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Psychische Belastung im Job

Warum Politiker:innen ihre psychischen Krankheiten verschweigen

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Regelmäßig, gefühlt alle paar Wochen, gibt es in den sozialen Medien eine wiederkehrende Kampagne: Schauspieler:innen, Künstler:innen und Profisportler:innen sprechen über ihre psychischen Erkrankungen. Sie machen sich verletzlich, um das Tabu rund um Depression, Esstörungen oder Borderline zu brechen – und aufzuklären.

Eine Berufsgruppe aber meldet sich erstaunlich selten zu Wort: Politiker:innen. Die scheinen per se körperlich und seelisch topfit zu sein. Das kann eigentlich nicht sein. Im Laufe eines Jahres sind in Deutschland allein 8,2 Prozent der deutschen Bevölkerung an Depressionen erkrankt – und die machen ganz sicher keinen Halt vor Parteibüros. Ganz im Gegenteil: Der Chefarzt Bastian Willenborg sagte 2019: „Der Politikerberuf geht mit einer erhöhten Gefahr für psychische Erkrankungen einher.“

Aber warum hören wir beinahe nie von Minister:innen mit Depressionen, Abgeordneten mit Essstörung oder Fraktionsvorsitzenden mit Borderline? Wie ist der stressige Alltag im Licht der Öffentlichkeit mit psychischen Erkrankungen überhaupt auszuhalten? Ich habe die wenigen gesprochen, die offen mit ihren Erkrankungen umgehen.

Halbportät eines Manns mittleren Alters, hinter ihm sehen wir ein Poster im Grünen Design welches von einem Anzug leicht verdeckt ist.
Arndt Klocke in seinem Wahlkreisbüro. Seine Arbeitswoche umfasst rund 50 bis 70 Arbeitsstunden. Freie Wochenenden? In der Regel Fehlanzeige.

© Juliane Herrmann für KR

Politiker:in ist einer der härtesten Berufe

Einer von ihnen ist Arndt Klocke, 50. Er ist seit 2010 Landtagsabgeordneter und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen in Nordrhein-Westfalen. Vor vier Jahren outete er sich. In einem Zeitungsinterview, kurz vor Weihnachten, bekannte er sich zu seiner Erkrankung: rezidivierende, das bedeutet wiederholt auftretende, mittelschwere Depression mit Elementen einer Angststörung. Gemeinsam mit einem Reporter vom Kölner Stadtanzeiger besuchte er damals sogar die Tagesklinik, in der er einige Zeit behandelt worden war.

„Leere, Verzweiflung und Angst nahmen Besitz von mir. Ich war nicht mehr ich selbst. Irgendwann war klar, dass ich das nicht allein durchstehen würde“, beschrieb er seine psychische Verfassung.

Bereut er heute, so offen darüber gesprochen zu haben? „Die Entscheidung, das öffentlich zu machen, war gut und richtig“, sagt Klocke am Telefon.

Als er 2017, am Morgen nach dem Interview, am Handy seine Apps öffnete, ploppten Hunderte Nachrichten mit positivem Feedback aus der grünen Partei und von privaten Freunden auf. Auch im Landtag reagierten die Kolleg:innen erst einmal verständnisvoll. „Von den grünen Kolleginnen und Kollegen, aber auch von den anderen Fraktionen SPD, FDP und CDU kam viel Wertschätzung bei mir an“, sagt Klocke.

Klocke war erleichtert. Doch es blieb nicht beim positiven Feedback. Einige Wochen später, nach den Feiertagen erfuhr Klocke über indirekte Wege, dass es von Einzelnen „Fragezeichen“ gebe, was seine „Belastbarkeit betreffe“. Direkt ins Gesicht sagte ihm das niemand.

Das Interview gab Klocke damals auch, weil er wusste, dass die Arbeit im Parlament schon für psychisch gesunde Kollegen eine enorme, psychische Herausforderung ist. Gelegentlich äußerten Kolleg:innen ihm gegenüber, sie seien gestresst oder bräuchten mal ein freies Wochenende. „Aber dass jemand von sich aus sagt: ‚Ich fühle mich nicht gut, ich bin völlig ausgebrannt und brauche eine Kur‘ – das habe ich in meinen 20 aktiven Jahren nie erlebt.“

Politik, sagt Klocke, sei ein hartes Geschäft. „Wir wollen die Gesellschaft voranbringen.“ Aber es gebe eben auch Konkurrenzen und Neid, es gehe regelmäßig um Einfluss und auch um Macht.

Wer aus dem Mittelfeld aufsteigen will, muss an Konkurrent:innen vorbeiziehen. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass ein Makel am anderen gesucht wird. „Eine seelische Erkrankung gibt dafür eher den Anlass als eine körperliche“, sagt Klocke. Aber niemand würde das so offen zugeben.

Für psychische Krankheiten ist im politischen Alltag also eigentlich kein Platz. Das hat auch mit den Erwartungen derer zu tun, die von der Politik vertreten werden: den Bürger:innen.

„Es gibt einen Berufsimepetus, der besagt: Politiker:innen sind immer im Dienst“, sagt Klocke. Er werde regelmäßig beim Einkaufen in seiner Funktion als Abgeordneter angesprochen. Im Schwimmbad unter der Dusche komme schon mal jemand auf ihn zu: „Sie sind doch Herr Klocke, ich hatte Ihnen letzte Woche eine Mail zukommen lassen und habe noch keine Antwort.“

Klocke arbeitet zwischen 50 und 70 Stunden in der Woche. In der Regel steht er morgens zwischen 7 und 8 Uhr auf und arbeitet bis 23 Uhr. „Und dann habe ich eine Stunde für mich.“ Und die Wochenenden? „Die sind in der Regel nicht frei.“

Um im stressigen Arbeitsalltag nicht unterzugehen, legt Klocke Pausen ein. Er nennt sie seine „Zwei-Stunden-Inseln“. In denen setze er sich mit einem Buch in den Hinterhofgarten, in den nahegelegenen Park oder an den Rhein. „Ich musste lernen, diese Inseln im Kalender zu verteidigen. Auch gegenüber meinem eigenen Büro.“ Manchmal komme dann doch der Wahlkreismitarbeiter: „Die Oberbürgermeisterin will noch unbedingt mit dir sprechen.“

Es gibt nicht viele, die wie Klocke offen über ihre Erkrankung sprechen und den täglichen Kampf, im Alltag gesund zu bleiben. Politiker:innen fürchten, deshalb ihren Job zu verlieren. Deshalb sprechen viele erst dann darüber, wenn sie gesundheitlich so angeschlagen sind, dass sie zurücktreten müssen.

Wie der SPD-Politiker Matthias Platzeck. Er trat im Jahr 2006 von seinem Amt als SPD-Vorsitzender zurück. Aber erst, nachdem er bereits einen Nerven- und Kreislaufzusammenbruch plus zwei Hörstürze erlitten hatte. Der Spiegel titelte: Platzeck-Rücktritt schockt SPD. Platzecks Fraktionschef sagte dem Magazin: „Ich glaube schon, dass die Partei verstört sein wird.“

Büro mit Amtstubenflair, eine Frau mit blondem Haaransatz
Luise Schönemann in ihrem Büro. Schönemann hat eine bipolare Störung, sie kennt auch Depressionen allzu gut: 2021 fiel sie deswegen im Landtag drei Wochen aus.

© Dominique Wollniok für KR

Wie eine Kommunalpolitikerin in Erfurt mit ihrer Erkrankung umgeht

Luise Schönemann, 38, kennt den Moment, in dem es nicht mehr geht und eine Auszeit aus der Politik der einzige Ausweg zu sein scheint. Schönemann ist Stadträtin in Erfurt und Referentin im Thüringer Landtag für Die Linke. Sie hat seit ihrem 21. Lebensjahr eine bipolaren Störung, mit der sie heute offen umgeht.

Die Verantwortung als Stadträtin einer mittelgroßen Stadt ist „zeitmäßig belastend, aber schaffbar“, sagt Schönemann. „Auf kommunaler Ebene stimmen wir über Zooparks und Bauprojekte ab – und ob Bäume gefällt werden sollen. Die politischen Entscheidungen sind also nicht von großer Tragweite.“

Trotzdem macht ihre Erkrankung den Alltag manchmal fast unerträglich. Wenn es in den Sitzungen des Stadtrats Streit gibt, weil die AfD Unfrieden stiftet, merkt Schönemann, wie belastend das für sie ist. Schönemann braucht mehr Zeit, um Erlebtes zu verarbeiten, als psychisch gesunde Menschen. Nicht immer ist dafür in einer hitzigen Debatte Raum. „Das fühlt sich oft wie ein Tanz auf dem Vulkan an.“

Einmal brach der Vulkan aus. Ein AfD-Politiker erklärte in einer Sitzung den Oberbürgermeister Erfurts für den Tod eines Radfahrers verantwortlich, der an einer nicht fertiggestellten Ampelanlage von einer Straßenbahn erfasst worden war. Der AfD-Politiker hatte Schönemann in der Sitzung gar nicht direkt angesprochen, trotzdem beschäftigte sie der Moment tagelang. „Das ist nicht nur geschmacklos, das ist schon widerlich.“

Nicht immer gibt es im Politikbetrieb Verständnis für die Extrabelastung, die Schönemann mit sich herumträgt. 2021 musste sie sich in ihrem Job als Mitarbeiterin im Landtag krankmelden. Die Depression hatte sie so sehr im Griff, dass sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen konnte. Drei Wochen blieb sie zu Hause.

Luise Schönemann hält ihre Medikamente in den Händen.
In ihren schlimmsten Krankheitsphasen geht es nicht ohne. Dann vertraut Luise Schönemann auch auf ihre Medikamente.

© Dominique Wollniok für KR

In der Fraktion sei ihre Erkrankung bekannt gewesen. Weil psychische Gesundheit nun einmal nicht sichtbar sei, werde mit Betroffenen weniger empathisch umgegangen. „Man sieht, alles ist dran, also ist der Mitarbeiter gesund“, sagt Schönemann. „Das ist, wie wenn jemand sich den Arm gebrochen hat. Und kaum ist der Gips ab, heißt es: Schlepp mal den Bierkasten.“

Schönemann begann früh, sich mit anderen Menschen in ihrer Partei über psychische Erkrankungen auszutauschen. Sie freundete sich mit einigen Kolleg:innen an. „Privat sprechen wir auch darüber.“ Dagegen werde unter Kommunalpolitiker:innen, im Stadtrat nicht über psychische Gesundheit gesprochen.

Wie Arndt Klocke sucht auch Luise Schönemann Wege, um sich im Alltag Freiräume zu schaffen, in denen sie durchatmen kann. „Ich bin im Chor, habe Gesangsunterricht und versuche, ein bisschen Sport zu machen. Sport und Musik helfen mir am besten. Und darüber reden.“ Für den Notfall, wenn sie ihrer Arbeit als Mitarbeiterin im Landtag und als Stadträtin nicht mehr nachkommen kann, will sie eine ambulante Psychotherapie machen.

An der täglichen Arbeitsbelastung können Klocke und Schönemann nichts ändern. Es scheint, als seien sie untrennbar mit Berufen im Politikbetrieb verwoben. Der Psychologe Ashley Weinberg forschte lange zur Psychologie von Politiker:innen. Nach vielen quantitativen Untersuchungen zwischen 1992 und 2010 stellte er in seiner Arbeit eine interessante Frage: Sollte der Beruf von Politiker:innen mit einer staatlichen Gesundheitswarnung versehen werden?

Weinberg schreibt, dass ein Fünftel oder mehr der Politiker:innen im Vereinigten Königreich über psychische Probleme berichten und ein Drittel Stigmatisierung und Diskriminierung fürchtet. Wenn eine solche Krankheit bekannt sei, müsse stärker darauf geachtet werden, Politiker:innen auf allen Ebenen bei der Bewältigung solcher Herausforderungen zu unterstützen.

Was bisher fehle, sei ein Sicherheitsnetz, um diejenigen aufzufangen, für die der Arbeitsplatz zu einem Gesundheitsrisiko wird. „Diejenigen, die in hohe Ämter aufsteigen, geben zu, dass sie ‚Überlebende‘ sind, die dem Druck widersprüchlicher Anforderungen und hoher Arbeitsbelastung standhalten können”.

Eine junge Frau lehnt an einer Wand mit verschränkten Armen und schaut uns über die Schulter an.
Noreen Thiel hatte das Thema mentale Gesundheit sogar in ihrem Wahlkampf aufgegriffen. Dafür erntete sie einen Shitstorm.

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Politiker:innen bieten Angriffsfläche, medial zerfleischt zu werden

Noreen Thiel, 18, will es nicht soweit kommen lassen. Ohne Zögern spricht sie schon jetzt, ganz zu Beginn ihrer politischen Karriere, über ihre Erkrankungen. Thiel kandidierte in Berlin-Lichtenberg für die FDP für den Bundestag. Und sie leidet unter mittelschweren depressiven Episoden, einer Essstörung und mehreren Angststörungen. Wann sie das letzte Mal gesund war, kann Thiel nicht sagen. „Ich bin, Stand heute, krank.“

Thiel setzt sich auch für die gesellschaftliche Entstigmatisierung psychischer Krankheiten ein. Das Thema ist ein zentrales Anliegen ihres Wahlkampfs. „MENTAL HEALTH MATTERS“ steht auf einem ihrer Wahlplakate. Dafür erntete sie einen Shitstorm.

„Es sei heuchlerisch, als FDP so etwas auf die Plakate zu schreiben – und dann auch noch auf Englisch.“ Außerdem, schrieben Kritiker:innen in sozialen Medien, eigne sich Thiel das „Matter“ aus Black Lives Matter an. „Darauf antwortete ich, es gäbe in Großbritannien einen Verein, der Mental Health Matters heißt.“ Den gebe es schon länger. Thiel sagte für den Tag darauf alle Termine ab und meldete sich krank.

Thiel hat noch kein politisches Amt inne. Sie kann sich aber vorstellen, warum sich Politiker:innen nicht zu ihrer psychischen Gesundheit äußern: „Ich habe das Gefühl, dass viele es nicht erzählen, weil sie in diesem Haifischbecken Politik richtig Sorge haben, ganz schnell ersetzt zu werden – durch jemanden, der nicht psychisch krank ist.“

Trotz ihres offenen Umgangs mit dem Thema kennt sie selbst keine anderen Politiker:innen, die psychisch krank sind. „Es gibt Leute, bei denen man Vermutungen hat. Aber ich bin die Letzte, die proaktiv Leute darauf ansprechen würde und nachfragt." Menschen so zu „exposen“, also bloßzustellen, finde sie frech, sagt Thiel.

Noreen Thiel, die die Erkrankung zum Teil ihrer politischen Identität gemacht hat, steht damit nicht allein da. Das ist nicht zu übersehen und dafür reicht ein Blick auf Twitter, Tiktok oder Instagram. Sie ist Teil einer gesellschaftlichen Bewegung, vor allem junger Menschen, denen es leichter fällt, über ihre eigene psychische Gesundheit zu sprechen.

Psychische Krankheiten unter Politiker:innen bleiben wohl der Elefant im Fraktionsraum. Offenheit und Ehrlichkeit vertragen sich nicht gut mit einem Job, der auf das öffentliche Bild ausgelegt ist. Und ein Job, der dem Gemeinwohl dient, lässt wenig Raum dafür, wie es den Einzelnen geht, die ihn machen.

Es wird noch viele Menschen wie Thiel, Schönemann und Klocke brauchen, um das Stigma psychischer Krankheit in der Politik zu überwinden. Und bis ein Gesundheitsminister ganz selbstverständlich über seine Schlafstörungen oder Panikattacken spricht.


Redaktion: Thembi Wolf, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert

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