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Folgen der Klimakrise

Klimakrise: „Hätten sich Ökonomen nicht eingemischt, wären wir zwanzig Jahre weiter“

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Seit 60 Jahren warnen Klimawissenschaftler vor dem Klimawandel. Seit 60 Jahren werden sie mehr oder weniger ignoriert. Der Klimawandel hat sich von einem Problem zu einer Krise entwickelt, die unsere Technik und unsere Politik an ihre Grenzen bringt.

Warum hat sich so lange nichts bewegt?

Wer eine Antwort sucht, muss tiefer graben. Einer, der Erklärungen liefern kann, ist der australische Ökonom Steve Keen. Er ist ein Abtrünniger seiner Zunft, ein sogenannter Post-Keynesianer, der Anhänger von Karl Marx genauso kritisiert wie die einflussreichsten Ökonomen unserer Zeit. Steve Keen ist 68 Jahre alt. Alt genug, um nicht mehr um seine Karriere fürchten zu müssen.

Das ermöglicht ihm einen anderen Blick auf die Klimakrise – aber vor allem auch auf die Arbeit seiner Kolleginnen und Kollegen. Dort, wo der Mainstream Kapital und Arbeit sieht, sieht er Energie. Dort, wo die Größen der Disziplin nobelpreiswürdige Forschungsarbeiten zu erkennen glaubten, sieht er lächerliche Annahmen, die den Regierungen der Welt gerade recht kamen, um nichts gegen den Klimawandel zu unternehmen.

Als ich Steve Keen per Zoom erreiche, prasselt in Bangkok Starkregen aufs Dach. Er ist kaum zu verstehen, zieht das Mikrofon näher an sich heran und legt los. Es folgt ein pointierter Ritt durch ökonomische Theorien, das Periodensystem der Elemente, Wachstumsschmerzen, die nie aufhören und die Frage, ob es in der Klimakrise ausreicht, ein Dach über dem Kopf zu haben, um sorgenfrei weiterleben zu können.

Porträt von Steve Keen, ein Mann mittleren Alters und angegrautem Haar.

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Ein Hinweis vorneweg: In den Anmerkungen gebe ich Kontext, verlinke weiterführende Studien und veröffentliche weitere Zitate aus dem Gespräch, die hochinteressant, aber nicht unbedingt hochrelevant sind, um zu verstehen, worauf Steven Keen hinaus will.


Sind Ökonomen in der Klimakrise Teil des Problems oder Teil der Lösung?

Sie sind Teil des Problems. Hätten sie sich nicht eingemischt, wären wir vielleicht zwanzig Jahre weiter als jetzt.

Wen genau meinen Sie?

Sogenannte neoklassische Ökonomen. Die neoklassische Ökonomie ist das, was fast jeder für Wirtschaftswissenschaften hält, es ist die Mainstream-Theorie. Sie sagt: Es gibt Angebot und Nachfrage sowie Argumente für Sparmaßnahmen. Manchmal wird die Wirtschaft auch als Tauschsystem modelliert. Aber grundsätzlich sind neoklassische Ökonomen der Überzeugung, dass die Wirtschaft ein Gleichgewicht ist.

Warum wären wir 20 Jahre weiter, wenn diese Menschen sich nicht eingemischt hätten?

Die Neoklassiker gehen davon aus, dass Klima gleich Wetter ist. Man braucht also nur ein Dach über dem Kopf zu haben, und schon ist man in Sicherheit. Als der Ökonom William Nordhaus zum ersten Mal versuchte, die Klimaschäden abzuschätzen, nahm er an, dass nur die Sektoren, die dem Wetter ausgesetzt sind, auch dem Klimawandel ausgesetzt sind.

Alle Dienstleistungen, der Einzel- und Großhandel, fast die komplette Industrie, der gesamte Staat und der gesamte Finanzsektor wären nach seinem Modell vom Klimawandel kaum betroffen. Und zwar ganz gleich, über welche Temperaturerhöhung wir sprechen. Das ist ein völliges Missverständnis dessen, was Klima eigentlich bedeutet.

Was bedeutet der Klimawandel für die Wirtschaft wirklich?

Den Verlust von Landwirtschaft zum Beispiel. Nehmen wir das Hochwasser in Deutschland. Wenn es zu solchen Überschwemmungen kommt und der Humus weggeschwemmt wird, gibt es keine Landwirtschaft mehr. Natürlich könnt ihr in Deutschland Obst und Gemüse aus anderen Ländern importieren. Aber was tut ihr, wenn solche Katastrophen auch in den anderen Ländern passieren?
Die große Mehrheit der Ökonomen geht davon aus, dass wir einfach nach Norden ziehen, wenn unsere Agrarflächen nicht mehr beackert werden können. Aber den Nährboden, den wir für die Landwirtschaft brauchen, gibt es im Norden vielleicht nicht. Und an diesem Punkt gibt es dann keine Landwirtschaft mehr. Und wenn die Landwirtschaft verschwindet, verschwinden auch wir.

Die Wetterextreme scheinen sich seit ein paar Jahren verstärkt zu haben. Sie sind chaotischer geworden – und tatsächlich versagen hier auch die Modelle der Klimawissenschaft. Sie können den Temperaturanstieg sehr gut voraussagen, aber an den Wetterextremen scheitern sie. Kürzlich haben Forscher in einer Studie gewarnt, dass wir uns auf „Black Swan Weather Events“ vorbereiten müssen, auf unvorhergesehene Mega-Ereignisse. Das hat mich an meine Studienzeit erinnert: Gerade als ich lernte, dass der Mensch ein rationales Wesen sein soll, kollabierten Banken.

Perfektes Timing.

Auch die Finanzkrise wurde als „Black Swan Event“ beschrieben. Entsteht durch den Klimawandel ein systemisches Risiko im Finanzsystem?

Unser Wirtschaftssystem basiert auf einer bestimmten Bandbreite von klimatischen Bedingungen. Nun haben wir begonnen, diese Bedingungen radikal zu verändern.

Es gibt zum Beispiel Menschen, die sich fragen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Überschwemmung ist. Da heißt es dann: Eine Jahrhundertflut kommt statistisch nur ein Mal alle 100 Jahre vor. Für Häuser, die in den betreffenden Gebieten stehen, müssen wir die Versicherungsprämie entsprechend ansetzen. Aber wenn das Haus aufgrund des Klimawandels alle zehn Jahre überschwemmt wird, passt diese Prämie nicht mehr zum tatsächlichen Schaden. Das kann Versicherungen und Hauseigentümer in den Ruin treiben, was sich wiederum durch das gesamte Finanzsystem zieht. Es gibt also Risiken, die zu finanziellen Erschütterungen führen können.

In diesem Text wirft die New York Times einen Blick auf die mittelbaren Folgen des Klimawandels. Es entsteht eine neue Hypotheken-Klasse: klimagefährdete Kredite, die gerade von kleinen US-Banken recht großzügig ausgegeben werden.

In diesem Zusammenhang werden auch immer wieder Öl- und Gasunternehmen genannt.

Wenn Öl- und Kohleunternehmen den Umstieg auf nachhaltige Energie hinauszögern wollen, sind auch sie wirtschaftlich gefährdet. Ihre Bewertungen könnten auf Null sinken.

Wäre das schlimm?

Wir haben Banken und Fonds, deren Portfolios aufgrund der Bewertung von Öl-, Gas- und Kohleunternehmen ein positives Eigenkapital aufweisen. Wenn das ins Minus gerät, müssen sie Konkurs anmelden – was sich dann auf das gesamte Finanzsystem auswirkt.

Die Finanzwelt diskutiert diese Frage unter dem Stichwort „Stranded Assets“. Es war Mark Carney, der damalige Chef der Bank von England, der die Diskussion im Jahr 2015 ins Rollen brachte. Seiner Meinung nach unterschätzten Investoren konsequent das Risiko. Anlagen im Wert von 16 Billionen Dollar könnten wertlos werden, sollte sich die Welt auf strengere CO2-Regeln einigen.

Okay, solche Risiken erfassen die Mainstream-Ökonomen mit ihren Modellen nicht. Aber wie groß ist ihr Einfluss wirklich? Jedes Jahr prognostizieren Ökonomen Wachstumsraten für die Wirtschaft, liegen so gut wie immer daneben – und die Welt dreht sich trotzdem weiter.

Politiker und Regierungsbeamte wenden sich gerne an Wirtschaftswissenschaftler, um herauszufinden, was zu tun ist. Nehmen wir als Beispiel die Vereinigten Staaten. Sie sind die mächtigste und einflussreichste Nation der Welt. Die Regierung der USA hat einen Ausschuss eingerichtet, den sie „Interagency Working Group On The Social Cost Of Greenhouse“ Gases nennen. Dieses Gremium gibt es seit zwölf Jahren und es arbeitet mit den Modellen der Ökonomen, über die wir hier sprechen. Seine Berechnungen bilden die Grundlage für die Regierungsarbeit der US-amerikanischen Bundesbehörden und der Bundesstaaten. Sie gelten als vorläufige Wahrheit innerhalb der US-Bürokratie.

Aktuell beziffert dieses Gremium die sozialen Kosten einer Tonne CO2 mit 51 US-Dollar. Der Fachanwalt Hogan Lovells beschreibt den Einfluss des Gremiums so: „Die Social Cost of Carbon (SCC) sind ein mächtiges Instrument, das dazu genutzt werden kann, die Entscheidungsfindung von Bundes- und Landesbehörden zu beeinflussen oder die Kosten-Nutzen-Analysen zur Unterstützung von Regulierungsmaßnahmen in Frage zu stellen. Sie wurden bereits zur Rechtfertigung von Maßnahmen in der gesamten Bundesregierung verwendet, unter anderem von der Environmental Protection Agency (EPA), dem Department of Energy (DOE) und dem White House Council on Environmental Quality (CEQ).“

Auf der anderen Seite existieren Hunderttausende exzellenter Fachartikel von Klimawissenschaftlern. Aber wenn man sich anschaut, wen die Regierung tatsächlich in ihren eigenen Arbeiten zum Klimawandel zitiert, dann sind es zu zwei Drittel Artikel von Wirtschaftswissenschaftler und zu weniger als einem Drittel Artikel von Naturwissenschaftlern. Das, was die Ökonomen schreiben, wird von den Politikern und Bürokraten akzeptiert. Sie verwenden es für ihre Ziele.

Es gibt also eine Gruppe von Beratern, die im Vergleich zu den Klimawissenschaftlern einen übergroßen Einfluss auf die Politik hat.

Ja, in den USA ist das auf jeden Fall so. Und es ist zudem noch eine sehr kleine Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern. Etwa 20 Ökonomen haben über den Klimawandel geschrieben. Also etwa so viele, wie in ein durchschnittliches Uni-Seminar passen. Wenn man die Leute hinzu rechnet, die die Studien von diesen 20 genommen und daraus andere Arbeiten gemacht haben, dann kommt man auf einen durchschnittlichen Hörsaal, also etwa 300 Menschen.

Nicholas Stern, der ehemalige Chefökonom der Weltbank, hat untersucht, wie viele Artikel zum Thema Klimawandel in den neun wichtigsten Fachzeitschriften seiner Disziplin veröffentlicht wurden. Und er fand weniger als hundert Artikel – gegenüber etwa 80.000 Artikeln, die insgesamt in diesen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Hundert Forschungsarbeiten von einer Handvoll Menschen haben also einen übergroßen Einfluss auf die Regierungspolitik.

Eine Grafik welche zeigt das von 77000 Veröffentlichungen in wirtschafts-wissenschaftlichen Journalen nur 57 Artikel über den Klimawandel waren.

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Woher kommt es, dass Wirtschaftswissenschaftler die Klimakrise ignorieren?

Die meisten von ihnen denken, der Klimawandel sei keine große Sache. Ihre Kollegen bestätigen sie in dieser Ansicht und das ist dann das Ende der Diskussion.

Ein zentraler Kritikpunkt von Steve Keen ist, dass der Mainstream nur über Arbeit und Geld spricht als die beiden einzigen Bedingungen für Produktion. Er hält das für falsch. Seine Denkrichtung setzt voraus, dass die ökologischen Ökonomen auch über Energie reden wollen.

Sie haben mal gesagt: „Arbeit ohne Energie ist eine Leiche und Kapital ohne Energie ist eine Skulptur.“ Das ist ein merkwürdiger Satz, aber ein interessanter. Was meinen Sie damit?

Neoklassische Ökonomen erstellen mathematische Modelle der Wirtschaft, in denen die Produkte durch die Kombination von Arbeit und Kapital erzeugt werden und in denen Energie keine Rolle spielt. Das bedeutet, dass Energie unabhängig vom Produktionsprozess eingespeist werden kann. Man kann also eine Fabrik voller Arbeiter und Maschinen haben und dann eine Handgranate hineinwerfen, und schon werden Waren und Dienstleistungen produziert.

Aber die Industrielle Revolution begann mit einer Erfindung, die im Grunde eine Erfindung zur Energieversorgung war, nämlich der Dampfmaschine. Die industrielle Revolution ist ein Kernthema der Ökonomen. Wieso haben sie ausgerechnet Energie ignoriert?

Sie haben sie für selbstverständlich gehalten!

William Nordhaus – ich konzentriere mich auf ihn, weil er der erste Wirtschaftswissenschaftler war, der akademische Arbeiten über den Klimawandel veröffentlicht hat – schreibt seit 1972 Artikel, in denen er die Idee von den „Grenzen des Wachstums“ angreift. Er hat sich sehr abfällig über die Studie mit diesem Titel geäußert. In meinen Augen wird sie aber als eine der großen Studien der Menschheit in die Geschichte eingehen. Sie hätte uns vor den Gefahren warnen können, denen wir heute gegenüberstehen.

Die 1972 veröffentlichte Studie „Die Grenzen des Wachstums“ wurde eines der meistgelesenen Sachbücher des 20. Jahrhunderts. Mehr als 30 Millionen Exemplare wurden gedruckt. Darin untersuchten die Systemwissenschaftler Donella Meadows, Dennis Meadows, Jørgen Randers und William W. Behrens III mithilfe von neuartigen Computermodellen, ob und wann die ökologischen Grenzen erreicht werden. Ihre Schlussfolgerung war klar: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“ Die Studie trat eine große Diskussion los und wird bis heute leidenschaftlich diskutiert. Kritiker weisen daraufhin, dass ihre Annahmen zu einfach gewesen seien und viele der Vorhersagen nicht eingetreten seien.

Bleiben wir bei Nordhaus. Wie Sie am Anfang unseres Gesprächs beschrieben haben, nahm er an, dass alles, was in Innenräumen stattfindet, nicht vom Klimawandel beeinträchtigt wird. Wie wirkt sich diese Sichtweise auf die Wirtschaft aus?

Nordhaus schätzte, dass bei einem Temperaturanstieg um drei Grad das Brutto-Inlandsprodukt (BIP) um etwa 0,25 Prozent schrumpfen würde. Er spielte noch etwas mit den Zahlen herum, blieb aber bei der Behauptung, dass der Klimawandel das BIP um maximal zwei Prozent beeinflussen kann. Die meisten Schadensschätzungen der Wirtschaftswissenschaftler bewegen sich seither in diesem Bereich. Dazu müssen Sie wissen: Die neoklassischen Ökonomen lesen im Grunde nur sich selbst. Sie behaupten, sie würden naturwissenschaftliche Literatur lesen. Aber die Art und Weise, wie sie die wissenschaftliche Literatur lesen, ist schlecht.

Im Grunde handelt es sich bei Wirtschaftswissenschaftlern um religiöse Gruppierungen: Es sind Menschen, die eine Reihe von Überzeugungen haben, die sie unter ihresgleichen nicht in Frage stellen. Und die Überzeugungen anderer Gruppen lehnen sie ab.

Einer der von Steve Keen gemeinten Ökonomen, Richard Tol, schrieb sogar selbst: „Es ist durchaus möglich, dass die Schätzungen nicht unabhängig sind, da es nur eine relativ kleine Anzahl von Studien gibt, die auf ähnlichen Daten von Autoren basieren, die sich gut kennen.“ Er schreibt weiter: Es handele sich um „eine relativ kleine und eng verbundene Gemeinschaft, die möglicherweise Gruppendenken, Gruppendruck und Selbstzensur unterliegt.“ Keen sagt dazu: „Ich kann Ihnen versichern, dass das das Einzige ist, was Richard Tol jemals richtig hinbekommen hat.“

Es gibt also keinen Austausch wie etwa in den Naturwissenschaften?

Nein. In der Physik ist das ganz anders, da gibt es die Fachfrau für Relativitätstheorie, den Spezialisten für Quantenmechanik und die Gas-Expertin. Und alles, was sie sagen, ist gültig. Es ist vielleicht nicht unbedingt wichtig für die jeweilige Forschungsfrage, aber es ist gültig.

Naturwissenschaftler haben Respekt vor anderen Disziplinen. Wer Ingenieur ist, wird keinen Physiker kritisieren. Aber genauso wenig werden Sie als Physiker Chemiker kritisieren, weil Sie sich bewusst sind, dass es ein riesiges Spezialwissen gibt, das Sie nicht haben.

Wirtschaftswissenschaftler glauben dagegen wirklich, dass sie den Heiligen Gral gefunden haben. Diese ganze Idee von Angebot und Nachfrage und Grenzkosten und Grenzerträgen, blabla, blabla, blabla. Sie dringen fröhlich in andere Disziplinen der Sozialwissenschaften ein. Und genau die gleiche Haltung haben sie auch gegenüber der Klimawissenschaft eingenommen.

Das klingt arrogant.

Ja, und das ist auch der Grund, warum sie Teil des Problems sind. Sie dachten, sie könnten den Klimawandel ignorieren oder sie wüssten, worum es geht: Es ist das Wetter, es wird wärmer. Das wird den Menschen in kalten Klimazonen zugute kommen und die Menschen in warmen Klimazonen vielleicht benachteiligen. Mehr haben sie dazu nicht zu sagen.

Okay, was sagen denn die anderen? Wo gibt es Grenzen des Wachstums?

Es gibt zahlreiche Studien, die darauf hindeuten, dass wir bei den meisten Elementen, die wir aus dem Periodensystem kennen, bereits an die Grenzen stoßen. Etwa 80 Prozent der Mineralien sind bereits verbraucht. Wir gefährden durch unser Produktionssystem unsere Vorräte. Doch Ökonomen glauben, dass die Wirtschaft mit allem fertig werden kann. Sie sind der Überzeugung, dass die vom Menschen geschaffene Technologie alles bewältigen kann und dass es deshalb keine Grenzen für das Wachstum gibt.

Über Grenzen zu sprechen, ist also für die neoklassischen Ökonomen Majestätsbeleidigung.

Ja, und das, was in der Vergangenheit mit exponentiellen Prozessen passiert ist, ist keine Garantie dafür, was in der Zukunft mit exponentiellen Prozessen passieren wird. Man kann sagen, oh, sieh mal, die letzten 40 Jahre haben die Leute davor gewarnt und nichts ist passiert. Das könnte daran liegen, dass du nur zwei Jahre von dem Punkt entfernt bist, an dem alles zusammenbricht.

Im Herbst wird in Deutschland gewählt, und den Prognosen zufolge werden die Grünen ihre Stimmenzahl mehr als verdoppeln und vielleicht sogar stärkste Kraft im Bundestag. Die Partei kandidiert mit einem grünen Wachstumsversprechen, das sie überhaupt erst gesellschaftsfähig gemacht hat. Sie sagen: Wir müssen etwas gegen den Klimawandel tun, deshalb werden wir mehr und mehr Windparks errichten, mehr Solarenergie einsetzen, eine Kreislaufwirtschaft aufbauen. Wir werden weiter wachsen, aber nachhaltig. Ist das wirklich machbar?

Ich glaube nicht. Ich habe eine Menge Ingenieure, mit denen ich mich auf meiner Patreon-Seite beraten kann. Einige von ihnen sind der Überzeugung, dass man es allein mit erneuerbaren Energien schaffen kann. Doch viele andere sagen, dass die Ressourcen dafür einfach nicht vorhanden sind. So gehen uns zum Beispiel die Rohstoffe aus, die für die Herstellung von Solarzellen unerlässlich sind. Wenn wir versuchen würden, den Anteil der Solarenergie weltweit von derzeit fünf Prozent auf etwa 50 Prozent zu erhöhen, dann hätten wir einfach nicht die nötigen Ressourcen. Das ist ihre Meinung.

Ich bin kein Ingenieur, aber möglicherweise haben beide Recht: Wir müssen die dichteren Energieformen der Atomenergie weiterentwickeln, aber wir brauchen auch die dezentrale Sonnenenergie.

Bereits jetzt verbrauchen wir das Fünffache, Sechsfache, Siebenfache dessen, was der Planet verkraften kann. Wir müssen diesen Wert drastisch reduzieren. Denn so, wie wir momentan leben, ignorieren wir die Bedürfnisse der anderen Arten auf unserem Planeten.

Aber mit dem Schlachtruf „Weniger für alle!“ gewinnt doch niemand eine Wahl!

Das stimmt. Niemand wird mit dem Versprechen gewinnen, den Verbrauch der Menschen dramatisch zu reduzieren.

Dann lassen Sie uns das durchdenken: Wir machen noch 15 Jahre lang weiter wie bisher, setzen alles auf grünes Wachstum, scheitern damit, was dann?

Wir würden erleben, dass Stürme, Brände und fehlende Wasserversorgung unsere Lebensräume schädigen. Wir würden erleben, dass die landwirtschaftliche Produktivität sinkt, und zwar um – ich denke mir die Zahl aus – sagen wir mal 50 Prozent. Aber ohne Getreide kann man nicht überleben. Es wird also zu einem Anstieg der Getreidepreise kommen. Und bei der derzeitigen Einkommensverteilung, werden die Armen nicht in der Lage sein, sich zu ernähren – was wiederum zu politischer Instabilität führt.
Wissenschaftler sprechen vom „Tod durch tausend Schnitte“. Es werden so viele Teile der Biosphäre zerstört, dass, wenn etwas zusammenbricht, eine Kettenreaktion einsetzt und sich die Dinge gegenseitig verstärken. Ein Beispiel: aktuell müssen in Amerika viele Menschen wegen eines Feuers evakuiert werden. Und was macht man, wenn man sie evakuiert? Man sperrt sie in einen Raum, wo sie sich gegenseitig mit Corona anstecken. So kommt es zu einer Verstärkung der Probleme. Viele von uns haben kein Bewusstsein dafür, dass wir uns in einem Netz des Lebens befinden.

Was raten Sie den Lesern?

Ich schließe mich hier dem berühmten Klimawissenschaftler und Aktivisten James Hansen an: Behandeln Sie den Klimawandel wie einen herannahenden Meteoriten! Behandeln Sie ihn nicht wie einen nahenden Urlaub im Mittelmeer, okay? Denn genau so haben die Neoklassiker ihn behandelt.


Redaktion: Stéphanie Souron, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Till Rimmele, Audioversion: Iris Hochberger und Christian Melchert

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