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Der Konflikt zwischen China und Taiwan, verständlich erklärt

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In Taiwan droht Krieg. Das berichten gerade viele Medien. Taiwan – das ist doch das Land mit den Elefanten und Mangos?

Du denkst an Thailand! Taiwan hat auch gute Mangos, aber es ist ein Inselstaat in Ostasien, südöstlich von China.

Ah, richtig. Diese kleine Insel!

So klein ist Taiwan gar nicht. Das Land hat 23 Millionen Einwohner:innen, etwa so viele wie Australien. Taiwan ist außerdem die 21-größte Volkswirtschaft der Welt.

Sehr einladend scheint Taiwan nicht zu sein. Der Economist nannte die Insel vor ein paar Monaten den „gefährlichsten Ort der Welt“.

Taiwan ist unglaublich schön: Es ist eine subtropische Insel, mit Natur und grünen Wäldern, in denen man sich wie im Dschungel fühlt. Besonders schön fand ich immer die Ostküste: Da kann man mit dem Fahrrad zwischen Bergen und sattgrünen Reisfeldern entlangfahren.

Der Economist-Titel ist, ehrlich gesagt, etwas reißerisch, Taiwan ist im Alltag ein sicheres Land: Menschen lassen zum Beispiel oft einfach ihre Laptops im Café stehen, wenn sie gerade draußen eine rauchen oder um die Ecke etwas essen gehen.

In letzter Zeit reden tatsächlich viele Menschen in den USA und Europa von Krieg – so richtig wahrscheinlich ist der aber nicht.

Mit China. Oder?

Genau, da wird es kompliziert. Die kurze Fassung ist: Die chinesische Regierung beansprucht Taiwan als Teil des chinesischen Territoriums für sich und sieht sich als rechtmäßige Regierung für die große Insel Taiwan und ein paar weitere kleinere Inseln, die alle von der taiwanesischen Regierung regiert werden. Die Theorie ist, dass die chinesische Regierung einen Krieg anfangen könnte, um Taiwan zu übernehmen.

Zwei Karten, eine welche die globale Lage Taiwans zeigt und eine Taiwan im Südasiatischen Raum  zeigt.

Karten: © Wikimedia CC-BY-SA 4.0; links Memy9909, rechts Hariboneagle927 | Bearbeitung: Till Rimmele/ KR

Wie kommt China darauf?

Dafür machen wir einen kleinen geschichtlichen Ausflug: Im 17. Jahrhundert war Taiwan in Teilen spanische und niederländische Kolonie, dann für zwei Jahrzehnte teilweise unter der Kontrolle eines abtrünnigen chinesischen Generals, der dort sein eigenes Kaiserreich aufbauen wollte.

Koxinga (offiziell Zheng Chenggong) war der Sohn einer Japanerin und eines chinesischen Händlers und Gelegenheitspiraten. Er schlug sich auf die Seite der chinesischen Ming-Dynastie, nachdem sie 1644 von den Mandschuren abgesetzt und durch die Qing-Dynastie ersetzt worden war. Nach einer Reihe von militärischen Niederlagen floh er nach Taiwan und belagerte dort ein Jahr lang das Fort der holländischen Kolonialherren, die 1662 aufgaben und die Teile der Insel, die sie kontrollierten, schließlich verließen. Koxinga starb bereits ein halbes Jahr später, aber seine Söhne versuchten, sich in Taiwan als „Könige von Taiwan“ zu etablieren. Immer wieder überfielen sie Schiffe der Qing und Dörfer in China mit dem offiziellen Ziel, das Land zurückzuerobern. Nach etwa 20 Jahren hatten die Qing genug, besiegten die Flotte der Zheng-Familie und erklärten Taiwan zu einem Teil der südchinesischen Provinz Fujian.

Im späten 19. Jahrhundert hat auch Frankreich mal versucht, Teile von Taiwan zu übernehmen.

Taiwan war also umkämpft. Wann kam China ins Spiel?

Ende des 17. Jahrhunderts erhob Chinas letzte Kaiserdynastie, die Qing, Anspruch auf Taiwan. Das war allerdings lange, bevor China klare internationale Grenzen hatte. Stattdessen gab es Regionen, die Tribut an den Kaiser schickten oder von ihm beansprucht, aber nicht wirklich von ihm regiert oder kontrolliert wurden.

Auch Taiwan.

Genau. Der chinesische Kaiser hatte Taiwan nie so ganz unter Kontrolle, es galt ein bisschen als schwierige Insel und Grenzregion voller Pirat:innen, Siedler:innen, indigener Völker und ausländischer Händler:innen. In den 200 Jahren, in denen die Qing Taiwan für sich beanspruchten, war es sehr unruhig, ständig gab es Aufstände.

Ein Beispiel dafür ist der Mudan-Vorfall von 1871: Dabei landete ein Schiff aus Ryukyuu an der Westküste Taiwans und mehr als 50 Leute wurden von indigenen Taiwanes:innen getötet. Als sich die japanische Regierung bei den Qing beschwerte, wies der Kaiser jegliche Verantwortung von sich – was die indigenen Bewohner:innen Taiwans machten, könne er nicht kontrollieren. Erst 1887 wurde Taiwan offiziell zu einer eigenen Provinz des Kaiserreiches erklärt, aber die meisten indigenen Gebiete hatten die Qing auch da immer noch nicht unter Kontrolle.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es Krieg zwischen China und Japan. China verlor und trat Taiwan 1895 an das japanische Kaiserreich ab. Taiwan blieb bis Ende des Zweiten Weltkriegs japanische Kolonie. In den Schulen wurde Japanisch gesprochen, und die japanische Regierung modernisierte Infrastruktur und Bürokratie.

Ich fasse mal zusammen: China beansprucht Taiwan für sich, weil es einst ein Teil des Kaiserreichs war. Wenn auch ein störrischer.

Richtig. Und aus diesem Grund wurde Taiwan nach dem Zweiten Weltkrieg auch in chinesische Obhut übergeben. Die Menschen in Taiwan wurden dabei übergangen, sie waren ja eine Kolonie, hatten keinen Staat, der sie hätte vertreten können.

Heute gehört Taiwan doch aber nicht mehr zu China.

Offiziell heißt Taiwan gar nicht Taiwan, sondern Republik China. Die Republik China wurde 1912 auf dem chinesischen Festland gegründet. Damals war Taiwan noch fest in japanischer Hand. Nachdem die japanische Armee China verlassen hatte, das sie im Zweiten Weltkrieg angegriffen und besetzt hatte, begann in China erst einmal ein Bürgerkrieg zwischen den Armeen der nationalistischen Regierungspartei Kuomintang (KMT) und der Kommunistischen Partei Chinas (KP) unter Mao Zedong. Mao gewann und die Volksrepublik China wurde etabliert.

Aber ein Großteil der nationalistischen Armee und viele ihrer Führungsfiguren flohen vor der KP vom chinesischen Festland nach Taiwan und richteten sich dort ein, in einer Diktatur. Ihre Erzählung war: Langfristig erobern wir das gesamte chinesische Festland zurück und dafür müssen wir hier – in Taiwan – unsere chinesische Identität bewahren.

Wie fanden das denn die Menschen in Taiwan?

Das ist auch etwas kompliziert: Da kommt plötzlich eine Armee aus China und reißt die Macht an sich!

Viele Menschen freuten sich über den Abzug der Japaner:innen, die vor allem in den letzten Jahren der Kolonialzeit mit immer härterer Hand regierten. Die Vorfahren vieler Taiwanes:innen waren ja selbst Jahrhunderte zuvor aus Südchina nach Taiwan gekommen.

Manche begrüßten daher die Ankunft der chinesischen Truppen. Sehr schnell wurde aber klar, dass es keinen Grund zur Freude gab. Die Chines:innen vom Festland übernahmen die Rolle der Japaner:innen als neue Kolonialherren und beuteten Taiwan aus, um den Krieg in China zu finanzieren.

Deswegen war damals der Unterschied zwischen benshengren und waishengren ziemlich wichtig. Personen aus der Provinz, also Taiwan, und solche von außerhalb der Provinz. Erstere waren vielleicht ethnisch chinesisch, aber in Taiwan geboren. Letztere waren die Chines:innen, die auf dem chinesischen Festland geboren und mit der KMT nach Taiwan gekommen waren. Es gab 1947 sogar ein Massaker, das maßgeblich von diesen Spannungen getrieben wurde.

Es gab also eine Diktatur.

Eine ziemlich üble! Inklusive Geheimpolizei, Gefängnissen mit politischen Gefangenen, politischen Morden und Hinrichtungen und einem Schulsystem, das alles darauf anlegte, Kindern eine kulturelle „chinesische Identität“ anzuerziehen.

Eine Zeichnung, welche die Küste des heutigen Taiwans zeigt. Es stehen vereinzelt Soldaten herum und beobachten die Insel.
Ansicht von Bo-Ko-To, einer kleinen Insel bei Formosa, dem heutigen Taiwan. Zeichnung von Sho-tei aus dem erster chinesisch-japanischer Krieg im 19. Jahrhundert.

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Und heute?

Die taiwanesische Regierung heute ist ganz anders als die Regierung, die 1949 aus China kam. Besonders wichtig ist, dass Taiwan seit 1996 eine Demokratie ist. Und obwohl die Demokratie noch so jung ist, hat Taiwan in vielen Demokratie-Indizes die höchsten Scores in ganz Asien: Es gibt zum Beispiel freie, sehr kompetitive Wahlen, eine unabhängige Justiz und eine sehr lebendige Zivilgesellschaft.

Also Bürger:innenbewegungen?

Genau. Zum Beispiel haben Student:innen 2014 das taiwanesische Parlament besetzt, um gegen ein Handelsabkommen mit China zu demonstrieren. Der politische Entscheidungsprozess war ihnen nicht transparent genug. 2017 hat Taiwan als erstes und bisher einziges asiatisches Land die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert.

Oh, wow. Es gibt wirklich kein anderes Land?

Leider ist Taiwan da bisher alleine in Asien, ja. Dafür ist die jährliche Pride-Parade in Taipeh ein richtig internationales Fest: Als ich 2017 dabei war, bin ich Menschen vom ganzen Kontinent begegnet, aus Japan, China, Singapur oder Malaysia.

Nicht alle diese Länder erlauben eine offene, große, queere Parade. Das war ein krasses Gefühl, weil es sich nicht nur wie eine taiwanesische Pride-Parade angefühlt hat, sondern auch ein bisschen wie eine asiatische Pride.

Das klingt ganz anders als China. Aber offiziell ist Taiwan ja noch immer Republik China. Heißt das, die Menschen sehen sich als eine Art demokratisches China?

Zu dieser Frage gibt es regelmäßige Umfragen, aber Identität ist natürlich kompliziert: In Taiwan identifizieren sich seit Jahren immer mehr Leute als nur taiwanesisch, mittlerweile mehr als 60 Prozent. Die Zahl der Menschen, die sich nur als Chines:in sehen, ist verschwindend gering. Aber fast ein Drittel der Bevölkerung fühlt sich als beides – taiwanesisch und chinesisch. Das Ganze wird auch noch dadurch komplizierter, dass „chinesisch“ auf Deutsch ja nicht nur eine nationale, sondern auch eine kulturelle oder eine ethnische Identität sein könnte.


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Was ist der Unterschied?

Eine Zugehörigkeit zu einem Land wäre das eine, eine ethnische Abstammung oder eine kulturelle Zugehörigkeit aber das andere. Dafür gibt es auf Chinesisch eigentlich auch verschiedene Begriffe. Es gibt außerdem den Begriff huaren, der so eine Mischung aus kultureller und ethnischer Identität beschreibt, diese Begriffe werden in Umfragen aber alle nicht abgefragt. Identität ist kompliziert! Und viele Taiwanes:innen haben gar keinen Grund, sich überhaupt mit China zu identifizieren.

Wieso das denn?

Eine wichtige Gruppe sind die indigenen Einwohner:innen Taiwans, die kulturell und linguistisch eng mit anderen indigenen Völkern des Pazifiks wie den Maori in Neuseeland verwandt sind.

Dann sind da die ganzen Menschen, die schon in den Jahrhunderten vor 1949 vom chinesischen Festland nach Taiwan gekommen sind.

Viele von ihnen waren Hakka, eine ethnische Minderheit mit eigener Sprache in Südostchina, oder Chines:innen, die die regionale Sprache Taiwanesisch sprechen (eine Variante des südchinesischen Hokkien).

Viele alte Menschen aus diesen Bevölkerungsgruppen haben die japanische Kolonialherrschaft miterlebt und sprechen vor allem Japanisch.

Und da habe ich noch gar nicht von den neuen Migrant:innen angefangen!

Wo kommen die her?

Mittlerweile haben etwa zehn Prozent aller Schulkinder in Taiwan mindestens ein Elternteil, das nicht in Taiwan geboren wurde – oft sind es Mütter aus China, Vietnam oder Indonesien.

Welche Sprache sprechen denn junge Menschen?

Vor allem Mandarin.

Hier merkt man auch die Folgen der KMT-Diktatur: Da sie sich als rechtmäßige Regierung Chinas sahen, legten sie sehr viel Wert darauf, ihren Bürger:innen eine chinesische Identität nahezubringen. Das hat man vor allem in den Schulen gemerkt: So wurde zum Beispiel chinesische Literatur und Geschichte gelehrt, sodass die Schüler:innen ganz viele Schriftsteller:innen aus China lesen mussten, sich aber nie richtig mit der Literatur Taiwans auseinandersetzten. Kinder wurden auch dafür bestraft, wenn sie Taiwanesisch gesprochen haben. So gibt es heute viele Familien, in denen vor allem ältere Menschen Taiwanesisch und manchmal Japanisch sprechen, jüngere Menschen aber oft nur noch Mandarin aktiv beherrschen. Aber es gibt auch junge Menschen, die Taiwanesisch lernen wollen, auch, damit sie mit den älteren Generationen kommunizieren können. Auch viele der indigenen Sprachen haben unter Kolonialismus und Diktatur gelitten, aber auch hier gibt es Initiativen, um die Sprachen am Leben zu erhalten und gerade jüngeren indigenen Menschen beizubringen, die in Städten ausschließlich mit Mandarin aufgewachsen sind.

Also, das klingt jetzt alles sehr kompliziert.

Ja, und trotzdem wird im Westen oft vereinfacht, wenn jemand den Konflikt erklären will. Dann heißt es: In Taiwan wohnen die Chines:innen, die 1949 den Bürgerkrieg verloren haben und nach Taiwan geflohen sind.

Was wollen denn diese ganzen verschiedenen Menschen in Taiwan für ihre Zukunft?

Die allermeisten möchten einfach, dass sich nichts verändert – fast 90 Prozent aller Befragten in Umfragen sagen: Fürs Erste wollen wir den Status quo bewahren.

Nur etwas mehr als ein Prozent wollen einer aktuellen Umfrage zufolge eine direkte, schnellstmögliche Vereinigung mit der Volksrepublik China.

Moment, ich dachte, Taiwan ist schon unabhängig?

Das ist ein sehr komplizierter Punkt, aber auch ein sehr wichtiger: Praktisch ist Taiwan unabhängig, es hat eine eigene Regierung, die die Hauptinsel und die weiteren Inseln unangefochten kontrolliert, eine eigene Armee, eigene Grenzen, einen eigenen Pass – eigentlich alles, was man für einen Staat braucht.

Aber einen Staat Taiwan gibt es ja offiziell gar nicht. Anerkannt wird Taiwan nur noch von einer Handvoll Länder – als „Republik China“. Und offiziell hat das Land nie von dem alten Anspruch Abstand genommen, das „richtige“ China zu sein und bis in die 1970er Jahre hat die Regierung in Taipeh China auch bei den Vereinten Nationen vertreten.

Also wäre das, als würde Bayern sich von Deutschland lossagen?

Nicht ganz. Es ist, als wäre Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg separat regiert worden und würde dann sagen: „Wir sind durch mit der ganzen Deutschland-Sache, wir sind ab jetzt einfach Bayern und gut ist.“

Aber ich dachte, das ist bei Taiwan schon der Status quo.

Nicht offiziell. China erhebt ja auch immer noch Anspruch auf Taiwan. 1992 haben sich die Regierungen der beiden Länder in Hongkong getroffen, also quasi beide „Chinas“ an einem Tisch, und haben sich auf einen Konsens geeinigt. Der Satz, der in diesem Zusammenhang oft auftaucht, ist: „ein China, verschiedene Interpretationen“.

Beide Seiten waren sich einig, dass es nur ein China gebe, zu dem auch Taiwan gehöre, aber sie waren sich uneins, welches denn das „richtige“ China sei. Zur Erinnerung: Taiwan wurde damals noch von einer Militärdiktatur regiert. Die Bevölkerung Taiwans hatte kein Mitspracherecht bei den Gesprächen in Hongkong.

Was hält die chinesische Regierung von der Unabhängigkeit?

Die würde eine „Unabhängigkeitserklärung“ wohl als Provokation und Separatismus und vielleicht sogar Aggression interpretieren. 2005 hat die Volksrepublik China ein Antisezessionsgesetz verabschiedet, das der Regierung im Falle einer Unabhängigkeitserklärung Taiwans eine militärische Lösung der Taiwan-Frage offenhält.

Und die taiwanesische Regierung – will die auch provozieren?

Das wäre strategisch keine gute Idee, zumal die meisten Taiwanes:innen ja, wie gesagt, keine Veränderung wollen. Es gibt in Taiwan zwei wirklich wichtige Parteien.

Die aktuelle Präsidentin Taiwans, Tsai Ing-wen, gehört zur Democratic Progressive Party (DPP). Die Partei ist aus der Demokratiebewegung unter der KMT-Diktatur entstanden und könnte grob als pro taiwanesisch und pro Status quo beschrieben werden. Tsais Position ist, dass Taiwan keine Unabhängigkeit erklären muss, weil es de facto eh schon ein eigener Staat ist, genau, wie du eben gesagt hast.

Sie ist auch keine Pro-Unabhängigkeitskandidatin, denn sie möchte einfach die aktuelle politische Situation beibehalten, versucht aber gleichzeitig, Taiwans Abhängigkeit von China etwas zu mindern und Taiwans internationale Beziehungen auszubauen.

Vor allem wirtschaftlich: China ist Taiwans wichtigster Exportmarkt, Tsai würde aber gerne mehr Unternehmen zurück nach Taiwan holen und die wirtschaftlichen Beziehungen mit Südostasien ausbauen.

Die zweite Partei ist die Kuomintang, die KMT.

Moment – die gleiche Partei wie eben, die die üble Diktatur angeführt hat?

Genau die. Die Diktatur in Taiwan endete nicht mit der Absetzung der KMT, sondern mit einem Demokratisierungsprozess, der vom damaligen taiwanesischen Präsidenten Lee Teng-hui, der der KMT angehörte, angestoßen wurde.

Bei den ersten demokratischen Wahlen trat die KMT als Partei an. Seitdem hat sie auch immer wieder taiwanesische Präsidenten gestellt und bis 2016 fast durchgehend eine Mehrheit im Parlament gehabt. Sie ist also alles andere als unbeliebt.

Das heißt allerdings nicht, dass die Zeit der Diktatur einfach vergessen ist, und es gibt seit 2018 eine staatliche Kommission, die sich damit auseinandersetzt, wie man den Opfern der KMT-Diktatur gerecht werden kann.

Will die KMT immer noch das Festland Chinas zurückerobern, wie in den 1940er Jahren?

Es glaubt wohl kaum ein:e KMT-Wähler:in, dass ein Präsident der Partei aufrüsten und ernsthaft versuchen würde, China anzugreifen und zu übernehmen.

Aber die Partei betont die Idee der gemeinsamen chinesischen Identität und die Vorteile der engen Beziehungen mit China. Und einige Parteigrößen streben aktiv eine Vereinigung Taiwans mit der Volksrepublik an.

Abendstimmung, ein Sandstrand. Aus der Brandung stechen schwarze Balken hervor.
Panzerabwehrsperren aus früheren Konflikten säumen im Februar 2021 die Küste in Lieyu, einer vorgelagerten Insel von Kinmen, wo Taiwan und China sich am nächsten kommen.

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China ist so groß und mächtig. Könnte China Taiwan nicht ohne Anlass einfach mit Gewalt einnehmen?

Das ist durchaus umstritten, eine Insel vom Wasser aus einzunehmen, ist ganz schön schwierig.

Die chinesische Regierung rüstet seit einigen Jahren ihre Armee auf, aber im Vergleich zum chinesischen Bruttoinlandsprodukt investiert die chinesische Regierung nur wenig mehr Geld als Deutschland und deutlich weniger als die USA in Verteidigung.

In letzter Zeit fliegen aber immer mehr chinesische Flugzeuge in die taiwanesische Luftverteidigungszone – das ist nicht das Gleiche wie der taiwanesische Luftraum. Die Zone ist größer und schließt sogar Teile von China ein. Die Flüge sind laut Aussagen chinesischer Diplomaten und Staatsmedien aber durchaus als Drohung in Richtung Taiwan zu verstehen.

Ich habe auch gelesen, dass der chinesische Präsident droht, die USA spiele „mit dem Feuer“, alles werde „ein böses Ende nehmen“. Ist der Krieg also nah?

Beobachter:innen sind sich fast einig, dass das chinesische Militär zwar aggressiver geworden ist, dass das aber keine konkrete Vorbereitung auf einen nahenden Krieg ist. Es sind politische Signale und Drohgebärden. Sätze wie der von Xi Jinping fallen dabei oft. Ein Ziel, meinen einige, könnte die Einschüchterung der taiwanesischen Regierung und Bevölkerung sein, um sie davon abzuhalten, Unabhängigkeit zu erklären.

Deswegen warnen einige Analyst:innen auch davor, die Bedrohung überzubewerten, wie es im Westen gern passiert: So spiele man der psychologischen Taktik der chinesischen Regierung in die Hände, weil man ihr helfe, eine Drohkulisse aufzubauen. Eine andere Interpretation ist, dass die Warnungen und Drohungen vor allem Chinas Unzufriedenheit mit der US-Regierung ausdrücken.

Moment. Mit der US-Regierung?

Die USA sind wie China eine Nuklearmacht und würden Taiwan im Falle eines Krieges vermutlich verteidigen.

Wieso nur vermutlich?

Die US-Politik gegenüber Taiwan baut auf das Prinzip der „strategischen Ambiguität“. Die USA sagen weder klar, dass sie Taiwan im Falles eines Krieges mit China auf jeden Fall beistehen würden, noch, dass sie es auf jeden Fall allein lassen.

Unter Trump hatten sich die Beziehungen stark verschlechtert, unter Biden läuft es bisher nicht viel besser. Im Oktober gab es schon einen kleinen Eklat, weil Biden nur eine Bemerkung gemacht hat, die wie ein Versprechen militärischer Unterstützung an Taiwan klang. Anfang November erklärte auch noch US-Außenminister Blinken, wenn China Taiwan angreife, würden die USA und weitere Staaten der Region „handeln“.

Was bedeutet „handeln“?

Das ließ er offen. Anderen Ländern gegenüber – zum Beispiel Japan – haben sich die USA in Abkommen verpflichtet, einander im Angriffsfall militärisch beizustehen. Mit Taiwan gibt es kein Abkommen.

Die USA haben offizielle Beziehungen mit der Volksrepublik China und dem Vernehmen mit China nach müssen alle Beziehungen mit Taiwan daher „inoffiziell“ sein. Den Begriff interpretieren die USA durchaus kreativ: Parlamentarische Delegationen und sogar Gesundheitsminister Alex Azar durften Taiwan in letzter Zeit besuchen. Joe Biden hatte die taiwanesische de facto Botschafterin auch zu seiner Amtseinführung eingeladen.

Und China war sauer?

China findet solche diplomatischen Aktionen natürlich nicht gut, aber wird darüber wohl keinen Krieg anfangen. Nach dem Kommentar von Blinken hat der chinesische Außenminister dann entsprechend in Washington angerufen und gewarnt, die USA sollten keine „falschen Signale“ senden.

Solche Drohgebärden an die USA hört man aus China mittlerweile seit Jahrzehnten, wenn es um Taiwan geht. Das klingt dann oft sehr gefährlich, aber eigentlich sind es auch immer wieder die gleichen Phrasen.

Die USA haben auch ein wirtschaftliches Interesse an Taiwan.

Nämlich?

Sie haben Angst vor der Chipkrise! Taiwanesische Unternehmen produzieren mit die besten und schnellsten Chips der Welt. Die braucht man für viele elektronische Produkte, von Autos bis zu Smartphones.

Halbleiter sind besonders gut leitende Elemente und Chips mit Halbleitern werden hergestellt, indem man mit richtig teuren Maschinen hauchfeine Muster in sehr dünne Siliziumplatten lasert. Je kleiner die Elemente auf der Platte, umso mehr Rechenleistung hat der Chip. Kaum eine Firma in der Welt ist so gut darin wie die taiwanesische Firma TSMC, nur Samsung und IBM machen ihr Konkurrenz.

Wer richtig schnelle Chips braucht, beauftragt damit meist das taiwanische Unternehmen TSMC. Wenn du das hier auf einem Apple-Gerät liest, sind darin ziemlich sicher von TSMC gefertigte Chips.

Über 60 Prozent des weltweiten Umsatzes mit diesen Auftragsarbeiten in der ganzen Welt macht Taiwan ganz allein. Die ganze Welt ist im Prinzip davon abhängig, das zeigt diese Grafik ganz gut.

Und Deutschland?

Auch wir haben die Regierung in Peking als das „richtige“ China anerkannt und unterhalten keine diplomatischen Beziehungen zu Taiwan.

Trotzdem wird Taiwan vom Auswärtigen Amt auch als „Wertepartner“ bezeichnet, mit dem Deutschland durch „enge und substantielle wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Beziehungen verbunden“ ist.

Die deutsche Definition von „offiziellen Beziehungen“ ist tendenziell etwas strenger als die US-amerikanische. 2006 hat das Auswärtige Amt zum Beispiel eine Liste von taiwanesischen Politiker:innen erstellt, die weder für offizielle noch private Besuche ein Visum bekommen würden: Präsident:in, Vize-Präsident:in, Premierminister:in, Außenminister:in, Verteidigungsminister:in und Parlamentspräsident:in.

Und jetzt?

Das werden die kommenden Monate zeigen.

Vor ein paar Tagen hatten Biden und Xi endlich ein langes Treffen per Videokonferenz und Taiwan kam wohl vor, aber da gab es nichts Neues. Die Drohgebärden und teils scharfen Worte der chinesischen Regierung werden sicher weitergehen, aber auf absehbare Zeit ist die Regierung mit anderen Dingen beschäftigt – zum Beispiel dem Parteikongress Ende 2022, bei dem Xi Jinping vermutlich als erster Präsident seit Mao eine dritte Amtszeit antreten wird. Die Biden-Regierung versucht immer noch, ihre Chinapolitik nach vier Jahren Trump neu auszurichten und sich neu in einer Welt auszurichten, in der China immer wichtiger und einflussreicher wird. Mit etwas Glück bleibt es trotz der Spannungen um Taiwan herum einfach erstmal beim Status quo, den sich ja auch in Taiwan die meisten Menschen wünschen.

Gleichzeitig beginnen in letzter Zeit auch einige Staaten, sich Taiwan wieder anzunähern. Vor Kurzem hat auch erstmals eine Delegation von EU-Abgeordneten Taiwan besucht – auch als Dankeschön.

Wofür?

Taiwan hatte in der Pandemie sehr schnell sehr viele Masken produziert und auch europäische Länder damit versorgt.

Kann man also nach Taiwan reisen?

Wegen der Covid-19-Pandemie derzeit nicht. Die Pandemie ist in Taiwan aber ziemlich gut unter Kontrolle.

Ich denke, ich habe jetzt verstanden, woher der Konflikt rührt. Danke.

Moment! Wenn du doch einmal nach Taiwan reist, habe ich noch einen Tipp: das Essen!

Taiwanes:innen nehmen sowohl Geschmack als auch Textur von Essen sehr ernst. Es gibt zum Beispiel einen extra Begriff, Q, um genau die richtige Art von Kaufestigkeit für Essen wie Nudeln zu beschreiben. Ich habe mich mit Freund:innen schon stundenlang darüber unterhalten, welche Rindernudelsuppe nun die beste in Taipeh ist oder wo es die besten Nudeln gibt, die nicht zu dick, nicht zu dünn, nicht zu hart und nicht zu weich sind.

Was soll ich denn probieren, wenn ich mal dort bin?

Oh, so viel! Wer Lust auf Abenteuer und Ausprobieren hat, sollte einen Nachtmarkt besuchen.

Bei meinem letzten Besuch waren meine Favoriten geschmorte Schweinerippchen in einer herzhaften Suppe, fermentierter und dann frittierter Tofu mit eingelegtem weißen Kohl, kalte Sesamnudeln mit Gurke, wenn es heiß wird, und zum Nachtisch im Winter süße, warme Rote-Bohnen-Suppe mit tangyuan, mit Sesam gefüllte Bällchen aus Reismehl. Ich könnte einfach ewig weiter über taiwanesisches Essen reden!


Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Iris Hochberger und Christian Melchert

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