément Beaune erklärte im Januar, dass Frankreich nach wie vor bereit sei, seine Atomwaffen in den Dienst der EU zu stellen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron möchte schon lange eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU.

Der Ukraine-Krieg könnte die Haltung der deutschen Regierung verändern. Beinhaltet die „Zeitenwende“, die Kanzler Olaf Scholz ausgerufen hat, neben konventioneller Aufrüstung auch die Zusammenarbeit mit Frankreich in Sachen Atomwaffen? Der ehemalige Sicherheitsberater von Angela Merkel, Christoph Heusgen, sprach sich gegenüber dem Spiegel dafür aus.

Das Angebot der französischen Regierung gilt allerdings nur so lange, wie an der Spitze der Regierung ein Pro-Europäer wie Macron steht. Seine Herausforderin Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Rassemblement National möchte Frankreich dagegen von der Nato und der EU lösen. Mit ihr als Präsidentin wäre eine gemeinsame Atomstreitmacht undenkbar. Sie möchte Rüstungsprojekte mit Deutschland stoppen und die französische Armee aus der Kommandostruktur der Nato lösen.

Le Pen unterlag Macron bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen, allerdings konnte sie ihr Ergebnis im Vergleich zur vergangenen Wahl 2017 deutlich verbessern. Im Sommer stehen Parlamentswahlen in Frankreich an. Dann wird sich zeigen, ob Macron wirklich auf eine Mehrheit im Land vertrauen kann. Viele seiner Wähler haben nur für ihn gestimmt, um den Wahlsieg einer Rechtspopulistin zu verhindern, nicht weil sie von ihm und seiner Politik überzeugt sind.

Wenn es Macron in den kommenden Jahren nicht gelingt, seine Gegner zu überzeugen, könnte eine Rechtspopulistin wie Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2027 siegen. Es ist vielleicht nicht das wahrscheinlichste Szenario, nach den Erfahrungen mit Brexit und Trumps Wahl 2016 ist es aber möglich.

Wäre also, im unwahrscheinlichsten Fall, auf den atomaren Schutz der USA und Frankreich kein Verlass, müsste sich Deutschland auf den Ernstfall vorbereiten – und selbst atomar vorsorgen. Oder?

Zumindest meint das der Politikwissenschaftler Christian Hacke. Er forderte bereits 2018 eine eigene Atomwaffe für Deutschland. Die USA und Frankreich, glaubt er, sind keine zuverlässigen Verbündeten mehr. Eine „demokratische Nuklearmacht Deutschland“ würde die Sicherheit des Westens stärken.

„Kernwaffen haben vor allem eine politische Funktion, ein Land in Krisensituationen vor Erpressbarkeit zu schützen“, schrieb er 2018 in einem Gastbeitrag für die Zeitung Welt. „Die Krisendiplomatie eines Landes ist dann erfolgreich, wenn sie militärisch kraftvoll abgestützt wird.“

Auch Spiegel-Kolumnist Nikolaus Blome ist der Meinung, dass Deutschland über eine Atombombe nachdenken müsse: „Wenn Putin sich im Amt hält und Trump die nächste US-Wahl gewinnt, ist die Bundeswehr Ende 2024 weitgehend auf sich selbst gestellt – und 82 Millionen Deutsche werden sich sehr abrupt für ihre Kampffähigkeit interessieren.“

Blome fürchtet einen Nato-Austritt der USA: „Kein Land auf unserem Kontinent, die Nato-Mitglieder eingeschlossen, wäre noch sicher vor Putins Erpressung. Und dann?“

Demnach stellt sich eine weitere Frage:

Könnte Deutschland überhaupt eine Atombombe bauen?

Ganz prinzipiell lässt sich sagen: Solange wir in Deutschland Atomkraftwerke haben, haben wir auch die Ressourcen, um Kernwaffen zu bauen.

In Deutschland sind noch bis Ende 2022 drei Kernkraftwerke am Netz. Sie produzieren spaltbares Uran als Abfallprodukt. Auch Plutonium 239 wird dort produziert. Beides sind Materialien, mit denen Atomwaffen hergestellt werden können.

Nach der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima beschloss der Bundestag 2011 den Ausstieg aus der Kernkraft. Am 31. Dezember 2022 sollen demnach die letzten verbliebenen Atomkraftwerke Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland abgeschaltet werden.

Ralph Thiele ist ehemaliger Oberst der Bundeswehr und war zeitweise als Hauptmann für einen Stützpunkt der US-amerikanischen Atomwaffen in Deutschland zuständig. Heute arbeitet er als Sicherheitsberater. Er erklärt Krautreporter, der Bau einer Atomwaffe in Deutschland wäre kein Problem. „Seit den 1970er Jahren ist Deutschland wissenschaftlich-technisch in der Lage, Atomwaffen herzustellen. Der politische Wille fehlt allerdings.“

Was derzeit auch fehlt: Eine Aufbereitungsanlage, in der Uran und Plutonium in hoher Konzentration destilliert werden können. In Kalkar in Nordrhein-Westfalen, nahe der niederländischen Grenze, wurde in den 1970er Jahren ein Atomkraftwerk gebaut, das den Anforderungen einer Aufbereitungsanlage genügt. Der sogenannte „schnelle Brüter“ ist eine Anlage, die atomwaffenfähiges Plutonium herstellen könnte. Das Kraftwerk wurde in den 1990er Jahren stillgelegt, könnte aber bei Bedarf wieder in Betrieb genommen werden, schätzen Expert:innen. Technisch wäre die deutsche Atombombe also möglich. Aber politisch?

International ist die Weiterverbreitung von Atomwaffen geächtet. Laut dem Atomwaffensperrvertrag ist den meisten Staaten untersagt, Atomwaffen herzustellen. Iran oder Nordkorea, die trotzdem ein Atomprogramm betreiben, werden international isoliert und sanktioniert.

Gegen Nordkorea sind seit 2006 internationale Sanktionen veranlasst worden. Nordkorea hatte im Oktober 2006 erstmals erfolgreich einen Atomwaffentest durchgeführt. Gegen Iran verhängten die USA 2010 Wirtschaftssanktionen, die EU ab 2012. Vorher war bekannt geworden, dass Iran im geheimen Uran-Anreicherungen durchgeführt hat, die offenbar den Zweck hatten, eine Atombombe herzustellen.

Auch Deutschland hat den Atomwaffensperrvertrag 1969 unterzeichnet. Könnte die Bundesregierung aussteigen, ohne dass Deutschland auf einer Liste mit Schurkenstaaten wie Nordkorea steht?

Möglicherweise. Die Geschichte zeigt: Westliche Länder können Atomwaffen entwickeln, ohne internationale Sanktionen fürchten zu müssen. Israel ist bereits seit vielen Jahren im Besitz von Atomwaffen, hat das 2006 sogar offen zugegeben und deshalb keine Konsequenzen, wie internationale Isolierung oder Sanktionen erfahren. Deutschland könnte es ähnlich ergehen. Die Nato- Bündnispartner Großbritannien, Frankreich und die USA könnten angesichts der aktuellen Bedrohungslage durch Russland einverstanden sein.

Ex-Oberst Thiele glaubt sogar, Deutschland wäre in der Lage, ein begrenztes Atomwaffenarsenal aufzubauen – ohne, dass es die Öffentlichkeit bemerkt. Die Bundesregierung dürfte so ein Projekt aber nicht ohne Zustimmung des Parlaments betreiben. Was uns zum nächsten Punkt führt:

Will Deutschland überhaupt eine Atombombe?

Die aktuelle Bundesregierung unter SPD, Grünen und FDP ist nicht gerade für ihre Vorliebe für Atombomben bekannt. In der Vergangenheit haben alle drei Parteien in Wahlkämpfen dafür geworben, die letzten verbliebenen US-Atomwaffen aus Deutschland abzuziehen. Gerade die Grünen sind als pazifistische Partei aus der Anti-Atomkraft-Bewegung hervorgegangen und fühlen sich diesem Erbe verpflichtet. Auch die SPD hat ein pazifistisches Grundprofil. Und die FDP hatte es sich während ihrer letzten Regierungsbeteiligung 2009 bis 2013 zum erklärten Ziel gemacht, Atomwaffen aus Deutschland zu verbannen.

Es ist unwahrscheinlich, dass unter dieser Regierung ein deutsches Atombombenprogramm starten wird. Aber eine Regierung muss auch immer auf die Stimmung in der Bevölkerung achten. Und die ist aufgrund des Ukraine-Kriegs angespannt. Ob die Mehrzahl der Bundesbürger:innen eine deutsche Atombombe will, ist eine andere Frage. Und die stellen wir euch, der Community:

Sollte Deutschland eine eigene Atombombe entwickeln?


Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Philipp Sipos, Audioversion: Iris Hochberger

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