Krautreporter

Tuwat.txt - die Geschichte des Chaos Computer Clubs

etwa 8 Min. Lesedauer

Aus dem Anarcho-Kollektiv der ersten Tage ist eine bestimmende politische Kraft geworden. Kaum ein anderer Verein entsendet so häufig Experten in Gremien und Ausschüsse politischer Organe. Immer wieder demonstrieren Vereinsmitglieder die Schwachstellen von Technologie – ob Fingerabdruckscanner oder Wahlcomputer. Der CCC hat unser Verständnis von Technologie nachhaltig verändert. Aber auch der Chaos Computer Club hat sich in den vergangenen 30 Jahren stark verändert. Gemeinsam zeichnen wir diese Entwicklung nach.

Das erste Interview führen wir mit einem der Gründer des Clubs, Klaus Schleisiek. Meine Fragen an Klaus habe ich in einem GoogleDoc gesammelt. Mitglieder finden in den Anmerkungen in der rechten Spalte den Link zum Dokument und sind herzlich eingeladen, die Fragen zu ergänzen und zu kommentieren. Wer sich ausreichend informiert fühlt, kann sich gerne direkt darin austoben. Für alle anderen fasse ich hier die Rahmenbedingungen der Gründung zusammen.

Hier geht es zum Dokument.


Unsere Reihe startet am 12.September des Jahres 1981 am Tisch der Kommune Eins in der taz-Redaktion. Am Tisch versammelt: Die Initiatoren des ersten „Komputerfriektreffens“ Klaus Schleisiek (alias Tom Twiddlebit), Herwart Holland-Moritz (alias Wau Holland), Wulf Müller und Jochen Büttner sowie rund 20 weitere Teilnehmer. Der Grund für das Treffen: Wat tun. Was „wat“ ist? Die Antwort findet sich in der Einladung zum Treffen, abgedruckt in der taz vom 01. September 1981:

Wau Holland entwickelte sich in den folgenden Jahren zum Sprachrohr des Clubs und zur treibenden Kraft in der frühen bundesdeutschen Hacker-Bewegung. Er ist 2001 im Alter von 49 Jahren an einem Schlaganfall gestorben. Die Wau-Holland Stiftung verwaltet seinen Nachlass und macht ihn der Öffentlichkeit zugänglich. Das Archiv ist eine Goldgrube für Hackertum-Forscher.

Anzeige in der taz vom 01.09.1981

Schon in diesem ersten Textdokument sind die wesentlichen Veränderungen enthalten, die uns die Digitalisierung bescheren sollte: Datenschutz, Copyright, Medienkompetenz, Massenüberwachung und Privatisierung der Telekommunikation.

Auch im Protokoll dieses ersten „TUWAT Komputerfriektreffens“ finden sich zahlreiche Themen wieder, die heute wieder oder immer noch auf der netzpolitischen Agenda stehen:

Der Name des Treffens ist eine Anspielung auf den Tunix-Kongress im Jahr 1978. Der Kongress gilt als Keimzelle der alternativen Szene in Berlin. Die Namenswahl sagt einiges über das Selbstverständnis der Hacker aus, die sich mehrheitlich dem links-alternativen Milieu zugehörig fühlten.

Tuwat-Protokoll, Auszug 1

Quelle: CCC

Tuwat-Protokoll, Auszug 2

Quelle: CCC

Tuwat-Protokoll, Auszug 3

Quelle: CCC

Aus heutiger Perspektive muten die ersten Hacker an wie IT-Kassandras. So zumindest wirkt es auf die meisten sogenannten Digital Natives, also die nach 1980 Geborenen. Sie sind mehrheitlich mit einem anderen, naiveren Zugang zu Technologie aufgewachsen. Ab Mitte der Neunzigerjahre wurden Computer im Wortsinne alltäglich, sie erleichterten unser Leben und traten immer häufiger als bloße Werkzeuge auf. Auch die Rolle des Staates hat sich seit den Achtzigern verändert. Durch das neoliberale Dogma zog sich der Staat immer weiter zurück. Damit nahm auch die wahrgenommene Bedrohung durch staatliche Überwachung ab. Zwei Beispiele verdeutlichen, wie sehr sich die Gesellschaft zur Gründungszeit des Clubs von dieser Wahrnehmung unterschied.

Beispiel eins: Die Bundespost als Staatsmonopolist

Die Bundespost galt als Inbegriff eines bürokratischen Monstrums. Bis in die Achtziger war sie einer der größten Arbeitgeber Deutschlands. Ihr oblag nicht nur der Postverkehr, sie war unter anderem auch für Kabelfernsehen, Nachrichtensatelliten und die Lizenzvergabe von Telekommunikationslizenzen zuständig. Kurzum: Nahezu alles, was irgendwie mit Kommunikation zu tun hatte, lag fest in ihren Händen – und damit in den Händen des Staates. Wie immer bei Monopolen, führte dies zu unnötig hohen Preisen, Innovationsstau und kümmerlichem Kundenservice. Die Bundespost war damit der natürliche Feind der Hacker-Szene. Schon lange bevor überhaupt an Heimcomputer und das Internet gedacht werden konnte, tricksten sogenannte Phreaker (phone freaks) mit simplen Methoden das Telefonsystem aus und führten kostenlose Gespräche rund um den Globus.

Auch eines der Markenzeichen des Clubs, das sogenannte Pesthörnchen (siehe Aufmacherbild), bezieht sich ausdrücklich auf die Bundespost. Zur Entstehungsgeschichte des Pesthörnchens: http://www.schrutzki.net/bilder/grafik/pesthorn

Beispiel zwei: Das System Herold

Horst Herold war von 1971 bis 1981 der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA) und sorgte für einen Innovationsschub in der verstaubten Behörde. Auf Herold geht die damals technologisch fortschrittliche Rasterfahndung zurück. Bei der Rasterfahndung wurden erstmals im großen Stil Computer bei Ermittlungen eingesetzt. Mit ihr sollte es gelingen, die verbliebenen Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) zu finden und zu verhaften. Elektronische Überwachung wurde so innerhalb weniger Tage von einer Möglichkeit zur Realität. Viele Menschen trauten sich im Nachgang der Rasterfahndung aus Angst vor nachteiligen Konsequenzen nicht mehr, an Unterschriftenaktionen teilzunehmen. Weiter befeuert wurden die Ängste durch den maschinenlesbaren Personalausweis. Dieser sollte schon 1981 eingeführt werden und damit jeden Grenzübertritt, jede Passkontrolle aktenkundig machen. Insbesondere ein zu Recht umstrittenes, weil sinnentstellendes Interview, dessen Veröffentlichung Herold mehrfach juristisch verhindern wollte, zeigt ihn als besessenen Technik-Totalitaristen und sorgte zumindest in alternativen Milieus der Bundesrepublik für kollektive Gänsehaut:

Meine Hoffnung gilt dem Computer als einem gesamtgesellschaftlichen Diagnose-Instrument. Das ist Prävention neuen Stils, die letztlich auch Terrorursachen aufhebt, diesen Staat verrückt, ihn andersartig gestaltet. (...) Mit Hilfe dieses Instruments kann ich sehen, wo es hakt: Klassen, soziale Unterschiede, Armut und Diskriminierung – das kann ich alles ablesen.

Obwohl oder gerade weil die Computertechnologie und das Internet Anfang der Achtziger noch in den Kinderschuhen steckten, regte die Entwicklung die Fantasie der frühen Hacker an. Alles schien möglich – im Guten wie im Schlechten.


Eine erste Grundlage ist hiermit hoffentlich geschaffen. Ich freue mich jetzt auf die Zusammenarbeit in den nächsten Wochen. Eure Hilfe benötige ich nicht zuletzt, weil ich mich selbst für befangen halte. Ich bin unbestritten fasziniert und zum Teil geblendet von den Leistungen des CCC.
Aber es soll hier nicht darum gehen, dem Club ein Denkmal zu setzen, es geht um die Geschichte der Netzpolitik in Deutschland. Wir sollten uns kritisch mit der Geschichte des Clubs und seiner Bedeutung für die Gesellschaft auseinandersetzen.
Daher verstehe ich meine Rolle hier vor allem als Moderator und Organisator. Ich führe die Interviews durch und bemühe mich um Ordnung im Chaos. Diejenigen unter euch, die sich mit dem Thema beziehungsweise einzelnen Aspekten davon bereits auseinandergesetzt haben, tragen hoffentlich dazu bei, das Bild, das ich in den Interviews immer nur bruchstückhaft liefern kann, in den Anmerkungen und Kommentaren zu ergänzen.


Lektüre-Tipps:

Ursprünge und Entwicklung des Chaos Computer Clubs in den 1980er Jahren
Die Masterarbeit von Matthias Röhr ist eine exzellent dokumentierte und leicht verständliche Einstiegslektüre. Sehr empfehlenswert!

Der Sonnenstaat des Doktor Herold
Hans Magnus Enzensberger über Privatsphäre, Demokratie und Polizeicomputer. Wegweisendes Essay aus dem Jahr 1979

Dossier Chaotique
Ein audiovisueller Pressespiegel über die Geschichte der deutschen Hacker-Szene von 1984 bis 2008.

Das Stahlnetz stülpt sich über uns
Die westdeutschen Polizei- und Geheimdienst-Computer - Fünfteilige Spiegel-Reihe aus dem Jahr 1979

Hackers - Heroes of the Computer Revolution
Grundlagenwerk aus dem Jahr 1984 von Steven Levy. Hier wird erstmals die Hacker-Ethik erklärt. Bis heute weitgehend Konsens.


Aufmacherbild: Jannis Andrija Schnitzer - Flickr (CC-BY-SA 2.0)


Update vom 20.02.

Am vergangenen Sonntag habe ich Klaus Schleisiek interviewt. Klaus initiierte das erste Treffen und bildete den Nukleus dessen, was später der Chaos Computer Club werden sollte. Bereits in der Entstehungsphase des Clubs distanzierte sich Klaus allerdings von der Gruppe. Das Gespräch konzentriert sich daher auf die Jahre 1981 und 1982. Wir sprachen über das kulturelle Fundament, auf dem die Netzpolitik in Deutschland aufbaut, und die Einflüsse aus den USA: Der Homebrew Computer Club, Ted Nelson und LSD. Mitglieder finden das Transkript in den Anmerkungen und sind herzlich eingeladen zu ergänzen, zu kommentieren und offene Fragen hinzuzufügen. Das Interview ist unbearbeitet. Das heißt, es enthält Rechtschreibfehler und gibt Wort für Wort den Gesprächsverlauf wieder. Lediglich einige Passagen, die am Thema vorbeigingen, habe ich entfernt. Im finalen Artikel werden sich die Antworten im Sinne besserer Lesbarkeit deutlich unterscheiden. Das ist bei Interviews in Zeitungen und Magazinen immer der Fall. Kein Interviewpartner spricht druckreif. Ist vielleicht für die Nicht-Journalisten ganz spannend, diesen Prozess zu verfolgen.

https://docs.google.com/a/tazaldoo.com/document/d/1d73bza5W4GwCeUwzA3nU3NJsGO04VyjPp0Yu-1Wyvog/edit

Interview mit Klaus Schleisiek im Büro der Wau Holland Stiftung

Foto: Frank Suffert

Hinweise von Mitgliedern

Ich habe von vielen Mitglieder fantastische Hinweise und Links zugesandt bekommen. Einige davon möchte ich hier gerne mit euch teilen:

Der sogenannte KGB-Hack war ein einschneidendes Ereignis in der Anfangszeit des Chaos Computer Club. Der Fall endete mit dem Tod von Club-Mitglied Karl Koch. Den Hergang beschreibt diese DIY-Dokumentation.

Club-Mitglied und Podcast-Evangelist Tim Pritlove hat zwei Ausgaben des Chaosradio, der Anfangszeit des Clubs gewidmet.

Folge 77 aus dem Jahr 2008 handelt vom ersten Treffen 1981. Mit dabei: Unser Interviewpartner Klaus Schleisiek, sowie die Zeitzeugen Wolf Gevert und Jochen Büttner. Von beiden ist auch in unserem Interview die Rede.

In Folge 161 geht es um das Verhältnis des Clubs zur Öffentlichkeit. Auch der NASA-Hack und die darauffolgende Spaltung des Clubs ist Thema.

Felix Schwenzel von wirres.net hat mich auf diesen sehr hörenswerten Vortrag von Jürgen Geuter (alias Tante) hingewiesen: „Edward Snowden starb für unsere Sünden.“ Jürgen spricht über Hackerethik und das Selbstverständnis von Hackern. Aber auch die strukturellen Probleme des Clubs werden offen thematisiert.

Ein anonymes Mitglied hat mir freundlicherweise diesen Link zum Magazin 2600 – The Hacker Quarterly ins Postfach geworfen: http://2600.com/

Vielen Dank auch an alle, die den Fragenkatalog ergänzt und kommentiert haben!