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Beziehungen

„Ich habe seit über 30 Jahren eine Affäre“

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Eine Affäre kann viel Schmerz verursachen. Aber wie fühlt es sich an, nicht der fremdgehende oder betrogene Mensch zu sein – sondern die Geliebte? Das wollte ich wissen und habe die KR-Leser:innen befragt.

Vera, fast 60 Jahre alt, hat geantwortet. Sie heißt eigentlich anders. Veras Stimme klingt am Telefon wach und sie lacht viel. Sie will die andere Seite zeigen und darüber sprechen, wie es ist, eine jahrzehntelange Affäre zu führen – und eine glückliche Betrügerin zu sein.

Hier erzählt sie ihre Geschichte.


Als er und seine Frau silberne Hochzeit feierten, fiel mir auf, wie lange das mit uns geht. Inzwischen treffen wir uns seit mehr als 30 Jahren. Das könnten wir auch feiern: eine silberne Affäre.

Das erste Mal

Ich kenne ihn, seit ich zehn Jahre alt bin. Wir hatten ein offenes Haus, er kam einmal in der Woche zum Mittagessen. Er war der beste Freund meines großen Bruders, das ist er bis heute. Als ich etwa 25 Jahre alt war, passierte es: Ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen, er auch. Es war die Zeit, in der wir uns fragten, wo wir hinwollten, wohin wir uns entwickelten.

Wir waren auf einem Weinfest. Das haben wir früher oft gemacht, mit der ganzen Clique. Wir tranken Wein, waren angeschickert, dann kamen wir uns näher.

Es ist schon so lange her, ich weiß nicht mehr, wie es im Detail passierte. Wir haben nichts geplant. Wir haben uns einfach immer wieder gesehen und dann ist es wieder passiert. Seither gehört er zu meinem Leben dazu.

Ich war nie verliebt in ihn und bin es auch heute nicht. Ich schätze ihn, ich mag ihn als Mensch. Aber ich wollte nie mit ihm zusammen sein oder mein Leben mit ihm verbringen. Das wäre mir zu anstrengend.

Es ist eine andere Art von Liebe, die wir füreinander spüren: Wir vertrauen uns. Dass wir uns seit der Kindheit kennen und die gleichen Wurzeln haben, das verbindet uns. Es gibt zwar keine Garantie, dass die Affäre weitergeht, aber diese Vertrautheit erzeugt eine gewisse Sicherheit. 30 Jahre sind eine lange Zeit.

Die Treffen

Im Moment treffen wir uns alle drei Wochen. Er ruft an und fragt, ob ich Lust habe, ihn zu sehen. Ich sage dann zu oder ab. Wir verabreden uns wie Freunde: zum Frühstück, zum Abendessen, zum Kino. Meistens bei mir zuhause, weil ich alleine wohne.

Eine Affäre lebt vom Moment. Diese Unabhängigkeit und Leichtigkeit gefällt mir, denn ich bin zu nichts verpflichtet. Wir treffen uns, wenn wir gute Laune haben. Ich muss mich nicht mit seinen schlechten Launen herumschlagen, er sich nicht mit meinen. Es ist ein kurzer Moment, in dem zwei Leben zusammenkommen und wieder auseinandergehen. Was er seiner Frau erzählt, weiß ich nicht und ich möchte das auch nicht wissen. Es geht mich nichts an. Wenn uns jemand fragt, sagen wir, wir waren Kaffeetrinken, weil wir alte Freunde sind.

Bevor er zu mir kommt, mache ich mich hübsch. In Jogginghose laufe ich dann nicht herum, ich ziehe mir etwas besonders Schönes an. Auch die Dessousfrage muss geklärt sein. Ich möchte mich von meiner besten Seite zeigen.

Wenn wir uns treffen, haben wir Rituale. Wir springen nicht sofort ins Bett. Wir frühstücken erstmal zusammen: helle Brötchen, Aufschnitt, Käse, Müsli, Sekt gibt es eher abends. Es gab mal eine Zeit, da hatte ich extrem wenig Geld und er führte mich in schicke Restaurants aus. Das war klasse.

Natürlich reden wir manchmal über unsere Probleme. Als er eine berufliche Krise hatte oder als es einem seiner Kinder nicht gut ging. Aber alles, was seine Frau angeht, lasse ich außen vor.


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Es gab Phasen, da haben wir uns nicht so oft getroffen. Als ich im Ausland war und als seine Kinder jünger waren, war es schwieriger. Aber das Band ist nie gerissen. Wenn er sich lange nicht gemeldet hat, rufe ich manchmal an und frage, wie es ihm geht. Aber das passiert selten. Nicht, weil ich Angst habe, ertappt zu werden. Ich denke dann nur, dass er Stress hat und ich mich nicht einmischen will.

Wenn er fährt, fühlt sich das richtig an. Ich bin froh, dass ich wieder meine Freiheit habe. Er übernachtet nie, das will ich nicht. Einmal ging es nicht anders. Das war seltsam, denn die Leichtigkeit und Flüchtigkeit war auf einmal weg.

Der Sex

Wenn wir uns treffen, dann ist es klar, dass wir Sex haben werden. Es ist der Grund, warum wir uns treffen. Wir wollen miteinander ins Bett gehen und unseren Spaß haben. Es gibt eine starke körperliche Anziehungskraft zwischen uns. Ich fühle mich nach dem Sex total wohl in meinem Körper.

Ich habe nie schlechten Sex mit ihm gehabt. Sex verändert sich im Alter, in jungen Jahren war er sportlich, dieses Übereinander-Herfallen war schön. Mit der Zeit sind wir vertrauter geworden. Im Alter geht es für mich um Genuss, ein Orgasmus ist nicht mehr das Wichtigste. Dieses Langsame hat andere Qualitäten als früher.

Früher dachte ich, die Anziehung würde vorbeigehen, wenn wir alt und dick sind, aber sie ist nicht weniger geworden. Ich glaube, weil es eine Affäre ist und dadurch spannend geblieben.

Wir haben natürlich nicht mehr die Astralkörper, die wir hatten, als wir 20 waren. Ich bin rundlicher geworden. Es ist nicht leicht, sich trotzdem noch begehrenswert zu fühlen. Ich mache aber keine Diäten, wie andere ältere Frauen. Ich trage meine Kleider einfach eine Nummer größer als früher.

Er war früher ein richtiger Womanizer. Heute ist er nicht mehr so schön wie damals. Durch seinen Beruf hat sein Körper eine andere Form angenommen. Aber ich finde ihn immer irgendwie attraktiv.

Wir sind miteinander alt geworden. Als das mit uns anfing, war er gerade mit seiner jetzigen Frau zusammengekommen. Sie heirateten, bekamen Kinder. Ich war bei der Hochzeit dabei. Das war für mich nicht komisch. Ich kenne seine Frau gut. Wir schätzen uns, sie ist toll. Ich bin nicht eifersüchtig und kann normal mit ihr umgehen.

Wir haben noch immer viele gemeinsame Freunde von früher. Das ist heute unsere einzige gemeinsame Welt. Es gab eine Zeit, in der viele Hochzeiten gefeiert wurden, auf denen wir uns begegneten. Wir stahlen uns dann davon. Aber das brauchen wir heute nicht mehr. Wir können uns eine Woche später woanders treffen.

Inzwischen wohnen alle woanders, aber wir sehen uns ein Mal im Jahr. Vielleicht ahnen unsere Freunde etwas. Aber ich stehe nicht herum und schmachte ihn an. Wir verhalten uns ganz normal. Wir haben unseren Freunden nicht von uns erzählt, weil es zu kompliziert für sie wäre, uns und seine Frau zusammen zu sehen.

Eine Freundin von mir ist Psychologin. Als ich ihr von der Affäre erzählte, sagte sie: „Eigentlich lebt die Beziehung zwischen ihm und seiner Frau auch von dir, weil es dich von Anfang an gab.“ Nach mehr als 30 Jahren bin ich vielleicht ein Garant dafür, dass die Ehe weitergeht. Darüber hatte ich noch nie nachgedacht.

Mein anderes Leben

Wir leben in einer Gesellschaft, die scheinbar nur aus Paaren besteht. Verheiratete Menschen haben eine gewisse Überlegenheit. Ein Mensch ohne Partner oder Partnerin gilt als unattraktiv oder fehlerhaft. Alle warten und denken: „Mein Gott, hat die immer noch keinen!“ Darunter habe ich lange gelitten. Ich habe gedacht, ich müsste endlich einen Partner haben, weil es für unsere Gesellschaft zu einem Leben dazugehört.

Warum denken alle, ohne Paarbeziehung ist man alleine? Ich bin nicht alleine. Ich wohne in einem Hausprojekt, arbeite als Musikerin, mache viel Sport. Ich führe ein ausgefülltes und erfülltes Leben. Ein autonomes Leben. Die Affäre ist außerhalb dieses Lebens und hat nichts damit zu tun.

Ich brauche ihn nicht, um meinen Alltag zu bewältigen. Er ist nicht der Erste, den ich anrufe, wenn es mir schlecht geht oder wenn ich Probleme habe. Er gehört nicht zu meinem täglichen Umfeld: Wir wohnen nicht in einer Stadt und liegen beruflich so weit auseinander, weiter geht es nicht. Er lebt ein komplett anderes Leben als ich. Andere Menschen sind mir viel näher als er: Die Menschen aus dem Hausprojekt oder die aus meinen Kunstprojekten. Ich habe ein enges, soziales Gefüge. Meine Gedanken kreisen nicht tagtäglich um diesen Mann, nur manchmal denke ich, dass ich ihm gerne etwas erzählen würde. Wie bei einem Freund.

Ich habe auch schon einen Plan fürs Alter. Solange ich auf den Beinen bin, werde ich in der Hausgemeinschaft wohnen. Wenn das nicht mehr geht, suche ich mir eine Seniorenresidenz. Vor dem Älterwerden habe ich keine Angst und wer weiß, welche Lebensmodelle es in 20 Jahren gibt?

Ich hatte immer wieder Beziehungen, aber jedes Mal gemerkt, dass ich mehr Raum brauche. Es gibt Menschen, die wollen viel Nähe und sind nicht gerne allein. Ich brauche keinen Menschen, der mich ganz erfüllt, deswegen kann ich eine Beziehung wie diese Affäre führen.

Ich habe den anderen Männern nicht von ihm erzählt. Es hat mit ihnen nichts zu tun. Sie haben nicht nachgefragt, und ich habe mir meistens nicht in die Karten blicken lassen. Ich denke, die Affäre wäre für manche ein Problem gewesen. Nur einem habe ich gesagt, dass es andere Männer gibt, aber das war eine Fernbeziehung.

War ich gerade in einer Beziehung, haben er und ich uns weniger gesehen. Wenn er anrief, habe ich Nein gesagt, ohne Erklärung. Wir sind uns nichts schuldig. Er will nicht wissen, warum ich absage. Es würde ihn irritieren, von anderen Männern zu hören, er wäre bestimmt eifersüchtig. Die Vorstellung gefällt mir.

Es gibt unterschiedliche Arten, mit Menschen zusammen zu sein. Ich habe viel ausprobiert. Eine Möglichkeit ist Körperlichkeit. Aber One-Night-Stands befriedigen mich nicht. Ich fühle mich dabei als Frau und als Mensch nicht gesehen. Ich hatte auch schon eine dieser klassischen Affären, die zwei, drei Wochen dauern. Das war total intensiv und dann schnell durchlebt. Freunde von mir leben in einer offenen Dreierbeziehung. Aber das wäre mir zu anstrengend.

Ich will diesen Mann und diese eine Affäre. Er ist für mich ein Lebensgeschenk. Wie ein Blumenstrauß, den man ab und zu überreicht bekommt. Ich wünsche mir nichts anderes. Es ist meine Art zu leben – und glücklich zu sein.

Das Gewissen

Ich mache das jetzt schon so lange. Aber ich fühle mich nicht als Betrügerin. Ich betrüge seine Frau um nichts. Sie hat ihren Mann, sie hat die Kinder, er und sie haben noch Sex. Nichts davon nehme ich ihr weg. Deswegen habe ich kein schlechtes Gewissen.

Ich habe mir nie überlegt, ob aus uns etwas werden könnte, das keine Affäre ist – nicht einmal am Anfang. Ich habe das nie in Frage gestellt, denn es war schließlich genau so, wie ich es wollte. Ich will gar nicht in ihr Leben eindringen. Wir führen keine verdeckte zweite Beziehung. Aber ich will niemanden verletzen: Wenn ich wüsste, seine Frau wäre verletzt, würde ich das sofort beenden.

Ich bin jetzt Ende 50. Meine Generation ist sehr moralisierend, was Affären angeht. Ich kenne das aus meinem Freundeskreis: Die Urteile fallen schnell. Sie würden die Ehefrau als Opfer sehen, ihn als das verlorene Schaf und mich als die Ehebrecherin. Diese Rolle will ich weder für mich noch für die anderen beiden.

Wenn er sich mit einer anderen Frau trifft, um sich mit ihr zu unterhalten, würde auch niemand von Betrug sprechen. Was sie „Betrug“ nennen, entsteht doch erst durch Sex. In einer Gesellschaft, die Sexualität anders sehen würde, wäre das lockerer.

Er ist auch ein sehr moralischer Mensch. Letztes Mal meinte er plötzlich: „Ich habe gerade kurz ein schlechtes Gewissen.“ Ich finde, das braucht er nicht. Er nimmt seiner Frau nichts weg. Vielleicht ist er nach einem Treffen mit mir sogar gelassener und ruhiger. Das hat auch Einfluss auf die Beziehung mit seiner Frau. Aber ich kann nicht entscheiden, wie er damit umgeht. Und ob er ein schlechtes Gewissen hat oder nicht, ist auch nicht mein Problem. Ich denke, ich bin da freier als er.

Das Ende

Ich glaube, es gibt viele Menschen, die so leben wie ich. Aber würden sie darüber offen sprechen, wäre das ein Skandal. Ich wünschte, dass wäre anders. Ich habe nur einer Freundin vor ein paar Jahren von uns erzählt, sonst rede ich mit niemandem über uns. Ich müsste zu viel erklären.

Nur mein Bruder hat es trotzdem herausgefunden. Er rief vor einiger Zeit an und sprach mich darauf an. Er wollte mir zureden, es zu beenden, weil er dachte, die Ehefrau weiß davon. „Das ist sein Problem, nicht meins“, habe ich gesagt. Wir haben nie wieder darüber gesprochen. Mein Bruder ist aber auch sonst nicht sehr gesprächig.

Ich dachte, dass die Beziehung endet, wenn ich auf die 60 zugehe. Weil dann der Sex weniger oder schlechter werden würde. Im Moment ist es aber so intensiv, dass ich mir das nicht vorstellen kann. Wenn es eines Tages soweit sein sollte, wäre ich einen Moment lang sehr traurig, es würde mich aber nicht erschüttern. Ich bin mir sicher, dass er auch traurig wäre. Wir sprechen darüber aber nie.

Gerade denke ich, vielleicht hält es noch zehn Jahre? Dann werde ich ganz faltig sein. Meine einzige Sorge ist, dass wir dann vielleicht nicht mehr Auto fahren können.


Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Iris Hochberger

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