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Covid-19 bei Kindern

Diese Ärztin hat ihre kleinen Kinder gegen Corona geimpft

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Geschlossene Schulen, Kinos, Spielplätze. Keine Freunde, verschobene Kindergeburtstage, ausgefallene Oma-Opa-Wochenenden. Viele Maßnahmen in der Corona-Pandemie trafen die Kleinsten. Seit wenigen Wochen können sich Kinder, die zwölf Jahre oder älter sind, mit einer Impfung schützen. Bisher haben das rund ein Drittel der unter 18-Jährigen genutzt. Für unter Zwölfjährige ist weltweit noch kein einziger Impfstoff zugelassen. Einzig Kuba impft seit Montag Kleinkinder ab zwei Jahren. Während sich das Leben der Erwachsenen normalisiert, steigen in ganz Deutschland die Inzidenzen bei den unter 15-Jährigen massiv an.

Einer Mutter dauerte das alles zu lang. Wir nennen sie hier nicht bei ihrem echten Namen, sondern Karin Schneider, weil das, was sie getan hat, zwar legal, aber sehr umstritten ist. Schneider ist seit fast 20 Jahren Ärztin und arbeitet als Internistin in Brandenburg. Sie ist Mutter von drei Kindern: drei, sechs und acht Jahre alt. Sie sagt, das Coronavirus sei wie eine Büchse der Pandora: Wer weiß, was für Langzeitfolgen eine Infektion für ihre Kinder hätte? Also hat Karin Schneider getan, wovor Kinderärzte und Forscherinnen warnen: Sie hat ihre Kinder geimpft. Mit einem Impfstoff, der gar nicht für sie zugelassen ist. Off-Label.

Im Moment sind 16 Prozent der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland geimpft. Schwere Verläufe sind selten in dieser Altersgruppe, gefährdet sind beispielsweise Kinder mit Trisomie 21 und sehr starkem Übergewicht, berichtet der SPIEGEL. Auch deshalb hat die Ständige Impfkommission gezögert, die Impf-Empfehlung für diese Altersgruppe auszusprechen. Die britische Impfkommission rät sogar von einer Corona-Impfung 12- bis 15-Jähriger ab.

Ende September soll laut Medienberichten die Zulassung eines mRNA-Impfstoffs für Sechs- bis Elfjährige beantragt werden. Für die noch Jüngeren könnte es im Oktober so weit sein. Wenn die Zulassungsstudie vorliegt, prüft die Europäische Arzneimittelbehörde die Ergebnisse und spricht möglicherweise eine Empfehlung für die Europäischen Mitgliedsstaaten aus. In Deutschland entscheidet dann die Ständige Impfkommission, ob der individuelle Nutzen die Risiken überwiegt. Bis kleine Kinder geimpft werden dürfen, könnten also noch Monate vergehen.

Darf man sein Kind also jetzt impfen – und damit möglicherweise einem Risiko aussetzen? Im Interview erzählt Karin Schneider, wie sie und ihr Mann, ebenfalls Arzt, die Entscheidung getroffen haben. Und warum sie es wieder tun würde.


Es gibt keine zugelassene Impfung für Kinder unter zwölf. Du hast deine Kinder trotzdem geimpft. Warum hast du das getan?

Dass wir unsere Kinder irgendwann impfen müssen, stand für meinen Mann und mich von Beginn der Pandemie an immer fest. Ich bin in einer Klinik und auch ambulant tätig und arbeite nun zusätzlich im Impfzentrum, habe mich also natürlich viel mit dem Thema beschäftigt. Ich wusste, dass Kinderstudien unterwegs sind und hatte immer gehofft, dass von der Europäischen Arzneimittelbehörde im Juni dieses Jahres, spätestens im Juli, eine Empfehlung kommt.

Dann begannen die Sommerferien in Brandenburg. Ab diesem Zeitpunkt haben wir uns damit beschäftigt und mit Kollegen im In- und Ausland darüber gesprochen, ob eine Kinderimpfung auch ohne Empfehlung für uns infrage kommen könnte. Welche Risiken und welchen Nutzen das hätte.

Aber zunächst habt ihr euch dagegen entschieden?

Ja. Der Wendepunkt kam, als die Delta-Variante auftauchte, die Verläufe in England sich verschärften und der Infektionsdruck in die unteren Altersgruppen gerutscht ist. Als die sehr Alten geimpft wurden, war es die nächstjüngere Gruppe, die von den Infektionen am meisten betroffen war. Und jetzt, wo alle ein Impfangebot haben, bleiben nur noch die Kinder übrig.

In welchem Moment habt ihr entschieden: Wir machen das jetzt?

Bevor wir in den Urlaub gefahren sind. Wir haben gerechnet und wussten, wir müssen uns entscheiden. Entweder sie laufen nach Ferienende völlig ungeschützt in die Schulen: Dann ist die Frage nicht mehr, ob sie sich anstecken, sondern wann. Oder wir impfen jetzt: Dann sind sie mit der zweiten Impfung durch – plus zwei Wochen – wenn die Schule beginnt.

Wie bist du an den Impfstoff gekommen?

Ich wollte niemandem den Impfstoff wegnehmen. Ich habe eine Kollegin gebeten, zu helfen, weil ich ungern meine eigenen Kinder behandle. Sie hat dann den Moment abgewartet, in dem sie nicht mehr auf die siebte Impfung angewiesen war und die Kinder in ihrer Praxis geimpft.

Du meinst die siebte Dosis, die in einem Fläschchen BioNTech-Pfizer steckt.

Ja. In einer Phiole sind sechs Dosen drin, man kann aber sieben Spritzen damit aufziehen. Die siebte Dosis ist offiziell von BioNTech nicht freigegeben. Als der Impfstoff noch knapp war, war es üblich, das trotzdem zu machen. Als diese siebte Dosis keiner mehr brauchte, haben wir beschlossen, dass wir es vertreten können, sie selbst zu nutzen.

Wie ging es deinen Kindern mit der Impfung?

Zuerst hatten Sie Angst davor. Sie hatten viel Logo!, die Kindernachrichten, gesehen und dort waren die Spritzen immer so groß dargestellt wie Baguettes. Als sie dann sahen, dass die Spritze nicht so groß ist und es gar nicht so weh tat, meinten sie: Die Zweite können wir auch zu Hause impfen.

Krankenhausumgebung, alle tragen Mundschutz. Im Hintergrund ist ein Artz erkennbar. Eine Frau hält ein Kind vor sich, dieses steht, und ein anderes steht neben ihr, nur halb im
Teilnehmende der KidCOVE-Studie Ende Juni 2021 lieferten die Grundlage, auf welcher Karin* die Dosen für ihre eigenen Kinder festlegte.

Woher wusstest du, wie viel Impfstoff du nutzen musst?

Bei der ersten Impfung war ich mir unsicher mit der Dosierung. Ich habe Kollegen gefragt, von denen viele ihre Kinder ebenfalls geimpft hatten. Dann habe ich geschaut, mit welcher Dosierung die aktuellen Studien laufen. Bei der zweiten Impfung gab es bereits das offizielle Blatt von BioNTech, in dem aufgeführt ist, in welchem Alter wie viel geimpft wird. Der Sechsjährige und der Achtjährige haben ein Drittel einer Erwachsenendosis bekommen. Den Rest habe ich mit Kochsalzlösung aufgezogen, damit nichts in der Spritze bleibt.

Und der Dreijährige?

Wir haben uns beim ersten Mal nicht getraut, ihn mit zu impfen.

„Es ist etwas anderes, wenn man eine Komplikation – egal, wie gering sie ist – selbst herbeigeführt hat.“
Karin Schneider

Warum nicht?

Das war ein Bauchgefühl, ich kann das nicht an Daten festmachen oder begründen. Es war eher so ein Muttergefühl: Der ist halt echt noch klein. Bei der zweiten Impfung hatten wir in den Daten von BioNTech gelesen, dass nur ein Zehntel einer Erwachsenendosis verimpft wird. Damit haben wir uns alle gut gefühlt.

Hatten deine Kinder Impfreaktionen?

Die Großen hatten Armschmerzen für zwei oder drei Tage nach der ersten Impfung. Nach der Zweiten nichts. Der Dreijährige hatte nach der ersten Impfung für zwei Tage Temperatur – 37,5 Grad – und war sehr schlapp. Dann war aber alles gut.

Hast du dir in diesem Moment Sorgen gemacht?

Ich war ehrlich gesagt beruhigt, dass er eine Impfreaktion hatte. Weil ich bei der geringen Dosis nicht sicher war, ob es überhaupt wirkt. Aber natürlich habe ich mir die ganze Zeit Sorgen gemacht: Ich habe täglich EKGs geschrieben bei den Kindern. Im Nachhinein ist mir bewusst, dass das überflüssig war, aber ich war beunruhigt. Sie mussten sich drei Tage lang ausruhen, durften viel Fernsehgucken, haben eine Woche keinen Sport gemacht und dann war ich beruhigt.

Was hätte passieren können?

Wir tragen als Ärzte die gesamte Haftung. Das hat die Entscheidung doppelt schwer gemacht: Wir haben die Verantwortung. Es ist etwas anderes, wenn man eine Komplikation – egal, wie gering sie ist – selbst herbeigeführt hat.

„Es gibt viele Kolleginnen, die ihre Kinder geimpft haben.“
Karin Schneider

Waren deine Kinder einverstanden mit der Impfung?

Wir haben uns bemüht, sie nicht zu beeinflussen, auch nicht durch mitgehörte Gespräche. Wir wollten ihnen die Impfung nicht einreden. Sie wussten aber, dass am Anfang der Pandemie gesagt wurde: Wir müssen Mundschutz tragen, damit Oma und Opa nicht sterben – Kinder werden nicht krank. Im Laufe der Pandemie hat sich ihre Wahrnehmung dann geändert. In den Kindernachrichten hieß es plötzlich: Kinder werden doch krank, aber sie sterben nicht. Ich habe ihnen dann gesagt: Es besteht die Möglichkeit zu impfen, was würdet ihr davon halten? Und das erste, was sie gesagt haben, war: Wir wollen nicht krank werden.

Was haben deine Kollegen und Kolleginnen zu deiner Entscheidung gesagt?

Es gibt viele Kolleginnen, die ihre Kinder geimpft haben. Das weiß ich vor allem aus Online-Gruppen. Mittlerweile wissen viele, dass ich das auch gemacht habe und ich habe jeden Tag 30 Anfragen im Postfach.

Ich habe auch Kollegen im echten Leben gefragt, da war das schwieriger. Viele von denen haben gesagt: Ach, warte doch noch die zwei, drei Wochen. Aber uns war klar, das werden Monate, bis die Impfung kommt.

Sprechen deine Kinder in der Schule darüber, dass sie geimpft sind?

Ich habe dem Größeren versucht zu kommunizieren, dass das nichts ist, was man sofort jedem erzählen muss. Aber ich werde auf keinen Fall verbieten, darüber zu sprechen. Ich möchte auch nicht, dass sie für mich und unsere Entscheidung lügen. Wir haben nichts Illegales getan. Und wir haben niemandem den Impfstoff weggenommen.

Wenn ich das auch möchte – wo kann ich mein Kind impfen lassen?

Ich kann es nicht. Eben weil es eine Frage der Haftung ist. Ich weiß, dass es Kollegen tun, aber auch nur für engste Freunde oder Familie. Ich kenne niemanden, der das regulär macht.

Machst du Politik und Wissenschaft einen Vorwurf, dass die Kinderimpfung noch nicht da ist?

Nein, das ist in Ordnung. Es werden Regeln eingehalten, die richtig und wichtig sind. Kinder über zwölf dürfen ja geimpft werden. Aber ob ich zwölf oder elfeinhalb oder elfeinviertel bin und eine schwere Vorerkrankung habe, macht eigentlich keinen Unterschied. Diesen Eltern würde ich wünschen, dass sie und ihre Kinder die Möglichkeit hätten.

Ist es nicht unfair, dass du als Ärztin deine Kinder einfach impfen kannst – und andere Eltern nicht?

Ich hatte moralisch mit mir zu kämpfen, dass ich die Möglichkeit hatte und jemand anderes nicht. Aber hätte ich nicht impfen sollen, weil jemand anderes auch noch nicht kann? Meine geschützen Kinder nehmen nicht mehr am Infektionsgeschehen teil und schützen so auch ungeimpfte Kinder.

Du arbeitest im Impfzentrum.

Ja. Mich hat sehr enttäuscht, dass in Brandenburg nur so ein kleiner Anteil der Bevölkerung doppelt geimpft ist. Eine Kollegin dort meinte neulich: Im Januar dachten wir noch, wir retten die Welt, im Juli stellten wir fest, dass viele gar nicht gerettet werden wollen.

Kommen Kinder zum Impfen?

An den Kinder-Impftagen werden wir überrannt, muss man sagen. Das sind auch die Impftage, die mir besonders viel geben. Das sind wirklich gut sortierte junge Menschen, die sagen was ich auch empfinde: Nämlich, dass fast zwei Jahre über sie entschieden wurde und das das erste Mal ist, dass sie selbst entscheiden können.

Das klingt reif.

Ich war auch erstaunt, wie so junge Menschen sprechen. Ich weiß nicht, ob sie das zu Hause so lernen oder sogar antrainiert bekommen, aber ich glaube nicht. Manchmal erzählen sie, sie haben das ganze Wochenende mit dem Onkel diskutiert, der über Langzeit-Impfschäden und Fertilitätsprobleme und über die Verschwörungserzählung, dass alle im September sterben. Die Jugendlichen halten dann dagegen an.

Würdest du deine Kinder wieder impfen?

Sofort. Ich wünschte, ich könnte es auch für andere tun.


Redaktion: Lisa McMinn; Schlussredaktion: Susan Mücke; Bildredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

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