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Warum uns der Fall Djokovic aufregt – erklärt mit der Spieltheorie

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„Er ist ein Arschloch“, sagt sie und lacht. Eine australische TV-Moderatorin und ihr Kollege bereiten sich auf eine Sendung vor und lästern über den Tennis-Profi Novak Djokovic, nicht ahnend, dass die Kamera schon läuft. Das Video wird geleakt – und die beiden ernten Beifall im Netz.

Dass Journalist:innen einfach so den besten Tennisspieler der Welt beleidigen können, liegt an einem Shitstorm, der beispielhaft zeigt, was seit Beginn der Pandemie schiefläuft. Es geht um Corona-Regeln, Verhaltensforschung und sehr viel Frust.

Der serbische Tennisspieler Novak Djokovic wollte am 5. Januar nach Melbourne reisen, um an den Australian Open teilzunehmen. Um nach Australien einzureisen, muss man gegen Corona geimpft sein. Das ist Djokovic nicht – dafür legte er eine Sondergenehmigung vor, die nachweisen sollte, dass er im Dezember an Corona erkrankt und damit genesen ist. An der Grenze verweigerten ihm die Behörden jedoch die Einreise. Djokovic erhob Einspruch gegen den behördlichen Beschluss und wartete vor Ort darauf, doch noch einreisen zu dürfen. Vergeblich: Das australische Bundesgericht beschloss schließlich am 16. Januar: Der Tennisstar darf nicht an den Australian Open teilnehmen. Er muss ausreisen.

Das Drama um Djokovic ist so kompliziert, dass sogar Miss Marple verwirrt wäre

Hier beginnt eine wilde Geschichte voller Widersprüche. Der positive Corona-Test stammt vom 16. Dezember. Allerdings ging Djokovic am darauffolgenden Tag auf ein Event mit Kindern und gab zwei Tage später ein Interview. Recherchen des Spiegel legen nahe, dass dieser und darauffolgende Corona-Tests Djokovics manipuliert worden sind. Außerdem hat Djokovic bei der Einreise fälschlicherweise behauptet, in den Wochen zuvor nicht gereist zu sein.

Es ist so kompliziert, dass sogar Miss Marple verwirrt wäre. Möglicherweise lügt Djokovic. Man könnte aus den Geschehnissen aber auch sehr gut den Schluss ziehen, dass ihm Corona-Regeln vollkommen egal sind.

Das ist frustrierend. Denn bei vielen hat sich nach einer sehr langen Pandemie, unzähligen Lockdowns und Phasen des Verzichts das Gefühl eingeschlichen: Wer sich an Regeln hält, hat hinterher nur verloren.

Unsere Gesellschaft ist eine Tragödie

Dieses Phänomen hat in den Wirtschaftswissenschaften eine Namen: die Tragödie des Gemeinguts. Wenn eine begrenzte Ressource allen frei zur Verfügung steht, dann wird diese Ressource zu viel benutzt oder geht kaputt. Am Ende verlieren alle.

Es gibt unzählige Beispiele für die Tragödie des Allgemeinguts im Alltag: die Überfischung der Meere, zu viel Ausstoß von klimaschädlichen Gasen oder die WG-Küche, in der sich ständig das dreckige Geschirr stapelt und niemand außer dir die ekligen Essensreste aus der Spüle entfernt.

Im Corona-Kontext ist unsere begrenzte Ressource ein funktionierendes Gesundheitssystem, das durch egoistisches Verhalten zusammenbricht und am Ende niemandem mehr zur Verfügung steht.

Um die Tragödie des Allgemeinguts im hypothetischen Kontext zu wiederholen, haben Forscher:innen ein einfaches Spiel entwickelt: das Öffentliche-Güter-Spiel. Es funktioniert so: Nehmen wir vier Spieler:innen, von denen jede:r zehn Euro bekommt. Jetzt müssen die Spieler:innen überlegen, wie viel sie von ihren zehn Euro in einen öffentlichen Topf einzahlen wollen. Das Geld im Topf wird verdoppelt und gleichmäßig auf die Spieler:innen aufgeteilt. Am lukrativsten für alle wäre es deshalb, ihre gesamten zehn Euro einzuzahlen, um am Ende 20 Euro zu bekommen.

Doch aus individueller Sicht ist etwas anderes lukrativer: überhaupt nichts abgeben, die anderen einzahlen lassen, den Gewinn einstreichen.

Und genau hier beginnt das Problem. Sobald die Gruppe sieht, das eine:r nicht mehr mitmacht, haben auch die anderen keine Lust mehr. Warum etwas in den gemeinsamen Topf zahlen, wenn die anderen nicht mitmachen? Wieso der Dumme sein, der brav sein Geld abgibt, während andere genüsslich den Gewinn einstreichen? Das Ergebnis: Das Spiel bricht zusammen, denn irgendwann zahlt niemand mehr in den gemeinsamen Topf.

Das Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie hat das Öffentliche-Güter-Spiel in Bezug auf die Corona-Pandemie in verständlichen Worten erklärt. Und die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat in einem Video zur Spieltheorie ebenfalls erläutert, wieso öffentliche Güter immer schlecht behandelt werden.

Menschen wie Novak Djokovic sind der Grund, weshalb das Spiel zusammenbricht. Personen wie er, die öffentlichkeitswirksam auf Regeln pfeifen, die ein Großteil der Bevölkerung befolgt. Menschen, die keine Lust haben, etwas in den gesamtgesellschaftlichen Topf zu zahlen, die sich aus diesem Topf bedienen (obwohl sie vielleicht noch nicht mal etwas hineingeworfen haben).

Deswegen regen sich viele so über einen Tennisspieler auf, der einem eigentlich egal sein könnte, wenn man sich nicht zufällig für Tennis interessiert. Der Fall Djokovic ist deswegen auch ein Abziehbild jener Ungleichheit, die viele gerade fühlen, während sie zuhause sitzen und sich einschränken.

Der beste Tennisspieler der Welt hat die gleichen Pflichten wie wir

Es nervt. Es hat am Anfang der Pandemie genervt und macht mich jetzt, fast zwei Jahre später, so zornig wie nie zuvor. Wieso bin ich bei Halsweh zuhause geblieben, habe die Hälfte meines Studiums im WG-Zimmer verbracht und sogar den Kontakt zu Freund:innen verloren? Australien war monatelang abgeriegelt wie kaum ein anderes Land. Viele Australier:innen im Ausland sehnen sich nach ihrer Familie und Freunden zuhause, während sich Djokovic um Regeln herummogeln will, um einen Filzball über einen Sportplatz zu hauen.

Wer sich wie Djokovic verhält, ist Auslöser für das, was man in der Wissenschaft ein Soziales Dilemma nennt: Individuell rationales Verhalten führt zu kollektiv irrationalem Verhalten. Sich trotz einer Corona-Erkrankung mit anderen Leuten zu treffen, ist individuell rational, denn die meisten treffen sich gerne mit anderen Menschen. Kollektiv aber führt ein solches Verhalten dazu, dass, wenn alle es so machen, das Gesundheitssystem zusammenbricht – was wiederum für alle schlecht ist.

Wir müssen die Spielregeln ändern

Zum Glück sind wir keine hoffnungslos unsozialen Wesen. Die Spieltheorie ist ein riesiges Forschungsfeld, das sich damit beschäftigt, wie Menschen miteinander agieren. Kurz gesagt: Wenn wir Menschen dazu bringen wollen, sich kooperativ zu verhalten, müssen wir die Spielregeln verändern.

Das funktioniert zum Beispiel durch individuelle Anreize. Sehr hohe Strafen können von unsozialem Verhalten abschrecken. Und soziale Anerkennung kann zu kooperativem Verhalten motivieren.

Es ist also gut, dass die australischen Behörden bei weltberühmten Tennisspielern keine Ausnahme machen. Denn so sehen wir anderen Mitspieler:innen in diesem gigantischen gesellschaftlichen Spiel, dass es nichts bringt, sich unsozial zu verhalten. Das Spiel soll noch eine Weile weitergehen.


Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Iris Hochberger

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