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Verantwortungslose Unternehmen

Nein, der Verbraucher will das nicht

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Du magst Schokolade? Dann unterstützt du Kinderarbeit. Deine Oma wohnt 800 Kilometer entfernt? Dann trägst du mit jedem Besuch zum Klimawandel bei. Und manchmal isst du ein Spiegelei? Willst du nicht gleich ein Küken in deinem Mixer schreddern?

Moralischer Konsum ist so mühsam. Es ist mühsam, im Supermarkt die Zutatenlisten durchzugehen und mit einem Seufzer alles zurückzustellen, was Palmöl enthält. Oder zu Nestlé gehört. Oder aus Brasilien importiert wurde. Die Liste der Lebensmittel, die eine verantwortungsbewusste Konsumentin nicht in den Einkaufswagen legt, ist lang. Irgendwann bleibt nur noch das Gefühl, nichts mehr kaufen zu können.

Vor einem dreiviertel Jahr erklärte ich in einem Artikel über Markenaktivismus, dass uns Unternehmen ständig erzählen, wie woke und umweltfreundlich sie sind, obwohl meist nicht viel dahinter steckt.

Inzwischen haben sie eine weitere Strategie entdeckt: Sie lagern die Entscheidung, ob ihr Produkt nachhaltig oder gesund sein soll, einfach auf die Verbraucher:innen aus. Wir müssen millionenfach selbst entscheiden, ob wir die böse oder die gute Schokolade, die Gurke mit oder ohne Plastikverpackung kaufen wollen.

Dabei ist es gar nicht unsere Aufgabe, jeden Herstellungsschritt unseres Schlafanzugs zu kennen. Wie sollen wir auch wissen, was in der Fabrik in Bangladesch passiert? Vor Ort sind die Unternehmen selbst – wenn es jemand wissen muss, dann sie. Und manche Dinge, wie zum Beispiel Sklavenarbeit, sind ganz einfach ein Verbrechen. Es ist nicht unsere Aufgabe, mit dem Kauf der richtigen Tafel Schokolade Sklavenarbeit zu verhindern. Es ist Aufgabe der Schokoladenhersteller und der Politik.

Damals schrieb ich, dass es von uns Konsument:innen abhängt, ob Unternehmen echte Verantwortung übernehmen: Jede Entscheidung für oder gegen ein Produkt hat Einfluss auf den Markt. Prinzipiell stimmt das auch, beispielsweise trinken immer mehr Menschen Pflanzenmilch. Vor wenigen Jahren noch ein Nischenprodukt, ist Pflanzenmilch inzwischen ein Milliardenmarkt.

Das Problem ist, dass Unternehmen und Politik die gesamte Verantwortung für nachhaltigen Konsum auf Verbraucher:innen abwälzen wollen. Es geht mir nicht darum, dass Verbraucher:innen keine Verantwortung mehr übernehmen sollen, sondern, dass die Verantwortung fair verteilt wird.

Es gibt unzählige Beispiele für Entscheidungen, die auf Verbraucher:innen ausgelagert werden: Viele Flug- und Busunternehmen bieten an, mit einer Zusatzspende den CO2-Ausstoß der eigenen Reise zu kompensieren. Vergangenen Herbst führte das Landwirtschaftsministerium den Nutri-Score ein, eine Skala, die den Nährwert von Lebensmitteln anzeigen soll. Und Facebook und Instagram geben Nutzer:innen inzwischen die Möglichkeit, Likes zu verbergen.

Das System ist fast schon perfide. Wenn du dir den CO2-Ausgleich gerade nicht leisten kannst, dann bist du verantwortlich für den Klimawandel. Wenn du keine Zeit hast zu kochen und die Fertig-Lasagne mit dem hohen Salzgehalt verspeist, dann hast du dir deinen Bluthochdruck selbst zuzuschreiben.

Unternehmen und Politik sitzen am längeren Hebel

Diese Haltung blendet aus, dass es in erster Linie die Unternehmen sind, die ihre Produkte ändern können und dass es die Politik ist, die Gesetze erlässt. Fluggesellschaften könnten zum Beispiel aufhören, Flüge von Berlin nach Köln für 39,99 Euro anzubieten. Das Landwirtschaftsministerium könnte Konzerne gesetzlich verpflichten, weniger Salz und Zucker zu verwenden. Und Facebook und Instagram könnten die Zahl der Likes komplett verbergen, weil die Sucht nach Likes und der soziale Vergleich nachweislich schlecht für die Psyche sind.

Stattdessen überlassen sie diese Entscheidungen den Konsument:innen, um dann sagen zu können: „Der Verbraucher will das so.“ Der Kabarettist Erwin Pelzig hat sich einmal in viereinhalb zornigen Minuten an Politik und Wirtschaft gewandt: „Wozu seid ihr gewählt, bezahlt, subventioniert, wenn am Ende immer ich, der Verbraucher, ich, das schlechte Glied in der Kette, alles regeln soll? Ihr stellt die Weichen, aber ich soll am Ende die Richtung ändern?“

https://www.youtube.com/watch?v=1BPGvb8GByE

Der Mythos von den „allmächtigen“ Verbraucher:innen führt dazu, dass sich Politik und Wirtschaft auf freiwillige Maßnahmen und ein paar Nachhaltigkeits-Siegel verlassen. Jochen Geilenkirchen von der Verbraucherzentrale Bundesverband hat mir geschrieben, dass diese Einstellung Verbraucher:innen eine Verantwortung auflade, die sie nicht tragen könnten. „Sie können nicht durch Kaufentscheidungen am Ende von Liefer- und Produktionsketten korrigieren, was am Beginn oder in der Mitte schief gelaufen ist.“ Nachhaltige Produkte sollten nicht nur die einfachere, sondern die einzige Wahl sein, findet er.

Davon sind wir momentan noch weit entfernt. Jeder Gang zum Supermarkt, jeder Klick im Onlineshop ist eine Entscheidung für oder gegen Ausbeutung, für oder gegen Umweltschutz. Die Sardine war wahrscheinlich die letzte ihrer Art in einem überfischten Meer, der Spargel wurde von osteuropäischen Arbeiter:innen geerntet und für das T-Shirt mussten Frauen in Bangladesch schuften. Sich in Siegel, Herkunftsländer und potenziell schädliche Zutaten einzuarbeiten, kostet Zeit, Geld und erfordert viel Wissen. Drei Dinge, die wir nicht bei allen voraussetzen können.

Wir wissen zu viel über problematische Herstellungsbedingungen und zu wenig über das konkrete Produkt

Selbst wer sich intensiv mit dem eigenen Konsum auseinandersetzt, kann nicht jeden Aspekt berücksichtigen. Ein Gutachten des Sachverständigenrates für Verbraucherfragen kommt zu dem Schluss, dass es eine Flut von Informationen gibt, die Verbraucher:innen wenig hilft. Mehr Kennzeichnung bedeute nicht automatisch Verständlichkeit.

Was wir wissen: Alles hat einen Haken. Selbst sieben Fairtrade- und Ökosiegel bedeuten nicht, dass ein Produkt nachhaltig und unter menschlichen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde. Das Verständnis für die unzähligen Probleme der Herstellungsbedingungen wächst also, gleichzeitig gibt es immer mehr Anbieter, die uns das eine, moralische Produkt versprechen. Dieser Kaffee wurde wirklich nicht von Kindern geerntet! Schau, unsere Schokolade hat nicht nur ein, sondern gleich drei Fairtrade-Siegel!

Das Ergebnis ist, dass wir am Ende überhaupt keine Entscheidung treffen: das „Auswahlparadoxon“. Es beschreibt das Phänomen, dass zu viele Möglichkeiten unsere Entscheidungsfähigkeit lähmen, uns sogar regelrecht unglücklich machen. Es geht zurück auf eine Studie aus dem Jahr 2000, in der Kund:innen an einem Probiertisch verschiedene Marmeladensorten probieren konnten. Je mehr Sorten zur Auswahl standen, desto weniger Kund:innen kauften am Ende ein Glas Marmelade.

Der Psychologe Barry Schwartz hat die Idee weiterentwickelt und in einem TED-Talk zusammengefasst. Das ist zwar schon mehr als 15 Jahre her, das Phänomen dürfte aber aktueller sein denn je, schließlich ist die Produktvielfalt heute noch größer.

Besonders putzig ist die Stelle, an der Schwartz scherzt, wie er sich das Handy der Zukunft vorstellt: Es kann nicht nur telefonieren, sondern auch Musik abspielen, Nasenhaare stutzen und Crème brulée herstellen. Ob er sich wohl hätte vorstellen können, was Handys heutzutage wirklich können?

Vor Kurzem hat der Bundestag das Lieferkettengesetz verabschiedet – entgegen den Protesten von Wirtschaftslobbyist:innen. Es verpflichtet Unternehmen, auf die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards in ihren Lieferketten zu achten. Es ist ein erster wichtiger Schritt, um die Verantwortung dorthin zu verlagern, wo sie hingehört: Weg von den Verbraucher:innen, hin zu den Unternehmen selbst.

Der Deutschlandfunk hat in einem Überblick zusammengefasst, was das Lieferkettengesetz für Sozial- und Umweltstandards und für die deutsche Wirtschaft bedeutet. Es soll 2023 in Kraft treten und betrifft zunächst Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten, ab 2024 Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten.

Die EU plant derweil ein deutlich strengeres Lieferkettengesetz. Es soll zum Beispiel auch für Unternehmen gelten, die ihren Sitz zwar nicht in der EU haben, aber im Binnenmarkt tätig sind. Außerdem sollen auch kleinere und mittlere Unternehmen in die Pflicht genommen werden und die Haftungsregeln sollen strenger werden. Bis die EU das Gesetz auf den Weg bringt, wird aber noch einige Zeit vergehen.

Die unsichtbaren Kosten von Umweltzerstörung und Klimaschädlichkeit

Doch selbst das beste Lieferkettengesetz berücksichtigt nicht die wahren Kosten von Produkten, die negative Auswirkungen auf Umwelt und Klima haben. Wenn ich zum Beispiel in den Urlaub fliege, erhöhe ich den Ausstoß von CO2. Das hat negative Folgen für das Klima, was wiederum Kosten verursacht. In der Volkswirtschaftslehre spricht man von „externen Effekten“, also negativen Auswirkungen auf unbeteiligte Dritte.

Wir konsumieren die ganze Zeit Produkte, die externe Auswirkungen auf die Umwelt oder das Klima haben. Jochen Geilenkirchen sagt: „Verbraucher:innen zahlen also auch ohne CO2-Kompensation indirekt für die Umweltauswirkungen vieler Produkte, die sie in keiner Weise beeinflussen können.“ Durch einen freiwilligen CO2-Ausgleich „verstecken“ Unternehmen sozusagen die Kosten, die wir ohnehin indirekt zahlen.

Es geht mir nicht darum, Ausreden zu finden, um ohne schlechtes Gewissen Schokolade für 39 Cent zu kaufen und zwei Mal pro Jahr nach Malle zu fliegen. Es geht um das Gefühl, überhaupt nichts mehr kaufen zu können, dieses Gefühl, das alle befällt, die sich mit ihrem eigenen Konsum befassen. Verbraucher:innen können Verantwortung übernehmen. Aber Unternehmen und Politiker:innen müssen das auch.


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Till Rimmele; Audioversion: Iris Hochberger

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